Die AfD-Horror-Show
Das „Cabinet des Dr. Gauland“

Es muss wohl in den 90ern gewesen sein, als ich ziellos durch die Nachtszene von Münster irrte und so zur Kultdisko Odeon – Gott möge mit ihr sein – gelangte. Da man mir hier weit mehr als den üblichen Eintritt abverlangen wollte, fragte ich nach dem Grund. Die genervte Geldeintreibern tippte auf ein Plakat, dass meiner Aufmerksamkeit entgangen war und ich las: Splatter-Movie-Night. Zusatz: Ab 18Jahre. Um nicht als hinterwäldlerisch zu gelten, fragte ich nicht nach der Bedeutung und zahlte. Dort wo sich sonst das tanzwütige Volk um den DJ scharrte, hockten nun Menschen zumeist männlicher Bauart, vor sich Bier und Knabberzeug und glotzten auf eine Leinwand. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckte ich, dass das visuell Dargebotene nicht dem entsprach, was der Normalfilmschauer – falls es den gibt – so schaut. So wurde in meiner recht kurzen Anwesenheit soeben ein Mann in einer Schrottpresse zerquetscht. Er machte, so lange es ihm möglich war, fürchterliche Geräusche, bis seine Körperoberfläche zerbarst und die ersten Organe, vermutlich Gedärme nebst literweise Blut, aus ihm herausspritzten. Was er in der Schrottpresse zu suchen hatte, spielte – soweit ich mich erinnere – keine große Rolle und entzog sich auch meiner Erkenntnis. Das Filmpublikum saß schmatzend und Bier saufend in seinen Sitzen und ergötzte sich an den Szenen. Der ein oder andere schaute bereits gelangweilt, da Gedärme-aus-dem-Körper-Quetschen wohl eher was für Anfänger ist. Ich gönnte mir den zweifelhaften Spaß etwa 15 Minuten, dann verließ ich den Ort der schaurigen Glückseligkeit und chipsfressenden Gurkengesichter. Das war nicht meine Welt. Mein Leben war soweit ok und ich brauchte keine aufgespießten Augen oder massakrierte Oberkörper nebst rausgerissenem Herz, um meinem Frust über die Misslungenheit meines Seins Nahrung zu geben.

Die AfD-Horror-Show (Foto Arnold Illhardt)

Die AfD-Horror-Show (Foto Arnold Illhardt)

Ich war nie ein Fan von Grusel und Horror und werde es auch nie werden. Meist war mit der Plot zu flach und die Zeit zu schade. Meist beides. Und – herrje – dass alle Darsteller immer so entsetzliches Zahnfleischbluten haben müssen, ist auf Dauer auch unerträglich.
Allerdings musste ich aktuell an mein Splatter-Erlebnis zurückdenken, als ich mal wieder eine der AfD-Reportagen las, die einem – ob man will oder nicht – und ich will meistens nicht – begegnen. Was ich alles schon probiert hatte: facebook abgestellt, die Nachrichten-Umschau im Smartphone gelöscht und Zeitungsartikel bewusst ausgeblendet; einen Fernseher besitzen wir schon seit 10 Jahren nicht mehr. Aber irgendwann und irgendwo stößt man dann doch wieder auf einen dieser furchteinflößenden und entsetzlichen Berichte über die Partei der Menschenfeinde und dann fallen mir auch wieder aufgeplatzte Bäuche, Blutfontainen und blasenwerfende Hautdeformationen inklusive haufenweise Erbrochenem und eitrigem Ejakulat ein. Blanker Horror eben. Und es scheinen die gleichen chipsfressenden Gurkengesichter zu sein, die der Truppe der verlorenen Seelen Applaus zollen: Männlich, fremdaggressiv veranlagt und voller Lust auf Hass und Zersetzung von was auch immer. Schönheit und Offenheit können sie nicht ertragen. Es muss morbide sein. Ja, morbide „huaaaaarrrr“. Wer schon mal eine aufgewühlte AfD-Männergruppe mit Hooligan- und Ultrarechtsszeneunterstützung beobachtet, vor allem ihr zugehört hat, kennt dieses „huaaaaarrrr“. Es erinnert mich immer an den Mann in der Schrottquetsche, von dem keiner weiß, warum er da reingeklettert ist. Oft muss ich auch an wildgewordene Rinderherden denken, die können ja auch nicht richtig sprechen und brüllen nur.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ich eine endzeitmäßige Einstellung zur AfD und ihrem „Theater des Grauen“ aus dem rechtsdrehenden Lager habe. Ich war ja immer schon mit der CDU und ihrer Schwesterpartei (wobei das mit der Schwester Quatsch ist, da es ja zu 80% Brüder sind) bedient, weil ich das christlich frohlockende Gesülze und all das werteschwangere Geschwafel nur schwer ertragen konnte. Soviel Tragödie und tränensackschwerer Moralismus hält ein Mensch ohne Drogenkonsum oder TV-induzierter Somnolenz kaum aus. Aber als dann die AfD das Geisterschiff der Schummeldemokratie betrat, wurde mir erst einmal klar, wo der wahre Hammer der Verohtheit, der Entmenschlichung und der offen zutage getragenen Emotionsfreiheit hängt. Man kannte so etwas ja tatsächlich nur aus Filmen mit Untoten und Leichenfledderern. Jeder dieser Surrogatdemokraten hat obendrein so viel Dreck am Stecken, dass einem unzählige Untertitel wie „Symphonie des Grauens“, „die Hölle der lebenden Toten“ oder „die Mächte des Wahnsinns“ für Horror-Remixen mit AfD-Politikerbesetzung einfallen.

Nun hatte ich das zweifelhafte Glück, in meinem sagenumwobenen Leben einen tatsächlichen Splattermoviefan in natura kennenzulernen. So eine am Sein vorbeigeschiffte Staubmütze, die mir erklärte, dass mein Schrottpressenmassaker Pussykram sei, dagegen natürlich auf dem Index stehende Realsplatter, er nannte auch einen Fachausdruck, aus Russland der ultrabrutale heiße Scheiß seien. Da würde in Echtzeit geschlitzt, gemeuchelt und gequetscht, dass die Darmzotten nur so La Paloma pfeifen. Als ich jetzt aktuell las, dass eine Abordnung von Echtzeit-AfDlern nach Syrien gefahren ist, um mit denen von ihnen imaginierten paradiesischen Zuständen die Flüchtlinge zur Rückkehr bewegen zu können, da dachte ich: Es gibt sie wirklich, die Realsplatterfilme. Heureka, da fährt eine Handvoll Menschenfeinde in ein Land, wo so richtig stilecht Blut spritzt und verstümmelt wird, dass sich die Knochen biegen, treffen dort einen bärtigen Vertreter des Oberschinderhannes, einer Mischung aus Nosferatu und dem leibhaftigen Urschleim und lassen sich als Grupo Inferno ablichten, wobei sie viehisch in die Kamera schauen, wie nach einer Pfählung durch den Exorzisten himself. Index, ick hör dir röchelnd trapsen!

Nun wissen natürlich jeder Depp und die Horrorcineasten sowieso, dass das in bewegliche Bilder gesetzte Schaudern gespielt ist. Die tun in dem Film nur so, als wären sie Untote oder Monster mit abstrusen Wucherungen aus dem  Rachen. In Wirklichkeit sind das hübsch-hässlich geschminkte Schauspieler. Doch – Hand aufs Herz – wer kennt nicht den vorsichtigen Blick unters Bett nach der nächtlichen Horrorvision? Es gibt genügend Menschen, Kinder sowieso, die den ganzen blutigen Müll für bare Münze halten und Fiktion nicht mehr von der Realität trennen können. Das Realschaurige bei der AfD ist nun, dass die Fans und damit Wähler des alternativen Horrorladens diese Fähigkeit ebenfalls nicht besitzen. Die Partei der Menschenhasser ist ja selbst Großmogul darin, Angst und Schrecken zu verbreiten, wo gar keiner ist. Wir leben in einem der wenigen Länder ohne Krieg seit über 70 Jahren und die Brut der Rechtszombies faselt von Schrecken, Invasion und Gewalt und bedient damit nicht nur die Horrorlust der Ängstlichen, sondern auch die Terrorlust der IS. Ganz Deutschland ist voll mit Selbsthilfeorganisationen, NGO´s, Ehrenamtlichenbörsen, Freiwilligengruppen oder Umweltschützern und die AfD faselt von Niedergang der deutschen Kultur. Und die „huaaaaarrrr“–Patrioten klatschen in die Hände, rufen „Wir sind das Volk“ und haben Schaum vor dem Mund vor Tobsucht. Gibt es eigentlich auch schon ein Film, in dem ausschließlich gekotzt wird? Wie wäre es mit „Emesis – Kotz oder stirb“ mit Gauland und Höcke in den Hauptrollen?

Aber Moment mal – darf man die AfD und ihre hochsensiblen Kameraden in einem Atemzug mit Hannibal Lecter und Leatherface nennen? Eigentlich schon, aber uneigentlich gibt es bestimmt Beschwerden: Entweder sind die rechtsfaschistoiden Düstergestalten dann selbst mordsmäßig beleidigt und ziehen ihre Opfermonatskarte aus der Tasche oder man muss sich anhören, dass es eine vom völkischen Volk gewählte Partei in einer parlamentarischen Demokratie sei. Volk, Demokratie und obendrein Parlament, das soll Ehrfurcht und weiche Knie hervorrufen. Das Zauberwort heißt dann entweder Toleranz oder wahlweise Akzeptanz: „Man muss in einer Demokratie auch Menschen mit einer anderen Meinung akzeptieren“, wäre der daraus resultierende Vollsatz. Für einen winzigen Moment kommt man dann mit sich und dem Gesamtuniversum ins Wanken: Echt, muss man Typen akzeptieren, die mit Demokratie in etwas so viel zu tun haben, wie ein Pennywise mit Menschenliebe? Aber wahrlich, ich sage Euch: Macht es einen Unterschied, ob ein Priester, der seine Messdiener missbraucht hat, geweiht, gesegnet oder beides zusammen ist? Warum betont man dann ständig die Demokratieaffinität der deutschnationalen Höllenhunde? (ich weiß, es sind auch Hündinnen dabei, aber auf den Genderquatsch legt man in der Partei eh keinen gesteigerten Wert). Der Bastardfaktor bleibt in beiden Fällen der gleiche. Die Toleranz (Akzeptanz geht nicht) will mir einfach nicht leichtfallen und ich muss da immer an Wilhelm Busch denken, der gesagt haben soll: Toleranz ist gut, aber nicht gegenüber den Intoleranten.

Ach, da fällt mir ein, der Ausflug der AfD-Legionäre hat ja einen Mordsärger hervorgerufen und es bleibt zu hoffen, dass die verfluchten Morgenlandfahrer komplett aus dem Politikverkehr gezogen werden. Ich hätte da einen Verwendungszweck: Sie spielen in der Neuauflage von „A Fucking Cruel Nightmare“ mit. Gefesselte AfD-Politiker müssen sich vor Ort und leibhaftig mitanschauen, wie das Assad-Regime Menschen abschlachtet, Städte in Schutt und Asche legt und sogar Kinder niedermetzelt. Nix da Basar, sondern blutiger Kriegsalltag. Und was ist, wenn die „Dämonen des Todes“ religiös infiziert zurückkommen und plötzlich Kopftücher für verheiratete Frauen fordern? Ich sag nur „Dark World“ … Es geht gerade die Fantasie mit mir durch. Tja, „das Böse stirbt nie“!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt