Der Mensch
... und seine (Selbst-) Entwertung

Eine kritische Betrachtung des Menschen und der versteckten, sowie offenen Maßnahmen seiner Entwertung durch eine von ihm geschaffene Maschinerie.

Kapital und Mensch (Foto und Erstellung Arnold Illhardt)
Kapital und Mensch (Foto und Erstellung Arnold Illhardt)

Staunend standen wir in der riesigen Eingangshalle des Verwaltungsgebäudes einer großen Bank in Münster. Eigentlich wollten wir eine Abkürzung nehmen und durchquerten zu diesem Zweck das imposante Bauwerk, in das gut und gern zweimal unser kleines Fachwerkhaus gepasst hätte. Bis auf eine Frau in einem Rezeptionsbereich war niemand zu sehen. Was ist der Sinn einer solchen Anlage? Raum für ein Nichts? In einer Druckerei klärte man mich mal darüber auf, wie wichtig die Verpackung für den Inhalt sei. Größe und Aussehen der Hülle muss möglichst eindrucksvoll ausfallen, um den Inhalt dadurch in Szene zu setzen. Selbst wenn es sich dabei um Bullshit handelt. In dem Gebäude war das große Geld der Inhalt. Man spricht auch vom schnöden Mammon, was aus dem Aramäischen stammt und Besitz oder Vermögen bedeutet. Allerdings wird es in der Bibel viel passender im Sinne von „Unwahrheit“ und „Lüge“ verwendet. „Heute bezeichnet man mit dem Begriff abschätzig das Geld, das zum Herrscher über die Menschen wurde (WIK).“ Vielleicht hätte ich diesen Ort wieder vergessen. Das elitäre „Think Big“ von Geldinstituten ist hinlänglich bekannt. Man ärgert sich darüber, weiß aber auch, dass es nicht viel bringt. Es wird weiter geklotzt, um dem Goldenen Kalb zu huldigen.

Krankenhausflur (Foto Arnold Illhardt)
Krankenhausflur (Foto Arnold Illhardt)

Eine Woche später laufe ich mit meiner Frau durch ein Gängelabyrinth in einem großen Krankenhaus und wir gelangen in das Zentrum für Strahlentherapie. Hier wurde meine Frau selbst behandelt. Inzwischen ist alles überstanden. Heute geht es nur um einen Kontrolltermin. Wie verloren steht mitten auf dem Gang ein Bett, in dem ein alter Herr liegt. Seine Frau steht vor ihm, streichelt ihm hin und wieder die Hand. Ich nehme ihre traurigen Augen wahr. Manchmal hört man ihn stöhnen, eine Stimme scheint er schon lange nicht mehr zu haben. Man sieht deutlich, dass ihn seine Krebserkrankung, die hier als Eintrittskarte gilt, gezeichnet hat: Er sieht todkrank aus. Leute laufen an ihm vorbei, schauen ihn mitleidig an. Jede Pommesbude hat mehr Charme als die Umgebung, in der er in seinem Bett liegt. Warum gibt es keine Ruhezonen mit gedämmtem Licht, mit positiv gestimmten Bildern, mit dezentem Glamour? Ist ja nur ein Mensch, dessen Wert mit dem Alter und der Erkrankung verblasst ist?

Würde des Menschen (Foto Arnold Illhardt)
Würde des Menschen (Foto Arnold Illhardt)

Ich beobachte die Situation: Es dauert sicherlich 20 Minuten, bis der Mann abgeholt wird. Wir haben Personalprobleme, höre ich immer wieder. Ich habe in meinem ersten Beruf selbst 12 Jahre in der Krankenpflege gearbeitet. Es ist über 30 Jahre her, aber die Personalprobleme gab es damals schon. Interessiert hat das früher auch schon keinen. Kein Geld hieß es und der Gesundheitsbereich sei zu kostspielig. In der Pandemie haben die Bürger für hart an der Kante und oft darüber hinaus arbeitenden Pflegende geklatscht und die verlogenen Politiker haben ihr schönstes Verständnisgesicht aufgesetzt. Vorübergehend hieß das Systemrelevanz, danach schlief das Interesse ein. In meiner arbeitsaktiven Zeit habe ich eng mit einer Selbsthilfeorganisation für chronisch kranke Kinder und Jugendliche zusammengearbeitet. Anfangs haben sie nicht nur meine Stelle als Klinikpsychologe teilfinanziert, sondern sammelten auch für andere Projekte wie Sozialarbeiter, Musiktherapeuten, Klinikclowns etc., die den Kindern zugute kamen, Geld. Hat man schon mal gehört, dass für die Mitarbeiter in einer Bankzentrale Gelder fremdfinanziert werden mussten? Oder für die Verwaltung eines Krankenhauses? Wie ein gefräßiger Holzwurm frisst sich der Kapitalismus durch unser Sozialsystem. Bundeskanzler Merz, dessen Desinteresse am Menschen kaum zu überbieten ist, will die Altersvorsorge dem Kapitalmarkt ausliefern. Die arbeitende und aus christdemokratischer (?) Sicht faule Bevölkerung, die für all das herhalten muss, was falsch läuft, soll mit erbärmlichen Notfalllösungen (Mehrarbeit, die Zahnarztbehandlung soll selbst finanziert werden) bestraft werden. Irgendwann stürzt das ganze Gerüst eines Sozialstaates, das mal dem Menschen gegolten hat, zusammen. Und all die Politfunktionäre, die über Jahre politische Blasphemie betrieben haben, werden sich zur Seite drehen und sich der Wirtschaft prostituieren. In diesem seelenlosen Metier, in dem Menschen Beiwerk sind und ihre Lebensenergie für billiges Geld verkaufen müssen, kennen sie sich aus. Warum ist es nicht das Selbstverständlichste von der Welt, dass die Menschen ganz oben in der Wichtigkeitsskala stehen? Bezeichnet sich die Menschheit nicht selbst als Krönung der Schöpfung? Wobei das im doppelten Sinne ein Witz ist: Zum einen benimmt sie sich nicht wie die Krönung, zum anderen handelt es sich bei Menschen um Humankapital, das beinah grenzenlos vorhanden ist. Digitale Technik ist wichtig und es werden Milliarden dafür investiert, wie aktuell bei dem KI-Gipfel in Neu-Delhi verhandelt wird. Alles schön und gut, aber gibt es eigentlich einen Weltgipfel, in dem es um die sozialen Probleme geht? Um Krankenhäuser, Schulen, Kindergärten, Altenheime, Einrichtungen für benachteiligte Menschen usw.?

Verlust und Kapital (Foto Arnold Illhardt)
Verlust und Kapital (Foto Arnold Illhardt)

Ich bin immer wieder über die Existenz der fünf Wirtschaftsweisen verwundert. Gibt es eigentlich auch das Pendant im sozialen oder menschlichen Bereich? Und wenn die Weisen so weise sind, haben sie bei ihrer umfassenden Betrachtung auch den Menschen im Blick? Oder liegt ihre Hauptaufgabe darin, eine komplexe Täuschungsindustrie aufzubauen, die dem Menschen seine Wichtigkeit vorgaukelt und durch die Vermittlung von medialen Halbinformationen die eigene Urteilskraft entzieht (> Günter Anders)? Personen, die sich dazu selbst bestimmt haben oder aber dazu gewählt wurden, haben eine gigantische Maschinerie erschaffen, die uns entmündigt (> Ivan Illich) und bagatellisiert, bis der Homo (ehemals) sapiens als gleichgültiges, abgestorbenes und unerfülltes Etwas daraus hervorgeht. Schon vor Jahrzehnten mahnte der Philosoph Herbert Marcuse, dass „die eigentliche Katastrophe (…) in der bevorstehenden totalen Verblödung, Entmenschlichung und Manipulation des Menschen (liegt) (MAR)“. Die Aussage ist nicht verstaubt, sondern vielmehr um ein Mehrfaches aktuell. Der alte Herr auf dem Flur in der Klinik war vielleicht mal ein Rädchen in der Maschine, hat dort eine gewisse Rolle gespielt, bis er sich durch Alter und Krankheit verschlissen hatte. Menschenschrott!

„Menschen werden danach bewertet, wie nützlich, verwertbar und effizient sie sind. Sie werden durch die Brille der Warenproduktion gesehen (HEI).

Sei selbst der Sturm (Foto Arnold Illhardt)
Sei selbst der Sturm (Foto Arnold Illhardt)

Uns erzählte noch neulich eine junge Jurastudentin, dass sie keine Laufbahn als Staatsanwältin einschlagen könne, da sie als Jugendliche Krebs hatte. Krankheiten entwerten. Die alten Männer, so ihr Wortlaut, die es zu sagen haben, wollen gesunde Juristen. Ich zweifele aber daran, dass gesunde Juristen immer auch im Sinne der Menschlichkeit und Gerechtigkeit urteilen (siehe mein Artikel: https://querzeit.org/gesellschaft/slapp-juristische-einschuechterung) Und auf allen Kanälen wird für die Kriegstüchtigkeit geworben und dafür, dass wir unser aller völlig wertloses Leben opfern, um unser Land mit seinen ganz besonderen Werten zu verteidigen. Ganz besonders laut sind vor allem diejenigen, die viel zu alt sind, um ihren Kopf hinzuhalten. „Es gibt keine Kriegshelden. Es gibt nur Helden gegen den Krieg (GWR).“

„Der Krieg ist ein Anschlag auf das Recht, auf Menschenwürde und Moral. Auf alles, was am Menschen, dem vernunftbegabten Tier, eigentlich zählt. „Das Recht der Menschen muss heiliggehalten werden, der herrschenden Gewalt mag es auch noch so große Aufopferungen kosten“, schreibt Immanuel Kant in seinem Friedenstraktat (NAU).“

Warum nur – Mensch – kuscht DUvor Autoritäten und verleihst Personen die Macht, mit dir Krieg führen zu dürfen, dich zu missachten, zu degradieren und zu vernichten? Und warum leistest du nicht überall dort Widerstand, wo Entmenschlichung und Menschenentwertung stattfinden? Sagst NEIN, wo es nur geht?

The only good system (Foto Arnold Illhardt)
The only good system (Foto Arnold Illhardt)

Was tun? Regierungen, wie ich sie im politisch bewussten Teil meiner 66 Jahren kennengelernt habe, sind keine Hilfe, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Sie verwalten soziale Probleme und selbst das eher schlecht. Sie sind offensichtlich nicht an Menschenführung, sondern lediglich an ihrer Entwertung interessiert. Der Wandel kommt von den Menschen selbst, nicht von denen, die wir dafür eigens wählen. Also Initiativen beitreten, Politikern schmerzhaft auf die Füße treten und Sand ins Getriebe streuen. Hierzu bieten sich Nichtregierungsorganisationen wie Campact, Attac usw. an. Richtig, das sind die Gruppierungen, die das konservative Regierungssystem abschaffen will. Durch die Existenz solcher Organisationen wird ihre eigene Unfähigkeit deutlich. Warum würde es sie sonst geben?

Obschon ich in meinem ersten Beruf als Krankenpfleger unzählige sterbende Menschen begleitet habe, wird mir der alte Herr auf dem Flur in der Strahlentherapie nicht mehr aus dem Kopf gehen. Er ist für mich Sinnbild einer krankheits-, aber auch systembedingten Schwäche und Entwertung.  Ich weiß nicht, ob es ihm gefallen würde, aber er hat mich motiviert, den Widerstand gegen das verfluchte Establishment aufrechtzuerhalten und zu intensivieren. Oder – wie es bei Herbert Marcuse auf dem Grabstein steht: WEITERMACHEN. Solange es geht.

 

Quellenverzeichnis

GWR: Martin Baxmeyer in: GWR April 2023/478

HEI – Wilhelm Heitmeyer in: „Die durchrohte Gesellschaft“ DER SPIEGEL Nr. 28/4.7.25

MAR – In: Sam Keen: Stimmen und Visionen. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1979

NAU – Peter Naumann in: ZEIT 4.1.24 https://www.zeit.de/2024/06/immanuel-kant-natur-freiheit-philosophie

TEL – https://www.telepolis.de/article/Debanking-Der-stille-Staatsstreich-durch-die-Hintertuer-11179800.html

WIK – https://de.wikipedia.org/wiki/Mammon