Deutschstunde
Flüchtlinge versauen die deutsche Sprache

Alltagsattributionen sind Versuche, die Welt und das Drumherum zu verstehen. Schnell neigen wir dazu, etwas für richtig zu halten, wenn es eine Person der Öffentlichkeit sagt. Dass so etwas manchmal schwer in die Hose geht, wird am Beispiel vom AfD-„Denker“ Marc Jongen gezeigt. 

Attributionspsychologie

Alltagsattributionen sind kognitive Landkarten, die uns den Weg durch die uns umgebenden Unklarheiten des Lebens weisen. Wenn mir die Verkäuferin in der Bäckerei beim morgendlichen Brötchenholen auf etwas pampige Weise das Wechselgeld aushändigt, so gibt es für mich als Brötchenholer unterschiedliche Erklärungsversuche:

  1. Sie ist immer so.
  2. Sie hatte heute Morgen bestimmt Ärger mit ihrem Mann.
  3. Bei einem Typen wie mir kann man ja nur pampig reagieren oder
  4. Bäckerfrauen sind grundsätzlich pampige Verkäuferinnen.
Versaute Sprache (Foto Arnold Illhardt)

Versaute Sprache (Foto Arnold Illhardt)

Wie sang schon Pippi Langstrumpf: „widdewiddewitt …Ich mach‘ mir die Welt – widdewidde wie sie mir gefällt …“ Um allderdings etwas Ordnung, Struktur und damit Übersichtlichkeit in die Komplexität des Seins zu bekommen, nutzen wir nichtwissenschaftliche Alltagsmenschen sogenannte Attributionen, wie es in der Nomenklatur der Psychologie heißt. Man könnte diesen Begriff auch mit „Zuweisungen“, „Begründung“ oder „kausale Erklärungen“ umschreiben. Während unsere Alltagsattributionen u.a. gedankliche Verzerrungen aufweisen und auf individuelle Weltbilder zurückgreifen, würde ein wissenschaftliches Vorgehen vereinbarten Regeln folgen, die möglichst objektiv und umfassend den Sachverhalt analysieren sollen. So würde man beispielsweise über einen längeren Zeitraum beobachten, ob die besagte Bäckersfrau immer so reagiert, bei jedem Kunden pampig ist und sie auch kurz vor Feierabend das pampige Verhalten zeigt.

Völkervermischung (Foto Arnold Illhardt)

Völkervermischung (Foto Arnold Illhardt)

Eine ältere Dame aus dem Bekanntenkreis, eine ansonsten herzensgute Frau, untermauert ihre Ratschläge, die sie dann und wann kundzutun pflegt, mit Querverweisen a la „das stand sogar in der Apothekenrundschau“ oder „darüber haben sie sogar im Fernsehen gesprochen“. Und wenn alle Stricke reißen, reimt sie noch etwas Hexenlatein im Sinne von „das war damals schon so“ hinzu. Dass etwas richtig sein muss, wenn es in der Zeitung stand oder im Fernsehen gezeigt wurde (Entgegnung: „Sonst würde man es ja bestimmt nicht veröffentlichen“), ist eine gern genutzte Stütze für die eigene Argumentation. Alltagsattributionen somit oft sehr abenteuerliche Erklärungsversuche. Was aber passiert attributionstechnisch, wenn a) jemand in der ZEIT, einer – je nach Geschmack – anspruchsvollen Wochenzeitschrift interviewt wird, b) der Protagonist eine hochrangige akademische Laufbahn absolviert hat und c) zudem im Kontext mit einem angesehenen Klugmensch genannt wird? Man kommt zu dem Schluss, dass es schon mit dem Teufel zugehen muss, wenn das, was aus dem Mund besagter Person entfleucht und hoffentlich vorher kognitiv verarbeitet worden ist, nicht richtig sein soll. Und da besagter Zeitgenosse (vermutlich wird er den Ausdruck „Genosse“ nicht sonderlich mögen) auch noch im Besitz eines Doktortitels ist, wird alles was er von sich gibt, auf der Wahrhaftigkeitsskala 5 von 5 möglichen Punkten erhalten.

Dr. Marc Jongen (AfD)

Heimatfood (Foto Arnold Illhardt)

Heimatfood (Foto Arnold Illhardt)

Die Rede ist von Dr. Marc Jongen, akademischer Mitarbeiter für Philosophie an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung, wo er viele Jahre dem ehemaligen Rektor Peter Sloterdijk als Assistent diente. Peter Sloterdijk wiederum ist ein allseits bekannter Philosoph und Kulturwissenschaftler, der in zahlreichen Schriften in gewohnt philosophisch gedrechselter Manier Verständliches ins Unverständliche transformiert. Frei nach dem Motto: Sobald man Philosophie versteht, ist es keine mehr. Also von „Understanding of Science and Humanities“ keine Spur. Besagter Jongen ist aber nicht nur akademischer Mitarbeiter, sondern auch stellvertretender Sprecher und Programmkoordinator des AfD-Landesverbands Baden-Württemberg, sowie Mitglied der AfD-Bundesprogrammkommission. Natürlich freut sich die AfD königlich über Mitspieler mit hirnsuffizienten Voraussetzungen, da es ja ansonsten diesbezüglich in der Partei der Verschwörungstheorien, eindimensionalen Denkstrukturen, rassistischen, völkischen und z.T. faschistoiden Ansichten eher tiefergelegt bis mau aussieht. So eine Philosoph in den eigenen Reihen macht den rückwärtsgewandten Verein zum „…Hort akademisch veredelten Politisierens.“ (Jörg Scheller in ZEIT-Online Jan. 16) So zeigt sich Jongen in seiner verschwurbelten Ausdrucksfähigkeit auch verantwortlich für zahlreiche „irrationale und romantisch-mythologische Passagen“ (Quelle s.o.) in den Thesenpapieren und Parteibeschlüssen der AfD. Es ist schon ein Unterschied, ob ich sage, „Ausländer sind scheiße“ (normale AfD-Sprache von der Straße) oder ob es heißt: „Das Eigene wird vor allem in der Bedrohung durch das Fremde auffällig, woraus dann auch die politische Motivation erwächst, sich dafür einzusetzen.“ (Jongen-Sprache)

Flüchtlinge gefährden die deutsche Sprache

Sale, wohin man schaut (Foto Arnold Illhardt)

Sale, wohin man schaut (Foto Arnold Illhardt)

Nun habe ich ja für mich den Entschluss gefasst, die AfD nicht weiter zu beachten, ich interessiere mich ja auch nicht fürs Dschungelcamp, was vom Niveau (ich möchte der Serie nicht unrecht tun) in etwa identisch ist. Doch dann las ich in besagter ZEIT (Nr. 23, 2016) folgende Passage aus einem Interview mit dem AfD-„Denker“: „Im elementaren Interesse des Volkes liegt zum Beispiel der Bestand des Staates und dessen konstituierender Faktoren, etwa der deutschen Sprache. Wenn wir die derzeitige Asyl- und Einwanderungspolitik betrachten, so ist deren logische Folge der Verlust der deutschen Sprache und des deutschen Staates. Ein paar Jahrzehnte weitergedacht, führt die aktuelle Politik zu einem Zustand, in dem Deutschland nicht mehr wiederzuerkennen ist.“

Imaginieren wir uns für einen Moment in die Verfassung eines deutschen Kleinbürgers, der Merkel am Stammtisch mehrfach exekutieren wollte, Ausländer als Bedrohung für was auch immer sieht, überall Verfall der Sitten und Traditionen wittert und entsetzliche Angst vor der eigenen Entscheidungsfreiheit besitzt. Gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, die ZEIT gehörte neben der BILD zu seinem bevorzugten journalistischen Jagdrevier, so würde Herr oder Frau Mustermann zu folgender Formel für seine Alltagsattribution gelangen: ZEIT + Aussage eines Philosophen + sogar bei Sloterdijk „gedient“ + Doktortitel + Bestätigung der eigenen Angst = Hilfe: Überfremdung!

Lässt man allerdings die zitierte Passage etwas auf sich wirken, so muss der smarte Philosoph wahrlich keinen guten Moment gehabt haben, als er sein Denken laut werden ließ. Denn: Was – zur Hölle – hat die deutsche Sprache mit der Asyl- und Einwanderungspolitik zu tun? Glaubt der Mann allen Ernstes, dass es künftig für Höschenwindeln, die ja jetzt schon Pampers heißen, afghanische Begriffe geben wird, Zwieback demnächst arabisiert wird und buqsuˈmɒːt heißt? Genauso wie auch der Karneval nicht immer schon existiert hat, musste sich auch die deutsche Sprache irgendwann mal entwickeln und hat sich – Achtung!! – schon im Mittelalter und früher lateinischer, griechischer und italienischer Wurzeln bedient, um nur ein paar zu erwähnen. Sprache, unwerte Rechtspopulisten, ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der sich stetig verändert, zurückschwappt und sich erneuert. Dass heute kabellose Telefone Smartphones und der Ort in der Post, wo Herr Schrabatzki Briefmarken verkauft, Service Point heißen, finde ich auch hoch anstrengend, aber das muss wohl mit amerikanischen Einwanderern oder Flüchtlingen zu tun haben. Und sollte das TRUMPel-Tier Präsident werden, könnte sich das Szenario einer amerikanischen Flüchtlingswelle sogar noch bewahrheiten. Aber ob Point oder Punkt: Die deutsche Sprache hat immer auch Retrowellen, und dann heißen alkoholfreie Getränke plötzlich wieder Fassbrause und Loungen gemütliche Kneipen. Es ist alles im Fluss!

Deutsche Sprache, schwere Sprache (Foto Arnold Illhardt)

Deutsche Sprache, schwere Sprache (Foto Arnold Illhardt)

Aber vielleicht denkt Herr Jongen bei seiner getätigten Aussage auch, dass die katastrophalen Rechtschreibschwierigkeiten urdeutscher Mitbürger ebenfalls mit den Flüchtlingen zu tun haben, da ja hier alle plötzlich iranisch oder nigerianisch denken. Hin und wieder erhalte ich Emails von Gymnasiasten oder Studenten, die nur so vor Fehlern wimmeln. Ich vermute mal, dass dies mit einer verkorksten Bildungspolitik zu tun hat, was aber nicht verwundert, wenn heute Schulbildung von Wirtschaftspädagogen gesteuert wird und es sich im Deutschunterricht vielerorts nur noch um eine Art Rateshow a la Glücksrad handelt, damit die jungen Leute auch den völlig überzogenen Numerus Clausus (Fremdwort!) von 1.0 für das Medizinstudium erlangen können. Aber das hat wiederum nichts mit Flüchtlingen, Asylanten oder Einwanderern zu tun.

Fazit

Kommen wir zurück zu Alltagsattributionen. Aus den zitierten Ausdünstungen von Jongen lernen wir, dass nicht alles glänzt, was philosophisch ist. Manchmal bohren Philosophen oder solche, die gerne welche wären, auch dicke Löcher, die sie anschließend nicht mehr schließen können. Oder bohren dort, wo schon längst ein Loch ist oder gar keins hin muss. Und damit das niemand merkt, reden sie eben deutsch-mingrelisch. So einfach ist das. Also merke: AfD-Mitglied + Aussage in welcher Zeitung auch immer + mit oder ohne Abitur und Doktortitel = grundsätzlich Bullshit.

Sollte Herr Jongen mit meinen Überlegungen nicht übereinstimmen, so wird er vermutlich Sätze sagen, wie „ich befände mich nicht auf seinem Niveau“ oder „es handele sich bei seinen Aussagen um einen Ausrutscher“. Vielleicht sollte er mal häufiger in die Apothekenrundschau gucken: Lesen, was gesund macht!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt