Requiem für den Genitiv
Über falsche Grammatik, Deppenapostroph und Denglisch

Rettet den Genitiv! (Foto Birgit Hartmeyer)

Rettet den Genitiv! (Foto Birgit Hartmeyer)

Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, das wissen wir schon lange. Verzweifelte Lehrer und Universitätsprofessoren raufen sich bereits seit Jahren wegen der Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse ihrer Zöglinge die Haare, und das nicht nur wegen des dahinsiechenden Genitivs. Hinzu kommt, dass Englisch viel „cooler“ ist als unser antiquiertes Deutsch. In Werbebroschüren, Zeitungen und vor allem im Internet wimmelt es von Denglisch – diesem unsäglichen deutschenglischen Sprachgemisch. Steht der Untergang der deutschen Sprache bevor?

 

Gefahr im Verzug (Foto Birgit Hartmeyer)

Gefahr im Verzug (Foto Birgit Hartmeyer)

Ich bin von Haus aus Germanistin. Im Übrigen auch Anglistin,  aber dazu später. Germanistin zu sein ist eigentlich schön, doch in diesen nicht nur politisch, sondern auch grammatikalisch bewegten Zeiten ziemlich schwer. Tagtäglich stolpere ich über brutale Akte der Gewalt, die der Sprache Goethes angetan werden. Übrigens nicht nur in den Hinterhöfen von Berlin-Neukölln, sondern auch ganz offiziell im Radio, Fernsehen oder in gutbürgerlichen Stuben. Häufigstes Opfer: der Genitiv. Aber auch viele unschuldige Wörter trifft es, die ihren englischen Kameraden unterliegen und schlichtweg eliminiert werden. Doch eins nach dem anderen. Beginnen wir mit der Grammatik.

 

Rettet den Genitiv!

Fast zu spät ... (Foto Birgit Hartmeyer)

Fast zu spät … (Foto Birgit Hartmeyer)

Vier Fälle gibt es im Deutschen, aber einer scheint auszusterben, da er vom mächtigen Dativ verdrängt wird: der Genitiv. Die wenigsten mögen ihn. Er fristet nur noch ein Schattendasein in der deutschen Sprache, denn er ist einfach zu kompliziert. Dauernd stolpern Kinder und Erwachsene über dieses lästige „s“, das zu ihm gehört wie der Nabel zum Bauch oder der Euter zur Kuh. Wegen des starken Nebels gab es heute auf der A1 mehrere Unfälle. Sagt kein Mensch mehr. Nicht mal die Nachrichtensprecher im Radio und TV, und wenn DIE es schon nicht können, ja wer dann (außer so ein paar Restexemplaren von Deutschlehrern und Professoren, aber die gehören einer aussterbenden Spezies an). Wegen dem starken Nebel ist doch viel praktischer. Übers m stolpert man nicht so schnell wie übers s. Der Sohn meines Vaters bin ich wird zu Ich bin der Sohn von meinem Vater. Praktisch. Sicher. Unverfänglich. Wenn es denn stimmt … (niemand weiß, wie viele Kuckuckskinder in deutschen Häusern hocken). Der Dativ setzt sich durch, das weiß auch der Duden und erlaubt ihn mittlerweile, zumindest im mündlichen Sprachgebrauch, bei einigen Ausnahmen (z.B. nach „wegen“).

 

Fast gefressen ... (Foto Birgit Hartmeyer)

Fast gefressen … (Foto Birgit Hartmeyer)

Auch die letzten Nischen, die der aussterbende Kasus bislang noch verteidigen konnte, schwinden in erschreckendem Maße. Besonders auffällig ist das bei dem Verb „gedenken“. Ich gedachte seiner. Wir gedachten der Toten des Flugzeugabsturzes. Der Genitiv in Bestform! Doch bald werden wir auch des Genitivs gedenken müssen, denn der arme Fall hat nicht mehr lange zu leben, das ist sicher. Im Radio hörte ich neulich auf dem Weg zur Arbeit „Wir gedenken den Opfern ….“ Damit war für mich der Tag gelaufen. Am liebsten hätte ich auf der Stelle angehalten, den Sender angerufen und ins Mobiltelefon gebrüllt: „Wir gedenken DER Opfer!!!“ G E N I T I V, Herr Radiosprecher!!! Den Opfern hilft das natürlich auch nicht mehr, aber trotzdem: Wenn wir ihrer gedenken, dann bitte auch grammatikalisch richtig!

 

Der Deppenapostroph

Keine Chance ... (Foto Birgit Hartmeyer)

Keine Chance … (Foto Birgit Hartmeyer)

Viele fragen sich jetzt vielleicht: Was ist denn das? Auch wenn man den Begriff nicht kennt, GELESEN hat man diesen unsäglichen Apostroph, also dieses kleine Häkchen hinter einem Nomen (Hauptwort) bestimmt schon, und nicht nur ein- oder zweimal. Der Apostroph ist in der Beliebtheitsskala der Deutschen mächtig gestiegen, was natürlich an dem Einfluss der englischen Sprache liegt. Traurigerweise lassen Schüler dieses niedliche Häkchen in ihren englischen Texten andauernd weg (also Tims book statt, wie es richtig wäre, Tim’s book), aber im Deutschen wird wie wild mit unschuldigen Apostrophen um sich geworfen. Ich frage mich, wo die alle herkommen? Direkt aus England und den USA importiert? Aber das wird ja hoffentlich bald ein Ende haben. Zumindest die britischen Apostrophe werden nach dem Brexit aussterben, denke ich. Und was die amerikanischen angeht, so bauen wir einfach eine hohe Mauer und verweigern den Häkchen die Einreise! Nie wieder Emil’s Currywurst auf deutschen Imbissbudenschildern oder Nicole’s  Haarsalon an deutschen Friseursalons oder Unteruhldingen feiert Lena’s Sieg im Murmelweitwurf in deutschen Zeitungen lesen müssen! Welch eine Wohltat! Da atmen nicht nur die Germanisten und der Rest der Sprachpuristen auf! Oder hat es sich etwa schon so eingebürgert, dass wir es nie wieder loswerden? Eine grammatikalische Katastrophe! Schuld haben übrigens nicht nur die Amis, sondern auch der deutsche Duden, denn der hat dummerweise dieses völlig überflüssige Strichlein in Zweifelsfällen (!), zur „Verdeutlichung der Grundform eines Personennamens vor der Genitivendung –s“ (§ 97), erlaubt. Dabei war die deutsche Sprache da immer schon eindeutig, denn wenn ein Name auf s, z oder x endete, wurde immer schon ein Apostroph angehängt, aber NACH dem s/z/x: Also Andreas‘ Schultasche gehört Andreas, während Andreas (NICHT Andreas!!!!!!!!!!) Schultasche Andrea gehört. Wozu also brauchen wir diesen albernen Idiotenapostroph??!!

Ganz ganz schlimm wird es, wenn der Apostroph vor ein Plural-s gesetzt wird und selbst im Englischen ein Grammatikfehler wäre, also: Vor dem Hotel standen viele Taxi’s.

Übrigens stammt der Begriff „Deppenapostroph“ nicht von mir. Einfach mal bei „Google“ eingeben …

 

English forever: DENGLISCH

Keine Rettung mehr ... (Foto Birgit Hartmeyer)

Keine Rettung mehr … (Foto Birgit Hartmeyer)

Deutsch ist uncool, deswegen wird alles, was nicht niet- und nagelfest ist, ins Englische übertragen, manchmal leider auch falsch. Ein schönes Beispiel für Letzteres ist das Wort „Handy“. In angelsächsischen Ländern kennt man es nur als Adjektiv, und dann bedeutet es so viel wie „handlich, praktisch, griffbereit“. Das Ding, mit dem wir heutzutage so ziemlich alles machen, heißt in Großbritannien mobile phone und in den USA cell phone. Aber „Handy“ ist zugegebenermaßen eine praktische deutsche Wortschöpfung: Denn ein Handy ist ja nun wirklich handy!

In dem Dorf, in dem ich lebe, gibt es übrigens für die Kinder der Gemeinde, nicht nur die katholischen, einen (oder ein??) Church Point. Kirchentreffpunkt würde ja auch irgendwie sterbenslangweilig klingen, oder?! Besonders in der Werbe- und in der Modebranche wimmelt es von englischen Wörtern (im ganzen IT-Bereich natürlich ohnehin, aber da ist es wenigstens in den meisten Fällen noch sinnvoll, da vieles neu erfunden und benannt wurde, was es vorher nicht gab, somit keine vorhandenen deutschen Wörter durch englische ersetzt wurden).

Ich zitiere mal aus einem Modekatalog (Frühjahr 2017), der zwar von einer englischen Modefirma stammt, aber für deutsche Kunden publiziert wurde: „Mit steigenden Temperaturen freuen wir uns auf leichte Layering-Pieces für angesagte Transitional-Looks … Entdecken Sie unsere trendigen Designs …:Newcomer aus Doubleface-Denim und Indigo-Jacquard sowie Häkel-Highlights und fein verzierte Instant-Styles! … Für noch mehr Eyecatcher-Potential sorgen unsere Ethno-Prints – spring into summer!

Von insgesamt 148 Wörtern sind 37 Fremdwörter, davon 33 englische! Das sollte einem zu denken geben.

 

Zu spät ... (Foto Birgit Hartmeyer)

Zu spät … (Foto Birgit Hartmeyer)

Dabei habe ich überhaupt nichts gegen die englische Sprache! Im Gegenteil! Ich habe, wie oben erwähnt, auch Anglistik studiert (sogar als Erstfach), 1 Jahr an einer englischen Universität verbracht und 1 ½ Jahre in London gearbeitet. Ich LIEBE England und seine Sprache! Aber ich HASSE Denglisch! Welch grauenhafte Vermischung zweier schöner Sprachen! (Ich hätte jetzt auch „Welch grauenhafte Vermischung VON zwei schönen Sprachen“ sagen können, aber ich werde nicht zu denjenigen gehören, die den armen Genitiv ins Grab bringen …).

In anderen Ländern ist das, glaube ich, nicht so. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Franzosen andauernd englische Wörter in ihre elegante Sprache einstreuen und/oder französische Wörter durch englische Vokabeln ersetzen. Meine Abneigung hat übrigens nichts mit Nationalismus zu tun. Ich meine nur: Wir haben schöne Wörter in unserer Sprache, und warum sollen wir die durch englische ersetzen? Nur, weil Englisch gerade „in“ (deutsch: „angesagt“) und „cool“ (deutsch: „toll, großartig, ausgezeichnet“) ist?

Neu ist dieses Phänomen übrigens nicht. Im 18. Jahrhundert war beispielsweise die französische Sprache en vogue (nicht nur in Deutschland) und der Adel parlierte auf Französisch. Wer weiß, welche Sprache demnächst angesagt ist. Chinesisch?

Birgit Hartmeyer

Birgit Hartmeyer