These: Das Christentum und die aus ihm hervorgegangen Kirchen sind sowohl ein Produkt des Patriarchats als auch sein seit zwei Jahrtausenden effektiv funktionierender Stabilisator. Über Frauenfeindlichkeit, Gewalt gegen Frauen, Unterdrückung des weiblichen Geschlechts und die mit ihnen verbundenen strukturellen Symptome zu schreiben und zu sprechen oder sich gar über sie zu wundern, ohne die Rolle des Christentums und der Kirchen zu reflektieren, bleibt eine unvollständige, weil wesentliche Ursachen verleugnende, Auseinandersetzung mit diesem Thema. (1)
In aktuellen feministischen Diskursen spielen das Christentum und die Kirchen keine zentrale Rolle mehr. Bis auf wenige Ausnahmen haben moderne Feministinnen sowohl mit dem patriarchalen Gottesbild als auch den christlichen Kirchen abgeschlossen. Zwar wird das Thema wegen seiner immensen historischen Bedeutung für das Leben von Frauen diskutiert, aber als relativ bedeutungslos für die eigene heutige Lebensgestaltung und Denkweise empfunden. Dies bedeutet nicht, dass moderne Feministinnen sich gänzlich von spirituellen Fragen verabschiedet haben. Die Antworten auf spirituelle Fragen werden von den meisten Frauen aber nicht länger im christlichen Glauben und in den Kirchen gesucht.
- Katholische Erziehung
- 1. Geboren im Marien-Wallfahrtsort Telgte und aufgewachsen in einer katholischen Familie: „Unter den Augen der Mutter Gottes“, wie eine Großtante einmal zu mir sagte, um dann hinzuzufügen, dass ich mich als Mädchen glücklich darüber schätzen solle. Das Umfeld war streng katholisch geprägt und bedeutete das volle katholische Programm: Gebete gehörten zu den täglichen Ritualen, in denen ich mich geborgen fühlte und die mir keineswegs lästig waren, katholischer Kindergarten, katholische Grundschule, Kommunion, Firmung, Beichte, die Sonntagsmesse als Pflicht und in der Woche zusätzlich die Schulmesse. Später das katholische Mädchengymnasium in Münster-Handorf, das von Ordensschwestern geleitet wurde.
- 2. Ich habe das alles keinesfalls als lästig empfunden, denn Religion und alles, was mit ihr verbunden ist, haben mich schon als Kind interessiert und dieses Interesse hat mich bis heute nicht losgelassen. Eine tiefgläubige Großtante, bei der ich als Kind viel Zeit verbrachte, hat sicher ihren Teil dazu beigetragen. Diese von mir sehr geliebte Großtante hatte keine eigenen Kinder und war über das religiöse Interesse ihrer Großnichte sehr erfreut. Die Karfreitagsliturgie, die schon am Gründonnerstag mit der Abendmesse begann und die sich Karfreitag mit dem Kreuzweg und der „allerheiligsten Kreuzesanbetung“ fortsetzte, gehörte zu unseren festen jährlichen Ritualen. Durch sie fühlte mich glücklich und geborgen und fest im Glauben an den Erlösertod Jesu verwurzelt. Als ich mit ungefähr 11/12 Jahren in die Pubertät kam, gab mir die Großtante eine kleine christliche Broschüre, in der es um das „angemessene“ Verhalten junger Mädchen ging. Ein Satz aus dieser Broschüre ist mir noch gut in Erinnerung: „Dein Leib ist der Tempel des Herrn“. Was das genau bedeutete, habe ich damals nicht verstanden, denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung von der menschlichen Sexualität. Keusch sollte ein Mädchen sein und zwar bis zur Ehe. Anständig sein und sich anständig kleiden, nicht vorlaut sein, sondern brav und gehorsam, diese Vorgaben waren in der Broschüre zu lesen. Bis auf die „Keuschheit“ war mir alles schon seit Jahren vertraut. Leider erzeugte diese kleine Broschüre bei mir eine starke Angst vor Männern. Außer vor meinem Vater und Großvater, denn sie waren in meinen Augen keine Männer. Männer wurden in dieser Broschüre als unberechenbar und potentiell gefährlich dargestellt, die sich nicht unter Kontrolle hatten. Gegen die als gefährlich für junge Mädchen dargestellten Männer half nur das keusche Verhalten eines Mädchens. Sie sollten die Männer vor sich selbst schützen. Die Broschüre landete Jahre später in der Ems, als ich mich von derartigen Belehrungen endlich verabschiedet hatte. Nie wäre ich damals auf die Idee gekommen, die Ungleichbewertung und -behandlung von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen in der Kirche in Frage zu stellen. Schon gar nicht das männliche Gottesbild! Warum musste ich als Mädchen auf mich aufpassen, obwohl doch die Männer sich offenbar nicht unter Kontrolle hatten? Warum durfte ich als Mädchen keine Messdienerin werden? Warum waren die Priester und Bischöfe und Papst Männer? Warum war Gott ein Mann (Gottvater)? Warum wollte er einen Sohn und keine Tochter? Es war so und ich dachte nicht weiter nach.
- 3. Es muss 1969 gewesen sein, denn es ging um die Wahl Willy Brandts zum Bundeskanzler. Mein Vater, der die kommenden Ostverträge begrüßte, hatte nicht verschwiegen, wegen der Ostverträge Willy Brandt und mit ihm die SPD zu wählen. Telgte war damals – im Gegensatz zu heute – tiefschwarz, d.h. dass die meisten Bürger:innen selbstverständlich die CDU wählten. Für katholische Christen war dies sogar eine Pflicht.

katholisches Ensemble (Foto MM) Die SPD zu wählen bedeutete Ketzerei, wenn nicht gar Gotteslästerung. Unserem damaligen Pastor, den ich, so lange ich mit ihm zu tun hatte, nie als wetternden Kanzelpfarrer, sondern als wertschätzend und moderat erlebt habe, musste zu Ohren gekommen sein, dass mein Vater die SPD gewählt hatte, auf jeden Fall stand er eines Tages vor unserer Tür und verschwand mit meinem Vater im Wohnzimmer. Wir Kinder mussten draußen bleiben. Mit 9 Jahren verstand ich ohnehin nicht, worum es ging. Ich ahnte nur, dass mein Vater irgendwie mit der SPD und Willy Brandt, den ich aus dem Fernsehen kannte, einen großen Fehler gemacht hatte. Aber warum? Was war so schlimm an Willy Brandt und der SPD? Mein Vater hat nie wieder die SPD gewählt.
- 4. Das Schulfach Religion war bis zum Abitur mein Lieblingsfach. Es wurde dann mein 3. Abiturfach und ich bedauerte, dass Religion nicht als Leistungskurs angeboten wurde. Ich hatte das Glück, eine Religionslehrerin zu haben, die die beginnende kritische Auseinandersetzung mit Glauben und Kirche begrüßte. Solange bestimmte Grenzen nicht überschritten wurden. Aber was wussten wir von diesen Grenzen? Meine Kritik erschöpfte sich in der Oberstufe in der Rolle der Kirche als Vertreterin der „alleinseligmachenden Wahrheit“, ihrem inquisitorischen Auftreten und ihrem Prunk und Reichtum. Ich hielt damals ein Referat über Camilo Torres, den kolumbianischen Priester und Revolutionär, der sich der Guerilla anschloss und bei seinem ersten Kampfeinsatz starb. Das war mein erster Kontakt zur Theologie der Befreiung, die mich seitdem nicht mehr losließ. Camilo Torres´ Leben, die Verbindung von christlichem Glauben und dem Einsatz für die Armen und sein Entschluss, zum Guerillero zu werden, faszinierten mich. Ein erster kleiner Schalter wurde bei mir durch dieses Referat umgelegt. Als ich im Religionsunterricht 1977 oder 1978 – es war die Zeit der RAF – in einer Diskussion sagte, dass es doch Parallelen zwischen dem Marxismus und dem Ur-Christentum gäbe, wurde ich nach der Unterrichtsstunde zum Gespräch gebeten. Die Religionslehrerin warnte mich vor der Gefahr, mit derartigen Aussagen „in falsche Fahrwasser zu geraten“. Welche „falschen Fahrwasser“ sie meinte, war mir nicht sofort klar. Es war die Zeit, in der alle, die auch nur den Hauch von Verständnis für die Anliegen der RAF-Mitglieder äußerten, sofort verdächtigt wurden, zu den sog. Sympathisanten zu gehören. Inhaltlich ist die Religionslehrerin nicht auf meine Aussage eingegangen, aber sie befürchtete wohl, dass ich mich auf die Seite der Sympathisanten, wenn nicht gar der RAF schlagen könnte.
- 5. An der Uni Münster schrieb ich mich neben Germanistik – nach einem einsemestrigen frustrierenden Exkurs in die Kunstgeschichte – für das Fach Katholische Theologie ein. Im Grundstudium intensivierte sich der Kontakt zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Ich las Leonardo Boff, lernte Bischof Paulo Evaristo Arns, Erzbischof von Sao Paulo, und Dom Helder Camara, Erzbischof von Olinda und Recife, auf Veranstaltungen der KHG kennen. Alle drei waren prominente brasilianische Vertreter der Befreiungstheologie. Ich war begeistert! Die Begeisterung fiel aber in einem (obligatorischen) Seminar über Sakramententheologie in sich zusammen. Da war er wieder, der Anspruch der katholischen Kirche auf die alleinseligmachende Wahrheit!

Camilo Torres (Foto Wikipedia) Das, was dort vorgetragen und ernsthaft diskutiert wurde, widersprach 1. meinem gesunden Menschenverstand und 2. meinem Gerechtigkeitsempfinden. DAS konnte nicht Gottes Wille sein: alle Menschen, die nicht an den Sakramenten teilhaben konnten oder wollten, würden nur unter schwierigen Bedingungen oder gar nicht an der sog. Erlösung teilhaben? Und was war das überhaupt: Erlösung? Erlösung von was? Und warum? Was war so schlimm an den Menschen, dass sie erlöst werden mussten? Und was war mit denen, die nie etwas vom katholischen Glauben erfahren konnten? Sollten sie jetzt alle in der Hölle schmoren? Nein, das konnte nicht sein! Was war das für ein Gott, den sich die Christen da ausgedacht hatten? Ich gab nach dem Grundstudium auf und wechselte zum Fach Geschichte.
- 6. Dennoch blieb ich noch lange gefangen im patriarchalen Dschungel des christlich-katholischen Glaubens. 21 Jahre katholische Sozialisation, da dauert der Befreiungsprozess! Durch meine Beschäftigung mit dem Feminismus war Anfang der 80er Jahre der Weg nicht weit zur Feministischen Theologie. Ich entdeckte, dass es FRAUEN gab, die sich in den Kirchen, in der Theologie zu Wort meldeten. Studierte Theologinnen aus beiden christlichen Konfessionen begannen, sich mit der Männertheologie und den beiden Kirchen auseinanderzusetzen. Einige von ihnen kratzten sanft am herkömmlichen patriarchalen Gottesbild, andere von ihnen waren radikal und brachten sämtliche Gefüge zum Einsturz. „Die Vorstellung, dass Frauen in der katholischen Kirche Gleichberechtigung anstreben, ist ebenso lächerlich und mitleiderregend wie der Gedanke, dass schwarze Menschen im Ku-Klux-Klan Gleichberechtigung suchen“ (Mary Daly). (2) Das waren die feministischen Theologinnen, die ihre Kirche verließen und radikal Schluss machten mit dem männlichen Gottesbild. Ich las alles, was ich zu diesem Thema an Büchern bekommen konnte, und beteiligte mich an einer Frauengruppe, die sich intensiv mit der Feministischen Theologie und ihren verschiedenen Richtungen beschäftigte. Im Nachhinein vermute ich, dass ich, obwohl mich die radikalen feministischen Theologinnen wie Mary Daly faszinierten und ich ihnen Recht geben musste, insgeheim immer noch auf eine Aussöhnung mit dem Glauben und der Kirche hoffte. Aber das Gegenteil war der Fall: je länger ich mich mit Glaubens- und Kirchenthemen beschäftigte, umso tiefer wurde der Riss. Bis schließlich das gesamte katholisch-kirchliche Gebäude in mir zusammenbrach.
- 7. Nachdem ich mich über 30 Jahre mit dem christlichen Glauben und der katholischen Kirche „herumgeschlagen“ hatte (ich kann es heute nicht anders nennen), bin ich 2014 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Bereut habe ich es nie! Es war eine Befreiung. Im Rückblick kommen mir die Jahre der

Die Dreifaltigkeit mit der Weltkugel – Gott Vater rechts, Jesus Christus links (Ikone von Elias Moskos oder Michail Damaskinos, 16. Jh.) Foto: Wikipedia Auseinandersetzung vor wie der Versuch einer Quadratur des Kreises. Ich konnte nicht loslassen, habe nach Gründen gesucht, als Frau in der Kirche und im Glauben zu bleiben. Aber ich fand diese Gründe nicht und musste erkennen, dass der christliche Glaube an sich falsch sein musste und die Kirchen deshalb unrettbar verloren sind. Da gab und gibt es in meinen Augen nichts mehr zu reformieren. Wie soll ein Gebäude, das auf falschen, nicht tragfähigen Fundamenten gebaut wurde und dessen Architekten zusätzlich noch für jede Menge Baumängel verantwortlich sind, renoviert werden? Sich als Frau in einem frauenfeindlichen patriarchalen Glauben und in einer ebensolchen Kirche zu engagieren, um Änderungen zu bewirken, ist in meinen Augen müßig. Und dass die Kirchen und das Christentum die Welt und die Menschen besser gemacht haben (Stichwort: „Werte des christlichen Abendlandes“), kann ich mit Blick auf die abendländische Geschichte beim besten Willen nicht erkennen. Im Namen des Christentums sind so viele Grausamkeiten, so viele Brutalitäten, ist so viel Unheil – vor allem gegenüber Frauen und im Zuge des Kolonialismus auch gegenüber Andersgläubigen – verübt worden, dass es geradezu absurd erscheint, von den Wohltaten des Christentums zu sprechen. Zudem sind entgegen der herkömmlichen Meinung Werte wie Nächstenliebe und Frieden nicht originär christlich. Diese Werte gab und gibt es auch in anderen Glaubenssystemen und Kulturen.

Mit dem Verlassen der katholischen Kirche habe ich die Themen „Glauben und Spiritualität“ dennoch nicht aus meinem Leben verbannt. Vergleiche zwischen den verschiedenen Glaubenssystemen und Kulturen zu ziehen, ethnologischen Themen und die Entwicklung des Patriarchats – alles äußerst spannende und aufschlussreiche Themen! Wie oft war ich entsetzt darüber, welcher Täuschung, welchen Lügen, welch´ tiefer Misogynie, ja, auch struktureller Gewalt ich als Frau im Christentum und der Kirche all die Jahre ausgeliefert war! Wie konnte ich so blind gewesen sein? Und wie konnte es sein, dass es immer noch so viele Frauen gab, die sich im Glauben und den Kirchen engagierten? Warum kehren nicht alle Frauen dem Glauben an eine dreiteilige Männergottheit und den Kirchen den Rücken? Eigentlich müsste es doch einen milliardenfachen Exodus der Frauen geben!
Aber wohin jetzt? Gab es Alternativen? Eine rein materialistische Einstellung, die den Menschen als homo oeconomicus definiert, der per Zufall aus dem Nichts auf diese Welt kommt, rücksichtslos und ignorant möglichst viel Besitz anhäuft und der dann eines Tages umfällt, um wieder ins Nichts zu verschwinden, war und ist mir bis heute fremd.
Und: während der Beschäftigung mit der feministischen Theologie und anderen Glaubenssystemen begann sich im Hintergrund das Bild einer FRAU immer deutlicher abzuzeichnen. In vorpatriarchalen Kulturen war sie die „Allumfassende Göttin“, die „Große Muttergöttin“. Eine FRAU, die als GÖTTLICH wahrgenommen worden war? WOW! Ich war begeistert!
2. Befreiung: Das Bild der Großen Muttergöttin
„Ich halte die Symbolsprache für die einzige Fremdsprache, die jeder von uns lernen sollte.“ (Erich Fromm, aus: Märchen, Mythen, Träume)
In vorpatriarchalen, egalitären-matriarchalen (3) Gesellschaften war der Glaube an eine Große Muttergöttin fest verankert. Sie war die Göttin des Himmels und der Erde, die Göttin der gesamten Schöpfung. Der Ursprung allen Lebens war weiblich und göttlich! Die Große Muttergöttin symbolisierte die Fruchtbarkeit der Natur und den Zyklus von Werden und Vergehen. Die Große Muttergöttin begleitete die Menschen ins und durch das Leben, aber sie war auch gleichzeitig die Todesgöttin, die die Menschen ins Jenseits führte. Sie war der Tag und sie war die Nacht, sie war wohlwollend und verschwenderisch mit ihren Gaben, aber sie konnte auch grausam sein, wenn Menschen in ihrer Gier gegen das Gebot, die Schöpfung zu bewahren, verstießen.

Was lag damals näher im Erleben der Menschen, als die Schöpfung als weiblich zu erleben!? Frauen gebären die Kinder und begleiten und unterstützen in ihren verschiedenen Rollen den Lebenszyklus eines Menschen. Die Muttergöttin trug viele Namen: Gaia, Innana, Astarte, Isis, um nur einige Beispiele zu nennen. Im mitteleuropäischen Raum hieß die Große Muttergöttin Frau Holle, die je nach Region auch Freya, Frigg, Bertha oder Frau Percht genannt wurde. Selbst die in der griechischen Mythologie zu einem zänkischen Eheweib degradierte Hera war zuvor eine Große Muttergottheit gewesen. Im Zuge der patriarchalen Okkupationen dieser Kulturen veränderte die Große Muttergöttin ihre Funktionen und wurde zunächst aufgespalten in verschiedene weibliche Gottheiten, die zu Nebengöttinnen wurden, als Töchter eines mittlerweile männlichen Gottes. Bis sie aufhörten im Gedächtnis der Menschen zu existieren… Zu entdecken ist die Große Muttergöttin noch in zahlreichen antiken bis zu 30 000 Jahre alten Abbildungen, Skulpturen, in Mythen, Sagen, Märchen und Jahresfesten. Die Große Muttergöttin ist im Zuge der Patriarchalisierung mehr und mehr in den Untergrund gegangen… Aber wer sich dort auf die Suche macht, kann sie noch immer finden.
Am Beispiel der Frau Holle ist gut zu erkennen, dass die Große Muttergöttin eine Göttin des Himmels war, denn sie konnte es schneien lassen. Gleichzeitig war sie die Göttin der Erde, denn unter ihrer Obhut wuchsen Obst und Getreide (im Märchen Apfelbaum und Brot). Und sie war die Göttin der Unterwelt, denn der Zugang zu ihr war der Brunnen, der ein Symbol für die Schwelle zum Jenseits war. Sie übernahm die Initiierung der Mädchen zur Priesterin, deren Aufgaben durch die Brüder Grimm zur bloßen Hausarbeit wurde.

Im katholischen Christentum wurde die Große Muttergöttin zu Maria, die Gottesgebärerin, die Auserkorene unter allen Frauen. Doch dazu mehr in einem weiteren Artikel.
Die Große Muttergöttin wurde häufig in dreierlei Gestalt dargestellt, entsprechend den Lebenszyklen einer Frau: Als junge Frau, die Tochter, der die Farbe weiß zugeordnet wurde, als fruchtbare, mitten im Leben stehende Frau, der Mutter, der die Farbe rot zugeordnet wurde, und als Weise Alte, die Großmutter. Ihre Farbe war schwarz. Weiss, rot und schwarz sind die Farben der Großen Muttergöttin. Wer denkt da nicht an das Märchen von Schneewittchen, in der sich die Königin ein Mädchen wünscht, das so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz ist?
Es gibt zahlreiche Beispiele für die dreigestaltige Göttin:
- Es sind die drei Matronen im Rheinland: Großmutter, die Tochter in der Mitte, und rechts die Mutter. Sie sind auf hunderten von Weihesteinen zu finden.
- Es sind die drei griechischen Schicksalsgöttinnen, die Moiren: Klotho, die den Lebensfaden eines Menschen spinnt, Lachesis, die die Länge des jeweiligen Lebensfadens bestimmt, und Atropos, die den Lebensfaden durchschneidet.
-

Die drei Matronen, Bad Münstereifel-Pesch (Foto MM) Es sind die drei Nornen aus der nordischen Mythologie: Urd, Verdandi und Skuld, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft symbolisieren.
- Weitverbreitet war in Mitteleuropa die Verehrung der sog. drei Bethen: Ambeth, Borbeth und Wilbeth, die je nach Region auch andere Namen tragen konnten. An ihre Stelle traten die sog. heiligen drei Madel Katharina, Barbara und Margareta: “Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die heiligen drei Madel“. Die Attribute der drei Heiligen gehen zurück auf ihre Legenden: Katharina wird mit einem Rad abgebildet, Barbara mit einem Turm, meist mit drei Fenstern, und Margareta mit einem (oft angeleinten) Drachen (oder auch Mann!) zu ihren Füßen. Eine von ihnen ist in jeder katholischen Kirche zu finden, oft auch zwei und manchmal alle drei zusammen, was für einen ganz besonderen Ort spricht. Sie sind die einzigen Frauen der sog. vierzehn Nothelfer. In Weilerswist im Rheinland wurden die drei Bethen zu den Heiligen Fides, Spes und Caritas. Verehrt werden sie in der Pfarrkirche und auf einer Anhöhe, dem „Swister Türmchen“, das auf einem alten römischen Heiligtum errichtet wurde.

- Und wer kennt nicht aus der griechischen Mythologie die weiblich-göttliche Trias Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus, ihre Tochter Persephone (Kore), die von Hades in die Unterwelt entführt wurde, und Hekate, die Göttin der Unterwelt, des Jenseits? Die mächtige Demeter, die alles Wachstum auf der Erde einstellte, bis Hades sich einverstanden erklärte, dass Persephone für einige Monate zu ihrer Mutter auf die Erde zurückkehrte. Kehrt Persephone zu ihrer Mutter Demeter zurück, kommen Frühling und Sommer und mit ihnen die Fülle der Natur, muss sie zu Hades zurückkehren, stellt Demeter das Wachstum der Natur ein und es ist Herbst und Winter.
Das Bild einer dreigestaltigen Gottheit ist also wahrlich keine Erfindung des Christentums. Nur macht die christliche Dreifaltigkeit eines männlichen Gottes – anders als die dreigestaltige Muttergöttin, die den Lebenszyklus der Menschen widerspiegelt – für viele Menschen keinen Sinn, da sie keinen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit hat. Denn wer versteht schon, dass der männliche Gott einer ist und zugleich drei? Die Vorstellung eines dreifaltigen Gottes hat sich lediglich schon existierender Vorstellungen weiblicher Göttlichkeit bedient und sie patriarchalisiert. So, wie im Zuge der Christianisierungen auch andere Vorstellungen, Personen, Orte und Symbole übernommen wurden. Denn ausmerzen konnten die Missionare all die alten Vorstellungen nicht. Da lag es nahe, Kirchen und Kapellen an alten sakralen Orten zu errichten, „heidnische“ Symbole zu übernehmen und die alten Göttinvorstellungen nun christlichen Heiligen zuzuordnen. Damit alles christlich stimmig wurde, bekamen die Heiligen ihre passenden Legenden zugewiesen (vgl. Legenda aurea von Jacobus von Voragine aus der Mitte des 13. Jahrhunderts), aus denen ihre Schutzpatrozinien entwickelt wurden. Die ihrerseits wiederum sehr aufschlussreich für ihre ursprünglich zugeschriebene Wirkmacht sein können. (5)

Im Zuge der Patriarchalisierung der Kulturen im eurasischen Raum wurde im Laufe der Zeit aus der Muttergöttin ein männlicher Gott (z.B. Zeus). Zunächst der Muttergöttin als Gefährte beigesellt, übernahm dieser göttliche Gefährte dann die „Führungsposition“. Dieser Prozess dauerte Jahrhunderte. Das Bild der Muttergöttin verlor zunehmend an Bedeutung, denn am Ende konnten die Männergötter sogar „gebären“: Athene entsprang in voller Rüstung Zeus´ Kopf und der biblische Gott schuf Adam aus Erde und Eva aus der Rippe Adams. Keine Frau war dafür mehr nötig.
„Der Gedanke, dass der Mann allein, mit seinem Munde, durch sein Wort, aus seinem Geist, lebendige Wesen schaffen kann, ist die widernatürlichste Phantasie, die nur denkbar ist; sie verneint alle Erfahrung, alle Wirklichkeit, alle natürliche Bedingtheit. Sie setzt sich über alle Schranken der Natur hinweg, um das eine Ziel zu erreichen: den Mann darzustellen als den schlechthin Vollkommenen, als den, der auch die Fähigkeit besitzt, die ihm das Leben versagt zu haben scheint, die Fähigkeit zu gebären. Diese Phantasie, die nur auf dem Boden einer extrem patriarchalischen Gesellschaft erwachsen kann, ist das Urbild allen idealistischen, sich über die natürlichen Bedingungen und Gegebenheiten hinwegsetzenden Denkens. Sie ist gleichzeitig der Ausdruck einer tiefen Eifersucht des Mannes auf die Frau, des Gefühls seiner Minderwertigkeit durch den Mangel dieser Fähigkeit, des Neides auf ihr Gebärenkönnen und des Wunsches, diese Fähigkeit, wenn auch mit anderen Mitteln, zu erlangen.“ (Erich Fromm)
Aus der männlichen Hauptgottheit wurden zahlreiche Nebengottheiten mit eigenen Zuständigkeitsbereichen in Töchter und Söhne, Brüder und Schwestern abgespalten. Auch der biblische Gott hatte Konkurrenz. Nicht ohne Grund lautet das erste Gebot: „Ich bin der HERR, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Offenbar war dieses Gebot diesem Gott so wichtig, eben weil er starke Konkurrenz befürchtete. In der „Monotheisierung“ wurden die Nebengötter abgeschafft (bzw. im katholischen Christentum zu Heiligen) und im patriarchalen Monotheismus blieb nichts Göttliches, das weibliche Züge trug. Selbst der Heilige Geist, hebräisch=ruach=feminin, also eigentlich die Heilige Geistin, die im ersten Satz der Genesis „über den Wassern schwebte“, wurde ver-männlicht. Er wird später in der Verkündigungsszene als Erzeuger Jesu angekündigt. Die Frau – hier Maria – wurde zur willfährigen Gebärmaschine. Auch das Symboltier des Hl. Geistes, die Taube, war ursprünglich weiblich konnotiert. Sie war in vorchristlichen Kulturen das Begleittier der Göttinnen Aphrodite, Istar, der Ashtarte u.a. (6)
3. Fazit
Um welch´ große Geschichte sind wir Frauen betrogen worden! Nicht nur, dass dem Weiblichen alles Göttliche, Verehrungswürdige abgesprochen und genommen wurde, wir Frauen wurden in den monotheistisch-patriarchalen Religionen degradiert zu Sünderinnen, zu Menschen zweiter Klasse, ohne transzendentalen Rückhalt. Wo es früher noch Priesterinnen und Apostelinnen gab (vgl. z.B. Paulusbriefe im Neuen Testament), wurden Frauen immer mehr auf die Aufgaben reduziert, „dem Manne“ Kinder zu gebären, und zwar möglichst Söhne, von Gott, dem König, dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann beherrscht zu werden und sich ihnen willenlos unterzuordnen! Frauen wurden als „Ehebrecherinnen“ gesteinigt, zu Zehntausenden als „Hexen“ verbrannt, ihnen wurde und wird auch heute noch nahezu jede Form von Gewalt angetan, sie werden in Kriegen vergewaltigt, sie wurden und werden zwangsverheiratet, ihre Genitalien werden verstümmelt, ihr Wissen wurde geraubt und unterdrückt, ihre Namen aus der Geschichte und aus Wissenschaft, Musik und Literatur getilgt. Jahrhunderte haben sich berühmte Theologen (Augustinus, Thomas von Aquin, Tertullian, der Frauen als „Pforte des Teufels“ bezeichnete, und zahlreiche andere, die in den Rang von „Kirchenlehrern“ aufstiegen) den Kopf darüber zerbrochen, was sie Frauen alles an Schlechtem, an Teuflischem andichten konnten.

Wie im Himmel, so auf Erden! Das Patriarchat schuf sich in seinen patriarchal-monotheistischen Religionen ein Gottesbild und ein Glaubensgefüge, das ihm entsprach: männlich, hierarchisch, auf Befehl und Gehorsam basierend. Aber es schuf sich nicht nur ein passendes Gottesbild, sondern auch ein Menschenbild, das den Mann an die oberste Stelle setze. Und alles, was nicht männlich (und später auch nicht weiß) war, wurde zur Ausbeutung freigegeben.
Seit ca. fünf Jahrtausenden beherrschen Männer den Himmel und die Erde. In ihrer Denktradition haben sie die Erde zur toten, ausbeutbaren Materie erklärt und ihr den Männer-Geist in Männerworten entgegengesetzt. Alle anderen Wahrnehmungen, Vorstellungen, Ideen – vor allem, wenn sie von Frauen kamen/kommen – wurden als Ketzerei gnadenlos verfolgt oder nicht ernstgenommen. Das Ergebnis ist für jeden Menschen sicht- und erlebbar. Die Erde ist wund und sie wird von männergemachten Katastrophen geflutet. Bei wie vielen dieser Katastrophen stand der Gott im Himmel Pate? Hatte er den Männern nicht den Freibrief gegeben, sich die Erde untertan zu machen?

Ich denke, dass wir dringend einer neuen, einer weiblichen Ethik bedürfen. Es kann bei der sog. Emanzipation, der Beendigung der Unterdrückung von Frauen nicht darum gehen, männlich-patriarchale Glaubensvorstellungen, Gottesbilder, Menschenbilder und Verhaltensweisen zu kopieren. An dieser Stelle kommt das Bild der Großen Muttergöttin ins Spiel. Es geht bei diesem Bild nicht um einen neuen Kult, nicht um eine neue Religion, sondern um ein lebensbejahendes Symbol! Die Große Muttergöttin verkörpert die Fülle des Lebens, das Leben selbst. Nicht nur das menschliche Leben, sondern die gesamte Schöpfung, also auch das Leben aller nicht-menschlichen Geschöpfe, denen heute furchtbares Leid zugefügt wird. Dieses matriarchale Gegenbild entzieht dem männlichen Herrschaftsanspruch die Legitimationsgrundlage und macht Frauen Mut – und Lust auf die dringend nötige Bewusstseinstransformation auf dem Weg zu einer egalitären, von Wertschätzung für die Schöpfung und das Leben durchdrungenen, spirituellen Gesellschaft.
Auf diesem Weg sind Kirchen und Kapellen, Mythen, Legenden und Märchen und auch alte Darstellungen vorchristlicher Göttinnen mit ihren Attributen und Symbolen unerschöpfliche und wertvolle Quellen, die Frauen ungemein stärken können. Sie sind Entdeckungsreisen zu den Quellen weiblicher Kraft, Spiritualität und Lebensliebe.
Und die Gestalt der Gottesmutter Maria erscheint bei diesen Entdeckungsreisen in einem vollkommen neuen Licht! Wer war sie, wen verkörpert sie und welche Botschaft hält für uns Frauen (und natürlich auch Männer) bereit?
Doch dazu mehr in meinem nächsten Artikel.
(1) Patriarchat = Herrschaft der Väter, eine Herrschaftsgesellschaft mit Männern an der Spitze, hierarchisch strukturiert und basierend auf Befehl und Gehorsam, der Gehorsam wird mit Hilfe von Erzwingungsstäben (Exekutive) gewaltsam durchgesetzt, patriarchales Gottesbild, Frauen spielen eine untergeordnete Rolle (vgl. Göttner-Abendroth, Heide und Derungs, Kurt (Hg.): Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften. 1997)
(2) Daly, Mary: Jenseits von Gottvater, Sohn & Co. 1973
Mary Daly war eine us-amerikanische katholische Theologin und Professorin am Boston College. Ihre Lehrtätigkeit beendete sie auf Grund massiver Auseinandersetzungen mit dem College. Mary Daly war sicher eine der radikalsten feministischen Theologinnen.
(3) Matriarchat = Am Anfang die Mutter, egalitäre Gesellschaften, herrschaftsfrei und konsensorientiert (s.o. Göttner-Abendroth und Derungs)
(4) Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen. Eine Kraftquelle weiblicher Spiritualität neu entdeckt. 1997
(5) Kutter, Erni: Heilige Weibsbilder. Gelehrt, eigenwillig, streitbar. 2014
(6) Sjöö, Monica und Mor, Barbara: Wiederkehr der Göttin. Die Religion der kosmischen Mutter und ihre Vertreibung durch den Vatergott. 1985
Weiterführende Literatur:
Armbruster, Kirsten: Gott, die Mutter. Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus. 2013
Früh, Sigrid (Hg.): Märchen und Geschichten aus der Welt der Mütter. 1989
Dies.: Märchen von Hexen und Weisen Frauen. 1987
GardenStone: Göttin Holle. Auf der Suche nach einer alten Göttin. 2006
Gimbutas, Marija: Die Sprache der Göttin. 1995
Göttner-Abendroth, Heide: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. 2008
Mulack, Christa: Religion ist zu wichtig…um sie den Männern zu überlassen. 2012
Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. 2012
Walker, Barbara G.: Das geheime Wissen der Frauen. 1995
Zingsem, Vera: Göttinnen großer Kulturen. 1999
Dies.: Freya, Iduna und Thor. Vom Charme der germanischen Göttermythen. 2010