Die Rückkehr des Herbstes
Wenn das rhote Laub Thränen weint

Ist der Herbst tatschlich das Sterbezimmer der Natur und Leichenhemd der Jahreszeiten? Oder doch ein dynamischer wie schöpferischer Prozess der Erneuerung? Ein lyrisches Potpourri. 

Hase im Herbst (Foto A. Illhardt)

Hase im Herbst (Foto A. Illhardt)

Telgte. Als ich heute Morgen meinen Wagen zur Arbeit vorbei an „fahlbelaubten Bäumen“ lenkte, wurde mir unmissverständlich klar: Es wird Herbst. Für diese Feststellung bedarf es nicht sonderlich großer Geistesklasse, denn a) befinden wir uns im Oktober und der Herbst beginnt nun einmal in der nördlichen Hemisphäre schon im vorhergehenden Monat, b) verfärben sich die Blätter dank Carotinoiden und Anthocytanen, um dann „im warmen Golde zu fließen“ und c) weisen die ausgelegten prallen Kürbisse beim Bauernhof auf meinem Weg unmissverständlich darauf hin, dass es sich ausgesommert hat. „Rings ein Verstummen, ein Entfärben“ und „die Luft ist still, als atmete man kaum“. Letztendlich also ein profaner Befund, der allerdings nur gelingen mag, wenn die Achtsamkeit für das Natürliche noch nicht komplett ausgeleiert oder sonst wie vermaledeit ist! „Natur, wie schön in jedem Kleide! Auch noch im Sterbekleid wie schön!“ Und über mir „ein Wandervogel, … der nach dem Süden zog.“ Meine Gedanken waren an diesem Morgen nicht von dieser Welt, scheint mir im Nachhinein.

Burg Scheventorf (Foto A. Illhardt)

Burg Scheventorf (Foto A. Illhardt)

Herbst, das bedeutet auch, wenn nicht gerade die goldene und vielgepriesene Herbstsonne auf „die windumarmten Bäume“ scheint: Das Gemüt verfinstert sich und hüllt sich in den Mantel einer feinen Herbstdepression, gesetzt den Fall, die Schwarzgalligkeit hat nichts bereits im Vorhinein von unserer zeitgeschundenen Seele Besitz ergriffen. „Die Zeit der Schwermut lähmt Herz und Seele“, kein Wunder,   bei diesem „gar melancholisch Licht … Doch was soll´s, ist es doch eigentlich nur der Sommer, der scheidet. Was geht denn uns der Sommer an!“  Schließlich muss man auch loslassen können, denn „es kann nicht immer Sommer sein.“

Rottöne im Herbst (Foto A. Illhardt)

Rottöne im Herbst (Foto A. Illhardt)

Ich sprach von Melancholie, wenn die Tage dunkler werden, wir „mit stillvergnügtem Grausen und in wohlgeborgner Ruh“  dem „Sterben und Vergehen“ zuschauen, während „das rothe Laub…Thränen weint.“ Und traurig und still vor uns hinleidend müssen wir allerorts feststellen: „Die ganze Sonnenseligkeit zerstoben in die Lüfte!“ All das, was wir in der Luft wahrzunehmen glauben, ist „lau, wie in dem Sterbezimmer.“ „Alles, was hold und lieblich“ ist, „sinkt verwelkt … ins Grab.“ Welch´ trübe Aussichten, welch´ golden eingefasster Weltschmerz! Ist das noch Melancholie oder rüttelt da schon die düstere Schwermut an unseren seelischen Grundfesten? Von wegen rotgefärbtes Laub! Was ist das für eine Jahreszeit, die das „Lied vom großen Sterben“ anstimmt? Was macht dieser Herbst mit uns Menschen? Können wir uns diesen Stimmungen entziehen oder sind wir ihnen hilflos ausgeliefert? Der Mensch als Spielball der Gezeiten, welch grausende Vorstellung! „Und der Herbst streicht pinselnd durch die Natur.“

Herbstrausch (Foto A. Illhardt)

Herbstrausch (Foto A. Illhardt)

Nun bin ich ja Großmeister in der Kunst, die Klaviatur der Elegie zu bedienen: Etwas Doom-Metall aus den Lautsprechern, ein paar Gedanken an das Elend, das mich in der umgebenden näheren und weiten Welt umfangen hält und schon legt sich düstrer „Schatten auf die Sonnenuhren“ meines Lebens. Die Friedhöfe der großen Städte waren mir immer schon lieber als die quirligen Parks und Plätze, gefüllt mit Menschen, die gar nicht mehr wissen, wie sich Herbst anfühlt und sich im ewigen Sommer wähnen. Verschont mich mit den unsinnlichen Auswüchsen menschlichen Seins, mit all dieser enterotisierten Realsatire.

Treppe im Herbst (Foto A. Illhardt)

Treppe im Herbst (Foto A. Illhardt)

Heute, wo „die Blätter treiben“ und „sanft den Wald die Lüfte streicheln,“ dringt eher so etwas wie Sehnsucht in mein Herz. Es ist nicht Schmerz und auch nicht Melancholie, die kleine Schwester der Depression, es ist inniges Verlangen nach einer anderer Zeit. Es ist eher romantisches Drängen nach „Unendlichkeit, Leidenschaftlich-Bewegtem, Dunklem, maß- und regellosem Sprengenwollen aller Grenzen0.“ Und mir scheint, die ganze Natur befände sich in einem Zustand des Sehnens. Vielleicht bedeutet der Herbst nicht Sterben, sondern „heimlich still vergnügtes Tauschen“, damit die Hitzigkeit des Sommers mit allem ihrer Leidenschaft, Ruhelosigkeit und Lebenskraft zur Ruhe kommen kann. „Auch Vergehn und Sterben däucht mir süß zu sein.“  Welch´ dynamischer wie schöpferischer Mechanismus. Im „Herbst sucht das Auge den Himmel“, um in dieser „Feier der Natur“ wieder neuen Träumen und Visionen nachzuhängen. Ein Mensch, der nicht mehr träumt, wird krank. „Weg drum mit der Schwermut aus deinem Gemüt!“ „Kein Wetter kann uns verdrießen. Mein Liebchen, ich und du. Wir halten uns warm und schließen hübsch feste die Türen zu.“ Der nächste Sommer kommt bestimmt und wir wollen ausgeruht und voller Lust & Leidenschaft sein.

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Die markierte Zitate im Text sind – wie unten aufgeführt – größtenteils verschiedenen Gedichten oder Liedern entnommen. Vielen Dank auch an www.deanita.de

Eduard Mörike: Septembermorgen

Nikolaus Lenau: Herbstgedicht

Christian Friedrich Hebbel: Herbstgedicht

Johann Heinrich Voß: Der Herbsttag

Emauel Geibel: Ich sah den Wald sich färben

Anita Menger: Windumarmt

Hans-Christoph Neuert: Herbstanfang

Theodor Storm: Im Herbste

Hermann Hesse: Herbstbeginn

Heinrich Seidel: November

Nikolaus Lenau: Herbst

Heinrich Seidel: Regentag im Herbst

Clara Müller: Herbstgedicht

Rainer Maria Rilke: Herbststimmung

Heinrich Heine: Der scheidende Sommer

Theodora Korte: Oktobertag

Ulrich Roski: Goldener Herbst

Rainer Maria Rilke: Herbsttag

Nikolaus Lenau: Waldlied

Wikipedia: Romantik

Nikolaus Lenau: Herbst

Friedrich Karl von Gerok: Herbstgefühl

Sören Aabye Kierkegaard

Friedrich Hebbel: Herbstbild

Theodor Fontane: Spätherbst

Wilhelm Busch: In trauter Verborgenheit

 

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt