Lebenslänglich hinter Gittern
Vom Leiden der Zootiere

Paviane (Mandrill) im Allwetterzoo Münster (Foto B. Hartmeyer)

Paviane (Mandrill) im Allwetterzoo Münster (Foto B. Hartmeyer)

Vor einer Woche wurde der Orang Utan Nieas (26) bei einem Ausbruchversuch aus dem Duisburger Zoo erschossen, ein weiterer geflohener Orang Utan kam mit dem Leben davon: Er wurde betäubt und dann wieder in sein Gehege zurückgebracht. Doch was erwartet den 12-jährigen Menschenaffen dort? 30, 40 Jahre weitere Gefangenschaft auf einem begrenzten Areal, das nicht im Entferntesten an die 200 bis 1000 Hektar Revier heranreicht, in dem freie männliche Orang Utans leben. Sind Zoos heutzutage überhaupt noch ethisch vertretbar?

 

Ein Blick in die Vergangenheit: Die ersten Zoologischen Gärten entstanden in Europa im 19. Jahrhundert und entwickelten sich aus den Menagerien, einer Art Privatzoo an adligen Höfen, die es bereits im Mittelalter gab. Später wurde der Begriff „Menagerie“ auch auf Tierschauen übertragen, die bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein exotische Tiere und Menschen auf Jahrmärkten ausstellten. Zu den am häufigsten gezeigten Tierarten gehörten Elefanten, Löwen, Bären, Affen, Zebras, Schlangen, Krokodile, Papageien und Strauße. Mit großen Käfigwagen reisten die Menageriebesitzer von Ort zu Ort. Auch exotische Menschen wurden in sogenannten „Völkerschauen“ ausgestellt, zum Beispiel „Neger“ und „Indianer“. Auf großes Interesse der Bevölkerung stießen auch Menschen mit körperlichen Abnormitäten wie Zwerge, Riesen, Bartfrauen, Rumpfmenschen und Albinos.

Im „Westfälischen Merkur“ erschien am 24.6.1849 die Anzeige einer gewissen Elise Schmidt:

„Während der Sendtage ist auf dem Domhofe in der ersten Bude von Morgens 9 bis Abends 10 Uhr zu sehen: Die große Riesendame, 7 Fuß 6 Zoll franz. Maaß groß. Außerdem werden gezeigt: Die große Boa oder Riesenschlange, 9 Jahre alt, 27 Fuß lang und 290 Pfund schwer, Die rothe brasilianische Boa, die erste welche in Europa gezeigt wird. Die Boa Constrictor, die Boa Python, … die große Anaconda, … das Gürteltier … Auch ist eine Sammlung verschiedenartiger Affen, aus allen Weltgegenden, worunter eine Mutter mit ihrem 4 Monaten alten Jungen sich befindet, zu sehen.“ (1)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Menagerien zu regelrechten Zoos geworden und einige Zoos, wie „Hagenbecks Tierpark“ in Hamburg, haben sich aus solchen Menagerien entwickelt. (2)

Damals gab es natürlich weder Fernsehen noch DVDs noch das Internet. Exotische Tiere und Menschen in Tierschauen befriedigten die Neugier und auch Sensationslust des Volkes. Nur wenige hatten die Möglichkeit, in fremde Länder zu reisen, um exotische Tiere vor Ort zu sehen – in ihrem natürlichen Habitat.

Heutzutage stehen uns vielfältige Möglichkeiten offen: Das Reisen ist einfacher, schneller und auch billiger geworden. Spätestens seit Prof. Grzimeks mit dem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ (1958/59) haben Tierdokus Einzug in die deutschen Wohnzimmer gehalten. Ist es nicht viel spannender und auch lehrreicher, ein Rudel Löwen bei der Jagd zu beobachten oder eine Orang Utan-Familie beim Lausen der Familienmitglieder in ihrem natürlichen Lebensraum, anstatt neurotische Tiere in Gefangenschaft leiden zu sehen? Rainer Maria Rilke hat es in seinem berühmten Gedicht „Der Panther“ wie kein anderer geschafft, dieses qualvolle Leben der Zootiere in Worte zu fassen: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe/ so müd geworden, daß er nichts mehr hält./ Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe/ und hinter tausend Stäben keine Welt.

Ich kann mich selbst an solch ein bedauernswertes Tier im Münsteraner Allwetterzoo erinnern. Die Nordpersischen Leoparde hatten in den 90er Jahren ein neues Gehege bezogen, größer und besser ausgestattet als zuvor. Aber da war auch dieser schwarze Panther in einem benachbarten, viel zu kleinen Käfig, der sich, wie Rilke es 1903 beschrieb, „im allerkleinsten Kreise dreht„. Er tat mir leid, und fast hätte ich damals eine Zoo-Patenschaft für ihn übernommen. Natürlich ging es den Leoparden auch nur geringfügig besser, leben sie doch in der freien Natur auf weiten Grassteppen.

 

Warum existieren in der heutigen Zeit, in der es exzellente Tierdokumentationen gibt, überhaupt noch solch veraltete Institutionen wie Zoos?

Angeblich dienen sie dem Artenschutz. Nonsens, schreibt die Tierschutzorganisation PETA. Artenschutz bedeute ausschließlich, Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum zu schützen. Im Zoo hingegen würden die natürlichen Instinkte der Tiere verkümmern. (3) Wie auch sollen sie diese ausleben, wenn ihnen nur eine kleine Fläche zur Verfügung steht und laut einer Studie aus dem Jahre 2012 in 87% aller Gehege jede Art von Verhaltens- und Beschäftigungsmaterial fehlt. (4) Gerade die großen Raubkatzen, die Elefanten, die Eisbären und Menschenaffen – allesamt die Publikumsmagneten in den Zoos – gehören zu den „anforderungsreichsten“ Tieren in zoologischen Tierparks. Vielfach haben sie gesundheitliche Probleme aufgrund ungeeigneter klimatischer Verhältnisse, mangelnder artgerechter Beschäftigung und dem Umstand, dass sie natürliche Verhaltensweisen nicht ausleben können, was zu Verhaltensauffälligkeiten und Stereotypien führt, wie beispielsweise dem rhythmischen Auf- und Abgehen. PETA schreibt, dass eine Studie von Wissenschaftlern der Universität Kent belegt, „dass Schimpansen selbst in großen Zoos psychisch erkranken, was sich in Merkmalen wie Selbstverstümmelung, extremer Zurückgezogenheit, permanentem Hin- und Herschaukeln des Oberkörpers bis hin zum Verzehr der eigenen Exkremente äußert.“ (5)

Hinzu kommt, dass die Tiere oft kaum Rückzugsmöglichkeiten haben und tagsüber den Blicken unzähliger neugieriger Zoobesucher ausgesetzt sind. Würde es Ihnen Spaß machen, dauernd von fremden Wesen angestarrt zu werden? Kein Wunder, dass Orang Utan Nieas im Duisburger Zoo die Gelegenheit nutzte, um über ein Oberlicht zu entwischen.

Publikumsmagnet Tierbabys - Allwetterzoo Münster (Foto B. Hartmeyer)

Publikumsmagnet Tierbabys – Allwetterzoo Münster (Foto B. Hartmeyer)

Was geschieht eigentlich mit all den niedlichen Jungtieren, den absoluten Highlights, die den Zoos gute Einkünfte sichern? Irgendwann sind sie erwachsen und werden zu „Überschusstieren“. Dann werden sie entweder getötet – in der Regel heimlich und unter Ausschluss der Öffentlichkeit (Ausnahmen bestätigen die Regel, wie bei dem jungen gesunden Giraffenbullen Marius aus dem Kopenhagener Zoo, der getötet und dann vor den Augen des Publikums, darunter zahlreiche Kinder, zerlegt und an Löwen verfüttert wurde) – oder sie werden an dubiose Tierhändler verkauft, die sie gewinnbringend verscherbeln. Zu den Kunden des berüchtigten Tierhändlers Werner Bode, der zwischen 2007 und 2009 über 1000 Tiere vom Berliner Zoo und Tierpark zu Dumpingpreisen kaufte, zählten unter anderem auch ein Tierversuchslabor und ein Exotenrestaurant. (6) Manchmal, wenn diese Überschusstiere „Glück“ haben, werden sie an andere Zoos weitergereicht, oder sie dürfen gar bleiben, wie der Eisbär Knut, um den ein wahrer Medienhype entstand, der dem Berliner Zoo satte Einnahmen bescherte. Leider starb Knut dann im jugendlichen Alter von nur 4 Jahren. Vielleicht war es besser so – zumindest blieb ihm ein langes Leben in Gefangenschaft erspart. In freier Wildbahn werden Eisbären 25-30 Jahre alt und bewohnen ein Areal von mindestens 400 qkm, in dem sie täglich bei durchschnittlichen Temperaturen von minus 30 Grad Celsius ca. 50 km zurücklegen. Im Berliner Zoo standen Knut zusammen mit drei erwachsenen Eisbär-Damen knappe 2000 qm zur Verfügung. Eisbären sind Einzelgänger, und der Jungspund Knut hatte bei den Eisbärinnen nichts zu lachen. Statt ausgiebiger Jagdzüge nach Robben blieb ihm nur ein eintöniges und abgestumpftes Leben in Gefangenschaft. „Zoo ist immer Beschränkung“, lautet die lapidare Aussage des Berliner Zoo- und Tierparkdirektors Dr. Bernhard Blaszkiewitz dazu. (7)

Birgit Hartmeyer

Birgit Hartmeyer