Realität und Schein in der katholischen Kirche
Wie christliche Werte im großen Stil verramscht werden

Die Realität der katholischen Kirche sieht zum Teil völlig anders aus als der fromme Schein, mit dem sie sich umgibt. Während sich auf der einen Seite eine Bewegung formiert, die versucht, christliche Werte in die neue Lebenskultur zu übertragen, führen auf der anderen Seite zunehmend Spuren in ein antidemokratisches und zum Teil rechtsradikales Lager, in dem eine fröhliche Symbiose mit rechtsnationalen politischen Kräften existiert. Unweigerlich erinnern viele Prozesse an meine eigene „Katholisierung“. Ein ernüchterndes Puzzlespiel.

„Kirche verharrt in ihrer speziellen Art von Diktatur bzw. Hierarchie und erschwert ein Leben in Würde. Doch eine jesuanische Perspektive hat wenig mit Macht zu tun.“

Franz Josef Illhardt (FJI)

(Sinngemäß) Kirche ist der größte Chauvinismus-Club der Welt.

Ein Bekannter

Vorab

Bei der Erstellung eines sehr kritisch ausfallenden Textes, ergibt sich natürlich unweigerlich die Frage, welche Motivation den Autor zum Schreiben veranlasste. Ehrlich gesagt wundert es mich selbst, dass diese Thematik eines Tages in meinem Oberstübchen vehement aufflackert. Ich muss gestehen, dass mich Kirche & Co. seit meiner Jugend nicht sonderlich interessiert haben. Es ist eine Art Parallelwelt, von der ich zwar viel weiß, die aber wenig Bedeutung für mich hat.

kleine Kirche (Foto A. Illhardt)
Meine Lieblingskirche – Ort der Kontemplation (Foto A. Illhardt)

Bevor ich aber meiner über Jahre aufgestauten Wut und Verärgerung freien Lauf lasse, möchte ich zunächst eine Klarstellung loswerden: Ich habe zahlreiche Geistliche erlebt, die wunderbare Arbeit leisten und hochsympathische Menschen sind. In meiner Kliniktätigkeit lernte ich Seelsorger kennen, die mit unglaublichem religiösem Esprit vorgingen. Hier in Telgte gibt es katholische Initiativen, die sich um Alte, Vergessene und Menschen mit Migrationshintergrund kümmern oder „Tafeln“ organisieren. Ich kenne Leute, die bei Maria 2.0 (u. a. Zugang für Frauen zu allen kirchlichen Ämtern) mitstreiten, sich um die Akzeptanz von LGBTQIA+ in Kirche und Gesellschaft einsetzen. Meine Cousine arbeitet seit Jahren aufopfernd im Bereich der Sterbe- und Trauerbegleitung und mit meinem sehr religiösen Vater war ich als Jugendlicher oft unterwegs, um die Ärmsten der Armen mit gespendeten Möbel zu versorgen. All diesen Menschen zolle ich hohen Respekt und möchte nicht wissen, wie die Welt hier in Deutschland und anderswo ohne sie aussehen würde. Was viele Christen und Christinnen aber offenbar nicht zu stören scheint, ist die Tatsache, dass es eine sehr große und stetig wachsende Gegenbewegung gibt, die dem positiv ausgerichteten Christentum einen außerordentlichen Schaden zufügt, ja sogar zerstörerisch wirkt. Muss man diesen Störtrupp tolerieren? Darum geht’s mir.

Die Motivation für diesen Text liegt somit in vielen Aspekten begründet:

  • Die große und offenbar wachsende Flut an Missbrauchsfällen (u.a. auch im Bekanntenkreis), sowie der heuchlerische und vertuschende Umgang damit,
  • die Verrohung von christlichen Werten und die missbräuchliche Verwendung durch Parteien (z.B. CDU, CSU, AfD),
  • der deutliche Rechtsruck in Deutschland und die massiven Querverbindungen in die katholische Kirche.

Und dann ist da ein Aspekt, der mich schon allein als denkender und emanzipierter Mann ins kirchliche Abseits treibt: die ungeheure Frauenfeindlichkeit.

Die Kirche ist vor allem männlich

„Ohne die Frauen erstickt die Kirche in der männlichen Enge (FJI).“

Als Dienerin fürs Drumherum und als fleißige Beterin gereichen die Kirchenfrauen den Herren vor und hinter dem Altar allemal, doch ansonsten sei die Frau dem Manne untertan, wie bereits Paulus, der alte Frauenversteher, in seinem Korintherbrief forderte. Frauen im Dienst der Kirche sollen vor allem dienen und schweigen, so auch heute noch die Meinung mancher religiöser Patriachartbewahrer. Der Mann sei des Weibes Haupt, findet man an einer anderen Stelle. Ich weiß nicht, wie die bekennenden und sicherlich vom alten Kirchenklüngel befreiten Christen und vor allem Christinnen damit klarkommen, für mich stellt es einen chauvinistischen Irrsinn dar. Schon an dieser Stelle schließt sich für mich eine Mitarbeit aus. By the way: Immerhin wurde in der modernen Kirche „Weib“ gegen „Frau“ ausgetauscht (z.B. in dem Gebet „Du bist gebenedeit unter den Frauen!“), aber es gibt ewiggestrige Talarheinis, die die Wiedereinführung des „Weibes“ fordern (siehe: https://www.rosenkranz-gebet.de/geheimnis.htm ). Jungs, was ist mit eurer Persönlichkeit los? Wie wir sehen werden: allerhand, denn taucht man tiefer in die Psychologie der kirchlichen Chauvinisten ein, so rummelt es nur so vor persönlichkeitspsychologischen Abgründen.

Trotz meiner massiven Kritik und Bedenken musste ich notgedrungen steuerzahlendes Mitglied bleiben, da mir sonst die Kündigung durch einen früheren Arbeitgeber ins Haus geflattert wäre. Bei unvermeidbaren Anlässen nahm ich an der jeweiligen Andacht oder Messe teil, um beim Herausgehen festzustellen, dass ich mit der verbalsamierten Ausdrucksweise der monologisierenden Geistlichkeit wenig bis nichts anfangen konnte. Als Psychotherapeut bin ich gewohnt, mich so zu äußern, dass mein Gegenüber meine Gedanken aufnehmen und weiterverarbeiten kann. Hier entstand jedoch überwiegend freiflottierende Leere. Als ich mal gefragt wurde, ob ich gläubig bin, antwortete ich, dass ich ein atheistisch-spiritueller Anarchist mit einem ausgeprägten Hang zum Naturalismus sei. Vermutlich ist der Wortsalat Nonsens, aber auch das erscheint mir unwichtig, da ich der Sache im Grund wenig Wert beimesse. Es ist zudem meine Privatsache, was allerdings meine früheren Arbeitgeber – allesamt kirchliche Einrichtungen – ebenfalls anders sahen.

Rechtes Teufelswerk

Kirche und Werte (Foto A. Illhardt)
Kirche und Werte (Foto A. Illhardt)

Allerdings öffnen sich bei mir die Tore dieser Parallelwelt immer mehr, da durch meine überaus kritische Auseinandersetzung mit rechten und rechtsradikalen Strömungen in der Gesellschaft unübersehbare Spuren in den kirchlichen Bereich führen. Und umgekehrt. Wobei der Ausdruck „Spuren“ auch geschönt ist, denn da suhlen sich extremfundamentalistische Kapläne und Bischöfe wie die Maden im machistischen und rechten Speck. Der kirchliche Altherrenkindergarten ist ein bevorzugtes Spielfeld für rechte bis ultrarechte Aktive im politischen Spektrum von AfD und anderen nationalvölkischen Organisationen. Der religiöse Background wird gerne instrumentalisiert, da es sich nach außen gut macht, mit solchen Werten zu jonglieren. Es gibt sogar bei der CDU eine eigene Werteunion, was ebenfalls eine Betrugsmasche erster Güte ist, da es nicht um Werte geht, sondern um das „So-als-ob“.

Die katholische Theologin Sonja Angelika Strube schreibt dazu:

„Rechtschristliche Milieus fungieren politisch als Verharmloser, Normalisierer und Promoter neurechter Ideologien, doch sind sie in Deutschland bislang klein und erreichen nicht die Masse der in den Volkskirchen engagierten Christen. Nach anfänglichen Erfolgen, sich insbesondere innerhalb der katholischen Hierarchie den Nimbus der besonders Frommen und Vorbildlichen zu erarbeiten, gelang es ihnen aufgrund der offensichtlichen Radikalisierungen langfristig nicht, die Kirchenleitungen der Volkskirchen zu blenden bzw. für sich zu gewinnen. Dennoch kann sich der gesellschaftliche Einfluss rechtschristlicher Kreise auch in Deutschland in Zukunft verstärken (SAS).“

All das wiederum verwundert mich wenig, denn der andächtige Schein der Analogfrömmler ist mir schon lange suspekt, was wiederum mit meiner eigenen „Katholisierung“ meinerseits zusammenhängt.

Meine Katholisierung, erster Teil

Legen wir mal los! In der Straße, in der ich wohne, befindet sich die katholische Kirche unserer Stadt. Ein stattliches, frisch renoviertes Gebäude mit weithin sichtbarem Kirchturm, der mich früher immer an einen erhobenen moralischen Zeigefinger erinnerte. Mehrmals am Tag läuten die Glocken: Zeitangabe, Hinweis auf Messe und Andacht, mal wieder jemand gestorben. Ich mag Kirchengebäude, jedenfalls die meisten, und finde Glockenläuten, wenn es sich nicht um ein Endlosgebimmel (vor allem nicht vor dem Wachwerden) handelt, angenehm. Das Läuten klingt immer wie etwas aus der Zeit gefallen und im Inneren der Kirchen, die ich auf unseren Reisen besuche, finde ich oft die Ruhe und Kontemplation, die in der aus den Fugen geratenen und lauten Welt/Gesellschaft Mangelware darstellt. Da scheinen mir Kirchen die letzten Refugien darzustellen. Zudem ist so ein Gotteshaus eines der wenigen Orte, an denen der Kommerz noch nicht gänzlich Einzug gehalten hat. Außer man bezeichnet den versteckt angebrachten Opferstock für das ein oder andere Kleingeld als Kommerz. Was aber Nonsens ist. Was die innere Vertiefung anbetrifft, muss man allerdings höllisch aufpassen, dass sie nicht nach fernöstlicher Meditation aussieht, da dies in dem hochvergeistlichten Altherrenclub von einigen lebensfernen Kardinälen als Abkapslung ins Private und Tendenz zur Selbstheilung gerügt wird. Auf Aspekte wie Ruhe und Normalität, mit denen sich die „Firma“ Kirche wie mit einer Art Corporate Identity schmückt, kann man sich schon lange nicht mehr verlassen. Neulich hörte ich, dass jemand bei einer Tauffeier telefonierte. Die Dummheit ist omnipräsent, nicht nur bei Kirchenbesuchern. Und die fröhlich quatschenden Busladungen mit Gemeindefrauen, die ungebremst durch die Gemäuer mancher Kirche ziehen, können Ruhestörer erster Güte sein.

Um auch mal die evangelische Seite zu Wort kommen zu lassen, hier ein Zitat der evangelischen Theologin Sarah Vecera

„Zur katholischen Kirche kann ich als evangelische Theologin nicht viel sagen. In der evangelischen Kirche beobachte ich aus meiner Perspektive viel. Ich finde es interessant, wie sich eine Institution über Jahrhunderte so weit von ihrem Ursprung entfernt hat. Wenn ich mir etwa das Leben Jesu anschaue, war er nicht reich, hat Wohlstand kritisiert, unbequeme Fragen gestellt, Kritik am System geübt und war mit Menschen unterwegs, die am Rande der Gesellschaft standen. Und dann sehe ich die Kirche: weiß, akademisch und wohlhabend. Kritik wird gegen andere gerichtet, aber es ist wenig Raum für Selbstkritik. Unsere Gesellschaft ist sehr viel diverser als die Menschen, die ich in der Kirche antreffe (SZO).“

Gerne unter den Teppich gekehrt – Missbrauch

Einzeltäter (Foto A. Illhardt)
Einzeltäter (Foto A. Illhardt)

Oft fällt im Zusammenhang mit Kirche der mehr als berechtigte Vorwurf einer Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Dafür können allerdings die Gebäude nichts, vielmehr handelt es sich um aufgeblasene Wichtigtuer, Laien, wie Geweihte, mit und ohne Titel, die ein gewisses Gebildetsein suggerieren, die aber das, was Kirche eigentlich sein sollte, in Schutt und Asche legen. Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über Kirche als Erfolgskonzept, schaut man sich die Quote der Austritte in den letzten Jahren an. Hier lohnt es sich zu unterscheiden, da die Leute zwar die Kirche verlassen, nachwievor aber ein Bedürfnis nach Religion haben. Grund für die Austritte war und ist vor allem die Welle an Missbrauchsfällen, die mehr und mehr ans Tageslicht kam und immer noch kommt, wobei vor allem erzkonservative (vorab: ein blöder Ausdruck) Kreise das Bekanntwerden einer linken Presse in die Schuhe schiebt. Ein netter Versuch, der prima funktionierte. Fake-News gehören auch bei katholischen Fundis zur Grundausstattung.

(Aus dem Missbrauchsgutachten) „In 42 Fällen geht das Gutachten von einem Fehlverhalten noch lebender kirchlicher Verantwortungsträger aus – darunter fällt auch der amtierende Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx. Die Gutachter haben bei ihrer Prüfung 235 mutmaßliche Täter aus den Jahren 1945 bis 2019 ermittelt. Davon seien 173 Priester gewesen, sagte Rechtsanwalt Martin Pusch bei der Vorstellung des Gutachtens. Die Zahl der Geschädigten liege bei 497. Davon seien 247 männliche Betroffene gewesen, 182 weiblich. Bei 68 Personen sei das Geschlecht nicht festzustellen gewesen. Dies bestätige, dass überwiegend Jungen betroffen gewesen seien (DLF).“

Bereits vor vielen Jahren wurde ich beim Lesen eines Artikels im STERN, den ich mangels anderer Lektüre in der Sauna in die Hände bekam, von dem Missbrauch eines mir gut bekannten Mannes als Kind durch den örtlichen Pfarrer gewahr. Erst nach vielen Jahren und nachdem der Vorfall ihn psychisch auf schlimmste Weise zugesetzt hatte, machte das Opfer seinen Fall publik. Mit Unterstützung eines Freundes, den ich ebenfalls kenne, wurde der Pfarrer beim Bischof angeklagt. Mal abgesehen davon, dass es zu einer Täter-Opfer-Umkehr kam und der Bischof das Gespräch wie ein Verhör gestaltete, tischte er den beiden Anklägern eine Lüge auf: Der Pfarrer sei inzwischen tot. Was nicht stimmte, da er nur in eine andere Stadt versetzt worden war. Die unterstützende Person reiste dann auch in den besagten Ort, um den Geistlichen mit der Tat zu konfrontieren. Es überrascht in keinster Weise, dass laut einem WN-Bericht das Verfahren eingestellt wurde, da das vermutlich absolut unparteiische „Kirchengericht“(!!!) für die Anklage keine ausreichenden Hinweise sah. (Zum Schutz des Opfers verzichte ich hier auf Quellen). Über die Lüge eines Bischofs wurde selbstredend nicht berichtet. Kann man einem „Würdenträger“ (ich erkenne ihm diesen Ausdruck im Nachhinein ab!) noch über den Weg trauen? Wahrheit im biblischen Sinne ist nicht nur Wissen um ihre Bedeutung, sondern auch  die Einhaltung im täglichen Leben.

„Sexuelle Übergriffe werden deswegen gemacht, weil die Täter die eigenen Bedürfnisse, solange sie die Macht dazu verspüren, für wichtiger halten als den Respekt vor den anderen. Die Moral der Macht ist das eigentliche Problem, das meines Erachtens zu wenig beachtet wird, Kirche ist eine Art Camouflage. Die einzelnen Geistlichen oder Würdenträger, die so handeln bzw. diese Verbrechen nicht offenlegen, kündigen ihr christliches Menschenbild auf, und das im Gewand der Kirche (FJI).“

Missbrauch ist kein Kavaliersdelikt fehlgeleiteter Männer und Frauen. Ich habe selbst unzählige Missbrauchsopfer als Psychotherapeut betreut (siehe auch: https://querzeit.org/philosophie/missbraucht) und zum Teil über Jahre begleitet. Missbrauch ist für die Opfer vor allem eins: Eine lebenslange Folter. Noch neulich versuchte eine Münsteraner Pfarrer, den ich persönlich an meiner Schule kennengelernt habe, sexuelle Schändung zu relativieren: er „… hatte in seiner Predigt in der Heilig-Geist-Gemeinde (Münster) am vorletzten Wochenende dafür geworben, einander vergeben zu können, und dies ausdrücklich auch auf Priester bezogen, die Minderjährige sexuell missbraucht haben (KAT).“ Zudem seien die Opfer, so sein niederträchtiges Denken, immer wieder zu den Tätern zurückgekehrt. Seine Schlussfolgerung: Dann kanns ja so schlimm nicht gewesen sein! Schade, dass Geistliche, die mit Minderjährigen zu tun haben, in der Regel keine Ahnung von Pädagogik und Psychologie haben. Theologie reicht nicht, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstehen. Immerhin wurde der Pfarrer vom Münsteraner Bischof suspendiert – natürlich nur vorübergehend! Man kennt das ja: vorne raus und hinten wieder rein.

Missbrauch bezieht sich aber nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auch auf die Vergewaltigung und sexuelle Nötigung von Ordensfrauen im großen Stil. In dem Dokumentarfilm „Gottes missbrauchten Dienerinnen“ von 2019 wird diese sexualisierte Gewalt thematisiert. Kurz darauf untersagte die Pressekammer des Landgerichts Hamburg mit einer einstweiligen Verfügung dem Sender Arte, den Film weiterhin in seiner Mediathek zu präsentieren, woraufhin er entfernt wurde (siehe WIK). Dort, wo man gerne rein in Gedanken, Worten und Werken ist bzw. so tut, als wäre man es, passen solche kriminellen Handlungen schlecht in den Kram.

Sexueller Missbrauch geht oft Hand in Hand mit physischer und psychischer Misshandlung. Es bestehen zumeist fließende Übergänge. So z.B. in einem Erholungsheim für Kinder:

„Es sind erschreckende Schilderungen von Betroffenen, die vor Jahrzehnten als Kinder im einstigen Kindererholungsheim in Langweiler im Hunsrück waren. Nonnen befahlen ihnen, den Teller leerzuessen, auch wenn sie erbrachen. Im Schlafsaal waren Reden und Umdrehen im Bett verboten. Wer nicht gehorchte, bekam Schläge auf den nackten Po, mit einem Stock oder einer Nadel in der Hand (ZEIT).“

Werte (Foto A. Illhardt)
Werte (Foto A. Illhardt)

Es gibt aber auch Berichte über sexuelle Praktiken durch Nonnen, die sich an den Schutzbefohlenen vergingen. Auch wenn mir so etwas selbst nicht passiert ist, so erlebte ich in meinen Krankenpflegerzeiten (siehe später) Ordensschwestern, die offenbar mit ihrer Situation der Entsagung überfordert waren und einen Genuss darin fanden, andere zu quälen oder zu erniedrigen. Meine Frau wurde nach der Geburt eines ihrer Kinder von einer Nonne durch Druck auf die Schultern auf einen Holzstuhl runtergestoßen, obschon sie aufgrund von starken Schmerzen noch nicht sitzen konnte. Eine ältere Patientin in der letzten Klinik erzählte mir, dass sie heute noch psychisch darunter leide, bei ihrem Krankenhausaufenthalt als Kind nicht auf die Toilette gehen zu dürfen. Schwester „Rabiata“, wie sie die Nonne nannte, hatte Pinkelzeiten vorgeschrieben und wehe man machte ins Bett. Auch wenn solche Praktiken im Vergleich zu Missbrauch oder Misshandlung vielleicht unbedeutsam klingen, so stellt sich mir ganz klar die Frage: Was machen Aspekte wie Enthaltsamkeit/Ehelosigkeit, Frömmigkeit, Gehorsam oder auch Ortsbeständigkeit, die im Grunde menschlichen Bedürfnissen entgegenlaufen, mit einem Menschen auf Dauer? Wenn diese Regeln im großen Stil nicht eingehalten werden oder auch werden können, warum behält man sie dann bei? Schwester „Rabiata“ oder „Rumbrülla“ mögen ja lustig klingen, aber erwecken eher den Eindruck, dass bei den Damen psychopathologisch tüchtig was aus dem Ruder gelaufen zu sein scheint. Wenn sie mit ihrer frommen, menschenachtenden und auf christlichen Grundwerten basierenden Ausrichtung nicht klarkommen, sollte man ihnen den Austritt aus einem Orden nahelegen. So halte ich z.B. den Einsatz von Ordensschwestern auf gynäkologischen, urologischen oder geburtsmedizinischen Einrichtungen für äußerst bedenklich, da hier entweder moralisierendes oder aber neidbesetztes Verhalten vorprogrammiert sind.

Was die Leute wenig zu stören scheint, ist die Tatsache, dass es sich bei großen Teilen der katholischen Kirche um eine äußerst düstere Bewusstseinsschmiede handelt, die vor allem den antimodernen Fundamentalisten zum Ausleben ihrer schweren Persönlichkeitsstörungen dient. Was sich hier an histrionischen, narzisstischen und dissozialen Störungen tummelt, macht jeden Psychotherapeuten mit schlecht laufender Praxis glücklich. Auf der anderen Seite – und das bringt den vergeistigten Oberfrömmlern wunderbare Abhängigkeitsverhältnisse – sind da die armen Seelen mit emotional-instabilen, abhängigen und ängstlich-vermeidenden Auffälligkeiten. Falls man mir hier ein unfaires Hantieren mit Begriffen aus dem psychiatrischen Klassifikationskatalog vorwirft, so basieren meine Aussagen u.a. auf Erfahrungen und Beobachtungen als langjähriger Psychotherapeut. Doch dazu später.

Der religiöse Karneval

Kirche im Dorf (Foto A. Illhardt)
Kirche im Dorf (Foto A. Illhardt)

Gerne arbeitet man in „Katholenkreisen“ mit der Umschreibung „erzkonservativ“, was ja immer verharmlosend und etwas nach Erzengel klingt, dabei stecken dahinter oft Personen, denen die Moral längst egal ist und die Macht nebst Einfluss und Ansehen zum Triebwerk des religiösen Wirkens geworden sind. Und da jeder – und manchmal auch jede (Religion ist ja Männersache) ein Wörtchen mitreden möchte, entstehen äußerst krude, rechtsdrehende und rechtsradikale Vereinigungen und Untervereinigungen, die mal der Marienverehrung dienen, mal eine wichtige Persönlichkeit hofieren, sich Bruderschaften nennen oder – manche Männer sind ja oft auch zurückgebliebene Jungs – Ritterorden heißen. Und dann latschen ausgewachsene, schwarzgewandete Typen mit Schärpen, Orden und anderem Trallafitti durch die Gegend und spielen religiösen Karneval. Ernstnehmen kann man das Getue, das oft obendrein mit exorbitanten Verschwörungsgeschwurbel verbunden ist, nicht und natürlich stellt sich die Frage, wo denn das eigentliche Christentum geblieben ist. Sicherlich kennt man auch bei Geschwistern gelegentlich ein gewisses Hauen und Stechen, aber dass sich die selbsternannten Brüder und Schwestern im Herrn dort wo keiner so genau hinguckt das Leben schwer machen, wird oft ausgeblendet. Passt ein zu fortschrittlich denkender Kirchenmensch nicht in das Bild der Altvorderen, wird er oder sie gemobbt, ausgegrenzt, beleidigt, denunziert und rausgelobt. Der Einflussbereich ist größer und zum Teil erschreckender als man denkt. Dass es Kaderschmieden von Ultras wie Opus Dei oder der Piusbruderschaft gibt und gab, die sich im schulischen Milieu befinden/befanden, ist überaus gruselig. Was für ein Menschen-/Frauen-/Männerbild wird dort vermittelt? Offenbar sind kritisches Denken, Nach- und Überdenken bei der Religionsausübung nicht erwünscht. Vor allem dann nicht, wenn es den erstarrten Schwarzröcken nicht in den Kram passt. Übrigens sei erwähnt, dass sich vor allem der stockkonservative Klerus bevorzugt in den Gefilden der steinreichen Industriellen rumtreibt. Vermutlich gibt es dort die besten Lammkeulen und die meiste Rückendeckung u.a. in Form von monetärer Zuwendung. Mit dem fürsorglichen Hirten, der sich selbstlos um seine Schafherde kümmert, hat das nichts mehr zu tun. Es lebe die Selbstverherrlichung und -beweihräucherung! Da lobe ich mir die taffen Priester, die im Obdachlosenmilieu oder in sozialen Brennpunkten ihr letztes Hemd opfern.

Wer schon mal das Vergnügen hatte, mit waschechten Bischöfen oder hierarchisch fast ähnlich hoch gestellten Würdenträger Kontakt zu haben, wird feststellen, dass die fromme Umgebung in einen unglaublich überschwänglichen Buckelmodus verfällt. Der Geweihte wird in salbungsvoller Weise mit „Eure Exzellenz“ oder „Hochwürden“ o.ä. angesprochen, was ich mit Verlaub für völligen Unsinn halte. Es sind Menschen wie Du und ich, sie haben vielleicht einen gewissen „Chefstatus“, aber – wie eine frühere Ordensschwester zu sagen pflegte, bei der ich als Krankenpflegeschüler angeleitet wurde: „Die pupen alle aus dem gleichen Loch!“ Ob sie damit auch kirchliche Würdenträger meinte, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls habe ich so einen Titeloverkill im Kontakt stets vermieden. Herr Bischof reicht!

Ein Gedankeneinschub: Interessant bei einer Auseinandersetzung mit Aspekten wie Kirche und Religion – was ja zwei unterschiedlichen Dinge sind – ist die Tatsache, dass dies mit einem zum Teil hochwissenschaftlichen Duktus betrieben wird, obschon es sich bei der Existenz Gottes – Thomas von Aquin hin oder her – um eine Annahme handelt. Da es viele verschiedene Religionen und Glaubensrichtungen gibt, muss man wohl davon ausgehen, dass Glaube ein Bedürfnis ist, aber keine feste Instanz. Wie viele Religionen und Unterreligionen gibt es? 8?10? Oder doch 34? Und wie viele davon pochen darauf, den wahren Gott anzubeten? Wie soll man sich bei so vielen Religionen für einen, vor allem den richtigen Gott entscheiden? Könnte man für die, die einen brauchen, nicht auch ein gleichberechtigtes Götterparlament einrichten? Während sich die Geistlichkeit in ihren einschlägigen Institutionen – digital (Pfui Teufel, ist doch eigentlich moderner Unrat!) oder in eigens dafür eingerichteten Initiativen –  mit philosophisch gedrechselter Ausdrucksweise und einem fast schon zwanghaft und verbalerotisch erscheinendem Hang zur lateinischen Sprache die kreuz und quer diskutierten Brocken um die Ohren haut, die aber bei Licht betrachtet unglaublich inhaltsleer wirken, gibt es für den einfachen Christenmenschen fast schon infantile Heilsbotschaften, um von der komplexen Uneindeutigkeit abzulenken. Man darf – um Gottes Willen – nicht nach der tatsächlichen Existenz eines Gottes fragen, da es sich um Glaube handelt und Glaube heißt ja, wie sogar mein Religionslehrer mal sagte, nicht zu wissen. Und trotzdem wimmelt es selbst in kritischen Fachbüchern zur Theologie nur so vor Selbstverständlichkeiten wie „Gott hat gesagt“, „Gott hat uns dafür bestimmt“ oder „Gott wollte uns zeigen“ usw. Woher weiß man das? Bei meiner Recherche nach Gottesbeweisen wurde ich bis auf Zwischenpositionen, Widerlegungen und strenges vs. nicht so strenges Verständnis von Beweisen nicht fündig. Ein erwachsener, hochgläubiger, zudem studierter Mann, mit dem ich mal über die wahre Existenz eines Gottes diskutierte, argumentierte mit der unschlagbaren Antwort: „Es gibt Gott, weil es ihn gibt.“ Punkt! Vermutlich ist die Angst vor einem religiösen Nichts größer als das Anerkennen eines nichtbewiesenen Phänomens. Es ist daher kein Wunder, wenn Karl Marx Religion als Opium des Volkes bezeichnete. „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen“, so sein Denken. Immerhin wurde inzwischen die Religion ersetzt durch den Konsum von Bullshit. Das gibt den meisten Menschen Lebenssinn und beweist ihre Unmündigkeit.

Gedankeneinschub – Ende: Ich finde es nicht schlimm, dass ein Beweis aussteht. Ich habe viele Menschen in schlimmsten Krisen erlebt, die von ihrem Glauben unglaublich (Wortspiel!) profitiert haben. Ein mir bekannter Seelsorger in einem Krankenhaus berichtete immer wieder davon, wie Patienten/Patientinnen mit schwersten Erkrankungen durch einen Bezug zu ihrer Religion deutlich gestärkt wurden. Und auch ich habe mit Patienten, die im Sterben lagen, gebetet. Ja, ich habe es ihnen sogar angeboten.

Meine Katholisierung, 2. Teil und die Sache mit der Schuld

Friedhof mit Kreuz (Foto A. Illhardt)
Friedhof mit Kreuz (Foto A. Illhardt)

Ich selbst bin in einem streng katholischen Elternhaus und einer entsprechenden Umgebung großgeworden. Wie oft habe ich diesen Satz genutzt, aber nie ausgeführt, was damit gemeint ist. Übrigens wurde ich auch nie nach der Bedeutung gefragt. Während der Gläubige denkt, dass dies ein Qualitätsmerkmal darstellt, wird mich der Nichtgläubige bemitleiden: Der Ärmste, ein Leben in Unterwerfung, Entsagung und Moralisierung. Zunächst einmal: Mir hat meine christliche Erziehung nicht geschadet. Mir wurden Verhaltens- und Umgangsweisen beigebracht, die nicht – im wahrsten Sinne – von schlechten Eltern waren. Und die, die mir nicht gefallen haben, wurden mit zunehmendem Alter einfach ignoriert. Die zehn Gebote fand ich schon als Jugendlicher überflüssig, sollte es doch halbwegs logisch sein, nicht zu töten, zu klauen, die Wahrheit zu sagen und mit der Nachbarin rumzuvögeln. Mir erzählte neulich noch ein Bekannter, dass er zur Beichte gezwungen wurde, obschon er sich nie einer schlimmen Schuld bewusst war. Sagte er seiner gläubigen Mutter, er wüsste nicht, was er dem Pfarrer im Beichtkabuff sagen sollte, antwortete die gute Frau, dass er vielleicht seinen Bruder geärgert habe, was aber nicht der Fall war. Und dann wird der katholische Beichtjoker aus der Tasche gezogen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…“, was dazu führte, dass sich mein Bekannter eben Sünden ausdachte. Diese Bibelgeschichte mit dem Steinewerfen im Zusammenhang mit einem Vorfall des Ehebruchs, die gerne kontrovers in den religiösen Netzwerken diskutiert wird, soll eigene Barmherzigkeit, Demut und Selbstprüfung suggerieren, scheint mir aber im Zusammenhang mit einem Drängen zur Beichte äußerst denkwürdig und obendrein unpassend zu sein. Übrigens ging es mir haargenau so wie meinem Bekannten bezüglich der Beichte und dem Bibelzitat, bis ich irgendwann den Schwindel durchschaute und Beichtstühle mied wie der Teufel das Weihwasser. Zudem fragte ich mich mit dem Älterwerden, was es bringen soll, als Buße soundso viel „Ave Maria“ oder „Vater Unser“ zu beten? „Ave Marias“, auch zehn davon, sind keine Hilfe und auch keine Buße. Was für ein schreckliches Gebet muss das sein, um es als Buße auferlegt zu bekommen?

Überhaupt scheint die katholische Religion (die evangelische kenne ich zu wenig) der reinste Reglementierungsapparat zu sein. Das darf man nicht, das tut man nicht, das ist Sünde und jenes unchristlich. Lust darf man möglichst gar nicht haben, Sex ist sowieso schmutzig und ein pralles gelebtes Leben sollte man in Grenzen halten. Spaßig bei der Sache ist allerdings die Tatsache, dass es Unmengen an Beispielen gibt, dass diejenigen, die am meisten Moral predigen, den dicksten Dreck am Stecken haben.

„Seltsam ist, dass im Neuen Testament, vor allem in der Bergpredigt, von Jesus außer dem Gebot der Liebe, dem Verbot des Meineids, der Lüge und des Mordes keine Regeln wahrgenommen werden. Die Kirche legt noch einige Regeln drauf. Und das ist unser Problem: Christliche Moral hat ihr Fundament nicht mehr auf dem leibenden Respekt, also auf Barmherzigkeit, sondern sie setzt auf eine Kultur der Regulative (FJI).“

Die Frage nach dem Warum ist leicht zu beantworten. Je schuldiger und sündiger und damit, umso kleiner sich ein Mensch fühlt, desto eher ist er oder sie bereit, sich unterzuordnen und Regulativsysteme bis hin zur Aufgabe der Selbstbestimmung anzunehmen. So funktioniert auch Diktatur. Was ich übrigens nicht wusste, ist die Tatsache, dass auch Professoren, die an Unis oder anderen Institutionen lehren, vom jeweiligen Bischof kontrolliert werden. „So wird die Aufgabe einer Universität unterlaufen (FJI)…“ und es besteht nicht die Gefahr, dass intelligent denkende Professoren die heiligen Dinge entschärfen oder anders definieren.

Mit dem Sündigen und sich schuldig fühlen, verhält es sich ähnlich wie bei den Versicherungsgesellschaften: zunächst tüchtig Angst erzeugen, dass eine schlimme Katastrophe passiert, dann die Gebäudehaftpflicht als Heilsbotschaft anbieten. Ich weiß, wovon ich spreche: Mein Vater hatte eine Allianz-Agentur. Angst ist ein wunderbarer Katalysator, um den armen Sünder bei der Stange zu halten. Um in den Himmel zu kommen, muss ich Sünden nicht nur vermeiden, sondern selbst ihre Abwesenheit in Zweifel ziehen. Ein intelligenter Schachzug der Entwickler, das muss man neidlos anerkennen.

Herrgottswinkel (Foto A. Illhardt)
Herrgottswinkel (Foto A. Illhardt)

Der christliche Glaube steckte in meiner Kindheit und Jugend in jeder Ritze der guten Stube. Als ich mit der Gummiflitsche eine Fliege abschoss, die auf einem Mutter-Gottes-Bild in der Küche saß, obendrein auf ihrem rechten Auge, bekam ich gehörigen Ärger und ein paar in den Nacken (normalerweise wurde in meiner Familie nicht geschlagen!). Nicht weil ich ein Tier getötet habe, damit hat das Katholikentum erstaunlicherweise keinerlei Probleme (was da in der Bibel sinnlos an Lämmern, wobei es sich ja um Schafsbabys handelt, sinnlos geschlachtet wurde, geht auf keine Kuhhaut. Es würde mich bei den „Kirchnern“ nicht wundern, wenn es nicht schon einen Schutzheiligen für die Massentierhaltung gibt.), sondern es ging um eine Entehrung Mariens. Was ich nicht wusste war, dass meine Mutter der tieffundamentalistischen Marienverehrungssekte „Legion Mariae“ anhing, die im Grunde alles weltliche Tun (ich entdeckte das später in Aufzeichnungen) als Sünde brandmarkten und damit ein Schuldbewusstsein erster Güte entwickelte. Lust und Leidenschaft waren des Teufels. Im Grunde war das Leben auf der Erde nur ein Übergangsmodus, um mit dem Tod die Erlösung zu erlangen und in das Reich Gottes einzugehen. Und um der Sache noch die Krone auszusetzen, geht man in gewissen Kreisen davon aus, dass der Mensch schon mit der Geburt als Sünder die Weltbühne betritt und von Gott eigens erlöst werden muss. Wer glaubt, dass solche Ansichten aus der Zeit gefallen und Schnee von gestern sind, täuscht sich. Ein traditionelles, antimodernes und zunehmend rechtsradikales Kirchenbild hat längst die Überholspur eingeschlagen. In der frommen Gemeinschaft fühlen sich viele Menschen mit rechtsdrehenden Strukturen wohl wie in der eigenen Polstergarnitur zuhause. Keine Wunder, denn wie in so vielen anderen religiösen Bewegungen wird gegen Homosexualität, Verweiblichung, Verhütung, demokratische Strukturen, Konkubinatspaare (klingt total verwerflich!), Sexualaufklärung, freizügige Kultur, Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe, Migration, und gegen andere Religionen geschossen. Das zum Thema, vor Gott seien alle Menschen gleich!

Realität und heiliger Schein

„Sie (die Kirche) ist nicht das, worüber sie predigt, sie empfiehlt demokratisch zu sein, aber ist es nicht (FJI).“

Wie war das noch mal mit Realität und heiligem Schein? Für Menschen in diesen Kreisen sind Weltoffenheit und die Öffnung hin zur Moderne eine Gefahr. Der Kirche fehlt „…Sensibilität für eine neue Lebenskultur (FJI).“

Ich habe in meinem Leben, aber auch in meinem Beruf stets mit größtmöglicher Offenheit gearbeitet und bin damit mehr als gut gefahren. Die unzähligen Jugendlichen meldeten mir oft zurück, dass sie mich authentisch fanden, weil ich sie auch als junge Menschen ernstnahm, meine Professionalität hintenanstellte, ehrlich war und aufgrund meines libertären Weltbilds auf eine Autoritätsausübung verzichtete. Was passierte mit einem Christentum, in dem Machtvernarrte, Egomanen, Vergangenheitsfanatiker, Autoritätsverliebte und sexuell verstockte und verkrustete Personen den Ton angeben? Zudem ist mir eine Religion, die mit Begriffen wie Gottesfurcht arbeitet, mehr als suspekt. Ich könnte keinen Gott lieben, den ich fürchten muss. Ein Bekannter, der selbst aus einer islamischen Familie stammt, inzwischen aber Atheist ist, berichtete mir, dass viele strenge Islamgläubige Nichtgläubige ablehnen, ja sogar ihnen den Tod wünschen. Es sind mehr, als du denkst, so seine Aussage. Der Koran ist da vieldeutig; eben wie die Bibel. Doch in vielen parakatholischen Netzwerken wird gegen das Judentum, den Islam oder andere Konfessionen geschossen, als gäbe es kein Morgen mehr.

Der Theologieprofessor Karl-Josef Kuschel wies schon 2007 in seinem Buch „Juden Christen Muslime“ auf ein dualistisch-spalterisches Denken … in Texten der Heiligen Schriften von Judentum, Christentum und Islam (Kus)“ hin und mahnte:

„Trialogisch denken ist das Gegenteil von isolierendem und totalitärem Denken. Beides verstärkt sich gegenwärtig wieder. Das isolierende Denken führt zur Selbstabkapselung und Selbstprofilierung der eigenen Religion auf Kosten der anderen, gepaart oft mit raffinierter Ausnutzung von Rechten in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen, für die man anderenorts nicht einzutreten bereit ist. … Die Konsequenz ist Rückzug in Ghettostrukturen, Tunnelblick, monoperspektivisches Monologisieren, ängstliches Bestandsichern, Parallelgesellschaften, doppelte Rechtsordnung (Gottesrecht gegen Menschenrecht)… (KUS).“

Ich habe das Gefühl, dass bezüglich eines Miteinanders noch viel Luft nach oben ist.

Gesperrte Kanzel (Foto Arnold Illhardt)
Gesperrte Kanzel (Foto Arnold Illhardt)

Als ich noch Messdiener war, wurde abwechselnd mit dem Pfarrer das Stufengebet in Latein gebetet. Wir Ministranten mussten es auswendig lernen. Allerdings wusste meistens niemand von uns, was er da runterleiert, weshalb man das Gebet auch möglichst undeutlich betete; undeutlich klang dann mehr lateinisch. Erinnern kann ich mich noch gut an die Passage „mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa“, was auf Deutsch „durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld“ bedeutet. Schuldig war man deswegen, weil man gesündigt hatte in Gedanken, Worten und Werken. Und wie ich schon zuvor schrieb, hatte man automatisch gesündigt und musste, um nicht wieder Steine werfen zu müssen, Buße tun. Dann kam die Zeit, als das Altarritual auf Deutsch gebetet wurde und es ging ein Aufschrei durch die Massen der Frommen, denn offensichtlich wollte niemand verstehen, was dort verbal fabriziert wurde. Latein klang so schön einlullend. Liest man wissenschaftliche Texte zu Kirche und Religion oder hört man sich Predigten oder andere längere Textpassagen an, so wird man auch hier den Verdacht nicht los, an eine Geheimsprache geraten zu sein.

Wenn Christen plötzlich linksextrem werden

In den sozialen Netzwerken fand ich neulich einen für mich sehr passenden Spruch: Ein Leben lang habe ich versucht, kein Arschloch zu sein, jetzt werde ich als linksextrem bezeichnet. Eine Erfahrung, die ich über Kommentare im Internet selbst schon gemacht habe: Anhänger der katholischen Gurkentruppe der Fundamentalisten bezeichnet mich aufgrund meiner Fürsprache bezüglich gesellschaftlich benachteiligter Gruppen und einer offenen Gesellschaft als linksgrünversifft. Das Wort erinnert immer an Kleinkinder in der analen Phase, wenn sie von „Pippikackaloch“ sprechen. Da ich in dem Bereich des erstarkten Rechtsradikalismus sehr viel recherchiere, bekomme ich immer häufiger mit, dass hier eine Symbiose von einem menschenverachtenden Menschheitsbild und einem offenbar falsch verstandenen Christentum mehr als verbreitet ist. Passen Christentum und Rechtsradikalismus zusammen? Bislang dachte ich – nein?! Die Realität sieht anders aus. Die Außendarstellung ebenfalls.

In desaströsen Zeiten wie diesen haben fundamentalistische Vereinigungen, die sich als Stoßtruppe gegen das Böse in der Welt und ihre dunklen Mächte sehen, Hochkonjunktur. Ich glaube, es war Tucholsky, der mal den Satz prägte: Wenn der Mensch hinten nicht mehr hochkommt, wird er gläubig. Aktuell leben wir in Zeiten, in denen klare und unmissverständliche Worte seitens des Papstes und seiner schwarzberockten Zunft angebracht wären. Übrigens fände ich einen Ausschluss der AfD und Teilen der CDU aus der katholischen Kirche mehr als überfällig, denn mehr an Menschenverachtung geht ja kaum. Beide Parteien „…werden nicht trotz ihrer arbeiter-, armen-, ausländer-, frauen- und querfeindlichen Politik gewählt. Sondern wegen. (EWO)“ Was daran ist christlich? Und warum wird einer Partei das „C“ im Namen nicht endlich aberkannt, die gerade im großen Stil den Sozialstaat abschaffen möchte? Da wäre doch eine Tempelvertreibung 2.0 wirklich zeitgemäß und – ganz wichtig – KONSEQUENT. Und Konsequenz scheint mir ein weißer Fleck auf der christlichen Landkarte der Verhaltensweisen zu sein. Das gilt auch für andere Religionen, denn man hört wenig von den religiösen Führern im Islam oder Judentum, wenn im Namen ihres Gottes oder Propheten ganze Menschenmassen dahingeschlachtet werden. Ach, Krieg ist gar kein Mord? Sorry, da habe ich wohl falsch recherchiert.

Meine Katholisierung, dritter Teil

Weiter geht’s im Text meiner religiösen Erleuchtung. Mein eingangs erwähnter Bruder (siehe ausführliche Anmerkung im Quellenverzeichnis) lebte früher als geweihter Priester in einem Freiburger Orden. Um mich aufs Abitur vorzubereiten, verbrachte ich einige Zeit bei ihm hinter Klostermauern. Das Kloster machte auf mich einen recht okayen Eindruck, doch war ich reichlich erstaunt, als sich beim Mittagessen ein mich sehr erschütternder Vorgang abspielte. Jemand von den Patres berichtete, dass draußen in der Stadt vermeintlich linke Studenten gegen irgendwas protestierten (den Grund weiß ich nicht mehr). Einer der älteren Ordensmänner meinte darauf, man solle solche Leute an die Wand stellen und abschießen. Ähnliche Aussagen liest man in den sozialen Medien häufig; offensichtlich gehören Gewaltvorstellungen zum rechten und faschistisch-katholischen Gedankengut. Doch erwartet man so etwas von einem Priester oder einem gläubigen Menschen? War die katholische Religion nicht ursprünglich gedacht als eine Anleitung für ein Leben, in dem Frieden, Gleichberechtigung oder Menschenwürde eine Rolle spielen?

Als mein Bruder sein Talar an den Nagel hängte und den Orden verließ, war dies für meine Eltern ein schlimmer Schlag. Junge Leute werden nicht wissen, dass es damals in katholischen Familien verbreitet war, dass das älteste Kind für ein Kirchenamt vorgesehen war und entsprechend infiltriert wurde. An mir ging dadurch zum Glück – Achtung Wortspiel – der Kelch vorüber. Es wäre auch nicht lange gut gegangen, weil ich vermutlich nach ein paar Wochen mit der Haushälterin durchgebrannt wäre. Nach der Priesterweihe meines Bruders war häufig die lokale Geistlichkeit zu Gast, um den Priestereltern zu würdigen und Kaffee & eigens gebackenen Kuchen zu schnorren. Nachdem mein Bruder seine Laisierung kundgetan hatte, blieben die Besuche der Ortspriester aus, obschon meine Eltern gerade dann Unterstützung dringend gebraucht hätten. Ich habe den Pfaffen damals einen bösen Brief geschrieben und ihr heuchlerisches Verhalten angeprangert. Wie man sich vorstellen kann, kam nie eine Antwort.

Jahrzehntelang arbeitete ich zunächst als Krankenpfleger, später als Psychologe in kirchlich ausgerichteten Krankenhäusern. In der ersten Klinik gab es noch Nonnen, die offenbar Probleme mit ihrer Enthaltsamkeit hatten und meine jungen Kolleginnen drangsalierten oder durch ein übertrieben autoritäres Verhalten Angst und Schrecken verbreiteten. Eine Stationsnonne schnitt eines Tages einer jungen Krankenschwesterschülerin aus meinem Kurs die Haare ab, weil sie diese, so der Vorwand, nicht unter die Haube passten, die Schülerinnen früher tragen mussten. Immerhin konnte eine kleine Gruppe unter meiner Anleitung erreichen, dass auf der Station unter dieser gestörten Ordensfrau keine PflegeschülerInnen mehr eingesetzt wurden. Die Dame blieb allerdings Stationsschwester, unserer Forderung nach Rauswurf wurde nicht nachgekommen. Ein Bekannter, der in einer anderen katholischen Pflegeeinrichtung seine Ausbildung machte, erzählte von einer Durchsuchung seines auf dem Klinikareal befindlichen Zimmers durch Nonnen. Dabei wurden auch seine Bücher durchwühlt und er später auf deren vermeintlich linken Inhalte (er hatte vorher Geschichts-Leistungskurs) angesprochen. In einer anderen Klinik wurde einem Kollegen mit der Kündigung gedroht, da er Mitglied in der Gewerkschaft war.

Was geht in den Köpfen von Menschen in geistlichen Berufen und katholischen Institutionen vor? Das klingt nicht nach einem toleranten Christentum, sondern nach einer arroganten und fanatisierten Masche.

Psychologische Anmerkungen und Kuriositäten

In meiner Tätigkeit als Krankenpfleger lernte ich in einer meiner Nachtdienste einen sehr netten Priester kennen, der im Münsterland eine Pfarrei leitete. Wir führten, wenn ich Zeit hatte, sehr anregende Gespräche, bis er mich eines Nachts fragte, ob ich nicht Priester werden wollte. Er fand, dass ich wunderbar mit Menschen umgehen könne und eine besondere Gabe besitze, auf ihre Anliegen einzugehen. Ich lehnte dankend ab, fragte aber ihn, warum er zeitlebens so viel getrunken habe. Er war an einer schweren Leberzirrhose erkrankt, an der er einige Tage später auch verstarb. Da wir inzwischen ein gutes Vertrauensverhältnis besaßen, gestand er mir, dass er mit den Jahren immer mehr unter dem rigiden Hierarchiesystem der Kirche gelitten habe.

Über Depression und Burnout bei Menschen in geistlichen Berufen liest man häufig. Seltener dagegen hört man, welche persönlichkeitspsychologischen oder sonstigen innerpsychologischen Prozesse bei der Berufswahl eine Rolle spielen. Vermutungen liegen nahe! Viele Personen in religiösen Berufen verfügen über eine ausgeprägte Hochsensibilität und erleben eine gewisse Freude daran, anderen Menschen zu helfen und dabei eigene Bedürfnisse hintenanzustellen. Viele haben in ihrer Kindheit nicht die notwendige Zuwendung und Anerkennung erhalten. Da mit Kirche und Religion ein Bereich assoziiert wird, in dem vor allem ein liebevolles Klima herrscht, erhoffen sich viele durch die spirituelle Aufgabe eine Möglichkeit, sich profilieren zu können und dadurch Lob und Ansehen zu erhalten. Dumm nur, dass es – wie bereits oben beschrieben – immer auch die Personen gibt, die nach Chancen suchen, Macht über andere auszuüben. Es handelt sich hier nicht um eine evaluierte Persönlichkeitsstudie, sondern um meine subjektiven Beobachtungen bei jungen Menschen mit theologischen Berufsabsichten, die ich in den drei Jahrzehnten meiner Tätigkeit psychotherapeutisch betreut habe.

In der letzten Klinik, in der ich gearbeitet habe, sollte eine sehr fähige junge Ärztin eingestellt werden. Kurz vorher wurde festgestellt, dass die Frau aus der Kirche ausgetreten war, weil sie die zu dem Zeitpunkt bekanntgewordenen Missbrauchsfälle nicht mehr mittragen wollte. Auf Geheiß der katholisch orientierten Geschäftsführung erhielt die Ärztin eine Absage, quasi über Nacht konnte allerdings über „Beziehungen“ ein Wiedereintritt in die Kirche erreicht werden und – Schwupps – wurde sie Teil unseres Ärzteteams. Mal abgesehen davon, dass es von der jungen Frau ein wenig konsequentes Verhalten war, muss hier aber auch das kuriose Vorgehen der Verantwortlichen kritisiert werden. Was hatte sich durch die halbherzige Rückkehr in die Kirche verändert? War sie nun eine bessere Ärztin? Es sind manchmal auch solche Kuriositäten, die das Ernstnehmen der katholischen Kirche erschweren.

Homosexualität? Aber doch nicht in der Kirche!

Kreuzüber (Foto A. Illhardt)
Kreuzüber (Foto A. Illhardt)

Eine unendliche Geschichte der außergewöhnlichen Art ist der Umgang mit Homosexualität in Kirchenkreisen. Tatsächlich gibt es unter den Hardcore-Frömmlern noch die Einstellung, es handele sich dabei wahlweise um eine schwere Erkrankung oder um das Ausleben einer teuflischen Begierde, mit dem man nicht nur sich selbst, sondern seiner keuschen Umgebung einen schweren Schaden zufügt. Willkommen im Mittelalter! Doch der größte Irrsinn dabei ist die Tatsache, dass ein großer Teil im Kirchengewerbe selbst schwul ist. Es gibt sogar Schätzungen, dass es sich einen sehr hohen Prozentsatz der Priester handelt. Bei Traditionalisten wird darum ein riesiges Brimborium gemacht, weil ja Schwulsein (die „Kirchler“ unterscheiden gern noch in homosexuelle Ambitionen und das Ausleben) eine schlimme Sünde ist und eigentlich in der Kirche nichts zu suchen hat. Und je größter das Brimborium, umso eher steckt dahinter die eigene, bislang nach außen nicht bekannte Homosexualität. Indem ich etwas vermeintlich Schlechtes bei anderen anklage, fällt es nicht auf, dass ich selbst Probleme mit meinen sexuellen Neigungen habe. Also immer druff!

Überaus dubios ist das Buch „Der heilige Schein“ von David Berger, der als schwuler Theologe über den bizarren und höchst menschenverachtenden Umgang mancher Schwarzrockobersten berichtet und dabei auch den deutlichen Rechtsruck in der katholischen Sektion anspricht. Kurios dabei ist die Tatsache, dass Berger sich selbst nicht zu blöd ist, über jeden Stock zu springen, der ihm hingehalten wird, um sich als konservativ eingestellter Theologe und homosexueller Mann bei einschlägigen konservativen Netzwerken für Karrieremöglichkeiten anzubiedern. Übrigens verwundert es nicht, dass der recht erfolgreiche und bekannte Theologe sich heute bei der AfD seine Streicheleinheiten abholt, wo er rechtsfaschistische Auftritte absolviert. Auf seinem Blog begründet er das damit, wieder ruhig schlafen zu können und „… erst recht für die Demokratie und gegen den Linksfaschismus ein Zeichen (…zu…) setzen (QUE)“. Die Bergersche Wackeldackelei ist in rechten Kirchenkreisen durchaus verbreitet. Anstatt sich gemeinsam mit liberalen und gemäßigt konservativen Kräften für ein am Menschen ausgerichtetes Christentum zu engagieren, verliert man sich in widerlichen Selbstverherrlichungen und biedert sich der jeweils gewinnbringenden Institution an. Man nennt das in weltlichen Kreisen auch Arschkriecherei.

Später als Psychotherapeut betreute ich vor allem Patientinnen, die sich bei mir bezüglich ihrer Homosexualität outeten, aber krankmachende Angst davor hatten, ihren Eltern davon zu erzählen. Eltern, die kreuzkatholisch lebten und blind Konstrukte übernommen hatten, drohten an, ihre lesbische Tochter rauszuwerfen. Ein Vater, der – wie ich recherchierte – hoch in der CDU irrlichterte und mit der Kirche schwer poussierte, drohte gar Schläge und ebenfalls den Rauswurf an. Sein Problem war, dass sich die sexuelle Ausrichtung seiner Tochter schlecht aufs Geschäft auswirken könne. Und wieder die Frage: Ist das gelebtes Christentum oder schäbige Scheinheiligkeit? Der Theologe und Religionsphilosoph Jörg Lauster bezeichnet das Christentum als die Fülle seiner Erscheinungsformen (LAU). Da stellt sich mir natürlich die Frage, ob auch die ganzen stillschweigend geduldeten Skandale, Übertretungen und kriminellen Handlungen zur Fülle dazugehören. Und es drängt sich mir noch viel mehr die Frage auf, ob der ganze „pseudo-intellektuelle Aufriss (EWO)“ der „Weihrauchschnüffler (EWO)“, der in Publikationen getätigt wird, überhaupt irgendeinen Abtrünnigen hinterm Ofen herlocken kann, oder ob Kirche nicht ein verständliches Jetztzeit-Update benötigte. Ja, bräuchte sie, aber „klerikalfaschistoide Fieberträume (EWO)“ verkorkster Kirchenversteher, die gegen eine liberale Kirchenhierarchie und eine weltoffene Kirche zu Felde ziehen, verhindern es. Man kann nur gespannt sein, wie es unter dem neuen Papst laufen wird und wie – mal wieder, also wie immer – Erneuerungen erfolgreich verhindert werden. Der „Wackel-Berger“ ist sicherlich an vorderster Front dabei, wenn er nicht längst beim Dachverband Deutscher Satanisten angedockt hat.

Ein Gedankenexperiment: Die Skala der Menschlichkeit

Man stelle sich vor, es gäbe eine senkrechte Skala mit sechs Polen. Pol 6 steht für einen hohen Grad, das Menschliche und die uns umgebende Erde in den Mittelpunkt zu stellen. Dagegen steht Pol 1 für das Gegenteil: Der Mensch spielt nur noch eine – im wahrsten Sinne des Wortes – untergeordnete Rolle. Im Vordergrund stehen die Macht der Führer und die Unterworfenheit der Menschen. 2 – 5 sind Zwischenschritte. So weit, so nachvollziehbar (ich weiß, rechtsdrehende Zeitgenosse verzweifeln schon an dieser Stelle, da sie nur Unterworfenheit kennen!). Bricht man nun den christlichen Glauben auf seine Grundpfeiler herunter, so zeichnet sich diese Religion zum einen durch ihren theoretischen Überbau aus (zentrale Überzeugungen über Gott, Jesus Christus, die Bibel, Sakramente, Hoffnung auf ein ewiges Leben und die Beziehung zwischen Menschen und Gott usw.), zum anderen durch die Bedeutung in der Umsetzung von Religion im Alltag.

„Die katholische Kirche möchte den Menschen zeigen, dass es eine Alternative zu egoistischem Handeln und materialistischem Denken gibt – nämlich den Weg der Liebe, des Mitgefühls und der Solidarität…(JES)“

Eigentlich ein einfacher und stimmiger Satz, doch bei meinen Recherchen im Internet liest man sich fast wund an verschwurbelten Aussagen. Wohl von Augustinus stammt die glorreiche Idee, dass der Mensch bereits ’schuldig geboren‘ wird, allerdings selbst nicht die Macht besitzt, sich von dieser Schuld zu erlösen. Hier muss dann ein Erlöser ran! Wieso muss ich da doch gleich wieder an die Allianz-Versicherung denken? Sorry Augustinus, aber wie kommt ein denkender Mensch auf so einen Murks? Vermutlich ist das wieder kryptisch gemeint, damit es schön schwurbelig klingt.

Doch zurück zur Skala. Meint die Katholische Kirche, das Christentum oder welche Konfession auch immer oben genannte Ziele wie Liebe, Mitgefühl, Solidarität und ich ergänze noch durch Frieden, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit und Fürsorge ernst, so wären wir bei voller Punktzahl. Glückwunsch! Wer im letzten Jahr den Film „Konklave“ im Kino gesehen hat, bekam einen Einblick, dass die katholische Kirche kein Friede-Freude-Eierkuchen-Verein ist, sondern eher ein zerstrittener Haufen mit einer Menge von Egomanen in den Hauptrollen. „Konklave“ könnte man mit einem Fußballspiel vergleichen: Liberal Eingestellte gegen Erzkonservative. Intersexuell gewinnt, denn der neue Papst in dem Film hatte erst bei einer Blinddarmoperation erfahren, dass er Eierstöcke und eine Gebärmutter habe und somit intergeschlechtlich sei. Er habe sich aber „… entschieden, seine weiblichen Organe zu behalten, da Gott ihn so gemacht habe. (WIK)“ Ich persönlich fand die Wendung prima. Zumal mir völlig egal ist, ob Priester schwul sind und der amtierende Papst eine Päpstin ist. Ich würde es sogar begrüßen, da mir mit den Jahren das ganze Männergehampel immer mehr auf den Geist geht. Allerdings stimmt es auch nachdenklich, dass es überhaupt ein Problem darstellt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr es mir sauer aufstößt, dass es sich bei all den Kirchenleuten um einen reinen Männerstammtisch handelt, wovon der überwiegende Teil außer Stammtisch nichts von der wahren Welt gesehen hat. Vor allem die erzkonservative Männerrunde hat was vom Auftauchen der Zombies in dem Video „Thriller“ von Michael Jackson. Bei der Recherche zu diesem Text stieß ich auf Videos von fundamentalistischen Bischöfen und anderen „Würden“trägern, die vor allem eins ausstrahlten: Starre, Strenge und BeHERRschung. Das ist nicht meine Welt.

So – und was nun?

Eine abschließende Antwort auf ein „Und was nun?“ fällt schwer. Hatte ich zu Beginn noch beschrieben, dass mich Kirche nicht interessiert, so bin ich nach meinen Recherchen und eigenen Erfahrungen der Ansicht, dass man Kirche und ihr Drumherum nicht mit sich allein lassen sollte. Streicht man in meinen Ausführungen Begriffe wie katholisch oder religiös und ersetzt sie durch AfD oder rechtsnational/-radikal, so ergibt sich schlussendlich der gleiche Inhalt. Genauso wie es das Ziel der völkisch-nationalen Partei ist, die Demokratie auszuhebeln und eine offene Gesellschaft mit all ihren Errungenschaften wie Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, freier Journalismus, Ausleben der eigenen Sexualität, Berücksichtigung der Schwächsten in den politischen Prozessen, Akzeptanz der Vielfalt oder Unterstützung von benachteiligten Personen durch soziale Hilfen (usw.) gegenzusteuern. Der feuchte Traum von rechten Kräften sind u.a. autoritäre Führungsmodelle, Gleichschaltung von Kultur und Presse, sowie ein nationalistischer Staat. Genau das sind Themen, bei der auch eine fundamentalistische Kirche strahlende Augen bekommt. Ich las sogar von drolligen Bischöfen, die von einem Gottesstaat sprachen, in dem einzig und allein das nach ihren Vorstellungen imaginierte Christentum alleinbestimmende Macht ist. Ich bin kein Theologe, aber mir erscheint das nach den Ideen der christlichen Lehre radikal an der Urvorstellung vorbeigeschossen zu sein.

Die Angst vor der Freiheit vieler Menschen und ihr Wunsch nach Führung durch eine starke Hand wird von Personen, die Macht und Einfluss ausüben wollen, dankbar aufgegriffen. Solche Prozesse müssen klar dargelegt und für jede Gemeinde aufgedeckt werden. Will man die menschenverachtenden Vorstellungen und Praktiken von AfD & Co. bekämpfen und ihre Strukturen zerstören, so muss man auch in Kirchenkreisen „aufkreuzen“ und ähnliches Verhalten vehement hinterfragen, aufdecken und angehen.

Priester oder andere „Würden“träger, die Macht auf sexuellem Weg ausnutzen, sollten ohne Rücksicht auf Verluste von ihrem Posten enthoben und entsprechend angeklagt werden. Dass ein Papst wie Ratzinger, dem nach dem Münchner Missbrauchsgutachten (2022) mehrfach Vertuschung vorgeworfen wurde, immer noch hohe Ehre zuteilwird, ist schier unverständlich. Er hat ganz klar dazu beigetragen, dass sich Menschen von der Kirche abgewandt haben.

Auch wenn bei meinen Ausführungen vielleicht der Eindruck entsteht, in meinem Artikel werden religiöser Rechtsruck und sexueller Missbrauch durcheinandergeworfen, so wurde dies von mir absichtlich vermischt. Missbrauch ist auch Machtmissbrauch. Da in fundamentalistischen Kirchenkreisen Denunzieren äußerst chic ist, sollte klar sein, dass es hier nicht um Anschwärzen geht, wenn ich fordere, rechte und menschenverachtende Prozesse in der Kirche aufzudecken. Es sollte immer mit der Frage verbunden sein: Ist ein solches Verhalten noch mit den Grundlagen des Christentums vereinbar?

Neuorientieren (Foto A. Illhardt)
Neuorientieren (Foto A. Illhardt)

Das inkonsequente und unmoralische Verhalten breiter Kirchenkreise hat viele Menschen vertrieben. So wie mich und die meisten Menschen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Würde ich als Metal-Fan eine musikalisch entsprechend ausgerichtete Party organisieren, auf der aber vom DJ nur Schlager und Marschmusik gespielt werden, würde ich den Knaben vor die Tür setzen und mein Geld zurückfordern. Bekenne ich mich als Christ, sollte ich genauso bei antichristlichen Prozessen reagieren – klar und unmissverständlich. Es darf nicht sein, dass Priester, bei denen ein drastisches Fehlverhalten bekannt geworden ist, kurzfristig suspendiert werden, um sie hintenrum an einem anderen Ort wieder einzusetzen. Es sind die gleichen Mechanismen, mit denen auch die AfD arbeitet. Dadurch macht sich die Kirche nicht nur unglaubwürdig, sondern entwürdigt auch die Opfer ein zweites Mal. Kirche und Religion machen nur Sinn, wenn sie mit einer Zunge sprechen, alles andere führt in den Ruin. Vielleicht sollte man in sakralen Gebäuden Warnschildern: „Achtung – Einsturzgefahr! Der Beitritt geschieht auf eigene Gefahr!“ aufstellen.

Bei meinen Recherchen und Überlegungen bin ich zum Schluss noch auf ein Zitat von Sören Kirkegaard gestoßen, der zwar schon 1855 gestorben ist, aber schon damals die sukzessive Selbstabschaffung des Christentums anmahnte:

„Die Christenheit hat, ohne es recht selber zu merken, das Christentum abgeschafft; daraus ergibt sich, dass, wenn etwas geschehen soll, versucht werden muss, das Christentum wieder in die Christenheit einzuführen.“

Möge die aktuell stattfindende Vollversammlung des Synodalen Wegs nicht wieder auf halbem Weg den Rückwärtsgang einlegen.

Quellenverzeichnis

DLF: https://www.deutschlandfunk.de/sexueller-missbrauch-katholisch-kirche-ratzinger-benedikt-100.html

FJI: Franz Josef Illhardt: „Ausgetreten, aber auf der Spur des Glaubens“. BoD, Hamburg 2025

EWO: Elena Wolf: Theater der Diskurssimulation. In: Kontext 13.12.25

JES: https://www.jesus-info.de/was-sind-die-ziele-der-katholischen-kirche/

KAT: https://katholisch.de/artikel/22291-nach-predigt-eklat-bischof-genn-entzieht-zurkuhlen-alle-befugnisse

KUS: Karl-Josef Kuschel: Juden Christen Muslime. Patmos Verlag, Düsseldorf 2007

LAU: Jörg Lauster: „Die Verzauberung der Welt“ – Eine Kulturgeschichte des Christentums. Verlag C.H. Beck oHG, München 2014

QUE: https://www.queer.de/detail.php?article_id=48959

SAS: https://www.hss.de/publikationen/rechtskatholizismus-und-die-neuen-rechten-pub1722/

SZO: https://taz.de/Pastorin-ueber-Rassismus/!6016010/

ZEIT: https://www.zeit.de/news/2025-03/04/essenszwang-und-schlaege-bericht-ueber-einstiges-kinderheim

WIK: https://de.wikipedia.org/wiki/Gottes_missbrauchte_Dienerinnen

Brüderliche Anregung

2025 brachte mein Bruder Franz Josef, ansonsten auch Illhardt mit Nachnamen, ein überaus interessantes Buch heraus und komplettierte damit den bereits existierenden halben Meter theologische und medizinethische Literatur, der sich unter seinem Namen in unserem Bücherregal befindet. Das Buch trägt den vielsagenden Titel: „Ausgetreten, aber auf der Spur des Glaubens“. Mein Bruder war früher Priester in einem Orden, ist promovierter Theologe, arbeitete als Professor für medizinische Ethik an der Freiburger Universität und wirkte über viele Jahre in der deutschen Ethikkommission sowie in der Ethik-Beratung der Uniklinik mit. Ich bin froh, dass er für mich hier und dort vorgedacht hat, auch wenn er sich an vielen Stellen sicherlich freundlicher und diplomatischer ausgedrückt hat als ich. Auch wenn ich mich an einigen Stellen meines Artikels auf ihn beziehe, so trägt er keine Verantwortung für mein radikales Denken