These: Das Christentum und die aus ihm hervorgegangen Kirchen sind sowohl ein Produkt des Patriarchats als auch sein seit zwei Jahrtausenden effektiv funktionierender Stabilisator. Über Frauenfeindlichkeit, Gewalt gegen Frauen, Unterdrückung des weiblichen Geschlechts und die mit ihnen verbundenen strukturellen Symptome zu schreiben und zu sprechen oder sich gar über sie zu wundern, ohne die Rolle des Christentums und der Kirchen zu reflektieren, bleibt eine unvollständige, weil wesentliche Ursachen verleugnende, Auseinandersetzung mit diesem Thema. (1)
In aktuellen feministischen Diskursen spielen das Christentum und die Kirchen keine zentrale Rolle mehr. Bis auf wenige Ausnahmen haben moderne Feministinnen sowohl mit dem patriarchalen Gottesbild als auch den christlichen Kirchen abgeschlossen. Zwar wird das Thema wegen seiner immensen historischen Bedeutung für das Leben von Frauen diskutiert, aber als relativ bedeutungslos für die eigene heutige Lebensgestaltung und Denkweise empfunden. Dies bedeutet nicht, dass moderne Feministinnen sich gänzlich von spirituellen Fragen verabschiedet haben. Die Antworten auf spirituelle Fragen werden von den meisten Frauen aber nicht länger im christlichen Glauben und in den Kirchen gesucht.
- Katholische Erziehung
- 1. Geboren im Marien-Wallfahrtsort Telgte und aufgewachsen in einer katholischen Familie: „Unter den Augen der Mutter Gottes“, wie eine Großtante einmal zu mir sagte, um dann hinzuzufügen, dass ich mich als Mädchen glücklich darüber schätzen solle. Das Umfeld war streng katholisch geprägt und bedeutete das volle katholische Programm: Gebete gehörten zu den täglichen Ritualen, in denen ich mich geborgen fühlte, katholischer Kindergarten, katholische Grundschule, Kommunion, Firmung, Beichte, die Sonntagsmesse und in der Woche zusätzlich die Schulmesse. Später das katholische Mädchengymnasium in Münster-Handorf, das von Ordensschwestern geleitet wurde.

- 2. Ich habe das alles keinesfalls als lästig empfunden, denn Religion und alles, was mit ihr verbunden ist, haben mich schon als Kind interessiert und dieses Interesse hat mich bis heute nicht losgelassen. Eine tiefgläubige Großtante, bei der ich als Kind viel Zeit verbrachte, hat sicher ihren Teil dazu beigetragen. Diese von mir sehr geliebte Großtante hatte keine eigenen Kinder und war über das religiöse Interesse ihrer Großnichte sehr erfreut. Die Karfreitagsliturgie, die schon am Gründonnerstag mit der Abendmesse begann und die sich Karfreitag mit dem Kreuzweg und der „allerheiligsten Kreuzesanbetung“ fortsetzte, gehörte zu unseren festen jährlichen Ritualen. Durch sie fühlte mich glücklich und geborgen und fest im Glauben an den Erlösertod Jesu verwurzelt. Nie wäre ich damals auf die Idee gekommen, die Ungleichbewertung und -behandlung von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen in der Kirche in Frage zu stellen. Schon gar nicht das männliche Gottesbild! Warum durfte ich als Mädchen keine Messdienerin werden? Warum waren die Priester und Bischöfe und der Papst Männer? Warum war Gott ein Mann (Gottvater)? Warum wollte er einen Sohn und keine Tochter? Es war so und ich dachte nicht weiter darüber nach. Denn niemand in meinem Umfeld stellte das alles in Frage.
- 3. Das Schulfach Religion war bis zum Abitur mein Lieblingsfach. Es wurde dann mein 3. Abiturfach und ich bedauerte, dass Religion nicht als Leistungskurs angeboten wurde. Ich hatte das Glück, eine Religionslehrerin zu haben, die die beginnende kritische Auseinandersetzung mit Glauben und Kirche begrüßte. Solange bestimmte Grenzen nicht überschritten wurden. Aber was wussten wir von diesen Grenzen? Meine Kritik erschöpfte sich in der Oberstufe in der Rolle der Kirche als Vertreterin der „alleinseligmachenden Wahrheit“, ihrem inquisitorischen Auftreten und ihrem Prunk und Reichtum. Ich hielt damals ein Referat über Camilo Torres, den kolumbianischen Priester und Revolutionär, der sich der Guerilla anschloss und bei seinem ersten Kampfeinsatz starb. Das war mein erster Kontakt zur Theologie der Befreiung, die mich seitdem nicht mehr losließ. Camilo Torres´ Leben, die Verbindung von christlichem Glauben und dem Einsatz für die Armen und sein Entschluss, zum Guerillero zu werden, faszinierten mich. Ein erster kleiner Schalter wurde bei mir durch dieses Referat umgelegt. Als ich im Religionsunterricht 1977 oder 1978 – es war die Zeit der RAF – in einer Diskussion sagte, dass es doch Parallelen zwischen dem Marxismus und dem Ur-Christentum gäbe, wurde ich nach der Unterrichtsstunde zum Gespräch gebeten. Die Religionslehrerin warnte mich vor der Gefahr, mit derartigen Aussagen „in falsche Fahrwasser zu geraten“. Welche „falschen Fahrwasser“ sie meinte, war mir nicht sofort klar. Es war die Zeit, in der alle, die auch nur den Hauch von Verständnis für die Anliegen der RAF-Mitglieder äußerten, sofort verdächtigt wurden, zu den sog. Sympathisanten zu gehören. Inhaltlich ist die Religionslehrerin nicht auf meine Aussage eingegangen, aber sie befürchtete wohl, dass ich mich auf die Seite der Sympathisanten, wenn nicht gar der RAF schlagen könnte.
- 4. An der Uni Münster schrieb ich mich neben Germanistik – nach einem einsemestrigen frustrierenden Exkurs in die Kunstgeschichte – für das Fach Katholische Theologie ein. Im Grundstudium intensivierte sich der Kontakt zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Ich las Leonardo Boff, lernte Bischof Paulo Evaristo Arns und Dom Helder Camara auf Veranstaltungen der KHG kennen. Alle drei waren prominente brasilianische Vertreter der Befreiungstheologie. Ich war begeistert! Die Begeisterung fiel aber in einem (obligatorischen) Seminar über Sakramententheologie in sich zusammen. Da war er wieder, der Anspruch der katholischen Kirche auf die alleinseligmachende Wahrheit!

Camilo Torres (Foto Wikipedia) Das, was dort vorgetragen und ernsthaft diskutiert wurde, widersprach 1. meinem gesunden Menschenverstand und 2. meinem Gerechtigkeitsempfinden. DAS konnte nicht Gottes Wille sein: alle Menschen, die nicht an den Sakramenten teilhaben konnten oder wollten, würden nur unter schwierigen Bedingungen oder gar nicht an der sog. Erlösung teilhaben? Und was war das überhaupt: Erlösung? Erlösung von was? Und warum? Was war so schlimm an den Menschen, dass sie erlöst werden mussten? Und was war mit denen, die nie etwas vom katholischen Glauben erfahren konnten? Sollten sie jetzt alle in der Hölle schmoren? Nein, das konnte nicht sein! Was war das für ein Gott, den sich die Christen da ausgedacht hatten? Ich gab nach dem Grundstudium auf und wechselte zum Fach Geschichte.
1.5. Dennoch blieb ich noch lange gefangen im patriarchalen Dschungel des christlich-katholischen Glaubens. 21 Jahre katholische Sozialisation, da dauert der Befreiungsprozess! Durch meine Beschäftigung mit dem Feminismus war Anfang der 80er Jahre der Weg nicht weit zur Feministischen Theologie. Ich entdeckte, dass es FRAUEN gab, die sich in den Kirchen, in der Theologie zu Wort meldeten. Studierte Theologinnen aus beiden christlichen Konfessionen begannen, sich mit der Männertheologie und den beiden Kirchen auseinanderzusetzen. Einige von ihnen kratzten sanft am herkömmlichen patriarchalen Gottesbild, andere von ihnen waren radikal und brachten sämtliche Gefüge zum Einsturz.
„Die Vorstellung, dass Frauen in der katholischen Kirche Gleichberechtigung anstreben, ist ebenso lächerlich und mitleiderregend wie der Gedanke, dass schwarze Menschen im Ku-Klux-Klan Gleichberechtigung suchen“ (Mary Daly). (2)
Das waren die feministischen Theologinnen, die ihre Kirche verließen und radikal Schluss machten mit dem männlichen Gottesbild. Ich las alles, was ich zu diesem Thema an Büchern bekommen konnte, und beteiligte mich an einer Frauengruppe, die sich intensiv mit der Feministischen Theologie und ihren verschiedenen Richtungen beschäftigte. Im Nachhinein vermute ich, dass ich, obwohl mich die radikalen feministischen Theologinnen wie Mary Daly faszinierten und ich ihnen Recht geben musste, insgeheim immer noch auf eine Aussöhnung mit dem Glauben und der Kirche hoffte. Aber das Gegenteil war der Fall: je länger ich mich mit Glaubens- und Kirchenthemen beschäftigte, umso tiefer wurde der Riss. Bis schließlich das gesamte katholisch-kirchliche Gebäude in mir zusammenbrach.
1.6. Nachdem ich mich über 30 Jahre mit dem christlichen Glauben und der katholischen Kirche „herumgeschlagen“ hatte (ich kann es heute nicht anders nennen), bin ich 2014 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Bereut habe ich es nie! Es war eine Befreiung. Im Rückblick kommen mir die Jahre der Auseinandersetzung vor wie die Quadratur des Kreises. Ich musste erkennen, dass Frauen, die selbst denken, die unliebsame Fragen stellen, in der Kirche nicht vorgesehen, nicht erwünscht waren. Auch gibt es im christlichen Gottesbild kein weibliches Pendant. Es sind drei männlich gedachte Wesen. Und die einzige Frau – Maria -, die es laut katholischem Dogma bis in den Himmel geschafft hatte, hat nie den Rang des Göttlichen erreicht. Sie hat die Rolle der „Mittlerin“ zwischen den Menschen und der Dreifaltigkeit. Offenbar war die katholische Kirche der Überzeugung, dass es ohne ein weibliches Wesen, das die Verteidigung übernimmt, schwer wird für die sündigen Menschen hier auf Erden. Vor allem im Hinblick auf das „Jüngste Gericht“.

Und dass die Kirchen und das Christentum die Welt und die Menschen besser gemacht haben (Stichwort: „Werte des christlichen Abendlandes“), kann ich mit Blick auf die abendländische Geschichte beim besten Willen nicht erkennen. Das ist nichts anderes als eine Selbsterzählung, die schon seit zwei Jahrtausenden bestens funktioniert. Im Namen des Christentums sind so viele Grausamkeiten, ist so viel Unheil – vor allem gegenüber Frauen und im Zuge des Kolonialismus auch gegenüber Andersgläubigen – verübt worden, dass es geradezu absurd erscheint, in Summe von den Wohltaten des Christentums in Form der christlichen Nächstenliebe zu sprechen. Ja, es gab und gibt sie auch im Christentum (s. Theologie der Befreiung), aber Werte wie Nächstenliebe und Frieden sind nicht erst mit dem Christentum in die Welt bekommen. Diese Werte gab und gibt es auch in anderen Glaubenssystemen und Kulturen.

Mit dem Verlassen der katholischen Kirche habe ich die Themen „Glauben und Spiritualität“ dennoch nicht aus meinem Leben verbannt. Vergleiche zwischen den verschiedenen Glaubenssystemen und Kulturen zu ziehen, ethnologischen Themen und die Entwicklung des Patriarchats – alles äußerst spannende und aufschlussreiche Themen! Wie oft war ich entsetzt darüber, welchen bewussten Täuschung, welchen Lügen, welch´ tiefer Misogynie ich als Frau im Christentum und der Kirche all die Jahre ausgeliefert war! Wie konnte ich so blind gewesen sein? Und wie konnte es sein, dass es immer noch so viele Frauen gab, die sich im Glauben und den Kirchen engagierten? Warum kehren nicht alle Frauen dem Glauben an eine dreiteilige Männergottheit und den Kirchen den Rücken? Eigentlich müsste es doch einen milliardenfachen Exodus der Frauen geben!
Aber wohin sollte es jetzt gehen? Gab es Alternativen? Eine rein materialistische Einstellung, die den Menschen als homo oeconomicus definiert, der per Zufall aus dem Nichts auf diese Welt kommt, rücksichtslos und ignorant möglichst viel Besitz anhäuft und der dann eines Tages stirbt, um wieder ins Nichts zu verschwinden, war und ist mir bis heute fremd.
Es gab einen Weg: denn während der Beschäftigung mit der feministischen Theologie und anderen Glaubenssystemen begann sich im Hintergrund das Bild einer FRAU immer deutlicher abzuzeichnen. In vorpatriarchalen Kulturen war sie die „Allumfassende Göttin“, die „Große Muttergöttin“. Eine FRAU, die als GÖTTLICH wahrgenommen worden war? WOW! Ich war begeistert! Eine vollkommen andere Vorstellung vom Göttlichen – und damit auch ein vollkommen anderes Menschenbild und positives Weltverständnis!
2. Das Bild der Großen Muttergöttin und die Patriarchalisierung alter Glaubensvorstellungen
„Ich halte die Symbolsprache für die einzige Fremdsprache,
die jeder von uns lernen sollte.“
(Erich Fromm, aus: Märchen, Mythen, Träume)
In vorpatriarchalen, egalitär-matriarchalen (3) Gesellschaften war der Glaube an eine Große Muttergöttin fest verankert. Sie war die Göttin des Himmels und der Erde, die Göttin der gesamten Schöpfung. Der Ursprung allen Lebens war weiblich und göttlich! Die Große Muttergöttin symbolisierte die Fruchtbarkeit der Natur und den Zyklus von Werden und Vergehen. Die Große Muttergöttin begleitete die Menschen ins und durch das Leben, aber sie war auch gleichzeitig die Todesgöttin, die die Menschen ins Jenseits führte. Sie war der Tag und sie war die Nacht, sie war wohlwollend und verschwenderisch mit ihren Gaben, aber sie konnte auch grausam sein, wenn Menschen in ihrer Gier gegen das Gebot, die Schöpfung zu bewahren, verstießen.

Was lag und liegt auch heute noch näher im Erleben der Menschen, als die Schöpfung als weiblich zu erleben!? Frauen gebären die Kinder und begleiten und unterstützen in ihren verschiedenen Rollen den Lebenszyklus eines Menschen. Die Muttergöttin trug viele Namen: Gaia, Innana, Astarte, Isis, um nur einige Beispiele zu nennen.
Im mitteleuropäischen Raum hieß die Große Muttergöttin Frau Holle, die je nach Region auch Freya, Frigg, Bertha oder Frau Percht genannt wurde. Der Name Holle ist einerseits verbunden mit der Höhle, die den Bauch der Mutter Erde (!) symbolisiert, andererseits bedeutet es „die Holde“ und „Die Huldvolle“. Aus Holle wurde später auch der Begriff “ Hölle“ abgeleitet. Aus einem positiven Symbol der Geborgenheit wurde so der Un-Ort des Gegenspielers Gottes, dem Satan, der in Form der Schlange im Garten Eden Eva „verführte“. Auf die enge Verbindung des Symbols der Schlange (auch Drache) und Darstellungen von Frauen werde ich im Artikel über die Gottesmutter Maria noch näher eingehen. Alte weibliche Muttergottheiten wurden häufig mit einer Schlange dargestellt. (s. als Beispiel die Abbildung der minoischen Schlangengöttin)
Am Beispiel der Frau Holle ist gut zu erkennen, dass die Große Muttergöttin eine Göttin des Himmels war, denn sie konnte es schneien lassen. Gleichzeitig war sie die Göttin der Erde, denn unter ihrer Obhut wuchsen Obst und Getreide (im Märchen Apfelbaum und Brot). Und sie war die Göttin der Unterwelt, denn der Zugang zu ihr war der Brunnen, der ein Symbol für die Schwelle zum Jenseits war. Sie übernahm die Initiierung der Mädchen zur Priesterin, deren Aufgaben durch die Brüder Grimm zur bloßen Hausarbeit wurde.

Im katholischen Christentum wurde die Große Muttergöttin zu Maria, die Gottesgebärerin, die Auserkorene unter allen Frauen. Doch dazu mehr in einem weiteren Artikel.
Die Große Muttergöttin wurde häufig in dreierlei Gestalt dargestellt, entsprechend den Lebenszyklen einer Frau: Als junge Frau, die Tochter, der die Farbe weiß zugeordnet wurde, als fruchtbare, mitten im Leben stehende Frau, der Mutter, der die Farbe rot zugeordnet wurde, und als Weise Alte, die Großmutter. Ihre Farbe war schwarz. Weiss, rot und schwarz sind die Farben der Großen Muttergöttin. Wer denkt da nicht an das Märchen von Schneewittchen, in der sich die Königin ein Mädchen wünscht, das so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz ist?
Es gibt zahlreiche Beispiele für die dreigestaltige Göttin:
- Es sind die drei Matronen im Rheinland: Großmutter, die Tochter in der Mitte, und rechts die Mutter. Sie sind auf hunderten von Weihesteinen zu finden.
- Es sind die drei griechischen Schicksalsgöttinnen, die Moiren: Klotho, die den Lebensfaden eines Menschen spinnt, Lachesis, die die Länge des jeweiligen Lebensfadens bestimmt, und Atropos, die den Lebensfaden durchschneidet.
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Die drei Matronen, Bad Münstereifel-Pesch (Foto MM) Es sind die drei Nornen aus der nordischen Mythologie: Urd, Verdandi und Skuld, die die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft symbolisieren.
- Weitverbreitet war in Mitteleuropa die Verehrung der sog. drei Bethen: Ambeth, Borbeth und Wilbeth, die je nach Region auch andere Namen tragen konnten. An ihre Stelle traten die sog. heiligen drei Madel Katharina, Barbara und Margareta: “Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die heiligen drei Madel“. Die Attribute der drei Heiligen gehen zurück auf ihre Legenden: Katharina wird mit einem Rad abgebildet, Barbara mit einem Turm, meist mit drei Fenstern, und Margareta mit einem (oft angeleinten) Drachen (oder auch Mann!) zu ihren Füßen. Eine von ihnen ist in jeder katholischen Kirche zu finden, oft auch zwei und manchmal alle drei zusammen, was für einen ganz besonderen Ort spricht. Sie sind die einzigen Frauen der sog. vierzehn Nothelfer. In Weilerswist im Rheinland wurden die drei Bethen zu den Heiligen Fides, Spes und Caritas. Verehrt werden sie in der Pfarrkirche und auf einer Anhöhe, dem „Swister Türmchen“, das auf einem alten römischen Heiligtum errichtet wurde.

- Und wer kennt nicht aus der griechischen Mythologie die weiblich-göttliche Trias Demeter, die Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus, ihre Tochter Persephone (Kore), die von Hades in die Unterwelt entführt wurde, und Hekate, die Göttin der Unterwelt, des Jenseits? Die mächtige Demeter, die alles Wachstum auf der Erde einstellte, bis Hades sich einverstanden erklärte, dass Persephone für einige Monate zu ihrer Mutter auf die Erde zurückkehrte. Kehrt Persephone zu ihrer Mutter Demeter zurück, kommen Frühling und Sommer und mit ihnen die Fülle der Natur, muss sie zu Hades zurückkehren, stellt Demeter das Wachstum der Natur ein und es ist Herbst und Winter.
Das Bild einer dreigestaltigen Gottheit ist also wahrlich keine Erfindung des Christentums. Nur macht die christliche Dreifaltigkeit eines männlichen Gottes – anders als die dreigestaltige Muttergöttin, die den Lebenszyklus der Menschen widerspiegelt – für viele Menschen keinen Sinn, da sie keinen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit hat. Denn wer versteht schon, dass der männliche Gott einer ist und zugleich drei? Die Vorstellung eines dreifaltigen Gottes hat sich lediglich schon existierender Vorstellungen weiblicher Göttlichkeit bedient und sie patriarchalisiert. So, wie im Zuge der Christianisierungen auch andere Vorstellungen, Personen, Orte und Symbole übernommen wurden. Denn vvollständig ausmerzen konnten die Missionare all die alten Vorstellungen nicht. Da lag es nahe, Kirchen und Kapellen an alten sakralen Orten zu errichten, „heidnische“ Symbole zu übernehmen und die alten Göttinnenvorstellungen nun christlichen Heiligen zuzuordnen. Damit alles christlich stimmig wurde, bekamen die Heiligen ihre passenden Legenden zugewiesen (vgl. Legenda aurea von Jacobus von Voragine aus der Mitte des 13. Jahrhunderts), aus denen ihre Schutzpatrozinien entwickelt wurden. Die ihrerseits wiederum sehr aufschlussreich für ihre ursprünglich zugeschriebene Wirkmacht sein können. (5)
Im Zuge der Patriarchalisierung der Kulturen im eurasischen Raum wurde im Laufe der Zeit aus der Großen Muttergöttin ein männlicher Gott (z.B. Zeus). Zunächst der Muttergöttin als Gefährte beigesellt, übernahm dieser göttliche Gefährte dann die „Führungsposition“. Dieser Prozess dauerte Jahrtausende. In dieser Zeit verlor das Bild der Muttergöttin zunehmend an Bedeutung. Am Ende konnten die Männergötter sogar „gebären“: Athene entsprang in voller Rüstung Zeus´ Kopf und der biblische Gott schuf Adam aus Erde und Eva aus der Rippe Adams. Keine Frau war dafür mehr nötig.
Auch die in der griechischen Mythologie zu einem zänkischen Eheweib degradierte Hera war zuvor eine Große Muttergottheit gewesen. Im Zuge der patriarchalen Okkupationen dieser Kulturen veränderte die Große Muttergöttin ihre Funktionen und wurde zunächst aufgespalten in verschiedene weibliche Gottheiten, die zu Nebengöttinnen oder Halbgöttinnen wurden, als Töchter oder Schwestern eines mittlerweile männlichen Gottes. Auch männliche Nebengottheiten entstanden als Söhne und Brüder des männlichen „Obergottes“. In der griechischen Mythologie zum Beispiel scheint es zeitweise mehr Götter als Menschen gegeben zu haben.
Sogar der biblische Gott fürchtete wie ein eifersüchtiger Ehemann Konkurrenz. Nicht ohne Grund heißt es im ersten Gebot „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“. Zur Zeit der Entstehung des 2. Buches Mose (Exodus) um 600 Jahre v.u.Z (es beruht auf älteren mündllichen Überlieferungen und erzählt keine historischen Tatsachen), gab es im eurasischen Raum zahlreiche weibliche und männliche Gottheiten. Sie wurden solange demontiert, bis es in der vorstellung der Menschen nur noch EINEN Gott gab. Gott, den Herrn. Wobei ich die Demontage all dieser bereits patriarchalen Göttinnen und Götter nicht bedaure, aber dass das Weiblich-Göttliche nun vollkommen aus dem Pantheon verbannt wurde, sollte für Frauen katastrophale Auswirkungen haben.
Die Große Muttergöttin ging im Zuge der Patriarchalisierung in den Untergrund, hörte aber nie auf im kollektiven Gedächtnis der Menschen zu existieren. Zu entdecken ist sie noch neben zahlreichen antiken bis zu 30 000 Jahre alten Abbildungen und Skulpturen auch in Kirchen (!) in Mythen, Sagen, Legenden, Märchen, Jahresfesten und Bräuchen. Und wer sich dort auf die Suche macht, kann sie noch immer finden.

3. Fazit
Nicht nur wurde alles Weiblich-Göttliche verbannt, Frauen alles Verehrungswürdige abgesprochen und genommen, wir Frauen wurden in den monotheistisch-patriarchalen Religionen degradiert zu Sünderinnen, zu Menschen zweiter Klasse, ohne transzendentalen Rückhalt. Wo es früher noch Priesterinnen und Apostelinnen gab (vgl. z.B. Paulusbriefe im Neuen Testament), wurden Frauen immer mehr auf die Aufgaben reduziert, „dem Manne“ Kinder zu gebären, und zwar möglichst Söhne, von Gott, dem König, dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann beherrscht zu werden und sich ihnen willenlos unterzuordnen! Frauen wurden als „Ehebrecherinnen“ gesteinigt, zu Zehntausenden als „Hexen“ verbrannt, ihnen wurde und wird auch heute noch nahezu jede Form von Gewalt angetan, sie werden in Kriegen vergewaltigt, sie wurden und werden zwangsverheiratet, ihre Genitalien werden verstümmelt, ihr Wissen wurde geraubt und unterdrückt, ihre Namen aus der Geschichte und aus Wissenschaft, Musik und Literatur getilgt. Jahrhunderte haben sich berühmte Theologen (Augustinus, Thomas von Aquin, Tertullian, der Frauen als „Pforte des Teufels“ bezeichnete, und zahlreiche andere, die in den Rang von „Kirchenlehrern“ aufstiegen) den Kopf darüber zerbrochen, was sie Frauen alles an Schlechtem, an Teuflischem andichten konnten.

Wie im Himmel, so auf Erden! Das Patriarchat schuf sich in seinen patriarchal-monotheistischen Religionen ein Gottesbild und ein Glaubensgefüge, das ihm entsprach: männlich, hierarchisch, auf Befehl und Gehorsam basierend. Aber es schuf sich nicht nur ein passendes Gottesbild, sondern auch ein Menschenbild, das den Mann an die oberste Stelle setze. Und alles, was nicht männlich (und später auch nicht weiß) war, wurde zur Ausbeutung freigegeben.
Seit ca. fünf Jahrtausenden beherrschen Männer den Himmel und die Erde. In ihrer Denktradition haben sie die Erde zur toten, ausbeutbaren Materie erklärt und ihr den Männer-Geist in Männerworten entgegengesetzt. Alle anderen Wahrnehmungen, Vorstellungen, Ideen – vor allem, wenn sie von Frauen kamen/kommen – wurden als Ketzerei gnadenlos verfolgt oder nicht ernstgenommen. Das Ergebnis ist für jeden Menschen sicht- und erlebbar. Die Erde ist wund und sie wird von männergemachten Katastrophen geflutet. Bei wie vielen dieser Katastrophen stand der Gott im Himmel Pate? Hatte er den Männern nicht den Freibrief gegeben, sich die Erde untertan zu machen?

Ich denke, dass wir dringend einer neuen, einer weiblichen Ethik bedürfen. Es kann bei der sog. Emanzipation, der Beendigung der Unterdrückung von Frauen nicht darum gehen, männlich-patriarchale Glaubensvorstellungen, Gottesbilder, Menschenbilder und Verhaltensweisen zu kopieren. An dieser Stelle kommt das Bild der Großen Muttergöttin ins Spiel. Es geht bei diesem Bild nicht um einen neuen Kult, nicht um eine neue Religion, sondern um ein lebensbejahendes Symbol! Die Große Muttergöttin verkörpert die Fülle des Lebens, das Leben selbst. Sie verkörpert nicht nur das menschliche Leben, sondern die gesamte Schöpfung, auch das Leben aller nicht-menschlichen Geschöpfe, denen heute furchtbares Leid zugefügt wird. Dieses matriarchale Gegenbild entzieht dem männlichen Herrschaftsanspruch die Legitimationsgrundlage und macht Frauen Mut – und Lust auf die dringend nötige Bewusstseinstransformation auf dem Weg zu einer egalitären, von Wertschätzung für die Schöpfung und das Leben getragenen, spirituellen Gesellschaft.
Auf diesem Weg sind Kirchen und Kapellen, Mythen, Sagen, Legenden und Märchen und auch die Darstellungen vorchristlicher Muttergöttinnen mit ihren Attributen und Symbolen unerschöpfliche und wertvolle Quellen, die Frauen ungemein stärken können. Sie sind Entdeckungsreisen zu den Quellen weiblicher Kraft, Spiritualität und Lebensliebe. Ja, es kann anders und besser sein! Halten wir endlich dem patriarchalen Triumvirat das kraftvolle positive matriarchale WEIBLICH-MÜTTERLICH-GÖTTLICHE Bild entgegen! Egal, wie wir dieses Bild nennen: Gaia, Frau Holle, Isis…
Ja, auch die Gestalt der Gottesmutter Maria erscheint bei diesen „Entdeckungsreisen“ dann in einem vollkommen neuen Licht! Wer war sie, wen und was verkörpert sie und welche Botschaft hält für uns Frauen (und natürlich auch Männer) bereit?
Doch dazu mehr in meinem nächsten Artikel.
(1) Patriarchat = Herrschaft der Väter, eine Herrschaftsgesellschaft mit Männern an der Spitze, hierarchisch strukturiert und basierend auf Befehl und Gehorsam, der Gehorsam wird mit Hilfe von Erzwingungsstäben (Exekutive) gewaltsam durchgesetzt, patriarchales Gottesbild, Frauen spielen eine untergeordnete Rolle (vgl. Göttner-Abendroth, Heide und Derungs, Kurt (Hg.): Matriarchate als herrschaftsfreie Gesellschaften. 1997)
(2) Daly, Mary: Jenseits von Gottvater, Sohn & Co. 1973
Mary Daly war eine us-amerikanische katholische Theologin und Professorin am Boston College. Ihre Lehrtätigkeit beendete sie auf Grund massiver Auseinandersetzungen mit dem College. Mary Daly war sicher eine der radikalsten feministischen Theologinnen.
(3) Matriarchat = wird oft als Herrschaft von Frauen über Männer verstanden, aber genau DAS war und ist es nicht! Es bedeutet: Am Anfang sind die Mutter. Matriarchate sind egalitäre Gesellschaften, herrschaftsfrei und konsensorientiert. Auch heute gibt es noch Matriarchate, z.B. die Mosuo in China. (s.o. Göttner-Abendroth und Derungs und Coler, Ricardo: Das Paradies ist weiblich. Eine Reise ins Matriarchat. 2013)
(4) Kutter, Erni: Der Kult der drei Jungfrauen. Eine Kraftquelle weiblicher Spiritualität neu entdeckt. 1997
(5) Kutter, Erni: Heilige Weibsbilder. Gelehrt, eigenwillig, streitbar. 2014
(6) Sjöö, Monica und Mor, Barbara: Wiederkehr der Göttin. Die Religion der kosmischen Mutter und ihre Vertreibung durch den Vatergott. 1985
Weiterführende Literatur:
Armbruster, Kirsten: Gott, die Mutter. Eine Streitschrift wider den patriarchalen Monotheismus. 2013
Coler, Ricardo: Das Paradies ist weiblich. Eine Reise ins Matriarchat. 2013 (Coler lebte einige Jahre bei den Mosuo in China)
Früh, Sigrid (Hg.): Märchen und Geschichten aus der Welt der Mütter. 1989
Dies.: Märchen von Hexen und Weisen Frauen. 1987
GardenStone: Göttin Holle. Auf der Suche nach einer alten Göttin. 2006
Gimbutas, Marija: Die Sprache der Göttin. 1995
Göttner-Abendroth, Heide: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik. 2008
Mulack, Christa: Religion ist zu wichtig…um sie den Männern zu überlassen. 2012
Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. 2012
Walker, Barbara G.: Das geheime Wissen der Frauen. 1995
Zingsem, Vera: Göttinnen großer Kulturen. 1999
Dies.: Freya, Iduna und Thor. Vom Charme der germanischen Göttermythen. 2010