Deutschlandreise
Gedanken zu einem Buch von Roger Willemsen

2002 erschien das Buch „Deutschlandreise“ von dem aus unterschiedlichen Medien bekannten, leider inzwischen verstorbenen Roger Willemsen. Wochenlang reiste er durch Deutschland und entwarf aus seinen scharfen Beobachtungen ein Bild des Landes und von der Mentalität seiner Bewohner. Und immer wieder deckt es sich mit meinen eigenen Beobachtungen und regt dazu an, sich tatsächlich mal auf die Reise durch das einem manchmal selbst unbekannte Land Deutschland zu begeben.

Deutschlandreise? Ich war anfangs nicht sonderlich erbaut von der Idee meiner früheren Freundin, Ende der 90er eine Reise durch Deutschland zu unternehmen. Mit dem Fahrrad von Süden nach Norden und möglichst immer an Flüssen entlang hörte sich zwar spannend an, aber mir graute es vor den Bewohnern eines Landes, dem ich laut Geburtsurkunde selbst angehörte. Ich meine, was sollte schön daran sein, in einer Gegend unterwegs zu sein, in der die Menschen mit meterlangen Sansevieria trifasciata – auch als Schwiegermutterzungen bekannt – ihre Fenster verunstalten, Schilder mit der Aufschrift „Betreten des Rasens“ verboten aufstellen und draußen „nur Kännchen“ anbieten? Und Kaffee HAG war schon immer die Katastrophe schlecht hin. Meine Eltern, die gerne in die deutschen Berge reisten, knipsten oft Fotos von Land und Leuten, die meist eine Atmosphäre der Langeweile, Spießigkeit und Erstarrung zeigten. Da wollte ich auch auf die Gefahr hin, als schlechter Deutscher dazustehen, nicht hin. Und wir fuhren doch. Es wurde eine recht eindrucksvolle Reise, die Deutschländer waren in ihren Haltungsformen ganz manierlich, die Landschaften fantastisch, nur das Wetter führte zum Abbruch auf halber Strecke. Jahre später kam ich auf Sizilien mit einem Japaner ins Gespräch, der kiffend vor seinem Wohnmobil saß. Als er hörte, dass wir aus Deutschland kamen, war seine Reaktion: „Warum fahrt ihr dann in ein vertrocknetes Land wie Sizilien? Deutschland ist doch viel grüner und schöner!“ Vermutlich gab es bei mir dringenden Bedarf für eine nationale Umstrukturierung, die man inzwischen – 2026 – als halbwegs gelungen bezeichnen kann!

Deutschlandreise von Roger Willemsen (Eigene Gestaltung)

2002 – also nur unwesentlich später als die besagte Fahrradtor – erschien die erste Auflage des Buchs „Deutschlandreise“ von Roger Willemsen. Ich bekam das Buch zum Geburtstag geschenkt. Vielleicht von einem Menschen, der von meinem verkorksten Deutschlandbild wusste und sich möglicherweise dachte, es sei noch etwas zu retten. Vor ein paar Monaten las ich das Buch das zweite Mal. Erstens, weil ich die erschreckende Entdeckung gemacht hatte, zu meinen arbeitsaktiven Zeiten aus Gründen der geistigen Überfrachtung Bücher nur oberflächlich gelesen zu haben, zweitens, weil ich mit zunehmendem Alter auch über mich als Teil einer Gesellschaft nachdenke, mit der ich mich immer weniger identifiziere, und drittens, weil ich Roger Willemsen als kritischen Geist stets sehr geschätzt habe. Die Betonung liegt auf der Vergangenheit, denn Willemsen ist 2016 viel zu früh verstorben. Der Soziologe Bernd Drücke schrieb in der Zeitung „Graswurzelrevolution“: „Er traute sich, auch in den Mainstream-Medien Meinungen zu äußern, die sich ansonsten dort kaum einer zu sagen wagte…“ und „Mit Roger Willemsen verliert auch die Friedensbewegung eine interessante und gut zu hörende Stimme.“ Ich spreche also über einen Menschen, der bei all den angepassten und feigen Weichspülern in der Medienlandschaft eine Ausnahmeperson war. Solche Menschen fehlen! Es sterben einfach immer die falschen.

Gerne wäre ich Willemsen zu Lebzeiten z.B. bei einem Vortrag  begegnet; immerhin stieß ich eher per Zufall auf sein Grab auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg, wo er 2016 nach einer Krebserkrankung beigesetzt wurde. Die Ruhestätte wirkt ähnlich bescheiden wie Willemsen zu Lebzeiten; er war kein Mann der lauten Töne, sondern der wohltemperierten Sätze, die ins Schwarze trafen. Geboren 1955 arbeitete er als Autor, Auslandskorrespondent, Literaturwissenschaftler und -kritiker. Mir persönlich war er vor allem als Moderator der Talkshow Willemsens Woche bekannt, die er von 1994 bis 1998 moderierte. Dies ist allerdings nur ein winziger Teil seiner Medien- und Bühnenpräsenz. Jazz-Fans sei auch sein Buch „Musik“ ans Herz gelegt, bei dem ich allerdings die Segel gestrichen habe; klassischer Jazz ist nicht meine musikalische Welt

Doch zurück zur „Deutschlandreise“. Wie bereits bei anderen Artikeln von mir, ist dies keine Rezension, sondern es handelt sich um Überlegungen zu einem Buch, an das ich erinnern möchte, weil es inzwischen vor über 20 Jahren geschrieben wurde. Mir ist es wichtig, auf Bücher hinzuweisen, die an Aktualität nichts verloren haben.

Im Klappentext schreibt Elke Heidenreich eine – wie ich finde – sehr passende Einleitung.

„Was ist das für ein Buch, ein Sachbuch? Nein, das ist viel mehr, das ist eine grandios erzählte Reise ins Innerste eines Landes, das unser Land ist, bereist von einem Autor, der Klischees nicht mehr auf dem Leim geht, vor Obrigkeiten und ihren Vorschriften nicht in die Knie bricht und der Menschen so zuhören und sie so beschreiben kann, dass wir in ihr Herz sehen. Das können nur die Dichter. Willemsen ist einer.“

Die Wochenzeitschrift „Freitag“ trifft mit einem Kommentar ebenfalls den Kern des Buches (ebenfalls im Klappentext):

„Willemsen fährt dorthin, wo die meisten nicht hinwollen, die Mehrheit jedoch zu Hause ist. Er ist ein unbestechlicher Reisebegleiter. Seine Augen lassen sich nicht betrügen und seine Sprache gaukelt uns nichts vor.“

Um die weiteren Ausführungen zu verstehen, mag eine kurze Beschreibung des Inhalts helfen.

(Aus dem Klappentext) „Wochenlang reiste Roger Willemsen mit dem Zug durch Deutschland – von Konstanz nach Kap Arkona, von Bonn nach Berlin, von Rostock nach Oberstdorf. Aus seinen Beobachtungen entwirft er das facettenreiche Bild eines Landes, das uns allen bekannt zu sein scheint und schon deshalb unbekannt zu werden droht. … Roger Willemsen notiert und kommentiert Gespräche, Werbesprüche, Redensarten und Geschichten. Mit wacher Neugier und dem Blick des Forschers entdeckt er das Wesentliche im Alltäglichen und das Typische im Zufälligen – das Glück und Unglück des ganz normalen Lebens.“

Beim Lesen der sprachgewaltigen „Deutschlandreise“ dachte ich so manches Mal: War er mit uns auf Tour? Denn viele Eindrücke, die er beschreibt, ähneln denen, die ich gemacht habe und immer noch mache. Inzwischen sind meine jetzige Frau und ich ständig auf Achse, um Deutschland mental so umzukrempeln, dass es für uns ein lebenswertes Land wird. Ein echter Kraftakt, denn „Deutschland ist irgendwo oder nirgendwo oder überall.“ Und echte Deutsche gibt es eh nur in Sachsen. Dort ist es zwar schön, aber bei mir hat es nicht gereicht, um mich „echt“ zu machen. Auf irgendeiner Reise im europäischen Ausland fragte mich mal jemand, ob ich Deutscher wäre. Ich antwortete: „Eigentlich schon, aber hauptsächlich wäre ich Erdenbürger.“

„Wenn das Leben nicht aus Dingen bestünde, die einem das Leben erleichtern sollen und hinter denen man lebenslänglich her ist, man wüsste gar nicht, warum man leben sollte.“

Solche Sätze will man sich direkt aufschreiben, um sich hin und wieder den Sinn durch den Kopf gehen zu lassen. Bei Willemsen gäbe es da viele. Eine Geschäftsinhaberin eines kleinen Ladens in Fulda, bei der ich endlich das fand, was ich in den großen Geschäften in der Innenstand vergeblich suchte, sagte zu mir: „Die Innenstadt ist hier. Dort wo sie waren, das sind Konzerne, keine Stadt.“ Mich hat die Antwort nachhaltig beschäftigt und auch Willemsen scheint die gleiche Erfahrung z.B. mit Wilhelmshaven gemacht zu haben.

„Auf der Karte hat es so ausgesehen, als läge Wilhelmshaven am Meer. Wenn man dort ankommt, sieht man, Wilhelmshaven liegt an einer Einkaufsstraße.“

Die Kommerzialisierung frisst sich in alle Städte und raubt ihnen den letzten Reiz; außer man hat inzwischen sein Leben ganz auf die Huldigung des goldenen Kalbs ausgerichtet; also so wie die Masse der Menschen, die sich alltäglich durch die Einkaufspassagen schiebt. Willemsens Frage … „Gibt es einen einzigen Lebensraum, der nicht gleichzeitig Markt wäre?“ … scheint offensichtlich auf ähnlichen Erfahrungen zu fußen. Vor allem bei den meisten Jugendlichen ist der Markt ständiger Begleiter, funkelt als letzte Instanz aus den Augen und bestimmt ihr Leben auf Schritt und Tritt. So bekommt das Leben wenigstens einen Sinn und die Werbung verkündet dazu „die Heilsbotschaft“. Wir leben in einer eigenartigen Welt, „…in der man zwischen Freiheit und Freizeit nicht unterscheiden kann.“

Willemsen beschreibt die Menschen, denen er begegnet und – wichtig – mit denen er spricht. Und man nimmt Willemsen sofort ab, dass man sich gerne auf ihn als Gesprächspartner einlässt und ihm von sich erzählt. Er kommuniziert mit den Menschen nicht von oben herab, sondern mit gesunder Neugier. Dabei ist er ein Beobachter mit psychologischer Brillanz, der nicht nur mit neugierigen Augen, sondern auch mit großen Ohren durch die Städte und Dörfer läuft. Da ist der Taxifahrer, der sich „bitterlich über die Alten, ihre Ansprüche, ihren Hochmut, ihren Geiz vor allem“ beklagt und ich kann es ihm sehr gut nachfühlen. Oder der Würstchenverkäufer, der sich über die Menschen aufregt, die sich mit ihren dreckigen Kisten in die Stadt wälzen, „weil sie zu faul sind, zu Fuß zu gehen.“ Der Leser wird mit zu einem Besuch bei einer Prostituierten genommen, bei der es allerdings beim Reden bleibt. Und wann begegnet man schon mal einem Pornodarsteller im Zug? „Manchmal werden die Menschen ganz unbemerkt von der Strömung des Alltags erfasst und immer weiter hinausgezogen.“

Mich persönlich fasziniert an diesem Buch die Sprache. Eine dichterisch anmutende Passage ist mir zehnmal lieber als fünf auf mysteriöse Weise umgekommene Tote in der Uckermark. „Deutschlandreise“ ist kein Reiseführer, sondern ein dichterisches Werk mit viel Wortzauberei. Ein Satz wie…  „Der Geist des Aufbruchs ist schön, schöner vermutlich als der Aufbruch selbst. Die bloße Erwartung, etwas werde sich ändern, etwas sei verheißen, schafft ein nahezu künstlerisches Klima.“ … setzt sich bei mir fest und verlockt, daran weiterzudenken und später weiterzuschreiben.

Übrigens hängt inzwischen bei uns zuhause eine Deutschlandkarte. Fähnchen markieren die bislang bereisten Orte. Es ist noch viel Luft nach oben und uns ein Vergnügen, neue Landstriche und Städte zu entdecken. Vielleicht wird ja doch noch ein halbwegs guter Deutscher aus mir. Der wird man nämlich nicht, wenn man die Grenzen seines Kuhkaffs zum Zentrum seines Denkens macht.