Alltag und Tanz
Warum tanzt man eigentlich?

Der Tanz ist so alt wie die Menschheit. Wir denken etwa an Bilder aus der Steinzeit oder an eine der Hochkulturen wie Ägypten. Sogar in der Bibel, etwa in den Psalmen, wird über das Tanzen geschrieben. Soweit einige Beispiele und blenden wir Tanzen als Kunstform aus. Konzentrieren wir uns auf die Frage, warum Tanzen im Alltag so wichtig ist.

Natürlich gibt es alltägliche Tanzformen in Asien, Afrika und Australien, die ich nicht erfasst habe. Sie sind 1. vielfältig, 2. verschieden nach Regionen und 3. oft gebunden an Religion und Kultur. Ich habe sie niemals live erfahren. Mitgetanzt habe ich nur beim Square Dance, als ich in Amerika ¾ Jahr studiert habe. 8 Tänzer*innen werden im Quadrat aufgestellt und ein Caller (Rufer) gibt an, welche Figuren man tanzen soll. Die sind sehr einfach, sogar ich habe das geschafft.

Und jetzt mein Thema

Vor Jahren las ich den Roman des amerikanischen Schriftstellers Phil Roth „Der menschliche Makel“. Ein Professor einer Uni (lange vor Trump, der ihn sicher mit ICE ausgerottet hätte) wurde wegen verschiedener Fehler, Macken und Schandflecken von vielen inner- und außerhalb seiner Uni gebrandmarkt: er musste die Uni verlassen, die Ehe zerbrach, seine Kinder ignorierten ihn usw. Sein Nachbar, Schriftsteller von Beruf, sollte ihn mit einem Buch verteidigen. Gespräche folgten, und die beiden älteren Männer tanzten. Auf den ersten Blick kam mir das kitschig vor. Aber auf den zweiten Blick sah ich das anders, es geht um die Gestaltung von Beziehung, auch wenn – oder gerade dann –  alles daneben geht. Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann sah darin ein kulturelles Gedächtnis, eine Art der Erinnerungskultur. Solch ein Begriff lässt, wie sie schrieb, an Formen der „genetischen Erbschaften“ denken.

  1. Eine kurze Geschichte

Im westlichen Abendland tanzten Adel, Klerus, Bürger und Nicht-Bürger. Der Klerus tanzte selten, die Adeligen hatten aber sehr viele Formen des Tanzens wie etwa Menuett, Gigue usw. Denken wir aber an die sozial wichtigen Menschen in der Stadt. Bürger sind Menschen im Schutz der Stadtmauer und die Nicht-Bürger, Tagelöhner, Knechte, Landarbeiter etc. leben außerhalb der Stadtmauer, das sind die später so genannten Proletarier, also die eher Rechtlosen. Die mussten oft auf Tanzen verzichten, weil sie die Tanzformen des Adels nicht nachmachen konnten, keine entsprechenden Musikgruppen und wenig Zeit hatten.

1518 gab es in Straßburg ein großes Problem des Stadtmagistrats. Bei einer Gruppe von Nichtbürgern begann die sogenannte Tanzwut mit verrückten Bewegungen, die mehrere Tage andauerte. Heute würde man diese Form des Tanzens als „Abzappeln“ bezeichnen. Der Magistrat leitete die Tanzwütigen nach Saverne in eine Kapelle des hl. Veit um (daher der Name Veitstanz, später Chorea Huntington (griech.: choreia = Tanzen, Reigen. Huntington = George Huntington, New Yorker Arzt).

Aufruf zum Tanzen (Foto Pixabay, Bild aus Straßburg)
Aufruf zum Tanzen (Foto Pixabay, Bild aus Straßburg)

Die Straßburger Historikerin Prof. Élisabeth Clémentz beschrieb das Ereignis der Tanzmanie (Veitstanz). Sie unternahm eine wichtige Umdeutung: Tanzen war nicht eine Krankheit, sondern war Gesellschaftskritik. Man denkt kaum daran. Es gab zwar Hochzeitstänze, Tanz auf Dorffesten, Kirchfesten usw., aber der Adelstanz wurde gewissermaßen zur Norm. Die Nichtbürger, Tagelöhner, Landarbeiter usw. lehnten sich dagegen auf. Jedweder Ritus darf keine Art Gefängnis werden. Wenn die Umdeutung stimmt, kommt wieder die Frage auf, warum tanzen wir.

Großartig ist die Cajun-Musik. Cajun[keidschen]-Musik war die Musik der dort im Schiffsverkehr am Mississippi arbeitenden Männer, oft spöttisch als „Sumpf-Rock“ bezeichnet. Es waren französische Flüchtlinge aus Kanada, vertrieben im 19. Jahrhundert wegen Protestantismus. An Sonntagen trafen sich die Musiker mit ihren Instrumenten (meist Schifferklavier, Gitarre/Banjo, Fiddel/Geige, Schlagzeug/Waschbrett (ein Muss) und was die Leute sonst so hatten). Das halbe Dorf tanzte.

In der aktuellen Geschichte des Tanzens spielt das Diskofieber etwa der Bee Gees eine große Rolle. Wichtig wurde die Bewegung des Einzelnen als Ausdruck des Gefühls, des Feelings. Gefühl umfasst Stimmung, Gespür oder Atmosphäre. Gefühl ist mehr eine nach Innen gerichtete Grundform des Tanzens. Populäre Musik ohne Diskofieber gab es selten.

Rock ’n’ Roll (rock[ing] [a]n[d] roll[ing]) war zunächst nur ein Synonym für Rhythm and Blues, wurde aber schnell zu einem eigenständigen Gattungsbegriff und bezeichnete jene neue Musik, in der die damals übliche strikte Trennung zwischen Schwarz und Weiß aufgehoben war. Elvis Presly und auch die Beatles (zumindest in Hamburg) machten Karriere mit dem Rock ’n Roll. Tanzen mit Ohnmachtsanfällen gehörte dazu. Daraus entwickelte sich der Heavy Metal und das Tanzen als Gemeinschaftserleben ohne bestimmte Schrittfolge – Musik und Tanzen  sind ein gemeinsames Erleben. Pop-Musik (Pop = das engl. popular) ist die Verbindung von Jazz und den anderen hier genannten Musikrichtungen. Auch dabei ist Tanzen wichtig.

  1. Warum also tanzen wir?

Dazu einige Punkte, die in den einzelnen Epochen unserer kurzen Tanzgeschichte herausholen.

  • Tanz als Gesellschaftskritik
Bilder vom Baseler Totentanz.(Eigenes Foto für einen Vortrag in Medizingeschichte)
Bilder vom Baseler Totentanz.(Eigenes Foto für einen Vortrag in Medizingeschichte)

Ist Tanzen eine Form der Gesellschaftskritik? Mit dieser Frage rechnet man nicht, aber sie ist es. Denken wir an den mittelalterlichen Totentanz. Können Tote tanzen? Vielleicht den Lebenden auf dem Kopf herumtanzen? (Sogar Mozart im Don Giovanni soll seinen Vater nach seinem Tod gefürchtet haben.) Der entstand Ende des 14. bis Anfang des 15. Jahrhunderts in Paris, der Baseler Totentanz wurde vermutlich 1440 von eine Baseler Malerschule auf die Mauer des Dominikanerklosters gemalt, in dem ein Konzil stattfand. Spätere Renovierungen (festgehalten in Merians Sammelbild, siehe rechts) veränderten das Ursprüngliche. In Lebensgröße wurde ein Gerippe mit einem Menschen vom Kaiser – und an 2. Stelle dem Papst – bis zum Bettelmann gemalt und um 1800 als „Leuteschreck“ abgerissen. Sterben macht alle gleich, natürlich. Es drückt aber auch die Kritik an einer ungleichen Gesellschaft aus, die von der Kirche getragen und geregelt wurde. Tanzen als Kritik? Warum nicht? Kann nicht auch der Papst kritisiert werden? Damals ziemlich mutig.

Gibt es das auch heute noch? Tanzen wird mehr und mehr sozial integriert bzw. – um es schärfer zu sagen – vereinnahmt. Gelegentlich wird es doch noch als „Leuteschreck“ (wie einst beim Baseler Totentanz) verstanden. Wenn Tanzen als eine Art Diskofieber den Biedermännern Stadtteile demoliert (sog. Bermuda-Dreieck in Freiburg).

Bald beginnt die närrische Zeit des Karnevals (ursprünglich das lateinische „carro navalis“ [deutsch: Schiffskarre] oder Carne Vale [Fleisch, gemeint das Weltliche des Menschen, lebe wohl. In Mainz, Köln und anderswo kritisierte man das, was uns so umtrieb, und dann kamen die Funkemariechen und das Geschunkele. Und im Fernsehen kamen der Karneval in Rio und die Tänzer*innen vor und hinter den Wagen.

  • Verlorene Harmonie
und bearbeitet von Chat-GPT
und bearbeitet von Chat-GPT

Tanzschulen erleben zurzeit ein massives gesellschaftliches Wachstum. Es geht nicht mehr nur um Tanzformen und gute Manieren wie: Wer darf „führen“, die richtige Tanzart bestimmen, den Partner in der richtigen Nähe halten, nicht auf die Füße treten usw. Bedeutender sind heute vor allem nach der Beziehungskrise der Pandemie Fragen wie: Was will ich, was will der/die Andere, was ändert sich in uns, was sind weibliche und männliche Perspektiven der Harmonie, was macht man bei einer Krise der Harmonie usw.?

Oder denken wir an medizinische Programme des Tanzens, wenn Gleichklang der Bewegungen verloren gegangen ist bzw. verloren zu gehen droht. Etwa Parkinson-Kranke finden beim Tanzen ihre Harmonie und Selbstkontrolle durch seine/ihre Bewegungen und vor allem durch die/den Anderen wieder. Auch dementiell Erkrankte lässt Patienten – freilich nicht im Endstadium – ihr Bewusstsein durch Tanzen für einen Moment zurückkehren. Schließlich ist das ICH des Erkrankten nicht nur ein Problem des Großhirns, sondern auch der Beziehung.

Aktuell scheint Paartanzen seltener zu werden. Menschen bewegen sich, lassen sich vom Rhythmus bestimmen, drücken ihre innere Welt aus und werden von der Musik aufgebaut. Man tanzt nicht in Paaren, jedoch fühlt man sich wohl in der Gruppe. Bemerkenswert: Ein Jazztrio von Lörscher (Piano, Bas, Schlagzeug) wurde von einem Freiburger  Bachchor begleitet, und die erste Reihe vom Chor (die anderen Reihen konnte ich nicht sehen) bewegte ihre Beine bzw. Füße im Rhythmus des Jazztrios. Der Bachchor hätte anscheinend am liebsten getanzt.

  • Eingeschränkter Zugang zur eigenen Gefühlswelt

Was ist ein Gefühl? Um es nicht zu theoretisch zu machen, unterscheiden wir am besten die vergleichbaren (synonymen laut KI)  Begriffe wie Emotion, Empfindung, Gespür oder Regung. Bis ins 18. Jahrhundert, so O. Höffe, gab es nur das Verbum „fühlen“ und nicht das Substantiv „Ge-fühl“. Mit diesem neuen Begriff wurden seelische Empfindungen und moralische Gemütsbewegungen eingefügt. Gefühle sind noch keine wissenschaftlich begründeten Theorien, eher erste Regungen, die Anlass für eine Diskussion sein können.  Gefühle sind erste Wahrnehmungen der Gemeinschaft, des Raumes und der Musik. Was hat das mit Tanzen zu tun?

In Argentinien z.B. hat Tango mit Beziehung zu tun. Augen zu und fühlen (Foto Pixabay)
In Argentinien z.B. hat Tango mit Beziehung zu tun. Augen zu und fühlen (Foto Pixabay)

Ganz einfach: Tanzen ist eine Bewegung, die auf Gefühlen beruht und Gefühle ausdrückt. Bei unserem Tanzkurs hatten wir als Ersatz für eine Stunde einen Tanzlehrer, der aus der Bundeswehr kam. Und der wollte oder sollte uns den Tango beibringen. Ich mochte ihn, weil er mir klare Schrittfolgen (8-Schritt-Grundmuster) beibrachte. Aber dann …, als die Besonderheiten des Tangos kamen, wäre ich bei der Bundeswehr besser aufgehoben gewesen als auf dem Tanzboden. Warum? Weil meine Gefühle nicht mitmachten. War ich das alte ICH, mit wem wollte ich agieren, wie sah ich die anderen und sahen die anderen mich, durfte ich das, waren das „meine“ oder fremde Bewegungen, wozu sollte ich die Tanzschritte anwenden usw. Tanzen und Grundschritte zählen passten nicht zusammen.

Nicht jeder muss tanzen, aber jeder darf seine Gefühle äußern. Dazu fällt mir die Themenzentrierte Interaktion ein, die sog. TZI (gruppendynamisches Konzept von Ruth C. Cohn, 1918-2010). Zwei Prinzipien, die nicht nur für Gruppenarbeit, sondern für das ganze Leben gelten, faszinierten mich: 1) „Störungen haben Vorrang“, z.B. mein Kummer ist wichtiger als Tanzschritte lernen, und 2) „Ich bin mein eigener Präsident“, was ich will, gilt. Das gehört auch zum Tanzen – gerade dann. Übrigens, bei meinem ersten (aber auch letzten) TZI-Kurs gehörte auch Tanzen – ohne Beleuchtung. Das war zuviel für mich, aber die Prinzipien finde ich gut. Um was ging es da?

  • Tanzen: Ja zum Leben

Ich muss zugeben: Tanzen ist nicht mein Ding. Auch nicht mein Ja zum Leben? Aber dann kam ich ins Grübeln, ob Tanzen wichtiger ist als ich dachte. Da fiel mir der berühmte Satz von Friederich Nietzsche (aus „Also sprach Zarathustra“) ein:

„Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.“

In diesem fast kryptischen Satz bedeutet: Dem Tanzen bei Nietzsche geht es nicht um Atheismus versus Bibel, sondern um folgendes:

1) Leichtigkeit statt Schwere: Ein „tanzender Gott“ wäre kein Gott des Verbots, der Schuld und der Selbstverleugnung.

2) Bejahung des Lebens: Tanzen ist Vermeiden von Widersprüchen, Leiden und Zufällen.

3) Akzeptanz der Freude beinhaltet Freiheit und Selbstüberwindung: Der Tanzende ist nicht starr an Regeln gebunden, sondern bewegt sich schöpferisch und selbstbestimmt.

Das Seltsame an Nietzsche ist, dass er einen Gott jenseits des Himmels leugnet, aber an einen Gott im Menschen glaubt. Mit anderen Worten, der tanzende Mensch – ist er nicht der tanzende Gott? – ist eigentlich der, dem wir vertrauen. Insofern ist er der „Philosoph mit dem Hammer“ oder hier: der tanzende Philosoph.