„SEELE, LIEBE, SCHÖNHEIT, BERLIN, TOD, BEGEHREN.“
Als erstes Museum weltweit zeigt die Nationalgalerie in Berlin 1896 die Künstler der Pariser Moderne: Manet, Monet, Renoir und Rodin. Der charismatische Direktor, Hugo von Tschudi, machte es möglich. Der Impressionismus erobert die Berliner Nationalgalerie. Der neue Direktor im Kampf gegen den deutschen Kaiser, die konservativen Künstler des Berlins von 1896 und seine eigene Sterblichkeit.
Der Impressionismus
„Es ist, als wäre in die Atelierwand ein Loch geschlagen, durch das man plötzlich ins Freie sieht.“ Hugo von Tschudi
Jenes Zitat von Tschudi, als erster Satz des Buches „Tschudi“ von Mariam Kühsel-Hussaini, beschreibt nicht nur die Malerei des Impressionismus in einem schlichten Satz, sondern es lässt auch die Begeisterung des Protagonisten für den Impressionismus spüren, um nicht zu sagen Besessenheit. Wer könnte den Impressionismus passender beschreiben als Hugo von Tschudi, der von 1896 bis 1908 Direktor der Nationalgalerie Berlin war.
Im Gegensatz zum Expressionismus verleihen die Maler dem Impressionismus „lichtgewordene“ Farbe. Die Herausforderung für den Maler besteht daher darin, die Stimmung eines Bildes durch Lichteffekte hervorzuheben. Entscheidend war eben nicht, die Szenerie oder eine Landschaft deutlich wiederzugeben, sondern die vermeintliche Stimmung zu verstärken.
Handlung des Buches
Den Impressionismus nach Berlin zu bringen gestaltete sich für Hugo von Tschudi als eine gewaltige Herausforderung, denn der deutsche Kaiser Wilhelm II, großspurig und undiplomatisch, lehnte jene Malerei aus Frankreich kategorisch ab. Er besaß eine starre Meinung über die Objekte, die in der damaligen Berliner Kunstszene gezeigt wurden, bevorzugte eher konservative, historisierende Malerei, die sein Kaiserreich verherrlichen und präsentieren sollten. Sein bevorzugter Maler war Anton von Werner, der durch sein späteres Intrigieren das Leben für Tschudi in seiner Zeit als Direktor der Berliner Nationalgalerie sehr erschwerte und dazu führte, dass Tschudi seine Stelle verlor und nach München ging.

Mit den ersten vollkommen neuen und modernen Gemälden des Impressionismus, die er gemeinsam mit seinem Freund Max Liebermann in Frankreich erwarb und in der Nationalgalerie ausstellte, entfaltete sich ein enormer Konfliktbereich zwischen dem progressiven Hugo von Tschudi und dem stockkonservativen Kaiser Wilhelm II. Zwar völlig anderer Meinung, und das in allen Dingen des Lebens, jedoch vereint durch ihre jeweilige Erkrankung, die ihnen das Leben schwer machte: Tschudi litt seit vielen Jahren an der „Wolfskrankheit“ (Lupus erythematodes), die ihn entstellte und starke Schmerzen bereitete und der Kaiser seit seiner Geburt an einer Lähmung des linken Armes.
Die erste Ausstellung mit Werken von Manet, Monet und Degas wurde zwar ein voller Erfolg für Tschudi und die Nationalgalerie und wurde in der Berliner Kunstszene gefeiert, allerdings gestaltete sie sich als Riesenskandal für die konservativen Gegnern Tschudis und war dem Kaiser ein Dorn im Auge.
Durch den Roman erleben wir das damalige Berlin mit seiner Kultur der Jahrhundertwende, der Fülle an Lebensgefühl und den Ideen und Überzeugungen dieser Epoche. Wir begleiten Hugo von Tschudi, Max Liebermann und Ernst von Mendelssohn-Bartholdy durch die Kaffeehäuser und Ballsäle, sind Gast in diversen Künstlerateliers, lauschen den begeisternden Gesprächen über Gemälde und deren Künstler, spazieren durch die Straßen von Berlin. Müssen aber auch die verzweifelten Wutausbrüche des Kaisers, bei dem die Fäden der hinterlistigen Intrigen gegen Tschudi zusammenlaufen, über uns ergehen lassen.
Ja, und über allem steht der charismatische großartige Hugo von Tschudi, der jede Szene des Buches durch seine Ausstrahlung beeinflusst, der den Leser in seinen Bann schlägt, an seinen Gefühlen, an Liebe und Begeisterung teilnehmen lässt, aber mit dem wir auch zusammen in tiefer Trauer und Angst versinken.
Diese brodelnde Stadt und den Geist der Jahrhundertwende sehen, hören und riechen. Ein meisterlich geschriebener Roman!
Um deutlich zu machen, wie faszinierend die Autorin Stimmungen und Situationen beschreibt, möchte ich einige wenige Zitate mit den jeweiligen Seitenangaben hervorheben.
Für Tschudi war der Impressionismus eine Kunstrichtung, die lebt. Der Maler selbst bringt nicht nur Farbe auf die Leinwand, er selbst ist das Gemälde und teilt uns seine Gedanken und Empfindungen mit. Wie hier:
Kapitel 2, Seite 15
In dieser Szene schreitet Tschudi durch die Menschenmenge in der Nationalgalerie, steuert auf das Bild „Wintergarten“ von Manet zu und verliert sich stumm beim Anblick mit folgenden Gedanken:
„Ein rasches Frauengiftrot über ihrer makellosen Wange, eine leblose Hand, nach welcher er, der Bärtige neben ihr, der Geduldige, der Erschrockene, vor ihr Bangende doch so zart verlangte und die er nie berühren wird“
Und eine Seite weiter:
„Sein Blick fiel auf ihren Schoß, da lag ein Seidenschirm. Die Farbe, irgendein ehrgeizloses und durchsichtiges Creme-Weißgold, raubte alle Präsenz. Wie in einem Zuge hingezogen und noch ein wenig abgeglitten, vollführte Manet das eigentliche Portrait, einen Gegenstand. Mittelpunkt des Universums, ein Seidenschirm. Er war Manet.
Hier der Link zum Gemälde: Im Wintergarten :: Nationalgalerie :: museum-digital:staatliche museen zu berlin
Kapitel 6, Seite 35
In diesem Kapitel ist Tschudi zu Gast bei Max Liebermann. Die folgende Szene beschreibt, wie Liebermann Tschudi von Bild zu Bild führt; unglaublich mit welcher Sinnlichkeit sie die Räumlichkeiten beschreibt:
Von einem Blumen träumenden Teppich wechselte man zum nächsten (Gemälde Anm.) über, als schwebte man auf schwankenden Monets.
Lampen, Tische, kleine Skulpturen, Kerzenständer wie kleine Architekturen, Truhen, Gobelins, chinesische Lackschirme, Schalen mit Elefantenfüßen.
Glänzende Stühle in allen Ranken der Phantasie, mit Seide bezogen und überall verteilt.
Leuchter und kostbare Öfen, offene Türen, Durchblicke.
Vasenstillleben die plötzlich auch in echt, wie herausgefallen aus dem Bild, verteilt auf den Tischen standen…
Welche Opulenz nimmt hier das innere Auge wahr!
Kapitel 22, Seite 111
Hier ein auffallendes Schema, welches die Autorin öfters einsetzt um die Bedeutsamkeit der Szene hervorzuheben:
Es regnete stark.
Es stank.
Ein Baby schrie.
Tschudi hielt inne.
Sah sich um.
Nasse Nacht.
Diese knappen Sätze wirken filmisch, wie kurze Schnitte im Film, schnell wechselnde Szenen. Die darauffolgende Szene erinnert tatsächlich an einen Thriller! Die untereinander gesetzten Sätze geben dem Text dazu eine lyrische Qualität.
Kapitel 23, Seite 117
Der Kaiser besucht die Nationalgalerie. Sehr schön erscheint hier in dem oben beschriebenen Schema die jeweilige Persönlichkeit der drei Männer:
Möge es beginnen, dachte Tschudi.
Es ist soweit, dachte der Kaiser.
Endlich, dachte Anton von Werner.
Wie ein unglückliches, verratenes Kind lief Wilhelm vorweg, ohne Plan und ohne Rücksicht.
Wie ein König folgte ihm Tschudi, gütig und voller Zorn.
Wie ein Vogel ohne Flügel schwankte Werner hinterher.
Diese Sätze steuern direkt auf die anschließende „Katastrophe“ in der Nationalgalerie zu. Der Kaiser verteufelt die komplette Ausstellung, sein ignoranter, ja fast schon verrückter Auftritt mündet dann auch Tage später in seiner Anweisung, dass alle Gemälde entfernt werden sollen, die ehemalige Hängung wieder hergestellt wird und zukünftige Neuerwerbungen seiner Genehmigung bedarfen.
Kapitel 25, Seite 121
Tschudi weilte in Madrid, kurz bevor er Angela Fausta Oliveras Gonzales, seine spätere Ehefrau kennen- und lieben lernte. Hier erinnert mich das Stilmittel an absurdes Theater und es bewirkt auch, dass die folgenden Textpassagen emotional aufgebaut werden.
Madrid.
Prado.
Goya.
Vom Hotel in die Droschke.
Von der Droschke ins Museum.
Weiße Stadt.
Weißer Prado.
Goya.
Goya als Velázquez.
Tschudi.
…
Der letzte Satz von insgesamt 61 Kurzsätzen lautet:
Vom Hotel wieder in die Droschke – in die gleichzeitig s i e einstieg.
Immer wieder Tschudi und Goya im Wechsel zwischen anderen kurzen Sätzen. Wollte die Autorin durch das Staccato der Wortfolgen dem Leser Tschudis innere Anspannung während dieses Aufenthaltes vermitteln?
Kapitel 70, Seite 305
Wir nähern uns dem Ende des Buches. Tschudi verabschiedete sich von Liebermann, verlässt Berlin, verzweifelt, gedemütigt entstellt und sterbenskrank. Folgende Szene vertiefte mein Mitgefühl:
Man darf ein Gemälde nicht betrachten.
Man muss in das Bild hinein.
Man muss zwischen den Farben sein, wenn sie auf der Leinwand gemischt werden.
Mann muss im glatten Pompejanischblau ertrinken, wenn das anrollende Neapelgelb einen wieder heraushebt und ins dick gefleckte Chinesischweiß schmiegt.
Diese Pigmente kämpfen. Sie verschlingen einander, Sie streichen sich.
Malerei ist, wenn die Grundierung keinen Ausweg und die Akzente keine Ausreden mehr kennen.
Wenn sie verschwimmen, wie der Blick verschwimmt.
Wenn Grün zu rot wird, weil es Licht sein will.
Wenn alle Zeiten in fünf Strichen vereinigt sind. Alle Menschenalter und alle Tode.
Wenn man das, was unter vielen Lügen von Lasuren siecht, mit einem einzigen frischen zarten Kontrast erzählt.
Wenn Pinsel und Leinwand aneinander reiben.
Wenn sich viel Braun-Hellblau über noch mehr Orange-Lila wälzt, wie über eine schlaflose Nacht.
Wenn der Sommer auf der Palette einen Seidenschal anrichtet.
Warum ich für dieses Buch eine Leseempfehlung ausspreche:
Es ist nicht nur das Thema als solches, welches mich so fesselte, dass ich das Buch in kürzester Zeit durchgelesen habe.
Es ist faszinierend, mit welchem tiefen Gefühl und mit welcher Ausdruckskraft die Autorin Tschudi und den Impressionismus mit diesem Buch ein Denkmal setzt. Und genau das ist es, was Mariam Kühsel-Hussaini durch ihren literarischen Stil so beeindruckend beherrscht: Sie lässt Hugo von Tschudi durch ihr Buch zu uns sprechen! Immer wieder bin ich tief beeindruckt, wie wortgewaltig sie Tschudi in Szene setzt. Welche Gedanken sie ihm zuordnet, wie sie andere Personen charakterisiert, welche Beschreibungen von Szenarien, Räumlich- oder Feierlichkeiten sie uns mit ihrer federleichten Erzählweise liefert, aber auch durch einen besonders auffallendes Schreibschema einen Spannungsbogen errichtet. Die Magie ihres Schreibstils führt den Leser direkt in das erzählte Geschehen. Zudem schafft sie es auch, die tief verborgenen Seiten von Tschudi zu charakterisieren. In vielen Kapiteln hat Mariam Kühsel-Hussaini seine facettenreiche Persönlichkeit unglaublich emotional und faszinierend beschrieben, dass die unterschiedlichen Stimmungen dieses charismatischen Mannes miterlebt werden können.
Idealerweise ist mir beim Lesen des Buches das passiert, was die eigentliche Hauptaufgabe des Lesens sein sollte: Das Interesse für die verschiedenen Themen des Buches zu wecken. Den Unterschied zwischen Impressionismus und dem Expressionismus zu erkennen, was für ein Mensch war überhaupt Kaiser Wilhelm II, wer war Anton von Werner, Max Liebermann und Ernst von Mendelssohn-Bartholdy? Namen, die man schon mal gehört, aber nicht wirklich wahrgenommen hat. Und warum lehnte der Kaiser den Impressionismus ab? Was genau ist der Historismus?
Um noch mehr über den Direktor der Nationalgalerie Berlin zu erfahren, empfehle ich den Artikel von Max Liebermann über Hugo von Tschudi, der wesentlich mehr über ihn verrät als es in Wikipedia zu lesen gibt. Gesehen und gelesen in der Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe Oktober (1)
(1)Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe (10.1912)
Aus dem Klappentext:
Mariam Kühsel-Hussaini wurde 1987 in Kabul als Enkelin des Kalligraphen Sayed Da´du Hussaini geboren. Sie wuchs in Deutschland auf. 2010 erschien ihr vielbeachtetes Debüt „Gott im Reiskorn“, es folgten die Romane „Abfahrt“ (2011) und „Attentat auf Adam“ (2012). Mariam Kühsel-Hussaini lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Berlin.
Lizenzausgabe für die Mitglieder der Büchergilde Gutenberg
Verlagsges. mbH, Frankfurt am Main, Zürich, Wien
Mit freundlicher Genehmigung des Rowohlt Verlags, Hamburg
Copyright 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Das Cover wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt.
Gerne möchte ich, neben der Empfehlung für das Buch „Tschudi“, das bei der Büchergilde Gutenberg verlegt wurde, auch einige Informationen über den Verlag selbst zur Verfügung stellen.
Die Büchergilde
Seit 1924 engagiert sich die Büchergilde Gutenberg für die Kultur des besonderen Buches. Als einzige literarische Buchgemeinschaft Deutschlands präsentiert sie ihren Mitgliedern viermal im Jahr ein kuratiertes Programm voll unterhaltsamer und anspruchsvoller Literatur, exklusiven Illustrationen und einzigartiger Gestaltung; dazu Kunst, Musik und schöne Dinge.
Dabei kooperiert sie mit rund 100 unabhängigen, inhabergeführten Partnerbuchhandlungen an vielen zentralen Punkten in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Belgien.
Die kostenlose Büchergilde-Mitgliedschaft
Die hochwertig gestalteten Ausgaben werden nur an Mitglieder verkauft. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, es müssen lediglich mindestens vier Bücher in 12 Monaten gekauft werden, unabhängig vom Preis. Alle Mitglieder erhalten einmal im Quartal unser Literatur-Magazin, in dem sowohl das aktuelle Quartalsprogramm als auch die Backlist anschaulich präsentiert werden. Nach einem Jahr kann jeden Monat mit einer Frist von zwei Wochen zum Monatsende gekündigt werden.