Vor langer Zeit lebte eine weise Frau mit ihrem Töchterchen in einem kleinen Haus am Rande des Waldes. Am Tage arbeiteten die beiden im Garten, sie versorgten die Tiere und suchten im Wald nach Kräutern und Holz für den Winter. Des Abends und im Winter saßen die beiden am Spinnrad in der Stube. Aus den Kräutern bereiteten sie allerlei Salben und Tinkturen, für welche die Dorfbewohner zu ihnen kamen, denn ihre Medizin tat den Menschen wohl.
Niemals verließen die weise Frau und ihr Töchterchen das Haus, ohne dass sie vorher eine Hand voll Bohnen in die rechte Tasche ihrer Kleidung steckten. Sie taten dies nicht, um die Bohnen aus zu säen. Nein, sie nahmen die Bohnen mit sich, um so die schönen Momente des Tages, des Lebens besser zählen zu können.
Für jeden schönen Moment, den sie tagsüber erlebten – einen fröhlichen Schwatz auf der Straße, ein köstlich duftendes Brot, einen Sonnenstrahl, der ihre Wange kitzelte, das Lachen eines Menschen, das Zwitschern eines Vogels, den besonderen Duft der Pflanzen und das Rauschen des Waldes – für alles, was ihre Sinne und das Herz erfreute, ließen sie eine Bohne von der rechten in die linke Tasche ihrer Kleidung wandern.

Wenn sie zurückkehrten, zählten die weise Frau und ihr Töchterchen die Glücksbohnen in ihren linken Taschen. Diese Momente waren kostbar für sie, denn so erkannten sie, wie viel Schönes ihnen an diesem Tag begegnet war und ihre Herzen erfreut hatte.
Sogar an den Abenden, an denen sie nur eine einzige Bohne in der linken Tasche zählten, sprach die weise Frau: „Auch dieser Tag war ein glücklicher Tag. Es hat sich gelohnt, ihn zu leben.“
So verging die Zeit und die beiden lebten glücklich zusammen. Das Töchterchen wuchs heran und wurde zu einer jungen Frau, die, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, das Leben liebte, weil es ihr all die schönen Glücksmomente schenkte. Auch die junge Frau bekam ein Töchterchen und auch sie lehrte das Mädchen, sich an den Glücksbohnen und den schönen Momenten des Lebens zu erfreuen.

Doch in einem der Jahre erkrankte die weise Frau, die nun Großmutter war. Doch hörte sie nie auf, die Glücksbohnen zu zählen und sich an die schönen Momente zu erinnern. Und sie wurde wieder gesund. Sie spürte, dass ihre Zeit noch lange nicht gekommen war, in das Land jenseits des großen Flusses zu gehen. So saß sie weiterhin jeden Abend mit ihrer Tochter und ihrem Enkeltöchterchen zusammen und sie erzählten und berichteten einander von den Ereignissen des Tages.
Viele viele Jahre später – die alte weise Frau war nun fast 100 Jahre alt -, der Winterwind toste um das Haus und die Zeit der heiligen zwölf Nächte war angebrochen, ahnte sie, dass nun ihre Zeit gekommen war, in das Land jenseits des großen Flusses zu gehen.

Da klopfte es in einer der heiligen Nächte an ihre Kammertür. Die sehr alte, weise Frau rief: „Komm nur herein, Frau Holle!“ Denn sie wusste, wer an ihre Kammertür geklopft hatte. Frau Holle, die auch die Frau Tödin genannt wird, weil sie die Seelen der Menschen in das Land jenseits des großen Flusses geleitet, betrat die Kammer und ging lächelnd an das Bett der sehr alten weisen Frau. Diese sagte zu Frau Holle: “ Du bist mir willkommen und ich habe schon seit einigen Nächten auf Dich gewartet. Ich erkenne dich, denn vor vielen Jahren, damals, als mich die Krankheit ergriffen hatte, hast du an meinem Kammerfenster gestanden und mich angeschaut. Es war in einer der heiligen zwölf Nächte und ich erschrak. Aber du hast gelächelt und den Kopf geschüttelt.“
Frau Holle blickte freundlich auf die sehr alte weise Frau und antwortete: „Ja, ich weiß. Deine Zeit war damals noch nicht gekommen und da ich wusste, dass du noch viele schöne Jahre vor dir haben würdest, habe ich den Kopf geschüttelt. Du hast gekämpft und die Glücksbohnen und die Glücksmomente gaben dir die Kraft, wieder gesund zu werden.“ „ Nun, da ich schon so viele Jahre auf dieser schönen Erde bin, bin ich bereit, mit dir in das Land jenseits des großen Flusses zu gehen“, sagte die sehr alte weise Frau, “und ich bin dankbar, so reich beschenkt worden zu sein in diesem Leben. Aber bitte gewähre mir, bevor ich mit dir gehe, noch einen Wunsch!“ Frau Holle lächelte freundlich und nickte, denn sie kannte den Wunsch der sehr alten weisen Frau. Diese nahm nun ein Schatzkästlein aus ihrem Schrank, das sie dort lange verwahrt hatte. In ihm lag seit vielen Jahren eine große und wunderschöne Bohne. Sie lächelte, als sie diese Bohne sah und an den schönsten Glücksmoment ihres langen Lebens zurückdachte.

Leise ging sie hinüber in die Kammer ihrer schlafenden Tochter und legte das Kästlein auf ihr Kissen. Dann folgte sie mit einem Lächeln und leichten Herzens Frau Holle in das Land jenseits des großen Flusses.
Am anderen Morgen erwachte ihre Tochter und fand das Schatzkästlein auf ihrem Kissen. Sie öffnete es und entdeckte die wunderschöne, große Bohne, von der ihre Mutter so oft gesprochen hatte, die sie ihr aber nie zuvor gezeigt hatte. Sie eilte in die Kammer ihrer Mutter und fand diese in ihrem Bett liegend mit einem friedlichen Lächeln im Gesicht. Da wusste die Tochter, dass ihre Mutter in der Nacht mit Frau Holle in das Land jenseits des großen Flusses gegangen war. Sie weinte bitterlich. Doch als sie das Kästlein in ihren Händen hielt, spürte sie, dass es ganz warm wurde. Und als sie es erneut öffnete, leuchtete die wunderschöne Glücksbohne wie ein Stern am Himmel. Da wusste sie, was ihre Mutter ihr aufgetragen hatte: Sie sollte nie vergessen, jeden Abend die Glücksbohnen zu zählen und sich an die schönen Momente des Tages zu erinnern.

Viele Jahre später, als auch die Tochter den Weg mit Frau Holle in das Land jenseits des großen Flusses ging, übergab sie das Schatzkästlein ihrer Tochter, und diese wiederum übergab es ihren Töchtern. So wurde das Erbe der weisen Urahne über Generationen von Frauen hinweg bewahrt, und die Nachfahrinnen der weisen Frau zählen noch heute jeden Abend die Glücksbohnen und erinnern sich so an die schönen Augenblicke des Tages. Und das Schatzkästlein hüten sie wohl. Für ihre Töchter, ihre Enkelinnen und ihre Urenkelinnen…
(Die/der Verfasser:in des „Ur-Geschichte“ von der Alten Frau und den Glücksbohnen ist unbekannt. Ich habe sie nahezu vollständig verändert: die Handlung und auch die Personen)