Willkommen im Schilderland

Ohne Schilder ist alles wilder (mit aber auch!). Kaum ein Land ist so schilderversessen wie das deutsche. Wohin man schaut, wird hin-, weg- oder zugewiesen. Schilder sind Denkprothesen, um den Menschen vor einem ungebremsten Freiheitstaumel zu bewahren. Selbst wenn nichts draufsteht! Wo kämen wir ohne Schilder hin? Kaum auszudenken!

Schilderwahn (Foto A. Illhardt)

Schilderwahn (Foto A. Illhardt)

Telgte. Bei meinen vielen Reisen durch den europäischen Süden, fiel mir nicht nur auf, dass es dort wärmer ist (welche perzeptive Leistung), sondern dass unsere Freunde im sonnigen Unten des Okzidents mit wesentlich weniger Schildern auskommen als im bewölkten Germanien. Nun hat dies vermutlich verschwindend wenig mit der Einwirkung des leuchtenden Zentralgestirns zu tun, wohl aber offensichtlich mit der Reife der dort lebenden Menschen als reflektierende und daraus folgernd reflektierte, sowie selbstdenkende Wesen. Man könnte sogar so weit gehen, dass der Beschilderungswahn der Deutschen kennzeichnend ist für die ganze hiesige Volksseele. Es ist zwar nicht eindeutig gesichert, ob das Zitat „In Deutschland wird es keine Revolution geben, weil man dazu den Rasen betreten müsste” von Stalin oder Lenin stammt, aber das Schild „Rasen betreten verboten“ findet bis heute großes Gefallen bei einigen Ordnungsfanatikern in deutschen Behördenstuben. Dabei stellt sich natürlich die Frage, wofür sonst ein Rasen dienlich sein soll (außer man liegt drauf, wofür man ihn ja auch betreten müsste.)

Schilder haben den Sinn, so weit sich ein solcher einem Schild zuordnen lässt, den Betrachter auf etwas hinzuweisen, ihn wegzuweisen (was im doppelten Sinne zu verstehen ist), von etwas

Ausweglos (Foto A. Illhardt)

Ausweglos (Foto A. Illhardt)

abzuhalten, ihn zu warnen, ihm etwas im wahrsten Sinne vorzuschreiben oder ihm gar etwas zu verbieten. Dies setzt zwei wesentliche Aspekte voraus: Der Betrachter kann das, was dort auf Blech, Holz oder Plastik prangt, dechiffrieren, wobei u.a. das Beherrschen der deutschen Sprache (was bei vielen Strammdeutschen schon mal zum gehörigen Problem wird) ein wesentlicher Vorteil ist. Zum anderen muss der Hingewiesene oder Gewarnte das Schild überhaupt als solches realisieren, was vor allem dann, wenn man vor lauter Schildern das einzelne Schild nicht mehr sieht, schwierig bis unmöglich werden kann. Dass manche Schilder von Efeu überrankt sind, ist ein natürlicher Effekt, der die Menschen daran erinnern soll, dass es mal eine Zeit gab, als auch der letzte Depp wusste, dass man nach dem Toilettengebrauch zumindest abspülen sollte. Dass es in einer vermeintlich zivilisierten Ära immer noch Schilder an Autobahnraststätten, auf Imbissbudenklos oder in Krankenhäusern gibt, auf denen der Nutzer gebeten wird, das stille Örtchen so zu verlassen, wie er es vorgefunden hat, lässt daran zweifeln, im hochgelobten Abendland zu verweilen.

Als man in unserer Stadt kurz überlegte, notabene nicht anberaumte, dass man auf einige! Schilder im Straßenverkehr verzichten wolle, ging ein Raunen durch die Bevölkerung, weil man sich plötzlich wichtiger Prothesen, die das Selbstdenken

Absteigen (Foto A. Illhardt)

Absteigen (Foto A. Illhardt)

bisher ersetzt hatten, beraubt sah. Übrigens funktioniert es inzwischen prima! Schon Erich Fromm wies in seinem Buch „Die Furcht vor der Freiheit“ darauf hin, dass der aus dem Gruppenzwang ausbrechende Mensch meistens zu einem vereinsamten Wesen wird. Und da Einsamkeit und alleine Rumstehen auf Dauer befremdlich sind, lehnt das beschilderungsbedürftige Wesen all das ab, was ihn auch nur grenzwertig in die Nähe eines Individualisten bringen könnte. Was das mit Freiheitsfurcht zu tun hat? Nun, Schilder geben uns das Gefühl der Geborgenheit, des Gemeinschaftlichen, sowie Allgemeingültigen. Wir kämen ohne Schilder an die Grenzen unseres Fassungsvermögens und fühlten uns nackt und unbeholfen in dem uns umgebenden Kosmos. Schließlich sind wir keine frei umherfliegenden Astronauten, Kraniche oder Seraphime.

Schutt abladen verboten (Foto A. Illhardt)

Schutt abladen verboten (Foto A. Illhardt)

Da geben glücklicherweise Schilder jede Menge Schutz und Sicherheit. Ich weiß auf diese Weise, ohne lange nachzudenken, ob ich im Wald Schutt abladen kann oder besser nicht. Ich bekomme eine Ahnung davon, ob ich, wenn ich nicht vorsichtig fahre, die Böschung hinabstürze oder werde freundlicherweise darauf hingewiesen, in der Ortschaft nicht das volle Brett zu geben. Es gibt nämlich eine ganze Reihe von Zeitgenossen, die so strunkelblöd sind, dass sie ohne Geschwindigkeitsbegrenzung wie die berühmte besengte Sau bis zum Tachoanschlag durchs Wohngebiet knallen würden. Und ohne Schild könnten sie natürlich später angeben, dass sie für die ganzen überfahrenen Rentner und Kinder nichts können, weil ja kein Hinweis auf das Langsamerfahren angebracht war. Ertrinkt zum Beispiel ein kleiner oder wahlweise auch größerer Mensch in einem Baggersee, können die Hinterbliebenen klagen, wenn kein Schild auf mögliches Ertrinken hingewiesen hat. Neulich erfuhr ich von einer aus dem Ruder gelaufenen Taufe, weil dort einer der Anwesenden nach vollendeter Verchristlichung des wie am Spieß schreienden Täuflings sich in der Kirche eine Zigarette ansteckte. Hätte man prophylaktisch im Bethaus ein Schild mit der Aufschrift Rauchen verboten angebracht, wäre dieses Desaster sicherlich vermeidbar gewesen.

Ebenfalls in unserem Ort gibt es ein Schild, das eigentlich das Parken verbietet, liebenswürdigerweise dies aber Notdiensten gestattet. Man stelle sich einmal vor dem geistigen Auge die leicht surreal anmutende Situation vor, wie der Notarzt

behördliche Schildbürgerei (Foto A. Illhardt)

behördliche Schildbürgerei (Foto A. Illhardt)

neben dem Röchelnden kniet und die Herzmassage durchführt, während ihn die Polizeihostess kopfschüttelnd befragt, ob er keine Schilder lesen könne und anschließend ein Knöllchen hinter den Notfallwagenscheibenwischer steckt. Das Szenario mag übertrieben klingen, doch ist es die Aufstellung eines solchen sinnfreien Schildes nicht auch?

Gemeinsam statt gegeneinander, das ist das Motto, mit dem man in der Kleinstadt Bohmte bei Osnabrück für eine komplette Schilderfreiheit argumentierte: „Wenn niemand so recht weiß, wer Vorfahrt hat, fahren automatisch alle vorsichtiger. (SZ, 23.2.2013) Während in den Niederlanden das Prinzip des sogenannten Shared Space längst anerkannt ist und funktioniert (aber die kiffen ja auch wesentlich problemloser), tun sich die Deutschen offensichtlich schwer mit so viel Verkehrsanarchismus. So scheint es immer wieder Autofahrer zu geben, die blöd wie Knäckebrot und ohne Schilder unbeholfen sind wie ein Cornetto Royal Walnuss in der sengenden Sonne des Desert Valley. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel, wie schaffen solche verkehrsuntauglichen Minusgestalten eigentlich ihre Fahrprüfung?

Inhaltslos (Foto A. Illhardt)

Inhaltslos (Foto A. Illhardt)

Der ordnungsliebende Deutsche braucht nun mal seine Schilder, auch wenn nichts drauf steht. So fand ich neulich auf einer Radtour durchs Emsland blecherne und hölzerne Tafeln, die entweder verwittert und damit unlesbar, oder aber schlicht und ergreifend eine Aussage vermissen ließen, also leer waren. Egal, Hauptsache der deutsche homo sapiens hat etwas, woran er sich, wenn auch nur visuell, festhalten kann. Wie schon bei besagtem Parkschild lässt natürlich auch ein Hinweis darauf, dass im Wald Schuttabladen verboten ist, tief in die menschliche Psyche blicken. Bei unseren Waldspaziergängen sind wir immer wieder überrascht, was man so im Wald alles entsorgen kann. Da es sich um Gartenabfälle großen Ausmaßes handelt, gehe ich mal davon aus, dass es sich bei den Müllverklappern nicht um Flüchtlinge gehandelt hat, denen man in letzter Zeit – bevorzugt im rechten Milieu – gerne ein verschmutzendes Wesen nachsagt. Mir sind allerdings bisher keine Flüchtlinge bekannt, die ihren Kompost aus Syrien eingeschleppt haben.

Schild im Bahnhof Telgte (Foto A. Illhardt)

Schild im Bahnhof Telgte (Foto A. Illhardt)

Nichts Gutes im Schilde (Foto A. Illhardt)

Nichts Gutes im Schilde (Foto A. Illhardt)

Vor einiger Zeit brachte ich ein Schild im Telgter Bahnhof an, in dem die Reisenden darauf hingewiesen wurden, dass es a) im Wartebereich keine Toiletten gibt und b) die dadurch eingesparten Gelder selbstredend verbilligte Fahrkarten zur Folge hätten. Ebenso versah ich den öffentlichen Bereich meiner Heimatstadt mit dem Hinweis, dass das Leben nur auf den dafür vorgesehen Plätzen erlaubt sei. Über den ersten Schildbürgerstreich wurde von der Lokalpresse berichtet. Die Schilder hingen übrigens über Monate an ihrem Platz bis sie entfernt wurden oder verwitterten. Ob meine Handlung gesetzwidrig war? Dumme Frage, es gab doch dort keine Schilder, auf denen das Anbringen von Schildern verboten wurde!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt