Eine Abrechnung mit einer völlig bescheuerten Männertradition, zu Silvester das Land symbolisch in Schutt und Asche zu legen und seinem kompletten Frust (auch dem sexuellen) freie Bahn zu schaffen. Dabei gäbe es wundervolle Alternativen.
„Silvester ist eine alte Tradition. Man wird doch wohl einmal im Jahr laut sein dürfen!“
(nachfolgende Kommentare stammen aus den sozialen Medien; O-Ton oder inhaltlich wiedergegeben)
Zum Glück schneit es in meiner Stadt und auch ansonsten geht man nur vor die Tür, wenn man Hundebesitzer ist. Und das ist auch gut so, ansonsten würde es auch heute, drei Tage nach Silvester, hier und da zu Detonationen kommen. So wie schon eine Woche vor dem Jahreswechsel. Es gibt immer genug Knallköppe, die der Ansicht sind, ihre aktuelle Befindlichkeit ohne Rücksicht auf Verluste überall, für alle hör- und spürbar zu machen. Das hat übrigens inzwischen ebenfalls Tradition in Deutschland: Immer und überall durch Lautstärke präsent zu sein.

Um schnell auf den Punkt zu kommen: Ich halte Silvesterfeuerwerke für den größten Schwachsinn, ju den die deutsche „Scheintradition“ hervorgebracht hat. In meinem ganzen Leben habe ich in Euro umgerechnet keinen einzigen Cent für Kracher oder Feuerwerk ausgegeben. Warum? Weil ich den Sinn hinter dem Geballer, Gekrache, Gekreische und Gezische nie verstanden habe und auch wohl nie verstehen werde. Wozu braucht man Lärm, um sich vom alten Jahr zu verabschieden? Und nein: Ich bin deshalb kein elendiger Langeweiler, der zum Lachen in den Keller geht. Ich habe unvergessliche Partys sowohl als DJ (früher), als auch als Veranstalter oder Teilnehmer gefeiert. Ohne Ballerei! Da wurde höchstens zum Jahreswechsel die Musik lauter gedreht, um mit den Nachbarinnen noch eine Runde auf der Straße zu schwofen. Die Männer standen ja längst an der Straßenecke, zündeten ihre teuer erstandenes Repertoire an Effekt-Batterien in Brand und glotzten wie hypnotisierte Eichhörnchen den Blitzen und Leuchtspuren ihrer Raketen hinterher. Es gibt kaum einen trübsinnigeren Anblick als böllernde Männer. Es gab aber auch Silvesterpartys zu zweit, in denen das Einzige, was knallte, die aufgeladene erotische Stimmung ein einem niederländischen Hotelzimmer war, um später eng umschlungen in den Sternenhimmel und damit in die kommende Zukunft zu schauen. Grandios romantisch, wäre da nicht der entsetzliche Lärm der Ballermänner und Söhne. Die gibt’s natürlich auch in „Holland“. Und wenn dann der Nachwuchs noch zu jung ist, um bis Null Uhr durchzuhalten, lässt sich Vati nicht lumpen und zündet einen Teil seines gehorteten Sortiments schon mal um 21 Uhr. Dass keiner der Nachbarn nur entfernt Lust auf dieses verfrühte Geballer hat: geschenkt. Richtigen Ballermännern ist es egal, ob sie stören. Auch im richtigen Leben geben sie Gas und lehren mit ihren PS-starken und 25 Auspuffen ausgestatteten Karren den Mitmenschen das Fürchten. Konnte der Neandertaler – also der Ur-Mann – noch mit seinen Jagderfolgen punkten, so bedarf es heute irgendwelcher bescheuerten Karren, um den dicken Max aus der Hose hängen zu lassen. Denn, das lässt sich gleich zu Beginn feststellen: Böllern und Krachmachen ist vor allem Männersache. Vermutlich besitzen Frauen dieses Steinzeit-Gen nicht: Wer das größte Feuer macht, hat auch den längsten Schwanz. Und das soll ruhig die ganze Nachbarschaft mitbekommen.
„Ich verzichte doch nicht wegen ein paar Idioten aufs Böllern. Dann kaufe ich dieses Jahr die doppelte Menge und knall noch lauter als sonst!“

Seit vielen Jahren gibt es die Debatte, ob man die Knallerei verbieten soll. Der Hintergrund: Jedes Jahr sterben Menschen, werden verstümmelt oder schwer verletzt. In meinen aktiven Jahren als Krankenpfleger habe ich um Silvester herum Freilegungen von Fingergelenken gesehen, die in jedem Anatomieseminar bei Medizinstudenten für feinsten Erkenntnisgewinn sorgen würden. Immer dann, wenn ein Böllerverbot im Raum steht, werden die infantilen Männermuster auf den Plan gerufen: Wenn ich etwas nicht darf, mache ich es jetzt erst recht. Und dann trampelt das Männchen mit dem Fuß auf und begibt sich in die postpubertäre Trotzphase. Als aktuell die Supermarktkette EDEKA ankündigte, kein Feuerwerk zu verkaufen, schrieb jemand in den sozialen Medien: „Dann gehe ich eben zu REWE und kaufe dort die doppelte Menge“. Damit hatte er EDEKA tüchtig abgestraft und konnte wenigstens am Jahresende mal den Graf Rotz raushängen lassen. Nein, keine Sorge, natürlich sind nicht alle Männer so, aber dem Lärm auf den Straßen zu folgern, scheinen es viele zu sein, die ihre Emotionalität nicht im Griff haben und mit dem Ballern ihrem kompletten Frust in die Luft jagen. Offenbar scheint es beim alljährlichen Krachmachen nicht nur um Trotz und Aggression zu gehen, sondern auch um Ersatzhandlungen. Während die meisten Menschen den Rest des Jahres als Malocher im kapitalistischen Betrieb spuren und „die Fresse halten“ müssen, wie es jemand auf Instagram schrieb, gibt es einmal im Jahr die Möglichkeit, richtig laut sein zu dürfen. Die Rakete, die über dem Haus von irgendwem explodiert, gilt vermutlich dem Chef oder dem bekloppten Abteilungsleiter. Schön zu wissen, aber warum muss ich als Lärmgegner unter dem Frust meines Nachbarn leiden? Treibt man den Gedanken weiter, warum gerade Männer so viel Wert auf Krach legen (wer sommertags schon mal das bullengleiche Geblöke von betrunkenen und geschlechtsreifen Artgenossen am Grill gegenüber gehört hat, weiß wovon ich rede), so könnte vielleicht auch ein Blick in die Psychoanalyse helfen. Sagt man nicht auch von männlichen Rasern und Posern, dass es sich dabei um sexuelle Deprivation handelt? Geniatalorientierte Aggression – besser verständlich unter dem Begriff des chronischen Untervögeltsein! Wissen wir also für die Zukunft Bescheid: Dort wo es am meisten zischt und knallt, ist sexueller Notstand angesagt. Armes Männchen! Bei einem Fund wild entsorgter Böllereien entdeckte ich eine leere Verpackung offenbar osteuropäischer Provenienz mit der Aufschrift „Wild Virgin“. Darauf ein lockendes Weib in spärlicher Kleidung. Herrschaftszeiten, ich möchte nicht wissen, welche Fantasien da noch so zum Abschuss freigegeben werden.
„Das Silvesterfeiern ist ein religiöser Brauch. So etwas darf erst recht nicht verboten werden.“

Als weit vor Weihnachten die Diskussion um ein mögliches nationales Böllerverbort durch die Medien ging, waren die Aufschreie natürlich groß. Gerne wird das Argument gebraucht, man nehme den Deutschen einen wichtigen Teil ihrer Kultur, die ja religiösen Ursprung habe. Der Silvesterbrauch, Raketen in die Luft zu schicken und ohrenbetäubende Böller zu zünden, hat im Grunde heidnische Wurzeln. So haben unsere Vorfahren geglaubt, dass in den „Raunächten“ zwischen Weihnachten und dem 6. Januar die Toten umherziehen. Um sich vor bösen Geistern zu schützen, wurden die Häuser und Ställe mit Weihrauch ausgeräuchert. Und um den Dämonen das Fürchten zu lehren, veranstalten Geisteraustreiber einen Höllenlärm. Waren anfangs noch Rasseln, Trommeln und Trompeten im Einsatz, wurde mit der Erfindung des Schwarzpulvers mit Böllern und Raketen aufgerüstet. Warum in einem Zeitalter, in dem ständig vom christlichen Abendland die Rede ist, was vor allem von selbsternannten Wertebewahrern bis zum Augenschiefstand genutzt wird, heidnische Bräuche zelebriert werden sollen, leuchtet mir ehrlich gesagt nicht ein. Wenn Bräuche keinen Sinn mehr machen, kann man sich doch neue ausdenken. Mir fielen da ein paar sehr nette ein! Übrigens: Ich bin Silvester – wie auch sonst schon mal im Jahr – mit dem Hund über den Friedhof gegangen: ich habe keinen einzigen Toten umherziehen sehen.
„Wir sind doch wohl erwachsen genug, um selbstverantwortlich mit Feuerwerk & Co. umzugehen! Da brauchen wir keine politischen Vorschriften!“

Irgendwann in den 80ern verbrachte ich Silvester in Berlin (3,9 Mill. Einwohner). Wir waren unterwegs zu einer Party, als wir noch weit vor 0 Uhr beschossen wurden. Die Böller flogen nicht nur von oben aus den Fenstern auf uns herab, sondern die Raketen zischten auch quer durch die Straßen, anstatt sie – wie ursprünglich vorgesehen – in den Himmel zu jagen (selbst dazu sind manche zu blöd). Vierzig Jahre später war ich mit meiner Familie auf dem Marktplatz in Telgte (ca. 20.000 Einwohner). Mal abgesehen davon, dass der ganze Platz in einem unglaublichen Maße mit Qualm gefüllt war, wurden auch hier Raketen und Böller quergeschossen. Die harten Jungs warfen Kracher zwischen die Füße der Anwesenden und immer wieder zischten irgendwelche Spätzünderknaller durch die Massen. Flaschen wurden zerdeppert und mitgebrachter Müll durch die Gegend geworfen. Das es später auch noch zu Prügeleien kam, wie mir Zeugen berichteten, sei mal dahingestellt. Feiern ist nicht jedermanns Sache und Reife eine Bandbreite. Kurz vor dem Jahreswechsel forderte der Präsident der Bundesärztekammer Klaus Reinhardt ein Verbot privater Feuerwerke. Er führte dabei nicht nur die enormen Kosten für die Krankenkassen an, sondern appellierte an den gesunden Menschenverstand. Es habe „nichts mit Verbotskultur zu tun“, sondern zeuge „von der Einsicht einer reifen Gesellschaft, etwas Gefährliches zu lassen“ (1). Ich kommentierte auf Instagram den Hinweis auf Reinhardts Forderung mit den Worten, dass wir weit von einer reifen Gesellschaft entfernt sind und, da der Appell auch an den Innenminister ging, dass Politiker ihren Vorteil berücksichtigen und nicht die Vernunft. Es ist wohl kaum damit zu rechnen, dass der Staat reagiert, schließlich fließen auch durch Böllern und Knallen Millionen in die Staatskasse.
„Das mit den Unfällen und so zu Silvester wird doch immer übertrieben. Die gibt es doch das ganze Jahr.“
Inzwischen liegen erste Rückmeldungen zu Silvester 25/26 vor und wieder sind es zahlreiche Tote und Verletzte, jede Menge verstörte Tiere, eine wahnsinnige Feinstaubbelastung und verdreckte Wohngegenden. Und wieder gab es Angriffe auf Polizei und Einsatzpersonal, was inzwischen auch zur Tradition gehört. In den Niederlanden brannte gar eine Kirche ab. Da die meisten Männer haushaltstechnisch absolute Graupen sind, wird natürlich auch nicht aufgeräumt, wenn draußen die Gegend in Grund und Boden geballert wurde. Am nächsten Tag kommt die Müllabfuhr und beseitigt all den Wohlstandsmüll einer deutschen Tradition. Doch ist es müßig, diesbezüglich mit Zahlen aufzuwarten, da sie komplett ignoriert werden. Im Internet schwirren unzählige Trolle herum, die schon im Vorfeld alle Negativwerte der Böllerei als Falschmeldung deklarierten. Der deutsche Mann lässt sich ungern seine Passion, Lärm zu machen, vom Teller nehmen. Und da stellt sich natürlich die Frage, was mit all den männlichen Wesen passiert, wenn keine Triebabfuhr mehr stattfindet und ein Böllerverbot zu Silvester durchgesetzt wird? Wird’s dann noch gefährlicher auf den Autobahnen und müssen wir den deprivierten Mannsbildern noch mehr Männerspielplätze einrichten, wo sie den Eber rauslassen können?
„Dann sollen sich die Leute eben keine Tiere anschaffen. Ist doch sowieso unnatürlich!“

Dass der Lärm und der Lichtterror durch die Raketen für wildlebende Tiere als auch für Haustiere grauenhaften Stress verursachen, wird ebenfalls Jahr für Jahr runtergebetet. Ich konnte es selbst bei meinen Hunden, sowie bei unserem Kater hautnah erleben, wie sie zitternd in Ecken saßen und in schlimmste Stressreaktionen verfielen. Auch bei dem Traditions-Volksfest „Rhein in Flammen“ gab es massive Kritik von Tierschützern, da u.a. Schwäne aufgescheucht und verletzt worden waren. In einem Video hält ein Mann einen verendeten Schwan in die Kamera und sagt: „Das habt ihr gemacht – mit eurem Sch…-Feuerwerk!“ (2) (Die Presse darf wohl das Wort Scheiß nicht ausschreiben!) Mir geht diese Szene nicht aus dem Kopf. Was Tiere anbetrifft, ist allerdings am allerwenigsten mit einem Einlenken zu rechnen, da den meisten Menschen und hier vor allem auch wieder den Männern das Wohl der Tiere am Arsch vorbeigeht. Fleisch ist ihr Gemüse und ohne täglichen Verzehr mutieren sie zu kümmerlichen Blindschleichen. Fleisch wächst auf den Bäumen, so der einfältige Glaube, da werden Horrormeldungen aus der Massentierzucht ebenfalls komplett ausgeblendet, ja sogar für normal gehalten. Man isst am liebsten, was Augen hat und kracht am liebsten mit Material, was Augen entfernt. Wie will man solchen Typen klarmachen, dass Tiere unter Lärm leiden?
Empfehlungen für den echten Mann – Böllerwaschlappen waren gestern!
Es ist natürlich immer leicht, rumzumeckern, aber keine konstruktiven Veränderungsvorschläge zu machen. Zunächst einmal: Ich bin für ein strenges Böllerverbot. Allein schon deswegen, weil ich keinen Sinn in der Erzeugung von monotonem Krach sehe. Oder kann man zur Böllerei tanzen? Zur Geisteraustreibung und Ehrung der Toten könnte ich mir auch eine anlagemäßig gut bestückte Death-Metal- oder Punk-Band auf dem Marktplatz vorstellen! Florian Silbereisen läuft ja für die Weicheier schon im Fernsehen. Im Netz habe ich vorgeschlagen, nur noch innerhalb der eigenen Wohnung zu böllern (was natürlich nicht ernst gemeint war), aber böse Kommentare nach sich zog. Jemand schrieb sogar, dass es gefährlich sei! Donnerwetter! Doch mein Lieblingsalternativvorschlag ist – wie ich finde – ein super Ersatz und wenn er erst einmal ein paar Jahre praktiziert wurde, wird er auch zur Tradition. Versprochen! Männer! Stellt euch kollektiv an einen ans Stromnetz angeschlossenen Weidezaun und pinkelt darauf, was das Zeug hält. Bier habt ihr ja vorher sicherlich genug gesoffen. Das macht Lärm, ist ein wunderschön anzuschauendes Ritual, macht ein Gemeinschaftsgefühl, vertreibt Geister und … jetzt kommts … ist völlig sinnentleert.
Frohes Neues Jahr.
Quellen: