An den Ufern der Seine
Ein Buch von Agnès Poirier über die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950

Eine Buchempfehlung

Eine fesselnde, faszinierende Beschreibung Paris und seiner intellektuellen Bewohner, die in den Jahren 1940 – 45 zum Teil in der Resistance gegen die deutschen Besatzer im Untergrund kämpften.

Als sehr junge Frau war ich Ende der 70er Jahre zum ersten Mal in Paris. Für mich war Paris damals nur eine schöne Stadt mit imposanten Gebäuden. Ich war beeindruckt von Eiffelturm, Champs Elysee, Sacre Coeur, Arc de Triomphe, Louvre und Notre Dame. Ich ließ mich blenden von Fassaden, nicht von der Atmosphäre, vom Atem Paris!

Aber welche Kraft und eigentliche Schönheit hinter Paris steht, das sind nicht ihre Gebäude und Straßen, es sind die Menschen, die hier leben, die ihre wichtigsten Emotionen hier bündeln: Stärke, Liebe, Mut, Vertrauen, Freude und vor allem Stolz auf ihre Stadt. Und das schon seit über 200 Jahren! Und seit der französischen Revolution steht diese Stadt zudem als Sinnbild für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Dem möchte ich anfügen: Natürlich auch Schwesterlichkeit!

Cover An den Ufern der Seine (Foto vom Verlag Klett-Cotta)
Cover An den Ufern der Seine (Foto vom Verlag Klett-Cotta)

Was bedeutete der 2. Weltkrieg für Paris? Paris war und ist der Mittelpunkt der französischen Kultur und Identität, das Herz von Frankreich. Während der Besatzung verlor die Stadt ihre Seele. Das öffentliche intellektuelle Leben stand still. Doch die Pariser gaben ihre Stadt beileibe nicht auf, denn hier entstand das Zentrum der Resistance. Der Widerstand gegen die deutsche Besatzung wurde von hier im Verborgenen perfekt koordiniert. Viele verschiedene Gruppierungen engagierten sich in der Resistance. Sie wurde glorifiziert und bewundert, agierten weit über die Grenzen von Paris hinaus, aber die Resistants, wie die Mitglieder der Resistance bezeichnet werden, handelte oftmals genauso unmenschlich wie die Besatzer – die Deutschen. Allerdings war sie eine überaus wichtige Gruppe für die politische Situation nach der Einnahme der Alliierten für Charles de Gaulle, bei dem in der Zeit seines Exils in London alle Fäden der unterschiedlichsten Widerstandskämpfer zusammenliefen.

Die Befreiung durch die Alliierten bedeutete für Paris dann eine kulturelle, gesellschaftliche und politische Wiedergeburt. Kaum war Paris erlöst, fingen die „Machtspiele“ für die „Herrschaft“ in Paris an. Wer übernimmt politisch Paris (und Frankreich!). Charles de Gaulle oder die Kommunisten?

Und das war wieder die Zeit für die Pariser Bewohner zu zeigen, was ihnen ihre Stadt bedeutete. In dieser Zeit, in der so vieles in der Stadt fehlte, wie Lebensmittel, Heizmittel und andere lebensnotwendigen Dinge, musste man aktiv werden um zu überleben, auch durchaus rücksichtslos in dieser Gesellschaft, die so stark gelitten hat. Die Lebenslust erwachte wieder, die Stadt der Lichter kehrte aus der Asche zurück wie der Phönix, die Pariser setzten ihre Emotionen ein und erhoben auch zugleich ihre Stimme, viele im politischen Spektrum.

Hier war unter anderem auch Jean-Paul Sartre (der Gründer des Existentialismus) zu nennen, der mit anderen engagierten Intellektuellen eine neue Partei gründete, die als linke Kraft mit dem Gedanken an Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde gegen die alten Parteien etwas entgegensetzen sollte.

Gerade diese spannenden Jahre in Paris von 1940 – 1950 beschreibt Agnès Poirier in ihrem Buch „An den Ufern der Seine“, darunter die ersten fünf Jahre unter deutscher Besatzung. Dank ihrer hervorragenden Recherche entstand eine fesselnde, faszinierende Beschreibung Paris und seiner intellektuellen Bewohner, die in den Jahren 1940 – 45 zum Teil in der Resistance gegen die Besatzer im Untergrund kämpften.

Zitat aus dem Buch:

„Dass man nichts weniger von ihnen erwartet hatte, als die Welt zu verändern, wirft die Frage auf: Wie kam es, dass sie derartige Hoffnungen weckten? An den Ufern der Seine handelt ebenso von der Verantwortungslosigkeit der Pariser Intellektuellen der Nachkriegszeit wie von ihrer politischen, künstlerischen, moralischen und sexuellen Strahlkraft.“ Agnès Poirier

Die Vielzahl von Informationen über die unterschiedlichsten Protagonisten, die man sonst vielleicht nie erhalten hätte, wie z.B. Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre, Sylvia Beach, Pablo Picasso, Simone Signoret, Samuel Beckett, Norman Mailer, Juliette Greco oder Albert Camus, um nur einige zu nennen, weckte meine Neugier.

Es ist für die Leserin/den Leser ein Vorteil, wenn man bereits Kenntnisse über die verschiedenen Personen des Buches hat, so war es für mich z.B. eine wahre Freude, immer wieder Details über die mir bekannten Persönlichkeiten zu erfahren. Jedoch ist es für eine interessierte und fantasiebegabte Leserin wie mich durch die reich illustriert beschriebenen Situationen ein Leichtes, in die abwechslungsreiche und abenteuerliche Zeit der Pariser Nachkriegsjahre mit ihren avantgardistischen Intellektuellen einzusteigen. Manchmal erwischte ich mich dabei, mich als wenn auch stille Beobachterin bei den Aktivitäten der beschriebenen Persönlichkeiten zu wähnen, so als säße ich ebenfalls im Café de Flore oder in der Brasserie Lipp.

Es ist daher von enormem Nutzen, dass es so viele Hinweise auf weiterführende Literatur gibt, um sich mit diesen bedeutenden Köpfen weiter zu beschäftigen. Leider sind nicht alle angegebenen Bücher in deutscher Übersetzung erhältlich.

Über Agnès Poirier aus dem Klappentext:

Agnès Catherine Poirier, 1975 in Paris geboren studierte an der London School of Economics und war für „Radio France“ tätig. Seit 1998 lebt und arbeitet sie in London und Paris. Auf Englisch und Französisch schreibt sie in „Le Monde“, im „Nouvel Observateur“, im „Guardian“, in der „Times“ und im „Observer“. Sie engagiert sich beim Filmfestival in Cannes für britische Filme und nimmt u.a. regelmäßig an außenpolitischen Diskussionen in der BBC teil.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Left Bank“ im Verlag Bloomsbury Publishing, London, Oxford, New York.

Das Copyright liegt bei Agnès Poirier, 2018

Für die deutsche Ausgabe

Copyright 2019, 2020 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart

Das Cover wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt