Am Puls der Klangzeit
Interview mit dem Klangkünstler Marcus Beuter

Sarajevo (Foto Marcus Beuter)

Sarajevo (Foto Marcus Beuter)

AI: Im Zusammenhang mit Klangkunst werden immer wieder die beiden Komponenten Klang und Raum angeführt. Wie wichtig ist der Raum für den Klang? In welcher Verbindung stehen sie? Und umgekehrt gefragt: Kann auch der Klang Auswirkungen auf den Raum haben?

MB: Der Raum ist maßgeblich für den Klang. Dies ist auch generell bekannt, wenngleich es oft als gegeben hingenommen wird. Wenn ein Musiker in einen Raum kommt, an dem er ein Konzert spielen soll, wird er als erstes die Akustik prüfen. Dies ist der offensichtlichste Anteil des Einflusses. Der Nachhall in einer Kathedrale beeinflusst natürlich die Spieltechnik und wird zu einem anderen Verhalten führen als in einem trockenen Seminarraum.

Aber auch die Optik ist wichtig. Und die Assoziationen, die wir mit einem Raum haben. Es ist immer noch ein Aufsehen erregendes Ereignis, wenn ernste Musik in einer Disco gespielt wird oder eine Punkband in einem Dom spielt.

Aber auch in der direkten Verbindung ist die Beziehung Klang – Raum wichtig. Bei meiner Arbeit erklingen oft Klänge in einem Raum, die dort natürlicherweise nicht auftauchen. Auch werden Innenräume mit einer anderen Akustik in den Ausstellungsraum projiziert, was zu Irritationen führen kann. Diese Irritationen helfen uns aber wahrzunehmen, was wir im Alltag oft ausblenden: wie selbstverständlich wir uns in der Akustik jedes Raumes bewegen.

 

Paul Horn (Quelle diariosdeldescubrimiento.blogspot.com]

Paul Horn (Quelle diariosdeldescubrimiento.blogspot.com]

AI: Es gibt mystische Räume, in denen Musik oder Geräusche zu einem besonderen Klangerlebnis werden. Ein Beispiel ist die Cheops-Pyramide, in der z.B. Paul Horn das monumentale Werk für Querflöte und Gesang „Inside The Great Pyramid” aufnahm. Was ist oder wäre für dich ein solcher besonderer Raum? Oder hattest du ein ganz besonderes Raum-Klang-Erlebnis?

MB: Ein besonderes Raum-Klang-Erlebnis ist immer, wenn ich plötzlich die Eigenresonanz eines Raums treffe. Zum Beispiel setzte ich während einer Performance den Motor einer Fähre als Bass ein. Und ab einer gewissen Lautstärke bildete sich eine Schwingung, die die Wände resonieren ließ. Der Klang kam nicht mehr von meinen Lautsprechern, sondern schien aus den vier Wänden zu kommen. Dies ist auch für das Publikum immer ein besonderer Moment.

Es gibt viele mystische Räume. In einem Wald zu stehen und die weite Akustik entfernter Schallereignisse wahrzunehmen kann einen solchen Raum kreieren. Genauso kann es auf einem belebten Markt sein, der von der Verkaufszeit in den Abbau wechselt und die gesamte Akustik sich wandelt. Ich denke, die Mystik liegt mehr in der Offenheit ihr gegenüber, als dass sie an einen bestimmten Ort gebunden ist.

 

AI: Eine Ausstellung der bereits erwähnten Künstlerin Christina Kubisch trug den Namen „Im Auge des Klanges“ (2007). Ein nettes Wortspiel, ist der erste Gedanke. Doch welche Bedeutung haben unsere anderen Sinne tatsächlich, wenn das Hörbare im Fokus steht? Hört das Auge mit?

MB: Das Auge „hört“ sicherlich mit. Deshalb gibt es auch immer wieder Versuche Konzerte im Dunkeln zu veranstalten, damit die Konzentration auf das reine Hören möglich wird. Klang ist Bewegung, also versucht das Auge die Ursache der Bewegung wahrzunehmen. Abgesehen davon rezipieren wir natürlich immer mit allen Sinnen. Die Qualität der Luft, die Temperatur, entscheiden ebenso, ob ich ein Konzert oder eine Ausstellung genießen kann, wie die Qualität des Kunstwerks selbst.

 

HANSEartWORKS Künslter Viljandi. (Foto von Leinwand M. Illhardt)

HANSEartWORKS Künslter Viljandi. (Foto von Leinwand M. Illhardt)

AI: Bei der eingangs erwähnten Veranstaltung in Telgte wurde ich selbst Ohrenzeuge, wie du mit Klängen, Soundschnipseln oder Geräuschen, aber auch Stimmen und Musik experimentierst. Was entscheidet darüber, welche Töne, Klänge oder anderen Laute du archivierst, falls dieser Ausdruck passt.

MB: Sicherlich, archivieren ist der treffende Ausdruck. Die Antwort ist einfach: Ich archiviere alles, was ich aufnehme. Da ich nicht vorhersehen kann, welche Projekte ich in der Zukunft realisieren möchte, lösche ich keine Aufnahmen. Was ja auch bei den heutigen Speichermöglichkeiten kein Problem mehr darstellt. Eine andere Diskussion wäre, wie wir langfristig solche Archive erhalten wollen.

Ich habe in 2014 ein Stück zu dem Thema „Seltene Erden“ realisiert, bei dem ich nur auf defekte Aufnahmen zurückgegriffen habe. Mikrofone, die nicht richtig funktionierten, elektromagnetische Störungen, fehlerhafte Aussteuerungen bei der Aufnahme, elektroakustische Feedbacks. Ein gutes Beispiel dafür, dass es keine „wertvollen“ und „wertlosen“ Klänge gibt.

 

AI: Du bist sehr viel gereist, zum Teil an sehr ungewöhnliche Orte: Iran, Pakistan, Laos, Vietnam, Indien, Indonesien, Gambia, Sengal, USA, Georgien oder Armenien. Keine typischen Urlaubsorte! Steigt man aus dem Flugzeug, so hat ein Land oft einen ganz gestimmten Geruch oder Duft. Gibt es landestypische Geräusche?

MB: Ja und nein. Am auffälligsten ist sicherlich der Klang der Sprache. Andererseits lässt sich sicherlich in jeder Metropole heutzutage eine Straße finden, die oberflächlich betrachtet gleich klingt: nach sehr viel Autoverkehr. Für mich sind es eher die einzelnen Orte, die in einem Land sehr unterschiedlich sein können. Es ist oft eine Frage des urbanen oder ländlichen Raums, die einander ähnlicher sein können als alle Klänge innerhalb eines Landes. Und trotzdem gibt es natürlich in jedem Land Unterschiede. Ich finde es eben so schwierig zu sagen, wie ein Land klingt, wie die Aussage, wie die Mentalität einer Kultur sei. Wie klingt Deutschland?

 

AI: Könnte man dich als eine Art Fotograf der Klänge bezeichnen? Hältst du diese akustischen Eindrücke fest wie andere Menschen Urlaubsfotos?

MB: So zumindest hat es mal begonnen. Ich wollte zu den Urlaubsfotografien eine Erweiterung haben. Aber ich würde mich nicht als Fotograf der Klänge bezeichnen. Die Unterschiede sind zu groß. Zudem eine Fotografie immer ein Sekundenereignis ist, meine Klangaufnahmen sind im Gegensatz dazu kurz, wenn sie 5 Minuten dauern. Es ließen sich vielleicht eher Vergleiche zum Film finden, aber letztendlich hinken alle Vergleiche. Ich bin ein akustisch orientierter und geschulter Mensch, der daher die akustischen Ereignisse eines Ortes aufnimmt.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt