von Arnold Illhardt

Albert Schweitzer nannte Spielplätze gesellschaftliche Versuchslabore. Wie richtig das ist, zeigen meine tägliche Beobachtungen eines Spielplatzes in meiner Nähe. Ist das, was sich auf einem Kleinkinderspielplatz abspielt, vielleicht sogar ein Abbild gesellschaftlicher und demokratischer Prozesse? Eine Überlegung.
Jeden Tag führt mich mein Spaziergang mit dem Hund an einem Spielplatz vorbei. Im Vergleich zu vielen eher lieblos eingerichteten Plätzen in anderen Städten macht dieser Ort einen einladenden und freundlichen Eindruck, was sich bei gutem Wetter an den vielen Besuchern ablesen lässt. Es gibt bunte Klettergerüste, Rutschen, Schaukeln, Wippen und einen großen Sandspielbereich. Aufgrund der Beschaffenheit des Platzes findet man hier fast ausschließlich kleine Kinder im Beisein ihrer Eltern. Zwei Vereine der Stadt haben eine bunte Kiste gespendet, in der sich Sandspielzeug zur freien Nutzung befindet.
Vermutlich ist es meinem früheren Beruf als Kinder- und Jugendpsychologe, aber auch meinem allgemeinen Interesse an gesellschaftlichen Abläufen geschuldet, dass mich Orte interessieren, an denen Kommunikation und Interaktion stattfindet. Bereits in einem früheren Artikel auf QUERZEIT (https://querzeit.org/schlaglicht/kinderspielplaetze) bezog ich mich auf das Thema Spielplätze. Bei einem Besuch in Kaysersberg, dem Geburtsort des Arztes und Philosophen Albert Schweitzer, entdeckte ich einen interessanten Satz des Nobelpreisträgers, der mich nachhaltig beschäftigte und beim Verfassen dieses SCHLAGLICHTS eine entscheidende Rolle spielte.
„Bei einem Kinderspielplatz handelt es sich eigentlich um ein Versuchslabor. Ein Kinderspielplatz ist nämlich eine (nahezu) perfekte Nachbildung der Gesellschaft, in der Ihr Kind später leben wird…“

Ganz oft beobachtete ich eher beiläufig das Verhalten der Erwachsenen und ihrer Kinder auf diesem von der Stadt eingerichteten Spielplatz und mir fielen dabei sich wiederholende Vorgänge auf. Mich interessierte, wie die Menschen – Erwachsene wie Kinder – mit einem solchen öffentlichen Angebot umgehen, wie sie ihre Wertschätzung zeigen und welche möglichen Bezüge dieses Verhalten auf gesellschaftliche und vielleicht sogar demokratische Prozesse hat.
Ich konnte vier Gruppen unterscheiden, die sicherlich jegliche Vollständigkeit entbehren.
Gruppe A:
Ich beobachtete Eltern, die mit ihren Kinder den Platz ansteuerten und hier vor allem die Kletter- und Schaukelmöglichkeiten für kurze Zeit nutzten. Oft brachten sie eigenes Spielzeug mit. Dabei fiel mir auf, dass die Eltern oder auch Großeltern sehr präsent waren, z.T. mitspielten oder die Kinder von den Bänken aus beobachteten.
Gruppe B:

Die Gruppe ähnelt im Grund der ersten, nur mit einem Unterschied: Die sogenannte „Buddelkiste“ am Rand des Platzes kam zum Einsatz. Die Spielsachen wurden – oftmals gemeinsam – ausgepackt, um dann auf dem Gelände genutzt zu werden. Wie bereits oben beschrieben, schienen mir auch diese Eltern sehr wachsam und zugewandt zu sein. Vor dem Verlassen des Geländes wurden die Spielsachen eingesammelt, wobei im günstigsten Fall die Kinder aufgefordert/animiert wurden, sich beim Aufräumen zu beteiligen. Oft lobten die Eltern im Beisein der Kinder das Angebot, Sandspielzeug zur Verfügung zu stellen. Vor allem das Einbeziehen der Kleinen empfand ich als pädagogisch und entwicklungspsychologisch sehr wichtig.
Gruppe C:

Hier handelt es sich um recht unangenehme Zeitgenossen. Die Kinder holten das Spielzeug aus der Kiste und verteilten es im Sandspielbereich, unter Umständen auch außerhalb des Platzes oder im benachbarten Gebüsch. Die Eltern schienen recht unbeteiligt, sogar desinteressiert zu sein. Sie griffen z.B. nicht ein, wenn Schaufeln oder Förmchen ins Gebüsch geworfen wurden. Das Spiel der Kinder wurde nicht verfolgt, viele Erwachsenen waren intensiv mit ihren Smartphones beschäftigt oder führten Telefongespräche. Nach Verlassen des Spielplatzes blieb das genutzte Spielzeug achtlos liegen. Man schien sich nicht dafür verantwortlich zu fühlen, den Platz so zu verlassen, wie man ihn vorgefunden hat.
Gruppe D:
Häufig fand ich frühmorgens den Sandkasten übersät mit zurückgelassenem Spielzeug vor. In diesem Zusammenhang fiel mir eine vierte Gruppe auf. Eltern und Kinder, die diesen unaufgeräumten Spielplatz vorfanden, hielten sich dort für eine Weile auf und spielten ganz normal. Häufig erklärten die Erwachsenen ihren Sprösslingen, dass es kein gutes Verhalten der Vorgänger gewesen sei, alles liegen zu lassen. Zumeist kümmerten sich die Eltern darum, oft auch mit Unterstützung der Kinder, dass der Platz wieder aufgeräumt wurde, obschon es nicht ihre Aufgabe gewesen wäre.
Der Spielplatz als Versuchslabor ist nur ein Beispiel. Ein ähnliches Vorgehen habe ich in meiner Stadt bei einem freien Bücherregal beobachtet: Es gibt ordnungsliebende Nutzer, die das Angebot zu schätzen wissen und entsprechend sorgsam damit umgehen, aber auch solche, die Bücher herausreißen, lieblos aufeinanderstapeln oder gar auf den Boden werfen und Personen, die ein solches „Schlachtfeld“ wieder aufräumen. (Nachdem ich selbst die Regale aufgeräumt hatte, beobachtete ich eine alte Dame, die völlig achtlos mit den Büchern umging. Als ich sie ansprach, wies sie ihr Verhalten von sich und gab an, das Regal so vorgefunden zu haben.)
„Dekliniert“ man nun diese vier verschiedenen Vorgehensweisen auf gesellschaftliche Abläufe oder in politischer Hinsicht auf ein Staatssystem wie die Demokratie, so wird die Idee hinter diesem SCHLAGLICHT möglicherweise deutlich. Der Spielplatz (= Staat, Gesellschaft oder Demokratie) funktioniert nur, weil es Personen gibt, die
a) mit Wertschätzung und Sorgfalt, sowie
b) über ihre eigentliche Zuständigkeit hinaus Fürsorge zeigen und sich kümmern.
Für die Aufrechterhaltung einer soziale Ordnung, eines gesellschaftlichen Systems sind immer Menschen wichtig, die sich kümmern, Verantwortung übernehmen oder ehrenamtlich tätig sind. Ein Staat oder eine Stadt würde zu einem unmenschlichen Ort, wenn die in diesen Systemen lebenden Menschen nur fordern, passiv sind und sich in der Selbstverständlichkeit suhlen, dass andere bzw. die Stadt/der Staat für sie da sind. (Eine Frau in meiner Stadt, die darauf angesprochen wurde, den Haufen ihres Hundes zu beseitigen, antwortete, dass sie dafür schließlich Hundesteuer zahle!)
Interessanterweise neigen vor allem die egoistischen Nutznießer solcher Maßnahmen dazu, Personen, die sich kümmern und engagieren, schlechtzureden, ihnen Gutmenschlichkeit vorzuwerfen oder mit Verachtung zu begegnen. Damit versuchen sie, über ihre eigene Unzulänglichkeit und soziale Inkompetenz hinwegzutäuschen.
Wichtig bei diesem Szenario ist mir vor allem die Rolle der Kinder. Es ist entwicklungspsychologisch und pädagogisch sehr entscheidend, sie schon früh in Prozesse, wie Wertschätzung, Sorgfalt, Fürsorge und Sich-Kümmern einzubinden, um so ihre soziale Kompetenz zu schärfen. Kinder haben normalerweise feine Antennen für solche Prozesse, die aber früh verkümmern, wenn eine Heranführung nicht erfolgt. Bei vielen Erwachsenen, auch alten (!) scheint es oft aussichtslos, auf eine Überwindung ihres Egoismus und sozialen Herzlosigkeit zu hoffen. Vermutlich sind zur Achtsamkeit erzogene Kinder die einzige Chance, die durch den Rechtsnationalismus losgetretene individuelle Verrohung und gesellschaftliche Verwahrlosung zu bremsen.