Pat Metheny Group
Wie „Phase Dance“ einen neuen Klangraum im Jazz eröffnete

VIERKLANGDIMENSIONEN (Jörg Eggerts)

 

Ein Gitarrensound, der plötzlich einen Raum öffnet: Als ich von dieser CD den Track „Phase Dance“ zum ersten Mal hörte, wusste ich, dass hier etwas anders klingt als in dem (zugegeben wenigen) Jazz, den ich bis dahin kannte. Diese Aufnahme wurde für mich zum Einstieg in die Welt von Pat Metheny – und vielleicht auch zu einem ersten Schlüssel in eine neue musikalische Landschaft. Dies war Jazz, der es rundum gut mit mir meinte.

Infobox

Gruppe: Pat Metheny Group
Albumtitel: Pat Metheny Group
Erscheinungsjahr: 1978
Genre: Jazz

Manchmal beginnt eine musikalische Biografie mit einem kleinen, beinahe beiläufigen Moment. In meinem Fall war es eine Kassette im Jahr 1987, die mir mein damaliger Schlagzeuger in die Hand drückte, verbunden mit der schlichten Bemerkung: „Hör da mal rein.“ Auf dieser Kassette befand sich das Debütalbum der Pat Metheny Group – und darauf ein Stück, das mich bis heute begleitet: „Phase Dance“ (Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=5xwkZUsI5YU&list=RD5xwkZUsI5YU&start_radio=1).

Jahrelang beiläufige Erkennungsmelodie der NDR-Sendung „Der Club“ mit der unverkennbaren Stimme von Michael Naura. Der erste Eindruck beim Hören war erstaunlich klar: ein flirrender, melodisch verspielter Gitarrensound, der zugleich strukturiert und offen wirkt. Schon in den ersten Takten wird deutlich, dass hier eine Band spielt, deren Mitglieder nicht nur nebeneinander musizieren, sondern gemeinsam suchen, gemeinsam finden. Die Arrangements sind rhythmisch durchaus komplex, teilweise sogar verschachtelt, doch sie entfalten sich mit einer Leichtigkeit, die beinahe mühelos erscheint. Dies brachte mich auf den Wahnwitz, Stücke auf der Gitarre nachzuspielen, was mir einiges abverlangte, zum Beispiel Schweißperlen und Stunden sechssaitiger Verzweiflung.

Zugleich markiert dieses Album einen entscheidenden Moment in Methenys Laufbahn. In den Jahren zuvor hatte er als Gitarrist im Ensemble des Vibraphonisten Gary Burton gespielt, der sein Talent früh erkannte und förderte. Burton selbst sah jedoch Ende der siebziger Jahre den Zeitpunkt gekommen, an dem Metheny den nächsten Schritt gehen sollte: eine eigene Band, eine eigene musikalische Vision. Mit dem Debüt der Pat Metheny Group wird genau dieser Schritt hörbar.

Das Ganze hatte etwas von einem Konzeptalbum, wie ich es durchaus von Pink Floyd oder Alan Parsons kannte, bei Metheny aber schlank untergliedert in einzelne Tracks: ein Narrativ aus warmem Sound, aus Unbeschwertheit, aus Fernweh und musikalischer Hingabe. Und alle späteren Kolportagen zur Art und Weise, wie Metheny Musik macht, alle YouTube-Videos, in denen er auf Workshops von sich und seiner Art zu musizieren, zu üben, zu improvisieren erzählte, machten klar, er hatte meinen Nerv getroffen. Ich wusste es nur nicht sofort. Von ihm stammt etwa dieser wunderbare Satz: „Höre dir selbst beim Improvisieren zu und gehe dem nach, was du als Hörer als Nächstes hören möchtest.“

Bereits der Auftakt mit „San Lorenzo“ (Hörprobe: https://www.youtube.com/watch?v=_RrUS2N2MyI&list=RD_RrUS2N2MyI&start_radio=1) öffnet einen weiten Klangraum. Die Musik scheint zu atmen. Dan Gottliebs Schlagzeug bleibt transparent und beweglich, während Mark Egans Fretless-Bass eine warme, singende Grundlage legt. Über diesem Fundament entfaltet Metheny einen Gitarrenton, der zugleich lyrisch und prägnant ist – ein Ton, der sofort wiedererkennbar ist. Entscheidend ist dabei das Zusammenspiel zwischen Metheny und seinem Pianisten Lyle Mays, den ich – shame on me! – viele Jahre als Zentrifugalkraft des Ensembles ignorierte. Mays legt mit Piano und Synthesizerflächen jene harmonische Weite an, die später zum Markenzeichen der Gruppe werden sollte. Die Musik auf dem Album wirkt zugleich strukturiert und schwebend, so als würde sie sich ständig neu ordnen, als hätte jemand dem Jazz plötzlich wieder Luft und Landschaft gegeben.

Gerade darin lag Ende der 1970er Jahre etwas Neues. Während viele Fusion-Produktionen jener Zeit in virtuoser Härte oder technischer Brillanz aufgingen, setzte Metheny auf Melodie, Raum und Klangfarbe. Ich denke hier an Billy Cobham, Stanley Clark, an Miles Davis in seiner, nach meiner Meinung, miesesten Phase. Methenys Musik hingegen wirkt optimistisch, fast unbeschwert und unverschämt farbenfroh. Da tritt ein junger Typ im quergestreiften Pullover auf und verausgabt uns mit seiner Leichtigkeit.

Auffällig ist der Gitarrenton selbst. Der Klang ist klar, warm und singend, (noch) frei vom späteren, teils experimentellen, ja elefantösen Gitarren-Synthesizersound, ohne die spätere perfektionierte ECM-Klangästhetik. Noch heute wirkt dieses Album erstaunlich frisch. Es ist ein gemeinsames Atmen einer erstaunlichen Band.