Eine Begegnung mit der Ems
... und warum Flüsse Lebewesen sind

Marion & Arnold Illhardt

„Auf dem Wasser fließt die Zeit anders“ – Agnieszka Brzeżańska in einem Interview von Karol Radziszewski

(Marion) Mein Name ist Amisia, was „dunkler Fluss“ bedeutet. Heute nennt man mich Ems. Das erste Mal wurde ich im 1. Jahrhundert nach Christus erwähnt, als die Römer noch in unserem Land waren. Ich bin der zweitlängste Fluss in Deutschland und eigentlich sagt man, dass ich ein Strom wäre, aber dafür fehlen mir 129 km.

Ems im Nebel (Foto Arnold Illhardt)
Ems im Nebel (Foto Arnold Illhardt)

(Arnold) Es ist Mitternacht, kurz vor dem 1. Mai, und ich stehe auf der Emsbrücke, auf der ich oft stehe und innehalte, um auf den Fluss unter mir zu schauen. Hier ist die breiteste Stelle des Flusses, die wie ein kleiner See aussieht. Wir sprechen auch manchmal vom kleinen „Emssee“. In der Nacht erinnert die Ems an einen schwarzen Spiegel, in dem die Sterne schimmern. Nachts am Fluss herrscht immer eine ganz besondere Stimmung. Ich genieße es dann, mit „meiner“ Ems allein zu sein. Wobei mir natürlich klar ist, dass sie nicht nur mir gehört. Sie gehört Niemanden. Sie ist autark und braucht auch Niemanden.

Heute war ein besonderes Fest und in der Ferne hört man noch die Musik und das Stimmengewirr vom Bierstand. Das Fest nennt sich Anpaddeln, wobei illuminierte und geschmückte Boote bei Einbruch der Dunkelheit Richtung Telgte gelenkt werden. Auf diese Weise will man den Mai begrüßen. Die halbe Stadt ist auf den Beinen, um diesem Spektakel beizuwohnen. Um den Fluss geht es dabei weniger, er dient nur als Trägersubstanz für die Boote. Ich kann nicht abschätzen, welche Bedeutung die Ems für die Menschen in der Stadt hat. Vielleicht müsste ich sie mal fragen. Man sieht oft Paddelboote auf der Ems, auch solche, die von weit herkommen; jedes Wochenende, selbst im Winter treffen sich ein paar Frauen, um darin zu schwimmen; Radler folgen dem sogenannten Emsradweg, andere gehen dort spazieren. Mit und ohne Hunde.

Ems am Morgen (Foto Marion Illhardt)
Ems am Morgen (Foto Marion Illhardt)

„Ich habe keine Ahnung“, spreche ich die Ems an, „welche Bedeutung du für die Menschen dieser Stadt oder anderer Städte, an denen du vorbeifließt, hast. Ich weiß nur, dass du für mich, für uns sehr wichtig bist. Manchmal denke ich, du fließt durch das Leben all der Menschen hier hindurch, ohne wirklich wahrgenommen zu werden. Oft habe ich sogar das Gefühl, dass du deine Bedeutung für die Menschen verloren hast. So wie Vieles, dass uns aus dem Blick geraten ist. Es ist schade, aber offenbar der Lauf der Dinge. Ich glaube, du bist froh, dass der Rummel vorbei ist und wieder Ruhe einkehrt. Kann ein Fluss froh sein? Weißt Du, als wir unseren Hund bekamen, hieß es, dass man die Tiere „lesen“ lernen muss. Vielleicht ist das eine richtige Umschreibung: Dich lesen lernen – als Fluss und als Lebewesen!“

Es ist der 1. Mai. Bei meinem Spaziergang mit dem Hund an der Ems kommen mir viele Menschen auf Fahrrädern oder zu Fuß mit Bollerwagen entgegen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und der Fluss, der neben mir in seiner gewohnten Gemütlichkeit her fließt, wirkt geradezu heiter. Die Oberfläche ist leicht gekräuselt, obschon kaum Wind zu spüren ist. Statt Booten sind jetzt wieder die Enten und Gänse unterwegs.

„Schön siehst du aus! Ich liebe diese leuchtenden Grüntöne, die auf deiner Oberfläche zu sehen sind, je nachdem wie die Sonne durch das Geäst der Bäume scheint. Manche erinnern mich an das edle Grün und Blau von Pfauenfedern. Ist das dein Festtagskleid? Es steht dir gut!

Ems bei Telgte (Foto Marion Illhardt)
Ems bei Telgte (Foto Marion Illhardt)

Weißt du, wir waren mal vor vielen Jahren auf einer Kunstausstellung. KünstlerInnen hatten auf einem Boot ihr Atelier eingerichtet und ließen sich von der Weichsel, einer polnischen Kollegin von dir, inspirieren. Eine schöne Idee, wie wir fanden. Denn hier machten wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit einem für uns zunächst eigenartigen Gedanken: Ist ein Fluss ein Lebewesen und damit ein eigenständiges Geschöpf? So wie Tiere, Pflanzen und Bäume Geschöpfe sind? Die Frage erscheint wunderlich, vielleicht aber auch deswegen, weil ich sie mir nie gestellt habe, aber irgendwie bin ich stets davon ausgegangen, dass es selbstverständlich ist. Was soll ein Fluss wie du sonst sein? Ein Gegenstand? Eine Sache? Nein, du bist doch lebendig – durch und durch. Und dann gehen meine Gedanken weiter: Hat so ein Fluss Gefühle? Kannst du Schmerz und Freude fühlen? Und weißt du, was ich mich zudem frage: Hast du ein Gedächtnis für das, was dir widerfährt? Irgendwie glaube ich das!“

(M) Ich werde unterhalb des Teutoburger Waldes, in der Senne (in der Nähe von Schloss Holte-Stukenbrock), geboren. Hier hat mir Mutter Erde das Leben geschenkt, die als lebendiges Wesen in früheren Kulturen verehrt wurde und ich spüre ihr Leben in mir. Ich existiere 371 km lang. Bis Dörpen darf ich ein wundervolles Leben führen und bei der Stadt Papenburg beginne ich zu sterben. Hier hat der Mensch aus egoistischen Gründen mein Leben und das meiner Schutzbefohlenen zerstört. Nordwestlich von Emden fließen meine sterblichen Überreste in das Meer.

Ich werde geboren und sterbe gleichzeitig.

(A) Ich sitze an einer Stelle im Gras an der Ems, an der ich schon vor über 50 Jahren gesessen habe.

Ems hinter unserem Haus (Foto Marion Illhardt)
Ems hinter unserem Haus (Foto Marion Illhardt)

„Ich möchte dir gerne ein Lob aussprechen: Man ist ein glücklicher Mensch, wenn man – wie ich – an und mit einem Fluss großgeworden ist. Ich bin früher in dir geschwommen, in deine dunklen Tiefen getaucht und auf dir gepaddelt. Weißt du noch, wie du früher in einem besonders kalten Winter zugefroren bist und ich als Kind sogar auf dir Schlittschuh gelaufen bin? Als Jugendlicher habe ich an deinem Ufer Wein getrunken, manchmal auch etwas viel, habe dort geknutscht und später mich an deinen Gestaden geliebt. Es war großartig und ich denke, dass du der Liebe augenzwinkernd beigewohnt hast. Später, als junger Mann, ich wohnte längst nicht mehr in deiner Nähe, bin ich manchmal zur dir gefahren, wenn es mir nicht gut ging. Ich fand bei dir Trost. Ja tatsächlich, du hast mich wie eine alte Freundin beruhigt. Es ging mir immer besser, nachdem ich eine Weile an deinem Ufer gesessen habe. Heute leben wir in einem Haus direkt an deiner Seite. Ich denke nicht, dass es ein Zufall ist, sondern dass dieser Ort dazu bestimmt war. Du begleitest mich ein Leben lang und in diesem Moment frage ich mich, ob ich, nachdem ich viele Jahre in anderen Städten gewohnt habe, hierhin zurückgekehrt bin, weil es meine Heimatstadt ist oder nicht vielmehr, weil du mein Fluss bist, der für mich da ist und ich für dich? Ich glaube sogar, dass es eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen uns gibt. Eine Beziehung, die sich in Worten kaum ausdrücken lässt. Vielleicht handelt es sich auch um stille Botschaften, die du mir vermitteln willst. Möglicherweise hat es etwas mit der Ruhe zu tun, die ich empfinde, wenn ich dich betrachte. Eine Ruhe, die mir selbst so oft abhandengekommen ist. Manchmal lese ich diese Botschaften in deinen Bewegungen, in deiner Art, wie du dich gibst. Doch hin und wieder kommt es mir vor wie eine Geheimsprache, die sich nur dann deuten lässt, wenn ich bei mir bin.“

(M) Ihr Menschen geht an meinen Ufern spazieren und jeder von Euch spürt mich so, wie ihr es braucht. Seit Jahrtausenden fließe ich diesen Weg, in mir ist die Weisheit der Erde. Ich bin die Ruhe und die Beständigkeit, der dunkle langsam dahinfließende Fluss.

(A) Wie eigentlich jeden Morgen, wenn mich mein Weg mit dem Hund an der Ems vorbeiführt, bleibe ich irgendwo stehen und betrachte den Fluss, der immer eine besondere Wirkung auf mich hat.

Ems im frühen Verlauf (Foto Marion Illhardt)
Ems im frühen Verlauf (Foto Marion Illhardt)

„ Als ich noch arbeiten musste, war es oft sehr früh, wenn mich mein Weg mit dem Hund an dir vorbeiführte. Ich bin ein großer Liebhaber von Nebel, aber dieser Nebelschleier, der sich an so manchem Morgen über dir ausbreitet, ist wie ein einzigartiges Kunstwerk, wie es nur die Natur gestalten kann. In solchen Momenten spüre ich eine eigenartige Magie, die mich in ihren Bann zieht. Eine energetische Magie. Könntest du sprechen, würdest du mir vielleicht zuflüstern: „Mach es wie ich! Lass dich nicht aus deiner Bahn bringen!“ Manchmal atmete ich tief ein und aus, als wollte ich diesen Zauber in mir aufnehmen. Es gab immer wieder Zeiten, in denen mir dieser Kontakt sehr geholfen hat. Du – liebe Ems – als meine Therapeutin, ein Gedanke, der mir gefällt. Wobei ich mich in diesem Moment frage, ob du wirklich eine Sie bist oder ob das im Auge des jeweiligen Betrachters bzw. der jeweiligen Betrachterin liegt. Mir fällt ein, dass ich mich nie für deine Hilfe bedankt habe. Das möchte ich heute gerne nachholen: Ich danke dir!“

(M) In grauer Vorzeit, so sagt man, lebten an meinen Ufern sagenhafte Gestalten und es existieren noch viele Überlieferungen aus dieser Zeit. Weiße Frauen schwebten über meinem Wasser im aufsteigenden Nebel und erschreckten während des 30jährigen Krieges die Soldaten zu Tode. In vielen Orten an meinen Ufern wurden Menschen getötet und Burgen zerstört. Der Krieg tobte in Meppen und Lingen und durch mein Land zogen die feindlichen Truppen um zu töten. Aber ich bin immer noch hier und werde euch überdauern.

Emsauen (Foto Marion Illhardt)
Emsauen (Foto Marion Illhardt)

(A) Je älter ich werde, um mehr so mehr bekommt die Natur für mich eine ganz besondere Bedeutung. Pflanzen, Bäume, Tiere, Flüsse, Seen oder Meere sind keine beiläufigen Entitäten, die als Umgebung oder gar Zierde für unser menschliches Leben ein Dasein führen, was uns meist nicht einmal richtig bewusst ist. Nein, all das Lebendige um mich herum hat eine gleichgestellte Existenzberechtigung bekommen. Je mehr ich die Menschen kennenlerne und ich muss leider sagen, dass ich sie nicht unbedingt mehr schätzen gelernt habe, desto wichtiger wird es mir, mit ihnen nicht alleine zu sein. Dagegen sind Wälder für mich Oasen, Bäume mehr als schattenspendende Freunde und Tiere fühlende Wesen. Wir sind inzwischen Veganer, was sich nicht nur auf die Ernährung bezieht, sondern eine Lebensphilosophie darstellt.

„Du musst wissen, alle Lebewesen haben für mich Rechte und sind Autoritäten, die ich mehr als respektiere. Nichtmenschliche Lebewesen verfügen über Erfahrungen und somit über ein Wissen, das ich selbst nur erahnen kann. Und so denke ich auch bei dir, dass du sicherlich über jahrtausendalte Erkenntnisse verfügst, die in dir gespeichert sind. Es ist ein Wissen darüber, wohin du fließen musst, wie du dich verhalten musst, wenn hin und wieder dein Wasser knapp ist, welche Verantwortung du für die Lebewesen, die sich in dir befinden, hast, oder wann und wohin du das Flussbett verlassen muss, weil die Wassermassen zu viel geworden sind. Nein, sicherlich denkst du nicht darüber nach. Du weißt es einfach!“

Ems (Foto Arnold Illhardt)
Ems (Foto Arnold Illhardt)

Ich erwähnte bereits, dass ich die Ems schon sehr lange kenne. Als ich Jugendlicher war, wurden Bagger und andere riesige Arbeitsgeräte vor die Stadt gebracht, da der Fluss begradigt werden sollte. Fachleute hatten dies empfohlen, um damit künftig Hochwasser zu vermeiden. Ich selbst habe riesige Überschwemmungen erlebt. Und dann wurde eines Tages gebuddelt und gebaggert, Plastikfolien ausgelegt und der Fluss in ein künstliches Bett verfrachtet. So wollte man seinen Lauf kontrollieren. Gerade, statt in Schlängellinie. Also im Grunde so, wie die meisten Menschen denken: in Form gepresst und ohne eigenen Willen. Schon damals gab es kritische Stimmen von Umweltschützern, die vor der Begradigung warnten.

„Mir imponierte das damals, obschon ich als junger Mensch wenig Ahnung von solchen Sachen hatte. Aber irgendwie erschien es mir der gesunde Naturverstand zu sein, dass du als Fluss nicht wie ein Kanal fließen wolltest. Das idiotische Fachleutevolk hat niemand stoppen können, außer du selbst. Es war eine geniale Reaktion von dir, nicht nur deinen Wasserspiegel zu senken, sondern auch den des Grundwassers, was negative Auswirkungen für die Landwirtschaft hatte. Plötzlich mussten die Felder bewässert werden! Nein, du wolltest keine Rache nehmen. Es war eher ein überaus berechtigter Widerstand. Es dauerte Jahrzehnte, bis man sich besann, dich zu renaturieren. Allein der Ausdruck „Renaturierung“ ist kurios: Der Mensch gibt dem Fluss seine Natur zurück! Dabei versteht er so wenig von diesen Dingen, wie immer wieder deutlich wird!“

(M) Vor ca. 50 Jahren wurde mein Bett in einigen Landstrichen begradigt, doch es tat weh mitanzusehen, wie dadurch das Leben an meinen Ufern erstarb. Die Menschen wurden, Gott sei Dank, vor einigen Jahren klüger und man befreite mich, das war wunderbar für mich und die Lebewesen, die ich beherberge und umsorge. An einigen Abschnitten meines Lebens neigen sich die Bäume über mein Wasser und die mystischen Szenen erinnern mich an meine graue Vorzeit. Jetzt gibt es wieder viele Gebiete in meiner Nähe, deren Landschaft geschützt wird, so dass viele Tiere wieder an meinen Ufern leben können.

(A) Es regnet. Der Regen schlägt Blasen auf der Oberfläche der Ems. Es heißt, dass dann die Niederschläge anhalten. Es stimmt, denn das Wetter bleibt so über mehrere Tage. Mich kümmert das nicht.

„Ich liebe die Spaziergänge im Regen; es sind die seltenen Momente, in denen man mit der Natur allein ist. Und nicht nur die Luft frischt auf, ich habe auch das Gefühl, dass es dir guttut. Es kommt mir vor wie eine Dusche, die all den Schmutz, den wir dir zugefügt haben und den du mit dir tragen musst, wegspült. Und du erhältst neue Energie – eine Frischzellenkur.

Aber es gibt durchaus auch die Zeiten im Jahr, in denen du kein Wasser führst und ein klägliches Rinnsal von dir, dem sonst stolzen Fluss, übriggeblieben ist. Wir beobachteten mal einen Fuchs, der sich offenbar durstig durch eine völlig vertrocknete Waldgegend schleppte. Du erinnertest mich an diesen Fuchs, der diese Dürre ertragen musste. Bei meinen Reisen in den Süden sah ich häufig völlig ausgetrocknete Flussbetten. Welch ein trübseliger Anblick!

(M) Wasser zu Wasser, wir sind ein Kreislauf, der droht zu versiegen. Ja, es gibt auch die schlimmen Zeiten der Trockenheit, wenn ich meine Schützlinge verliere und die Ufer verdorren, dann leide ich! Ihr Menschen, wann merkt ihr, was ihr der Natur schuldet?

Stromschnelle der Ems (Foto Marion Illhardt)
Stromschnelle der Ems (Foto Marion Illhardt)

(A) „Ich habe mir angewöhnt, jeden Morgen, wenn ich aufwache, durchs Schlafzimmerfenster einen Blick auf dich zu werfen. Gegenüber an der Fischtreppe kann ich ablesen, wie hoch dein Wasserstand ist. Ich begegne dir mit Begeisterung und Gefühlen des Glücks, aber auch mit großem Respekt. Unvergesslich bleibt die Zeit, als du nach wochenlangem Starkregen über die Ufer tratst und unseren Garten verwüstetest, sogar Stühle mit dir gerissen und überall den Müll der Menschen an den Ufern hinterlassen hast. Es war dir nicht zu verdenken. Natürlich machte es uns Anwohnern Angst, wenn du, die ansonsten ruhig dahinfließende Ems, deine mächtige Seite zeigst. Auch wenn bei uns einiges zerstört wurde, so spürte ich keinen Zorn auf dich, keine Wut, sondern ich nahm dein Verhalten eher als Botschaft im Sinne einer Erinnerung wahr: Ihr Menschen seid sicherlich klug und erfinderisch, aber die Macht eines Flusses und damit die unermessliche Kraft der Natur ist bei weitem überlegen. Irgendwie beruhigt mich das, weil ich gar nicht möchte, dass wir Menschen die Natur besiegen. Ich habe zu oft erlebt, wie meine Artgenossen auf brutalste Weise mit der Natur umgegangen sind. Sie vergewaltigt haben. Die Macht der Menschen erfolgt zumeist ohne Empathie: Sie wollen Herrschaft ausüben. Ein Fluss will nicht besiegen oder beherrschen, sondern seine Vorstellung von natürlicher Ordnung ohne Macht ausüben. Flüsse lehren uns, in alternativer Weise zusammenzuleben, auch wenn uns verschiedene Lebensweisen voneinander trennen. Vielleicht sind Flüsse wie du die wahren Anarchisten und deswegen schätze ich dich.“

(M) Ich bin stumm und leide stumm. Ich bin geduldig und leide geduldig…meistens! Doch wenn wir uns, Wasser zu Wasser, zusammentun, zeigen wir euch Menschen mit welcher Gewalt ihr zu rechnen habt. Schaut euch um, was ihr aus unserer schönen Erde macht. Ihr benutzt uns, ihr schändet uns und letztendlich werdet ihr uns vernichten. Doch vorher wird die Natur euch vernichten!

(A) „Es gibt da noch ein Erlebnis. Es ist ein paar Jahre her und der Winter war so hart, dass du zugefroren bist. Weißt du noch? Wir wohnten bereits an deinem Ufer. Es war ein besonderes Schauspiel, einerseits die zu Eis erstarrten Wassermassen zu sehen, andererseits zu wissen, wie du unter der gefrorenen Fläche deinen gewohnten Weg bahntest. Eines Nachmittags gab es ohrenbetäubenden Lärm und unser Kater, der damals noch lebte, stand mit aufgestellten Nackenhaaren am Fenster, das zum Fluss hinausgeht. Die Eisfläche war geborsten und du schobst metergroße Scheiben übereinander, was die donnernden Geräusche ergab. Welch ein Kraftprotz, dachte ich, und von dem Tag an sah ich dich als einen starken Freund, mit dem an meiner Seite nichts passieren konnte.“

Seit nunmehr vier Jahren teilen wir unser Leben mit einem Hund. Vom ersten Tag an zeigte er großes Interesse an der Ems. War es anfangs spielerische Neugier an den Enten und sonstigen Schwimmvögeln, entstand daraus immer mehr eine innige Verbindung. Egal ob im Sommer oder bei klirrenden Temperaturen – Cardhu nutzt jede Gelegenheit, um sich in die Ems zu stellen. Er schwimmt nicht, sondern steht im Wasser, taucht zuweilen unter und bellt. Füllen wir ihm Emswasser in den Napf im Garten, so zieht er dieses dem gewöhnlichen Leitungswasser vor. Oft steht er Stunden auf einer erhöhten Außenterrasse und blickt auf das Wasser, als stände er in einer spannenden Interaktion mit dem Fluss. Eine Kommunikation zwischen zwei sehr verschiedenen Lebewesen.

Vor vielen Jahren machten wir eine Radtour, die uns in mehreren Etappen von der Quelle der Ems bis zur Mündung führte.

Quelle der Ems (Foto Marion Illhardt)
Quelle der Ems (Foto Marion Illhardt)

„Es war uns ein besonderes Anliegen, dich – „unseren“ Fluss – von deiner Entstehung bis zur Mündung in die Nordsee kennenzulernen. Vielleicht könnte man auch sagen, dich in deinen verschiedenen Entwicklungsstufen zu erleben. Bei der Überlegung, ob ein Fluss ein Lebewesen ist, lässt sich möglicherweise von einem immer wieder entstehenden Leben ausgehen. Auf unserer Tour zeigtest du dich zu Beginn als einen verspielten, aber leider zwischendurch auch gebändigten jungen Fluss, dann als stolzen, durch wunderschöne Landschaften fließenden Strom, um schließlich in Papenburg deine völlige Zerstörung zu erleben. Für Menschen, denen das hirnrissige Vergnügen einer Kreuzfahrt wichtiger ist, als der Schutz von Landschaften, der Flüsse, Meere und seiner Bewohner, werden hier gigantische Schiffe gebaut. Damit sie die Werft verlassen können, wurde dein Bett ausgebaggert und auf unnatürliche Weise verbreitert und vertieft. Es tat uns beim Betrachten weh. Wie muss sich das für dich angefühlt haben und immer noch anfühlen? Es erinnert mich an einen Song der Rockband „The Smith“:

This beautiful creature must die

A death for no reason

Ja, du bist eine schützenswerte Kreatur, ein wunderbares Lebewesen. Niemand hat das Recht, in die Existenz von Lebewesen einzugreifen. Und somit besitzt auch du dieses Recht. Es sollte den Menschen reichen, sich selbst zu töten.“

(M) Doch, mein Ende ist bitter. Dort oben im Norden, wo die Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, fügt man mir immer wieder Schmerzen zu, meine Ufer werden beschädigt, mein Bett durch riesige Ungetüme vertieft, hier verlassen mich meine Kräfte und meine Freunde die Tiere und ich begebe mich ins Land der gestorbenen Flüsse.