Frankenstein war der Mediziner, der zwei menschenähnliche Kreaturen, zuerst eine männliche, dann eine weibliche, schuf. Die wurden monsterhafte Mordgesellen. Frankenstein und seine Monster waren Romanfiguren aus dem Ideenschatz der Mary Shelley. Sind sie nicht auch Figuren aus unserer Welt?
Wenn Glaube mehr und mehr verschwindet, entsteht ein Vakuum, das wieder aufgefüllt werden muss, und zwar am leichtesten durch etwas, das ähnlich wie das ist, was verloren ging: Träume, Verdrängtes, Traumatisches, Visionen etc. Ersatzformen also mit einem Löffel Bibel (“A spoonful of sugar helps the medicine go down” [Ein Löffel Zucker hilft Medizin runterzuschlucken] hiess es bei Mary Poppins).

Mary Shelley war im 19. Jahrhundert die Frau, die Frankenstein ins Leben rief – zuerst anonym, später mit bürgerlichem Namen. Eine große Anzahl von Frankensteinfilmen und Romanen repräsentierten eine Welt, die dringend einen Retter brauchte.
Von ihr stammt der biographische Eintrag über den Grund, warum sie ein Buch dieses Genres schrieb. Natürlich war es die tragische Biographie (Mutter im Kindbett verstorben, Vater wiederverheiratet ohne Kontakt mit seiner Tochter, eigene Fehlgeburt). Aber ihr Buch war mehr: Sie träumte von einer Welt mit einer tatkräftigen modernen Medizin. Manche, etwa P.H. Callahan, sprechen sogar von der Geburt der modernen Medizin. Medizin basiert auf Vertrauen, nicht auf Dystopien. Shelley packte in ihr Buch viele Perspektiven. So das Zitat des Kölner Filmhistorikers Josef Schnelle von 2024:
Das klingt beinahe nach Existential-Philosophie mit dieser seltsamen Psychoanalyse. Immerhin titelte die 19-jährige Engländerin Mary Shelley ihr 1818 erschienenes Buch: „Frankenstein oder der moderne Prometheus”. Damit thematisierte sie ein bisher übersehenes Problem der Biomedizin. „Verrückte Wissenschaftler“ nannte der Medizinhistoriker Florin Cointreau die Probleme aus Frankensteins Labor.
Zusammenfassung des Romans
Zu Beginn und am Ende des Romans begegnet uns der reiche Robert Walton.
Am Anfang nimmt er auf einem gecharterten Expeditionsschiff den schwerkranken Victor Frankenstein in der Arktis auf dem Weg zum Nordpol an Bord. Später erzählt Victor seine Lebensgeschichte.
In seiner Jugend hat er sich mit den Werken der Alchemisten und der alten Medizin beschäftigt. Mit 17 Jahren studierte er in Ingolstadt (also im fernen Ausland, nicht in England) Naturwissenschaften. Er ist ein sehr begabter Student, macht rasante Fortschritte und wendet sich einem der großen alchemistischen Themen wieder zu, der Erschaffung künstlichen Lebens. Schließlich entdeckt er das Geheimnis, wie man aus toten Stoffen Menschen Leben einhaucht und erschafft ein menschliches Wesen.
Victor erkrankt schwer nach der monatelangen Überarbeitung und dem Schock durch das Aussehen seiner Kreatur, aber überlebt durch die Pflege seines Freundes. Nach der Genesung beschäftigen sich beide mit dem Studium von Sprachen, und Frankenstein gelingt es weitgehend, seine revolutionäre Tat zu verdrängen.
Sechs Jahre nach Beginn seines Studiums und zwei Jahre nach der Flucht vor seiner Kreatur erhält er die Nachricht, dass sein jüngster Bruder Wilhelm ermordet worden sei. Noch in der Nacht seiner Ankunft in der Heimatstadt Genf erblickt er die riesenhafte Gestalt seiner Kreatur und vermutet in ihm den Mörder, obgleich an dessen Stelle das Hausmädchen der Frankensteins als vermeintliche Täterin hingerichtet wird. Da er annimmt, bei einem Geständnis über seine Erfindung von Leben und den mutmaßlichen Täter für wahnsinnig gehalten zu werden, wird sein Schweigen für den Rest seines Lebens von wachsenden Schuldgefühlen begleitet.

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In gedrücktester Stimmung begleitet er seine Familie auf Ausflüge in die Umgebung und trifft dabei – allein – wieder auf seine Kreatur. Es hat in seinen zwei Lebensjahren durch bloßes Zuhören sprechen gelernt und eine erstaunliche Bildung erworben. Frankensteins Kreatur erzählt von seinem tugendhaften Verhalten, seinen enormen Lernfortschritten, aber auch von seiner Einsamkeit, dem Hass und der Verfolgung durch Menschen, sobald sie sich ihnen gezeigt habe. Er sagte: „Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. […] Ich bin bösartig, weil ich unglücklich bin.“
Frankensteins Kreatur fordert von seinem Schöpfer, seine Einsamkeit durch eine ihm entsprechende Gefährtin zu beenden. Da die Gemeinschaft gleicher Lebewesen für Menschen selbstverständlich sei, könne er das auch für sich von seinem Schöpfer fordern. Frankenstein erwägt zwar auch die Androhung der Rache an der Menschheit für den Fall seiner Weigerung, aber schließlich stimmt er der Forderung aus Verantwortung für seine Kreatur zu.
Doch er bekommt Zweifel, ob nicht das zweite Wesen genauso schlecht und böse werden könnte wie das erste. Außerdem argwöhnt er, die beiden Kreaturen könnten Kinder zeugen, die Generationen später eine Bedrohung für die Menschheit würden. Daher vernichtet er sein fast vollendetes Werk vor den Augen seiner Kreatur, das ihm heimlich gefolgt ist und rasend vor Zorn Frankensteins Freund erwürgt.
Frankenstein kehrt nach Genf zurück und heiratet seine Cousine Elisabeth, die von seiner Kreatur noch in der Hochzeitsnacht getötet wird. Frankenstein entschließt sich, seine Schöpfung zu töten. Er folgt seiner Spur bis in die Eiswüsten der Arktis, wo Frankenstein wenige Tage vor seinem Tod von Waltons Expeditionsschiff aufgenommen wird.
Nachdem Waltons Schiff vom Eis wieder frei ist, befürchtet Frankenstein eine Meuterei und will gegen seinen Willen und schwer erkrankt die Heimkehr antreten, aber stirbt. Frankensteins weibliche Kreatur entert nachts das Schiff und findet ihren Schöpfer tot vor. In tiefer Trauer über ihre schlechten Taten und Abscheu vor sich selbst kehrt sie auf das Eis zurück, um im Feuer eines Scheiterhaufens den Tod zu finden. Walton, Frankenstein und letztlich auch das Monster sind auf dem Weg zu ihren Zielen gescheitert.
Meine Deutung
Mary Shelley hat das Buch geschrieben, um ihr Unglück zu verarbeiten: das Problem mit ihren Eltern, mit der Fehlgeburt ihrer Mutter und ihrer eigenen Fehlgeburt – totes Kind, das nicht zum Leben erweckt werden konnte. Wie kann man mit solch einer Biographie fertig werden? Shelley schrieb einen Roman, in dem alle Probleme ihrer Biographie vorkamen. M.E. ist das eine therapeutische Methode, die sog. Bibliotherapie, d.h. eine Therapie durch Be- und Aufschreiben des eigenen Unglücks.
Aber das ist ebenso ein Buch, das uns nachdenklich macht. Tief in uns stecken Mythen und Fantasien, die wir nicht einfach als Unfug abtuen sollten, wir müssen stattdessen diese Mythen und Fantasien aufarbeiten. Hier einige Punkte:
- Moderne Medizin ohne Verantwortung
Shelley lässt Frankenstein in Ingolstadt Medizin studieren. Er entwickelt eine Methode, Körpermaterie in lebende Substanz zu verwandeln, aber kümmert sich nicht um seine künstliche Kreatur. Aufgabe der Medizin sei, schrieb der Medizinhistoriker H. Schipperges, „nicht dem Leben neue Jahre zu geben, sondern den Jahren neues Leben“. Das heißt: Nicht Lebenszeit (gemessen in Monaten und Jahren) ist das Problem. Leben ist nicht Lebenszeit, sondern Lebensqualität. Nicht nur was geforscht und gemacht wird, ist das Problem, sondern wer betroffen ist und wer sich darum kümmert. Das betrifft Frankenstein, aber auch unsere Biomedizin.
Es ist vielleicht gewagt, Frankenstein und die aktuelle Medizin zu vergleichen. Ein Vergleich mit Organtransplantation, Klonen, KI-Systeme in der Medizin, Einsatz der Robotik in der Chirurgie etc. Das kommt nur in einem Punkt mit Frankenstein nahe: mit dem Fehlen der individuellen Verantwortung. Verantwortung wird mehr und mehr auf genetische, statistische, wirtschaftliche und juristische Begründungen verlegt.
- Die Welt des Menschen
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in Astronaut, unterwegs zum Mond, soll gesagt haben: „Jetzt bin ich einige Hunderttausend KM um den Mond herumgeflogen. Und was war das Wichtigste? Der Blick zur Erde.“ Ist unsere Erde nicht unser Raum, unser Zuhause ohne nationale Grenzen? Ludwig Feuerbach, ein Freund von Karl Marx, später ein Feind seiner Philosophie, hielt Vorlesungen für Arbeiter und Gesellen, weil er sie nicht als Sklaven des Kapitals sah. Sie waren Gleichberechtigte in einer gleichberechtigten Welt. Er beschrieb den Menschen sogar als ein Wesen mit vielen Poren, durch die es ein Stück Welt einatmet und Welt gestaltet.
Unser Problem ist nicht, ob Mond, Mars, Erde & Co Konkurrenten sind. Es geht uns doch darum, ob unsere Welt nicht unser Lebenselixier ist, Welt nicht eine Welt des Menschen ist. Frankensteins Welt ist eine Welt der Erfindung, und das ohne Verantwortung. Dass Frankensteins Figuren am Ende doch eine Art Reue nach Rückwärts spüren, mag sein. Warum nicht auch Verpflichtung nach Vorwärts? „Unsere“ Welt gehört nicht den Alchemisten und der Biomedizin, sondern uns. Wir leben in einer Welt, die wir alle gestalten.
- Geist (Seele) und Körper
Frankenstein hat es mit Menschen zu tun, deren Leben – deswegen sein Medizinstudium – in die Krise geraten ist. Seine Vision: Kreaturen zu schaffen, die niemals in Krisen geraten oder, wenn sie doch gestorben sind, oder Leben „eingebaut“ bekommen. Übertragen würde das heißen: Doktor Frankenstein erzeugt Leben, gibt dem Leben Jahre der Existenz, aber sinnen Kreaturen fehlt das, was dem Körper fehlt, das Wahrnehmen des Abderen und das vom Anderen wahrgenommen werden, was wir gerne, so der Philosoph Claude Merleau-Ponty, als das Geistige im Körper sehen, also Körper = Geist plus Körper.
Der Mensch lebt durch Beziehung, indem Körper und Geist (Seele) kooperieren. Beziehung funktioniert nicht ohne Körper und auch nicht ohne Geist (Seele). Dieser Bezug tritt immer deutlicher hervor, wenn man Frankenstein und seine modernen Mythen hinterfragt und nicht nur kritisiert. Kritisieren ist leicht, wenn man diesen Bezug von Körper und Geist sowie das, was dahintersteht, nicht begreift. Sagen wir so: Ihr Kontakt und dessen Simultaneität sind die Basis unseres Bezugs zur Welt und zum Menschen.
- Die Rolle des Prometheus
Prometheus war im antiken Griechenland ein Halbgott (Titan), der den Götterhimmel verriet. Fortschritt, so meinte man, ist ohne Verrat an (manchmal göttliche) Traditionen nicht zu stemmen. Sogar in der modernen Philosophie wurde er zum Sinnbild des humanen Wagemuts. Mary Shelley nannte ihr Buch „Frankenstein oder der moderne Prometheus”, soll heißen: Frankenstein, der eine neue Menschenfigur erschuf, sollte ein neuer Prometheus werden. Nicht mehr die göttliche Schöpferkraft, sondern der Mensch, wagemutig und genial, sollte die Zukunft einläuten.
Shelleys Roman wurde ein Schlag ins Wasser, oder war es eine Vision der noch nicht erreichten Zukunft?
- Die Moral der Menschen

Zunächst stellt man fest, dass im Roman Gut und Böse als etwas gedeutet werden, was nicht überrascht: Moralisch ist das Einhalten dessen, was konservativ und traditionell ist. Also gut ist das, was nützt, böse das, was schadet. Reichlich simpel! Es geht doch auch um die Konsequenzen einer Erfindung. Das nennt man Konsequenzenabschätzung. Ist etwas weder gut noch böse, weil es noch nicht passiert ist?
Noch etwas: Das Gut-Böse-Thema kommt beinahe unterschwellig daher. Die Guten sind immer die Erfinder und Schöpfer, die Bösen immer die Geschöpfe. Fast biblisch. Oder fast rassistisch? Die erfinderischen Menschen sind immer die guten, die bösen sind die anderen, vor denen wir uns fürchten (gruselig, entstellt, farbig, gehört nicht dahin [„Migrant“ würde die EU definieren]). Sagen wir so: Moral ist ein System, das das Leben der Menschen gestaltet und ihnen Orientierung gibt. Frankensteins Kreatur sagte: „Ich war gütig und gut. Nur das Elend ließ mich böse werden. […] Ich bin bösartig, weil ich unglücklich bin.“
Fazit: Auch wenn das von einem Monster gesagt wurde, gilt das auch für uns alle, und das sollte uns nachdenklich machen. Kurz und Gut: Der Roman von M. Shelley mag nicht besonders klug sein, aber irgendwie geht er uns unter die Haut.


