Eigensinn
... macht das Leben schön!

Eigensinn ist ein Begriff, der zwar aus der Mode gekommen ist, nach wie vor schwingt aber eine eher negative Bedeutung mit. Eigensinnige fallen aus der vorgegebenen Norm, was – wie man am Beispiel der 16jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg sieht – vor allem bei rechten Autoritätsfetischsten und konservativen Schablonendenkern zu vernichtenden Kritiken führt. Dabei macht Eigensinn das Leben erst richtig schön! Eine Bauanleitung für mehr Eigensinn!

 

Sinn und Sünde (Foto Arnold Illhardt)

Sinn und Sünde (Foto Arnold Illhardt)

Als Jugendlicher hörte ich meine Eltern häufiger sagen: Junge, sei doch nicht so eigensinnig! Eigensinnig sein klang immer ein wenig nach: nicht richtig sein, wenn nicht sogar nach: nicht normal sein. Und so wundert es auch nicht weiter, wenn man unter den wenigen Definitionen für dieses beinah schon in Vergessenheit geratene Wort die Beschreibung findet: Eigensinn bedeutet, gegen alle vernünftigen Vorstellungen beharrend zu sein. Ich halte diese Definition für ziemlichen Kokolores, denn es stellt sich doch die Frage, was a) vernünftige Vorstellungen sind, b) warum vernünftige Vorstellungen immer gut sein müssen, c) wer diese Vernunftsätze formuliert hat und d) was so schlecht daran ist, einen eigenen Sinn für oder gegen etwas zu haben?!

Auf einem Bücherflohmarkt fand ich neulich ein zerfleddertes Taschenbuch von dem von mir sehr verehrten Schriftsteller Hermann Hesse. In einer seiner kurzen Erzählungen geht es genau um diesen Eigensinn. Auch Hermann Hesse galt bei seinen Zeitgenossen als überaus eigensinnig, weshalb ich ihn wiederum gerne las und noch heute gerne lese. So liegt es auf der Hand, wenn gerade er über etwas schreibt, was sich normalerweise nicht in unserem Blickfeld befindet. Das Nachdenken über den Eigensinn ist an sich schon ziemlich eigensinnig!

Ein großer Teil der Regenbogenpresse verkauft sich deshalb so gut, weil der Uneigensinnige dort viel über eigensinnige Menschen liest: exzentrische Schauspieler, verrückte Musiker oder verschrobene Adelige. Und im stillen Kämmerlein bewundert der Uneigensinnige diese Menschen, vielleicht weil es ihm oder ihr insgeheim stinkt, ständig angepasst, untertänig oder gehorsam zu sein. Vor allem stinkt es uns dann, wenn durchsickert, dass große Bereiche der sogenannten Vernunft gequirlter Bullshit sind und lediglich der Gefügigmachung des Volkes dienen! Bei einem Vortrag, in dem es um die Künstler und Bohemes in Paris um 1910 ging, saßen jede Menge überaus bürgerlich aussehender Menschen im Publikum, denen man zwar eine gewisse Bildung, nicht aber unbedingt ein entspanntes, lockeres Leben ansah. Auf die humorvollen Ausführungen des Referenten über die anrüchigen Kapriolen des einen oder anderen Künstlers reagierten die Zuhörer mit Kopfschütteln, gedämpften Raunen oder Amüsement. Und dennoch war der Saal mehr als nur voll, weil alle genau aus diesem Grund gekommen waren: Etwas über die Andersartigkeit dieser auf verrückte Art und Weise lebenden, also eigensinnigen Künstler zu erfahren.

weg vom Mainstream (Foto Arnold Illhardt)

weg vom Mainstream (Foto Arnold Illhardt)

Adolph Freiherr von Knigge schrieb seinerzeit über eigensinnige Menschen: „Sie pflegen dann, insofern man ihnen nur in dem ersten Augenblicke nachzugeben scheint, bald von selbst der Stimme der Vernunft Gehör zu geben, ihr Unrecht und die Feinheit unserer Behandlung zu fühlen und wenigstens auf eine kurze Frist geschmeidiger zu werden.“ So weit, so Knigge, doch meine anfangs zitierten Eltern hatten wenig Erfolg mit ihrem Anti-Eigensinn-Programm. Schon sehr früh entdeckte ich, dass die von ihnen präferierte Welt nicht meine war. Ich lernte in der Literatur, Politik oder Philosophie Querdenker kennen, die mich mehr faszinierten, als die Langeweiler der bürgerlichen Welt. Ich war hungrig nach den Reizen, die man mir aus Vernunftgründen vorenthalten wollte oder die durch irgendwelche anerkannten Vordenker als bedrohlich, unsittlich oder abartig gebrandmarkt wurden. Ich wollte mein Leben genießen und nicht durch Vorschriften vergraulen lassen. Ich wollte Individualität statt Mainstream. Was will man mit all diesem Unfug, den Menschen sich ausgedacht haben, die in sich selbst gefangen sind und denen das eingetrichterte Moralin bis in die Knochen eingesickert ist? Vor allem Erwachsene sind häufig nichts anderes als entzauberte Wesen in einer normierten Welt. Will ich mir von solchen Schablonendenkern und Paradigmenfetischisten die Welt erklären lassen? Mir vorschreiben lassen, was Sinn und Unsinn ist?

Als die schwedische, 16jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg am 25.01.2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos eine mehr als bemerkenswerte Rede hielt und deutliche Worte bezüglich der politischen Un- bzw. Nichttätigkeit der Industriellen und ihren Schleimleckern – den Politikern – wählte, ging ein Raunen durch die Welt. Ihr Satz „Ich will eure Hoffnung nicht. Ich will, dass ihr in Panik geratet“ umschreibt in faszinierender Kürze, auf was es ankommt. Sie erhielt viel Anerkennung wegen ihres Eigensinns und zog eine Bewegung nach sich, die hoffentlich nicht abebbt. Doch vor allem den Zwangsbewahrern eines tumben Konservatismus, sowie der nationalvölkischen Bewegung ging diese Eigensinnigkeit zu weit. So ließen sich Jungunionisten vernehmen: „Mit Schulschwänzen den Klimawandel zu bekämpfen ist in etwa so sinnvoll, wie mit dem Staubsauger durch die Sahara zu laufen.“ Ein solcher Kommentar verwundert nicht, denn hier stehen zwei Fronten gegenüber: Eigensinn und angepasste Erschlaffung. Ich kann mich nicht erinnern, von diesen frühvergreisten Unionssprösslingen jemals so etwas wie kritische Verantwortung für eine intaktere Welt vernommen zu haben. Schon früh wurden sie auf eine einzige Sinnerfüllung geeicht, nämlich dass Geld und Wachstum, Autorität und Macht die einzigen gesellschaftlichen Bedingungen darstellen. Gibt es im Gegensatz zum Eigensinn so etwas wie Fremdsinn?

Eigensinn (Foto und Bearbeitung Arnold Illhardt)

Eigensinn (Foto und Bearbeitung Arnold Illhardt)

Wie irrsinnig Interpretationen menschlichen Handelns sein können, zeigt ein Kommentar des Journalisten und Schriftstellers Thomas Rietzschel auf der Seite achgut.com. Dass die junge Klimaaktivistin den Mut besitzt, der ungebremsten Zerstörung unserer Umwelt und der darin lebenden Menschen durch gleichgültige Misanthropen entgegenzutreten, wird von ihm als „…geistige Vergewaltigung“ beschrieben, „die umso schwerer wiegt, als sie eine mediale Aufmerksamkeit erregt, die der Verführung Vorschub leistet. Fasziniert von dem Interesse der Öffentlichkeit, sind die Jugendlichen der ideologischen Indoktrination geradezu hilflos ausgeliefert.“ Mal abgesehen davon, dass er in einem Anflug von gescheiterter Logik dies mit der Pädophilie der Grünen einleitet, ist der Duktus seiner entgleisten Kognitionen, dass Greta Thunberg nicht aus eigenem Antrieb handelte, sondern ihr Handeln Ergebnis einer verfehlten Schulbildung, sowie einer entsprechend grünen Indoktrination sei. Man möchte nicht wissen, welchen Indoktrinationen Rietzschel bei seinem Geschreibsel erlegen ist, doch sitzt er einem gewaltigen Denkfehler auf: Warum gesteht man jungen Menschen nicht den Eigensinn zu, aus eigener Überlegung, eigener Verantwortung oder eigener moralischer Verpflichtung (vermeintlich!) erwachsenes politisches Fehlverhalten anprangern zu dürfen? Ist es der Frust darüber, selbst zu einem grauen, nichtssagendem Fossil erstarrt zu sein? Ist es die Tatsache, sich nicht mehr selbst zu spüren und letztendlich eine von Autoritäten abhängige Persönlichkeit geworden zu sein, die das Selbstdenken verlernt hat und stattdessen denken lässt? Ich kenne unzählige Jugendliche, die unabhängig von schulischen Einflüssen oder aus Widerstand gegen ein lebensfernes Schulsystem zu einer eigenständigen, sowie eigensinnigen Persönlichkeit geworden sind und diesbezüglich mit einer weitgefächerten und intelligenten Denkstruktur brillieren, die man bei leider vielen, wenn nicht gar den meisten Erwachsenen leidlich vermisst!

Geht nicht (Foto Arnold Illhardt)

Geht nicht (Foto Arnold Illhardt)

Bei meinen Recherchen zum Thema Eigensinn stieß ich auf das gleichnamige Buch der Psychologin Ursula Nuber. In der Beschreibung des Buches heißt es: Eigensinn – Die starke Strategie gegen Burn-out und Depression – und für ein selbstbestimmtes Leben. Das ständige Erleben, sich in einem System oder Umfeld nicht als selbstbestimmt oder selbstreflektiert zu erfahren, führt tatsächlich bei vielen Menschen zu einer psychischen Katastrophe. Wie es schon ein alter Sponti-Spruch zum Ausdruck bringt: Die Schönheit des Lebens liegt im Grad der eigenen Unterunterworfenheit! Eigensinn bedeutet Ununterworfenheit, denn eigensinnig sein heißt…

  • selbst denken zu können und nicht Schablonen dafür benutzen zu müssen. Und das kann unter Umständen bedeuten, solche Schablonen auch dann abzulehnen, wenn sie von 80% präferiert werden;
  • selbst Verantwortung zu übernehmen und       nicht zur Marionette von irgendwem zu werden – auch nicht von einem Chef, einer Religion oder einem politischen System;
  • eigene Lebensregeln aufzustellen und nicht nach Paradigmen und Lehrsätzen zu leben, die nie wieder auf ihre Stimmigkeit überprüft wurden;
  • sich als autonom und frei in seinen Entscheidungen zu erleben;
  • sein Schicksal nicht einem System oder einer Regierung zu überlassen, sondern selbst handlungsfähig zu sein;
  • nicht nach Mächtigen zu rufen, sondern sich mit anderen Eigensinnigen zusammentun und das Notwendige erschaffen.

Selbst denken, selbst handeln, selbst verwalten, selbst leben, selbst gestalten, selbst bestimmen, selbst entscheiden, selbst finden, selbst lernen … Eigensinn ist das Produkt aus der Menge der selbstinszenierten Innen- und Außenwelten. Man kann jederzeit anfangen, es zu sein.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt