Überfremdung
Vom Fremdsein und Fremdfühlen

Bei rechtspatriotischen Analogpolitikern fällt in letzter Zeit oft der Ausdruck Überfremdung. Der Autor zog aus, um Fremdsein zu lernen. Erfolglos! Ist das Gefühl von Überfremdung vielleicht doch nur das Ergebnis einer eindimensionalen Persönlichkeit?

Wie alles anfing!

Fremd und doch gleich (Foto Arnold Illhardt)

Fremd und doch gleich (Foto Arnold Illhardt)

An manchen Tagen kreisen meine Gedanken um einen einzelnen Begriff, den ich in einem Zeitungsartikel, wahlweise auf einem zerzausten Aufkleber an einem Laternenpfahl gelesen oder aber im Vorbeigehen aufgeschnappt habe. Ich stehe mit diesem Wort unter der Dusche, sitze mit ihm im Café oder schleppe es bei einem Spaziergang mit mir rum. Manchmal schließe ich den Denkvorgang an der Tiefkühltruhe im Supermarkt ab, um mich nach kurzzeitiger Denkpause einem neuen Wort zuzuwenden. Nun ist ja Denken bekanntlich nichts, was Anlass zur Besorgnis gibt, außer das Denken mutiert zum Grübeln. Ich denke, also bin ich und da ich gerne denke, ist auch mein Sein von glücklicher Natur.

Ein solches Wort, das neulich mein Hirn infiltrierte, war der Ausdruck Überfremdung. Ich hatte dieses Wort – wie könnte es anders sein – bei einer meiner alltäglichen, z.T. unvermeidlichen Auseinandersetzungen mit pathologischeM Gesellschaftsdenken entdeckt, womit es sich bei dem Sprecher vermutlich um einen dieser neuzeitlichen Wirklichkeitsverdreher aus dem AfD-Spektrum handeln muss. Ich habe mir seinen, bzw. wahlweisen ihren Namen nicht gemerkt, oder wollte ihn mir nicht merken, denn in der Regel macht es wenig Sinn, da der Nachhaltigkeitswert so gering wie bei einer offenen Dose Thunfisch in Senfsoße ist. Der besagte Volksvertreter wollte mit diesem Ausdruck wie gewohnt effekthascherisch zum Besten geben, dass wir zum einen viel zu viele Ausländer in Deutschland haben (politsprachlich ist auch gerne die Rede von vollen Booten) und zum anderen durch die bereits hier verweilenden Nichtdeutschen negative bis schädliche Einflüsse auf die Gesellschaft nebst Kultur, Sprache und andere Bereiche, die Konservativlinge zu schützen vorgeben, zu erwarten sind. Wir hatten zwar noch nie eine dermaßen gut funktionierende, vor allem facettenreiche Kultur, aber das Menetekeln vom Untergang der Kultur macht sich immer gut und bringt wählertechnisch Quote. Vorgaukeln, Verfälschen und Lügen ist das Handwerkszeug der AfD. Und da bei den meisten Leuten das Selbstdenken nur noch rudimentär vorhanden ist, würden viele Bürger solchen Volksschwätzern sogar abkaufen, dass das Auf-dem-Kamm-Blasen eine förderungswürdige Form der deutschen Hochkultur ist. Also glauben sie auch das Märchen von der Überfremdung, dankbar, dass endlich mal jemand ihre Angst vor einer permanenten Bedrohung durch das personifizierte Fremde ernst nimmt. Schließlich schwingen in dem Begriff fremd Assoziationen wie unbekannt, fern, abweichend, unvertraut oder – Gott bewahre – heidnisch mit. Fremd zu sein ist somit ein Gefühl, ein ungutes obendrein.

Selbstreflexionen

Bei meinem mehrtägigen Denkprozess über den Begriff Überfremdung, stellte ich mir selbst die Frage, ob ich mich eigentlich schon mal fremd gefühlt habe. Man nennt solche kognitiven Prozesse auch Reflexion. Gut, bei so manchem Medizinerkongress, an dem ich als einziger Psychologe und somit Berufsfremder teilnahm, kam mir für eine Weile der Verdacht, komplett am falschen Ort zu sein. Im Gegensatz zu den diversen Sprachen, denen ich auf meinen Reisen begegnete, lässt sich das medizinische Fachchinesisch nicht mit freundlichem Lächeln oder Handzeichen dolmetschen. Schon mein Vater, der über 100 Sprachen fließend NICHT sprechen konnte, kam bestens mit seiner Mischung aus Gebärdensprache und Flaggenalphabet durchs Leben. Ob er sich dennoch fremd gefühlt hat, kann ich nicht mehr beurteilen. Was mich selbst anbetrifft, so kam ich zu dem Ergebnis, dass ich weder in Frankreich, Ägypten, Israel, Griechenland oder Bayern jemals ein Gefühl des Fremdseins wahrgenommen habe. Muss ich mir Sorgen machen?

Alles fremd (Foto Arnold Illhardt)

Alles fremd (Foto Arnold Illhardt)

Würde nun – sagen wir – die Stadt, in der ich wohne, von weiteren Mitbürgern mit ausländischem Hintergrund bewohnt, (es wohnen dort bereits zum Beispiel Franzosen, Iren, Türken, Russen, Österreicher, Griechen, Syrer oder Araber), könnte ich dann endlich mal in einem einzigartigen Prozess der Selbsterfahrung das Gefühl kennenlernen, fremd oder gar überfremdet zu sein? Es gibt jetzt schon einen griechischen, türkischen und chinesischen Imbiss, einen polnischen Schuhmacher und einen arabischen Kiosk, aber offenbar läuft bei mir soziologisch, sozialpsychologisch oder noch schlimmer ideologisch irgendwas komplett verkehrt. Denn soll ich mal was sagen: Ich finde es absolut klasse, statt Pommes rot-weiß mit Schnitzel (was ich als Vegetarier eh nicht essen würde) auch mal Falafel, Pizza oder einen griechischen Bauernsalat zu mir zu nehmen. Und soll ich noch was sagen? Ich fände es absolut beschissen, wenn ich tagein, tagaus nur noch mit Deutschen alleine wäre, ist doch ein nicht zu unterschätzender Teil langweilig und nichtssagend wie ein Froschlurch beim Mittagsschlaf in der Julisonne. Schon mal im Wartebereich bei einem Flug nach Mallorca gesessen? Na also!

Wenn also unser stimmengeiler Analogpolitiker ein Wort wie Überfremdung in den Äther bläst, womit er sich schlussendlich in einer wenig schmeichelhaften Gesellschaft von nationalsozialistischen Dumpfbacken und semifaschistoiden Stammtischsabblern befindet, dann erkennt man spätestens an dieser Stelle, dass er ein gewaltiges Identitätsproblem hat, eigentlich bemitleidenswert ist, man ihn uneigentlich aber mit dem Kopf nach unten vor den Bundestag oder das jeweilige Rathaus hängen sollte, um so den Blutfluss in der denkschwachen Kopfregion zeitweilig anzuregen. Selbst wenn neben unserer Gnadenkapelle eine Moschee nebst Minarett entstehen und ab sofort im Park hinter unserem Haus afrikanische Tanzrituale stattfinden sollten, wäre das doch ein Anlass zur Freude, den geistigen Horizont erweitern zu können und das ohne bei TUI oder einem anderen So-Als-ob-Reise-Institut Geld bezahlen zu müssen.

Von „Bonsaikonstrukten“

Die „Theorie der persönlichen Konstrukte“ nach George Kelly, einem hier Deutschland wenig bekannten, amerikanischen (auch das noch) Psychologen, ist eine interessante Herangehensweise und wissenschaftliche Überlegung, wie Menschen ihre (Um-)Welt erleben und wie ihre Sichtweise von der Welt im Kleinen und Großen beschaffen ist. Ein Konstrukt ist somit so etwas wie eine innere Landkarte. Wir haben ein Konstrukt über das Verhalten von Bäckereiverkäuferinnen beim Brötchenkauf, wir haben ein Konstrukt, wie man sich in einer Kirche benimmt, wir haben ein Konstrukt, wie wir über Menschen denken, die nicht Deutsch aussehen. (Mist, mich fragte neulich jemand, ob ich Holländer wäre!) So ein Konstrukt gibt uns Halt und Orientierung in einer komplexen Welt. Menschen mit offenen Konstrukten sind in der Regel sehr tolerant und an allem Neuen interessiert, Menschen mit Bonsaikonstrukten entsprechend kleingeistig, engstirnig und infantil. Offensichtlich schrumpfen bei vielen Menschen die Konstrukte auch mit der Zunahme des Alters.

Vermeintliche Erwachsene möchten, dass kleine Kinder lernen, mit immer größeren Verantwortungen und vor allem Selbstverantwortungen klarzukommen. Sie sollen lernen, auf das, was ihnen bisher fremd und unbekannt erschien, zuzugehen und es für ihr Leben erleb- und begreifbar zu machen. Kleine Kinder schaffen dies zumeist spielend, aber wie sollen sie akzeptieren, plötzlich das Konstrukt einer Überfremdung übernehmen zu müssen, was ja einen Rückschritt bedeuten würde. Wenn Erwachsene solche Begriffe in den Mund nehmen, so begeben sie sich damit zurück auf das Niveau eines Kleinkinds, das zu weinen beginnt, weil es durch die fremden Eindrücke überfordert ist. Ein wenig erinnert dies an das Fremdeln des Säuglings, der in einem bestimmten Entwicklungsabschnitt Fremden mit Misstrauen, Abneigung und schlussendlich Angstreaktionen begegnet. In einer mir nicht mehr bekannten Quelle fand ich sinngemäß die Anmerkung, dass starrer Nationalismus, was ja ein Endprodukt von zu viel Überfremdungsangst ist, als ein Mangel an Zivilisation zu deuten ist.

Deutsche und Fremde

Es wirft natürlich die Frage auf, warum so viele Menschen so rigorose und unreflektierte Ansichten über ihre Mitbürger mit Migrationshintergrund äußern. Vor allem sind es oft Personen, so wie der Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin, die kaum ernstzunehmenden Kontakt mit Migranten haben oder hatten. Trotzdem schwafeln sie über schlechte Integration bzw. über den Unwillen mancher Ausländer, sich integrieren zu wollen, dabei gehören sie selbst zu einem schlecht integrationsfähigen Volk. Sie mutmaßen über mindere Intelligenz anderer Rassen, obschon sich ihr eigenes Intelligenzniveau der durchschnittlichen Raumtemperatur angeglichen hat. Sie dummquatschen über die vermeintlich höhere Aggression von Außerdeutschen, wenn auch sie selbst in Gedanken, Worten und Werken die Angriffslust eines abgerichteten Staffordshire-Terriers besitzen. Und in antiislamischen Foren werden rassistische Wortmeldungen verbreitet, die sich jenseits einer “wir-haben-doch-Meinungsfreiheit” – Argumentation befinden. Und dabei ist ihnen vor allem eins besonders fremd: Die deutsche Sprache!

Zunächst einmal: Wer über Integration und Nicht-Integration schwadroniert, sollte sich an die eigene Nase fassen! Wir Deutschen waren schon immer ein Volk, das sich mit Anders- und Fremdartigkeit schwer getan hat. Viele brauchen diese Engstirnigkeit, um überleben zu können. Alles was im Kopf nicht verstanden werden kann, führt zu Irritationen und wofür wir keinen Handlungsplan besitzen, macht uns Angst. Und Angst wird bekämpft durch Ablehnung, Abneigung oder Hass. Oder eben durch Verschwörungstheorien von Überfremdung.

Überfremdung (Foto Arnold Illhardt)

Überfremdung (Foto Arnold Illhardt)

Auch viele Deutsche rotten sich in ihren elendig langweiligen Eigenheimsiedlungen zusammen. Reiche Deutsche wollen keine Kindergärten in ihrer Nähe, so wie man es in Hamburg erleben musste. Ganze Dörfer schotten sich gegen Hinzugezogene ab. Man will unter sich sein! “Man kommt in die Dorfgemeinschaft nicht rein”, hört man die Neuen klagen. Menschen mit Behinderungen werden ausgeschlossen, erhalten nur unter größten Schwierigkeiten eine Tätigkeit (lieber bezahlen die Firmen irgendwelche Ausweichpauschalen). In den Schulen werden körperbehinderte oder in irgendeiner Form benachteiligte Kinder und Jugendliche bis aufs Blut gemobbt und ausgegrenzt und die Täter – z.T. strammdeutsche Abkömmlinge ohne jegliche Wertevermittlung – von ihren Eltern verteidigt. Selbst im Urlaub möchte man unter sich sein. Familien bekommen Recht, wenn sie Kostenminderung einklagen, weil sie mit geistig behinderten Kindern in einem Hotel untergebracht worden waren. Und neulich tummelte die Nachricht durch die Medien, dass Kunden beim Reiseveranstalter geklagt hatten, dass zu viele Spanier in Spanien gewesen seien. In einer hessischen Frauensportgruppe wehrten sich etliche Teilnehmerinnen gegen die Aufnahme von drei leicht retardierten jungen Frauen.

Kein Fazit

Wie kann also ein Teil des deutschen Volkes so blasiert bis stupide sein, von Überfremdung zu reden, wenn es selbst nicht in der Lage ist, Deutsche zu akzeptieren? Wie wir unsere kleine Welt zurechtbasteln, hat mit Erfahrungen, Erlebnissen, Lernen (am Modell), überlegt oder nicht überlegt übernommenen Vorstellungen, Bildungsstand, Kultur, Religion usw. zu tun. Wenn ich mit fremden Aspekten oder Menschen nicht umgehen kann, so wirft das dunkle Schatten auf mich selbst. Es ist nicht auszuschließen, dass hier ein deftiges Identitätsproblem vorliegt. Wenn ich mit mir selbst nicht im Reinen bin und mich nicht akzeptieren kann, wie ich bin, brauche ich wenigstens eine nationale Identität. Ist also das Überfremdungsgefühl nichts weiter als ein wieder aufflammendes Fremdeln im Erwachsenenalter?

Vor ein paar Monaten verweilte ich in Berlin. Da hielt neben mir ein radelnder Däne an (er stellte sich gleich so bei mir vor!) und fragte mich, wo es zur Akademie der Künste geht. Ich antwortete, ich sei zwar kein Däne, aber ebenfalls fremd hier. Wir mussten beide lachen und wünschten uns noch einen schönen Aufenthalt in Berlin. Schon wieder kein richtiges “Fremd”gefühl. Vielleicht sollte ich mal fremdgehen?!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt