2026 erschien das Buch La Bella Vita (Das schöne Leben) PNR von Sibylle Berg. Darin beschreibt sie eine anarchistische Gesellschaftsordnung und ein Leben, wie es mir schon lange als Vision vorschwebt. Es geht mir hier weniger um eine Buchrezension, sondern vielmehr darum, vom großen Glück beim Lesen eines Buchs zu erzählen und darum, die Anarchie zu entmystifizieren. Es wäre einen Versuch wert!
So eine Art Einleitung
Wir leben schon in einer eigenartigen Epoche: Da sind viele Menschen die Demokratie leid, weil sie sich reglementiert und Verboten ausgesetzt fühlen, sowie den Eindruck haben, nicht mehr die Meinung sagen zu dürfen, und streben im Gegenzug mit Hilfe einer rechtspatriotischen AfD eine faschistische Staatsform an, die sich vor allem durch Reglementierung, Verbote und Unterdrückung der Meinungsfreiheit definiert. Verstehen muss man das nicht.
„Und als die Menschen merkten, dass ihr Glaube an eine prächtige Zukunft zu einer Realität geworden war, die sich gegen sie richtete, war es zu spät gewesen. (SIB)“
Es wird also höchste Zeit, sich der schönsten aller Gesellschaftsformen zuzuwenden: der Anarchie. Diesbezüglich hat die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Sibylle Berg mit ihrem Roman „La Bella Vita – PNR“ eine wunderbare Steilvorlage erster Güte geboten. Dazu später.
Um sich mit Anarchie auseinanderzusetzen, sind möglicherweise ein paar klärende Gedanken notwendig und in diesem Zusammenhang eine kleine Bestandsaufnahme. Meiner Meinung nach sind vier Ansätze zu unterscheiden, die für den Anfang helfen können.
Anarchie – als (Selbst-) Ironie

In meiner Jugend kursierte der als Provokation gedachte Spruch „Anarchie ist machbar, Herr Nachbar!“, der sich vermutlich von den 68ern in unsere Generation rüber gerettet hat. Auch der Satz „Wer in seiner Jugend kein Anarchist war, hatte keine Jugend“ wird gerne zitiert, um die eigene Wildheit zu unterstreichen. Mit Anarchie war somit eine temporäre Aufbruchstimmung gemeint, die sich dann mit dem Eintritt ins angepasste Erwachsenenleben erledigt hatte. Anarchie hat hier die Bedeutung von einem leidenschaftlichen Leben ohne Regeln und in einer gewissen Rotzigkeit, über das man sich später in Form von „wir waren halt jung“ lustig macht. Natürlich handelt es sich dabei nicht um Anarchie im eigentlichen Sinn, sondern um – ich nenne es mal – peinliche Selbstironie.
Anarchie – als Ausdruck für Chaos
Es ist immer wieder bitter zu erleben, wie selbst kritische und wissenschaftlich versierte Personen, die es besser wissen sollten, den Begriff Anarchie als eine Art reißerisches Schlagwort gebrauchen. Werden irgendwo Autos in Brand gesetzt oder liefern sich irgendwelche auf Krawall gebürstete Heißsporne Straßenschlachten, muss das A-Wort herhalten. Anschließend liest man die fett gedruckte Schlagzeile in irgendeiner Zeitung: „In Berlin herrschte Anarchie!“ Noch kürzlich fand ich folgenden News-Titel der Berliner Morgenpost im Netz: „Lebensgefährliche Elterntaxi-Anarchie vor Berliner Grundschule.“ Das kommt beim sensationslüsternen Leser prima an, schürt Angst und lässt sich gut einsetzen, um von der eigenen sinnentleerten und am Wähler vorbeigedachten Politik abzulenken. By the way: Autos in Brand stecken ist dumpfer Terror und Anarchie kann nicht herrschen, da damit Herrschaftsfreiheit gemeint ist. Auch wenn bis heute die Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion gerne als Anarchisten bezeichnet werden, so ist auch das absoluter Unfug: Die Mitglieder der RAF definierten sich selbst als kommunistisch und nicht als anarchistisch, was sich allein an ihrem straffen Hierarchiesystem ablesen lässt. Aber ich möchte wetten, dass diese Ansicht unkaputtbar ist. Vermutlich gibt es unzählige Menschen, die gerne Anarchie besudelt sehen wollen.

Anarchie wird also mit Unordnung, Chaos und Gewalt gleichgesetzt. Das dies durchaus eine Quelle hat, werde ich als nächstes darstellen, doch zur besseren Begriffsklärung, sei darauf hingewiesen, dass Anarchie von dem altgriechischen Wort ἀναρχία anarchía „Herrschaftslosigkeit“ stammt und zunächst nichts Anderes als Ordnung ohne Macht bedeutet.
Anarchie im geschichtlichen Kontext
Der durchaus negative Subtext der Anarchie hat geschichtliche Wurzeln und ist eng mit der spanischen Revolution von 1936 verbunden. So weist der Historiker Roderik Kedward darauf hin, dass Autoren, die sich mit den anarchistischen Ideen und Praktiken beschäftigen, gleichwohl daran erinnern sollten, „dass die Gewaltanwendung das Bild des Anarchismus in der öffentlichen Meinung bestimmt hat.“ (RKE) OK, habe ich hiermit getan! Die Situation war u.a. geprägt durch eine massive und brutale Unterdrückung der Arbeiterklasse durch feudale Strukturen, sowie durch einen erbarmungslosen Polizeiapparat.
„Die Grenze zwischen Kriminalität und Staatsgewalt löste sich auf. … Der permanente Krieg im Dickicht von Barcelona brachte mit Schießereien, Sabotageaktionen, Provokationen, mit Aussperrungen, Massenverhaftungen, mit der Blüte des Spitzelwesens, mit Mord, Folter und Erpressung die Stadt an den Rand des Chaos. (HME)“

Als Reaktion kam es zu Umwälzungen durch die anarchosyndikalistische Gewerkschaft CNT und die Marxistische Einheitspartei POUM. Positive Folgen waren u.a. ein Abbau der sozialen Ungerechtigkeiten, Enteignungen der Kirchen, Gleichberechtigung der Frauen und Kollektivierung (= Selbstverwaltung der Betriebe, Fabriken etc. durch die Arbeiter und Bauern). In dieser Zeit reagierten zahlreiche Anarchisten mit enormer Gewalt und Terror. Es war eine radikale Entladung aufgestauter Wut gegen die Repressionen durch Staat, Militär, Polizei, aber auch durch den machtgeilen Klerus.
„Das Verlangen nach Selbstverwaltung, der Hass auf die zentrale Staatsgewalt, das Bestehen auf der radikalen Dezentralisierung der Macht, das alles waren Motive, die sich im Anarchismus wiederfanden (HME).“
Interessant in diesem Zusammenhang, den ich hier im Detail nicht weiter ausführen möchte, ist die Tatsache, dass die Brutalität des Machtapparates eher unter den Tisch fällt, während die Gewalt der Anarchisten, die sicherlich nicht kleinzureden ist, bis heute in den Vordergrund gestellt wird. Wer sich mit dieser Seite des Anarchismus näher beschäftigten möchte, dem sei der Klassiker „Der kurze Sommer der Anarchie“ von Hans Magnus Enzensberger empfohlen. Hier werden die verschiedenen Seiten, aber auch Hintergründe der gewalttätigen Umtriebe sehr detailliert und nachvollziehbar beschrieben.
Der moderne Anarchismus (Neo-Anarchismus)
Um die Frage gleich zu Beginn zu beantworten: Der Anarchismus ist nicht tot, sondern lebt sowohl in aktiver, als auch passiver Form in vielen Menschen und Gruppierungen weiter. Richtig ist natürlich die Feststellung, dass es sich dabei nicht um eine Massenbewegung handelt, die sich wie z.B. bei einer Partei zahlenmäßig zum Ausdruck bringen lässt. Man kann eher sagen, dass sich die anarchistische Idee vor allem in kleineren Gruppen wiederfindet oder – wie in meinem Fall – prägenden Einfluss auf die ganz private Lebensweise hat. Dass ich mich selbst als libertär denkenden Menschen, also als Anarchist, bezeichne, basiert auf meiner intensiven Auseinandersetzung mit Herrschaftslosigkeit und meinem sehr ausgeprägten Bedürfnis nach Ununterworfenheit. Es ist aber auch die frustrierende Erkenntnis, dass die meisten Menschen, denen Macht zugesprochen wird oder die sich derer bedienen, nicht in der Lage sind, damit umzugehen. Die Inbesitznahme von Macht scheint bei vielen Personen zu psychopathologischen Auffälligkeiten zu führen.
Die Grundgedanken von Anarchie als politische Philosophie und soziale Bewegung sind die Abschaffung jeglicher Herrschaft und hierarchischer Strukturen, individuelle Freiheit, persönliche Autonomie, Solidarität und ein herrschaftsfreies Ordnungsprinzip. Sie ist zudem bestimmt durch einen Widerstand gegen „…die Kapitalisten, aus denen Oligarchen geworden …“(SIB) sind und die meinen, dass ihnen die Welt gehört. „Alles folgte der Logik der Verwüstung, des moralischen Desasters, der Verelendung, der Obszönität, der Gewalt, des Gestankes. (SIB)
Anarchie ist somit kein Teufelswerk, wie gerne dargestellt wird, sondern vielmehr meines Erachtens der beste und konsequenteste Weg für ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes und freiheitliches Miteinander. Während dieses Denken beispielsweise in der Klimabewegung oder in antifaschistischen (gewaltfreien) Gruppierungen kompromisslos ausgelebt wird, bedeutet für mich Anarchist-Sein vielmehr, wie ich u.a. meine ganz normale Alltagskommunikation gestalte und welchen Anspruch ich z.B. an staatliche Prozesse habe. Um dies mit einem Beispiel zu belegen, haben für mich staatliche Abläufe lediglich einen administrativen Charakter, ich lehne es aber strikt ab, regiert zu werden. „Kein Mensch hat das Recht, einen anderen zu regieren. (HME)“ Weil – um es mit einem Werbeslogan eines großen Elektronic-Shops auszudrücken: Ich bin ja nicht blöd. Soll heißen: Ich kann selbst Verantwortung übernehmen und erwarte dies von jedem erwachsenen Menschen. Dafür braucht man im Grunde keinen Staat. Meine Einstellung zur Gewalt- und Herrschaftsfreiheit ist aber nicht nur ein politischer Weg, sondern bezieht sich beispielsweise auch auf meinen Veganismus: Ich möchte nicht, dass Tieren bzw. der Natur Gewalt widerfährt. Ich habe auch kein Recht, Tiere zu quälen oder zu töten bzw. dies durch andere durchführen zu lassen.
Zeit für eine neue Gesellschaftsordnung
In einem Artikel über das Modell einer partizipativen Demokratie beginnt Manfred Norwat seine Darstellung mit einer sehr interessanten Einführung:
„Anarchie, na klar! Aber wie soll sie aussehen, diese goldene Zukunft? Wie organisieren wir uns, wenn wir nicht mehr eine Handvoll Kleingruppen, sondern eine Gesellschaft von 80 Millionen sind? In der Kritik sind wir groß, aber darüber, wie eine konkrete Alternative aussehen könnte, denken wir lieber nicht nach. (MNO)“
Doch, ich denke häufig darüber nach. Mir ist klar, dass Anarchie eine Utopie ist und vermutlich bleiben wird, aber ich frage mich oft, wie sich dieser Zukunftstraum realisieren lässt. Wobei mir durchaus bewusst ist, dass es Millionen geben wird, die Angst vor der damit verbundenen Freiheit haben werden. Heute stieß ich auf einen Eintrag in der Getränkekarte des Fehmarner Cafés „Liebevoll“:
„Die Welt wird immer unübersichtlicher! Vermeintliche Wahrheiten existieren nicht mehr. Vertrautes weicht Verunsicherung. Rückzug wird zur persönlichen Rettung. Wahrhafte Begegnungen meiden, digitale Begegnungen feiern…“
Sibylle Berg kommentiert dies in ihrem Roman noch drastischer:
„Verlustpanik war zu einer gesellschaftlichen Hysterie geworden – die Denkleistung der Mehrheit war flackernd wie eine kaputte Birne gewesen – zerfressen vom Dopamin, von zu viel Informationen, über zu viele Probleme, die sie nie lösen könnten, zerhackt vom Entertainment und Spielen, angefressen von latenter Depression. (SIB)“
In einer Kiste mit zum Teil zerfransten Büchern fand ich aktuell den Roman „Gespräch in Sizilien“ von Elio Vittorini (EVI). Gleich zu Beginn beschreibt der Autor eine „gestaltlose Wut“ über u.a. „brüllende Zeitungsschlagzeilen“. Eine Wut, die „der verlorenen Menschheit“ galt. Der Roman entstand übrigens 1941.

Da die Menschheit immer noch verloren und ein Ende nicht abzusehen ist, wird es höchste Zeit, der Bestie Kapitalismus mit seinen Oligarchen eine opulente Breitseite entgegenzusetzen. Wir befinden uns im Zeitalter des Arschlochozän, wie der Klimaaktivist Tadzio Müller diese Epoche mal recht passend bezeichnete. Also her mit dem Anarchismus, aber ist er wirklich machbar, Herr Nachbar? Sibylle Berg meint JA und widmet diesem Gedanken ein ganzes, wunderbares Buch. Vorab: Es zählt für mich zu meiner ganz persönlichen Best-of-Liste.
Die Autorin
Ich habe Glück im Unglück: Man findet nicht viel über Sibylle Bergs Leben, da sie wenig über sich preisgibt. Somit muss ich nicht lange recherchieren. Berg wurde1962 in Weimar geboren, ist von Beruf Publizistin, Kolumnistin und Schriftstellerin, hat die deutsche Staatsbürgerschaft und das Schweizer Bürgerrecht, lebt in Zürich, ist Mitglied der Partei „DIE PARTEI“ im Europäischen Parlament und hat Unmengen an Prosa, Dramen, Kolumnen und Bühnenwerke verfasst. Ihre Texte schreibt sie mit scharfer Zunge und legt ihre Finger in die klaffenden Wunden der Gesellschaft. Fertig! Doch was so lapidar klingt, setzt mich in schieres Erstaunen ob ihres literarischen und politischen Tatendrangs. Und man fragt sich oder besser: ich frage mich, wo sind all die anderen Intellektuellen mit ihren Lebensentwürfen, die uns aus der Misere helfen könnten, die von den Politikern nur verwaltet werden?
Der Inhalt
„Revolution machen kann (fast) jeder. Eine neue Gesellschaftsordnung aufbauen: Das schaffen nur ein paar Nerds. Und Sibylle Berg. Nach einer gelungenen Revolution, die das Finanz- und Gesellschaftssystem sanft beseitigt hat, wird sie endlich errichtet: die schöne neue Welt nach dem Kapitalismus.“
So der Eintrag auf dem Klappentext des haptisch schön gestalteten Buchs des Verlags Kiepenheuer & Witsch. La Bella Vita PNR ist das dritte Buch der Triologie von Berg. Ich glaube nicht, dass man die aufeinander aufbauenden Vorgänger zwingend gelesen haben muss, um den Roman zu verstehen. In meinem Fall gibt es eine große Neugierde, was es mit GMR.Brainfuck (2019) und Remote Code Execution (2022) auf sich hat, andererseits: Brauche ich tatsächlich eine Auffrischung, um an den kapitalistischen Dreck mit seinen unzähligen Tentakeln erinnert zu werden?

Erzählt wird die Geschichte von der in Rom lebenden Donatella, die einer der fünf Hackerinnen ist, die den Wechsel des Systems („Nullwort“!) durch eine ausgeklügelte digitale Revolution (ohne Tote!) umgesetzt hat. Sie reist durch Italien und zeichnet wie eine Archivarin das neue und andere Leben der Menschen, aber auch der anderen HackerInnen auf und gibt ihre Eindrücke und eigenen Gedanken zu Protokoll. Es sind nicht die Aufzeichnungen einer Heldin, die sich mit ihren Taten rühmt, sondern es werden auch die „menscheligen“ Seiten und damit auch Verletzlichkeiten der Personen deutlich. Anarchie heilt nicht automatisch alte Wunden und reißt viele Menschen aus ihrer völligen Unterworfenheit, aber auch Bequemlichkeit. Für mich bedeutet dieser Lagebericht, mitgenommen zu werden und diesen besonderen, da intensiven Spirit einer neuen Zeit zu spüren. Ich konnte eintauchen, miterleben und – vor allem – ich bekam endlich eine Antwort auf meine drängende Frage, die aber eher verdeckt ihr Eigenleben führt: Wie will ich eigentlich tatsächlich leben, könnte ich alle unsinnigen Bürden der alten Welt abwerfen?
„Früher war Bedürfnisbefriedigung Sache der Marktwirtschaft“, ist in dem Roman zu lesen. Nun sind die Menschen wieder selbst gefragt. Und auch davon ist die Rede, denn nicht jede Person ist in der Lage, sich aus den Angeboten an Lebenssurrogaten zu befreien. Wo sind sie plötzlich hin die Zeiten, in denen man non stop in sein Smartphone glotzte, sich die unzähligen Fernsehprogramme reinzog und dankbar fraß, was einem Amazon und Google servierten, um irgendwann in „innerer Verwahrlosung“ zu enden?
Reaktionen
Auch wenn es normalerweise nicht mein Art ist, Rezensionen zu Büchern zu lesen, schließlich handelt es sich beim Lesen eines Romans immer um ein sehr individuelles Erlebnis, habe ich dennoch mal gewildert. Neben vielen erstaunlich guten Rückmeldungen (erstaunlich deswegen, weil doch alle über Anarchie schimpfen), stößt man natürlich auch auf barsche Kritiken wie: kein richtiger Roman, abgehackt geschrieben, willkürliche Szenen und – offenbar ganz schlimm – keine Fortführung der beiden ersten Teile der Trilogie.
In einer Rezension des Schweizer Rundfunks schreibt Martin Müller:
„Nach einem einschneidenden Erlebnis denkt Bergs Protagonistin Donatella über Endlichkeit, Liebe und Gemeinschaft nach. Und die entscheidende Frage stellt sich beim Lesen: Was treibt uns an, wenn alles geregelt ist? Wenn es keine Konflikte, keine unterschiedlichen Meinungen mehr gibt? Was wäre dann der Sinn des Lebens? Hier tritt Bergs Utopie endlich aus der Theorie ins Leben. (SRF)“
93 Thesen
Dreh- und Angelpunkt des Romans sind (für mich) die 93 Thesen, die an eine Art „Manifest“ (SRF) erinnern, wobei die anarchistische Philosophie kein Manifest, sondern viel mehr eine Anleitung vorsehen würde. Diese Thesen sind gleichzeitig Kapitelüberschriften, auch wenn im Text auf den Inhalt eines Titels oft nur beiläufig eingegangen wird. Ein wenig juckt es in den Fingern, alle Punkte auf Flugblättern in die Postkästen bundesdeutscher Haushalte zu werfen. Es ist
„…die erste Bauanleitung eines Lebens ohne Klassen, Hierarchien, ohne Machtverhältnisse, Staatsgewalt, ohne Kriege, Politiker und Kapital. (SIB)“
Um nicht an irgendwelchen Urheberrechten zu kratzen, habe ich fünf Thesen als Beispiele ausgewählt, um sie hier vorzustellen. In gewisser Weise sind es Anleitungen, die mir besonders am Herzen liegen, wobei die Entscheidung nicht leichtfällt:
„8. Es findet keinerlei kognitive Manipulation der Menschen statt.“
„15. Keine Herrschaft, keine Eigentumstitel, nur geteilte Verantwortung.“
„18. Europa ist neutral. Wir belehren andere Länder nicht, mischen uns nicht in Konflikte ein, urteilen nicht.“
„37. Wir sind keine Wähler, Patienten, Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Steuerzahler. Wir sind weder Volk noch Bevölkerungen, wir sind Menschen.“
„62. Es gibt keine Policy, keinen Staat, keine Staatsgewalt, keine Politik, Parteien. Die Menschen leben ohne eine leitende Macht.“
Zum Mäulerzerreißen sollte es reichen. Übrigens ist natürlich die Abwesenheit von Krieg ein unbedingter Punkt, aber mir ist es fast schon peinlich, das erwähnen zu müssen. Menschen oder Völker, die Krieg führen, Kriegswaffen herstellen und dadurch Menschen töten und die Natur zerstören sind armselige Kreaturen. Ihnen sollte jegliche Anerkennung als Teil der Gesellschaft entzogen werden.
Und nun?
Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, legte ich das Buch zur Seite und empfand eine gewisse Traurigkeit. Lange hatte mich ein „Roman“, der eigentlich keiner ist, derart gefesselt. Zum einen, weil der Inhalt meinen Traum von einer herrschaftsfreien Welt erstmalig in Worte gefasst hat, zum anderen, weil mir klar ist, dass es bei einer Utopie bleiben wird.
Sehr amüsant und durchaus korrekt fand ich die im Roman auftauchenden Zweifel, ob das Modell La Bella Vita mit seinem Grundeinkommen, einer dreieinhalb-Tage-Woche, dem Wegfall jeglicher Hierarchie und Macht, sowie einer geteilten Verantwortung in allen Bereichen auch auf das deutsche Volk übertragbar ist. Berg formuliert das – wie ich finde – überaus passend:
„Die Deutschen leiden darunter, sich in ein Leben ohne Leitung einzufinden. Sie sind sehr an Anweisungen, Befehle und Gehorsam gewöhnt; das ersetzt ihnen die mühsame Sinnsuche. Seit zwei Jahren eiern sie ein wenig haltlos herum, und viele sehnen sich nach dem vertrauten, rauen Ton zurück, der ihnen geholfen hat, die Welt einzuteilen, wenig zu denken und in der dadurch gewonnenen Zeit kleine Panzer aus Streichhölzern in leere Kornflaschen zu applizieren. (SIB)“

Ab und zu kümmere ich mich um ein freies Bücherregal in meiner Nähe. Ich bin der Meinung, dass ein solch wunderbares Angebot von allen Menschen mitgetragen werden sollte. Ich spreche dabei von einem Aufwand von höchstens fünf Minuten. Doch schon eine Stunde später, nachdem ich die Bücher geordnet habe, sieht es in dem Regal aus, als wenn eine Horde Bücherhasser durch die Gegend gezogen ist. Why? Und oft gehe ich betrübt weiter und denke, solange selbst solche einfachen Dinge nicht in aller Verantwortung mitgetragen werden können, wie soll es dann im Großen funktionieren? Häufig entsteht bei mir das sehr gefährliche Gefühl, nicht mehr „im Einklang mit den Menschen zu stehen“ (EVI) Und dieses Gefühl teilen viele (die ich kenne) und diese Vielen, das ist der bleibende Trost, könnten sich zu Gruppen zusammenschließen und den Gedanken des verantwortungsvollen Miteinanders ohne Herrschaftsanspruch in kleinen Kollektiven im Sinne eines Konvivialismus umsetzen. Wie so etwas aussehen kann, zeigt sehr eindrucksvoll der Film „Projekt A – Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa“ von Marcel Seehuber und Moritz Springer. Der Zuschauer bekommt einen Einblick in die Welt der Anarchisten und ihrer Initiativen, um die Ideale einer herrschaftsfreien Gesellschaft zu realisieren. Der Film behandelt Themen wie Selbstorganisation, Gemeinschaft und die Suche nach Alternativen. (siehe: http://projektafilm.moritz-springer.de/de/)
Anarchismus, so mein Denken und meine Erfahrung, lässt sich auch in meinem Verhältnis zu mir selbst und meiner Gesellschaft verwirklichen. Es ist ein guter Anfang, darauf zu achten, sich selbst keine Gewalt anzutun, auf seine Gesundheit zu achten, sich nicht durch eine Lohnarbeit ruinieren zu lassen und auf einen Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit zu achten: beides ist mindestens gleichberechtigt. Innerer Anarchismus bedeutet aber auch Zivilcourage/zivilen Ungehorsam zu zeigen, Verantwortung für andere zu übernehmen, die Umwelt zu achten oder – wie bereits oben erwähnt – keine Macht über Tiere (=Veganismus) auszuüben. Vor allem halte ich es für wichtig, den anarchistischen Gedanken nicht allein über „künstliche Ausnahmesituationen“ (p.m) wie Demos, Blockaden oder Versammlungen auszuleben, sondern vielmehr durch „praktische Keimformen von Schattenwirklichkeiten. … Vielleicht sind Quartierzentren, Tauschmärkte, Clubs, Treffpunkte, Salons, Gemeinschaftsläden usw. (p.m.) praktische Ansätze. In dem Umfeld, in dem ich mich bevorzugt aufhalte, weht bereits ein frisches anarchistisches Lüftchen.
In meiner arbeitsaktiven Zeit als Klinikpsychologe wurde ich einmal von einer jugendlichen Patientin, die ich gut kannte und als sehr intelligent, sowie sozial engagiert wahrgenommen habe, gefragt, wie meine politische Einstellung sei. Ich erzählte ihr offen, mich als Anarchist zu sehen. Sie war nicht überrascht, sondern antwortete, dass sie sich das gedacht habe. „Du bist einer der wenigen Erwachsenen, die nicht ihre Autorität ausspielen, sondern du wirkst durch deine ruhige Art und indem du eher so eine Art Wegbegleiter bist. Man hört gerne auf das, was du sagst.“ Ich habe nie ein schöneres Lob gehört. Aber es zeigt auch: Anarchie ist mehr als eine Philosophie; es ist eine Lebenseinstellung. Und obendrein eine, die Spaß macht. La Bella Vita eben.
Quellen
ANA: https://anarchismus.at/texte-anarchosyndikalismus
EVI: Elio Vittorini: Gespräch in Sizilien. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 99/07
HME: Hans Magnus Enzensberger: Der kurze Sommer der Anarchie. Suhrkam0 Verlag Frankfurt am Main, 1972
MNO: Manfred Norwatt: Modell einer partizipativen Demokratie. In: Graswurzelrevolution Sommer 2021/460
p.m.: bolo´bolo. Verlag paranoia city, Zürich. 1986
RKE: Roderick Kedward: Die Anarchisten. Utopie und Wirklichkeit. Macdonald Unit 75 London, 1970
SIB: Sibylle Berg: La Bella Vita PNR. Kiepenheuer & Witsch. 2026
SRF: https://www.srf.ch/kultur/literatur/pnr-la-bella-vita-was-treibt-uns-an-wenn-alles-geregelt-ist