Soziale Normen und Konventionen
… und welche Folgen es hat, wenn sie keine Gültigkeit mehr haben

Weltweit geht es abwärts mit demokratischen Strukturen und völlig minderbegabte und bürgerferne Politiker zersetzen soziale Normen und gesellschaftliche oder völkerrechtliche Konventionen. Das hat zum Teil schlimme Folgen, birgt aber auch jede Menge kreatives Widerstandspotential.

Soziale Normen

In unser Alltagskommunikation und unseren sozialen Interaktionen gibt es eine Reihe von Annahmen oder Vorstellungen, wie sich Menschen in bestimmten Situationen verhalten oder miteinander umgehen (sollten). Man könnte auch von ungeschriebenen Gesetzen sprechen und „ungeschrieben“ bedeutet, dass es kein Regelwerk gibt, in dem solche Interaktionsabläufe festgelegt sind, sondern es wird davon ausgegangen, dass jede/r solche Normen berücksichtigt. Allerdings existierte in meiner Kindheit im elterlichen Bücherschrank ein recht altbackenes Buch – „Das 1×1 des guten Tons“, in dem ich gerne herumschmökerte und darüber staunte, was es als Erwachsener alles zu beachten gab. In gewisser Weise handelt es sich bei sozialen Normen auch um Konventionen, worunter man eine Übereinkunft, ein Abkommen oder eine Vereinbarung versteht.

Auch wenn ich nicht unbedingt eine Person bin, die ständig von „Sitte und Anstand“ schwafelt, so muss ich feststellen, dass die Umgangsformen noch nie so miserabel waren. So manches Mal habe ich das Gefühl, die Menschen sind dermaßen mit sich beschäftigt, dass sie keinen Wert mehr auf die Einhaltung von gewissen Selbstverständlichkeiten legen oder diese schlicht und ergreifend nicht mehr auf dem sozialen Navigationsgerät angezeigt bekommen. Grüßen? Fehlanzeige! Sich bedanken, wenn ich mit dem Auto halte und jemanden über die Straße lasse? Lange nicht mehr erlebt! Das Handy weglegen, wenn ich mit jemanden spreche? Eine Seltenheit! Einen freundlichen Gesprächston anschlagen? Wofür soll das gut sein? Auch wenn es für mich selbst zum guten Ton gehört, kann ich inzwischen nicht mehr erwarten, dass mein/e Interaktionspartner*in genauso denkt. Da sich eine Gesellschaft stetig im Wandel befindet, können sich auch Normen, die früher noch als gegeben galten, verändern. In so manchem Fall muss man sagen: leider!

Die Nichteinhaltung erwarteter Umgangsformen beinhaltet möglicherweise ersten Zündstoff. Verhält sich mein Gegenüber unhöflich, überheblich oder aggressiv, breche ich entweder die Konversation ab oder begegne ihm oder ihr mit ähnlicher Aggression. Für die aktuelle Kommunikation ist das nicht sonderlich befriedigend, eine horizontale Begegnung wäre förderlicher.

Das Märchen vom gesunden Menschenverstand

Oft ist in solchen Situationen davon die Rede, dass ja schon der gesunde Menschenverstand gewisse Standards gebietet.

Gesunder Menschenverstand (Foto Arnold Illhardt)
Gesunder Menschenverstand (Foto Arnold Illhardt)

Auch im politischen Diskurs gibt es zahlreiche Politiker, die auf den „gesunden Menschenverstand“ verweisen, sich dabei allerdings in hohlen Phrasen verlieren. Was ist mit dem vermeintlich gesunden Menschenverstand gemeint?

„Im Wesentlichen bezieht er sich auf die Fähigkeit einer Person, vernünftige, rationale und pragmatische Schlussfolgerungen zu ziehen. Mit gesundem Menschenverstand trifft eine Person Entscheidungen, die auf alltäglicher Erfahrung und logischem Denken beruhen. Sie betrachtet die Dinge auf einfache und verständliche Weise und entscheidet nach allgemein akzeptierten und intuitiven Prinzipien (P&K).“

Leider verbirgt sich hinter dem Gebrauch dieses Ausdrucks auch eine gewisse Überheblichkeit, so als hätte man selbst das Wissen gepachtet und verfüge über die reine Wahrheit. Dabei wird ein „das-sagt-doch-schon-der-gesunde-Menschenverstand“ gerne auch als Konkurrenzdenken zu wissenschaftlich fundierter Expertenmeinung gesetzt, wie man vor allem oft in Kreisen von Verschwörungsanhängern findet. In den „asozialen“ Medien wimmelt es nur so von Kommentaren, die den gesunden Menschenverstand feiern. Folgt man den Leuten, die damit agieren, auf ihren eigenen Accounts, muss man häufig eine totale soziale Inkompetenz feststellen. Da ist nicht viel mit „gesund“ und „Verstand“.

Konvention im Großen

Verlässt man den privaten Bereich der Kommunikation im Sinne einer Begegnung oder eines Gesprächs, so gelangt man zu den Konventionen zwischen größeren (Arbeits-) Gruppen, Gemeinschaften, Staaten oder gar der ganzen Menschheit. Da dies, wie wir gesehen haben und täglich selbst erfahren, schon im Kleinen immer schlechter funktioniert, macht es durchaus Sinn, „im Großen“ bestimmte Übereinkünfte festzulegen. Hier ein paar Beispiele von geläufigen Konventionen:

  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. …
  • UN-Kinderrechtskonvention. …
  • UN-Behindertenrechtskonvention. …
  • UN-Frauenrechtskonvention. …
  • UN-Rassendiskriminierungskonvention. …
Abmachung (Quelle Pixabay - geralt-hands-3348987_1920)
Abmachung (Quelle Pixabay – geralt-hands-3348987_1920)

Solche Konventionen kommen durch dafür bestimmte Instanzen oder Institutionen (z.B. Vereinte Nationen) zustande, die durch dafür eigens bestimmte Personen oder Gruppierungen festgelegt werden. Ob sie auch immer die dafür notwendige Eignung besitzen, steht auf einem anderen Blatt. Interessant an der Sache erscheint mir, dass hier der gesunde Menschenverstand offenbar an seine Grenzen stößt, denn wäre das jeweilige Thema allgemeingültig, bräuchte man keine Konventionen. Nehmen wir als Beispiel die UN-Kinderrechtskonvention. Warum gibt es ein solches Abkommen? Dazu eine Erklärung der UNICEF – das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (United Nations Children’s Fund):

„Man könnte glauben, Kinderrechte seien selbstverständlich. Aber dass es diese Rechte überhaupt in einer schriftlich festgelegten Form gibt, dafür haben die Vereinten Nationen (United Nations/UN) gesorgt: 1989 beschlossen die UN-Vertreterinnen und -Vertreter nach zehnjähriger gemeinsamer Arbeit die Kinderrechtskonvention – ein Dokument, das die ganz eigenen Bedürfnisse und Interessen der Kinder betont. Zum Beispiel das Recht auf Freizeit, das Recht auf Bildung oder auch das Recht auf Schutz vor Gewalt. (UNI)“

Es birgt ja eine gewisse Selbstverständlichkeit, dass Kindern keine Gewalt – in welcher Form auch immer – zugefügt wird, doch in meiner fast 30jährigen arbeitsaktiven Zeit als Kinder- und Jugendpsychologe in einer großen Klinik sind mir unzählige Fälle psychischer und/oder körperlichen Kindesmisshandlung untergekommen, die auf der einen Seite die Notwendigkeit einer Konvention unterstreichen, auf der anderen Seite aber auch dokumentieren, dass trotz der Existenz von Vereinbarungen diese deswegen nicht automatisch greifen. Zudem muss man auch nicht glauben, dass Behörden, die ja eigentlich zwischengeschaltete Instanzen darstellen, bei der Überprüfung in Verdachtsfällen einer Kindesmisshandlung immer hilfreich waren! Also alles für die Katz? Eine andere Stelle in obigem Zitat lässt mich obendrein verzweifeln: Wie kann es sein, dass man 10 Jahre für eine solche Übereinkunft brauchte? Ist der Mensch zu dumm, die Kulturen zu verschieden oder mahlen einfach die Behördenmühlen mal wieder zu langsam? By the way: Deutschland – ein vermeintlich sozial hoch entwickeltes Land – trat dem Abkommen erst drei Jahre später bei.

Militärische Konvention

Kriegführung, so ist mein Eindruck, scheint eine Art Passion von persönlichkeitsgestörten Autokraten zu sein. Anders kann man nicht verstehen, wie eine Person derartig entsetzliche Grausamkeit verantworten kann. Der Mensch spielt dabei keine Rolle, sondern lediglich die Ausweitung ihrer Macht und damit ihrer Anerkennung als starker Führer. Wobei sich mir nie erschließt, wie man derartig entgleisten Oberhäuptern und ihren desaströsen, menschenverachtenden Handlungen Anerkennung zollen kann. Um diesem Ausbund an Idiotie zumindest ideell einen Riegel vorzuschieben, wurden zahlreiche Rüstungskontroll- und Abrüstungskonventionen geschaffen.

Der Journalist Andreas Zumach fasst zusammen:

„Seit Ende der 1950er Jahre wurden weltweit 31 Abkommen zur Rüstungskontrolle und Abrüstung abgeschlossen. In diesen Abkommen verpflichteten sich die Vertragsstaaten entweder zumindest auf zahlenmäßige Obergrenzen für bestimmte Waffen- und Munitionskategorien oder darüber hinaus auf den Abbau dieser militärischen Arsenale bis hin zu ihrer vollständigen Verschrottung. In einigen Fällen wurde auch das umfassende Verbot vereinbart, bestimmte Waffen und Munitionen künftig einzusetzen, zu entwickeln, zu besitzen, auf den eigenen Territorien zu stationieren oder sie an andere Staaten weiterzugeben. (AZU)“

Leider gereichen manche Abkommen zur Farce, da sich beispielsweise faschistische Führer nicht an diese Regeln halten. Da gibt es von einigen Seiten böse Worte, aber natürlich geht niemand mit diesen Kanaillen hart ins Gericht. Sie scheinen trotz schwerster Verbrechen beschuldigt nicht belangbar. Und trotzdem machen solche Interventionen Sinn, denn es wäre nicht auszumalen, wie eine Welt ohne Vereinbarungen noch mehr aus dem Ruder laufen würde. Doch wie reagieren die Menschen, die solchen Einzeltätern und ihren Speichelleckern ausgeliefert sind, auf die Missachtung von Konventionen?

Wie Konventionen den Bach runter gehen …

Mit Blick in die unterschiedlichen Länder, vor allem diejenigen, die autoritär geführt werden, erlebt man aktuell, wie wenig Konventionen beachtet, ja sogar mit Füßen getreten werden. Vor allem seit der Präsidentschaft von Donald Trump erfährt man fast täglich, wie ein sich hochnotpeinlich aufführender Narzisst und Faschist sich über alles hinwegsetzt, was ihm nicht in den Kram passt. Und zunehmend entsteht der Verdacht, dass es ihm an Verständnis und Intelligenz mangelt, um wirklich die einfachsten Übereinkommen einzuhalten. Trump ist nur ein Beispiel von vielen durchgeknallten Diktatoren. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty schreibt dazu:

«Die ersten hundert Tage seiner zweiten Amtszeit waren von Grausamkeit und Chaos geprägt und haben einen Menschenrechtsnotstand geschaffen, der Millionen von Menschen betrifft. Abweichende Meinungen werden unterdrückt, die Rechtsstaatlichkeit untergraben und Normen und Institutionen ausgehöhlt, die für den Schutz der Menschenrechte wesentlich sind», sagte Paul O’Brien, Geschäftsführer von Amnesty International USA. « Die Trump-Administration wendet Taktiken an, die wir von autokratischen Herrschern kennen, um Kritiker*innen zum Schweigen zu bringen und zu bestrafen.  Die Regierung geht gegen Menschen und Institutionen in den USA und darüber hinaus vor, um ihre eigene Macht zu festigen und eine menschenrechtsfeindliche Agenda zu fördern. (AMN)“

Es treibt mir regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht, wenn ich beobachte, wie in Amerika selbst, aber auch weltweit dem Präsidenten gehuldigt wird. Obschon über seine Verfehlungen inzwischen selbst in konservativen Zeitungen berichtet wird, halten ihm die Getreuen die Stange und loben ihn als starken Mann. Vor allem von der AfD ist man „Fan-Gesang (STERN)“ für Trump gewohnt. Wenn in Amerika Menschenrechte verletzt werden und ich den Verantwortlichen trotzdem über den Klee lobe, bedeutet dies im Umkehrschluss, dass auch eine Partei wie die AfD menschenrechtsfeindlich ist. Es scheint allerdings niemanden und schon gar nicht die Wähler zu interessieren.

Erich Fried - Blick auf die Welt (Foto Arnold Illhardt)
Erich Fried – Blick auf die Welt (Foto Arnold Illhardt)

Doch bleiben wir in Deutschland. Ich persönlich sehe nur noch rudimentäre Unterschiede zwischen der AfD und der CDU. Die berühmte Brandmauer, die eine klare Distanz zu den Nationalfaschisten darstellen soll, bröckelt an allen Ecken und Kanten, da sich die Christdemokraten selbst aufführen, als wollten sie die Demokratie in möglichst kurzer Zeit schreddern. Jahrzehnte habe ich mich für eine möglichst basisorientierte Demokratie und eine Gesellschaft der Vielfalt und Offenheit durch Wahlen, Demonstrationen und das Verfassen kritischer Texte eingesetzt. Doch es scheint, als sei Demokratie nur noch ein Mäntelchen, dass man sich zu dekorativen Zwecken umhängt. Ihren Abbau verfolge ich mit großer Sorge. Dazu eine Passage der Kolumnistin Elena Wolf in KONTEXT:

„Wer heute Rechtsautoritäre und ihre Trabanten wählt, weiß genau, was er oder sie tut. AfD und CDU/CSU werden nicht trotz ihrer arbeiter-, armen-, ausländer-, frauen- und queerfeindlichen Politik gewählt. Sondern wegen.“

Wenn der Bundeskanzler davon spricht, der Sozialstaat sei so nicht mehr finanzierbar, erstaunt das, denn – so Dennis Radtke, der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft – sei die Sozialstaatsquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt seit Jahrzehnten konstant (TAG). Ist das dummer Alarmismus oder eine Ablenkung davon, dass man doch lieber in totes Material investiert, wie z.B. in den Rüstungsetat, was ja im doppelten Sinn „tot“ ist: Er ist tot und macht tot.

Außerdem hat es einen mehr als unangenehmen Beigeschmack, wenn in Berlin im Rahmen der „jährlichen Anpassung“ den Abgeordneten des Deutschen Bundestags am 1. Juli 2026 eine Diätenerhöhung von 4.2% auf 12.330 Euro (ein Plus von fast 497) ins Haus steht (MER). „Beigeschmack“ ist sehr geschönt. Ein Großteil der Deutschen wird einen solchen Beschluss mit Recht als unpassend, unsozial und egoistisch brandmarken. Ein Bürger/eine Bürgerin, der oder die so gerade eben finanziell über die Runden kommt, wird einem solchen Selbstbedienungsgebaren wenig abgewinnen können. Und warum soll ich mein bislang gelebtes soziales Verständnis weiter aufrechterhalten, wenn sich „die da oben“ ebenfalls nicht an die Übereinkunft des Einsparens halten?

… und wozu das führt.

In einem Artikel im „Freitag“ wurde der Klimaaktivist Tadzio Müller zitiert, der für diese Zeit den Ausdruck „Arschlochozän“ erfunden hat. Bingo! Passender geht es kaum. Ich denke, dass sich dieser Begriff nicht nur auf die Klimaprobleme anwenden lässt, sondern auch auf die politische Lage u.a. in Deutschland allgemein. Ich persönlich finde sie zum Kotzen, um mich ebenfalls vulgärverbal zu artikulieren. Und damit wäre ich auch schon bei meinem eigentlichen Anliegen, diesen Text zu schreiben. Auch wenn es hier im Lande Millionen von Bürger und Bürgerinnen gibt, denen politische Inhalte völlig egal sind, die aber Wert auf konservative oder gar autoritäre Führungsstrukturen legen (warum wählt man sonst einen Langeweiler und Problemverwalter wie Merz?), so gibt es glücklicherweise ebenfalls Millionen, die sich eine freie und offene Gesellschaft wünschen.

„Was zeichnet eine Freie Gesellschaft aus? Ein friedliches Zusammenleben individueller Menschen, die allein und in Gemeinschaften auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein können. Geistige Unabhängigkeit gegenüber herrschenden Denkweisen und Ansichten gehört dazu genauso wie ein inhärentes (innewohnendes) Streben nach mehr Lebensqualität, geleitet von unsichtbaren Händen. Eine Freie Gesellschaft ist das unbeabsichtigte Resultat vieler Bemühungen um eine Verbesserung des individuellen Lebens. … In der Gesellschaft übernehmen Konventionen und Recht, das von Gesetzgebung zu unterscheiden ist, eine vergleichbare Funktion bei Konflikten (FFG).“

Veränderung (Foto Arnold Illhardt)
Veränderung (Foto Arnold Illhardt)

Doch was passiert, wenn die Bürger und Bürgerinnen mitbekommen, dass sich die Politiker an Inhalte oder Konventionen nicht mehr halten? Mir fällt dazu ein Beispiel aus einem ganz anderen Bereich ein. Bei einer Diskussion mit Jugendlichen im Rahmen meiner psychotherapeutischen Tätigkeit im Krankenhaus ging es um das Thema Mobbing und Ausgrenzung. Wir kamen auf mediale Vorbilder zu sprechen und TeilnehmerInnen beschrieben, dass z.B. bei der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ regelmäßig Leute „gedisst“ werden. Da dieses Public Mobbing, wie ich es gerne nenne, einen großen Zuspruch durch die Zuschauer erfährt, bekommt das Schikanieren einen sozial akzeptierten Charakter, so die Jugendlichen. Überträgt man diese Aussage auf den gesellschaftspolitischen Bereich, so sind die Auswirkungen ähnlich: Halten sich Politiker nicht an bislang feststehende Absprachen, Übereinkünfte oder Konventionen, muss ich das selbst auch nicht.

Folge No.1: Verfall der Sitten

Es wird oft über einen Verfall der Sitten geklagt. Übrigens passiert das, so lange ich mit meinen 66 Jahren politisch denken kann. Man muss sich hier ernsthaft die Frage stellen, inwieweit Politiker*Innen, die lügen, vertuschen, sich nicht an Abmachungen halten, bislang gängige Praktiken ausschalten, sich vom Volk abwenden (für das sie ja eigentlich zuständig sind) oder sich mehr um die deutsche Bourgeoisie kümmern, als um die Arbeiterschaft oder die Menschen, die durch den Kapitalismus abgehängt wurden, nicht an einem solchen Sittenverfall in großem Maße beteiligt sind. Hier beginnt der Verfall am Kopf und nicht an den Füßen.

Folge No.2: Parteiverdrossenheit

Mutiert die politische Oberklasse zu einem Lumpenpack, das in die eigenen Taschen wirtschaftet und mit den Reichsten und Einflussreichen rumkungelt, muss man sich nicht wundern, wenn das wählende Volk parteiverdrossen wird. Wobei ich darauf hinweisen möchte, dass Parteiverdrossenheit nicht mit Politikverdrossenheit gleichzusetzen ist. Nehmen wir einmal die Wahlbeteiligung bei den aktuellen Landtagswahlen 2026 in Rheinland-Pfalz und in Hessen (HES), so liegt die bei 68,5% bzw. 54,3%. Das bedeutet: 31,5% bzw. 45,7% haben nicht gewählt. In Gesprächen schnappe ich oft den Satz auf: „Die machen doch eh, was sie wollen und interessieren sich nicht für uns.“ Vielleicht sollte man vielmehr die Volksverdrossenheit der „Politniks“ anklagen, anstatt den Fehler beim Volk selbst zu suchen. Man kennt das Problem im familiären Bereich: Wünschen die Eltern bei ihrem Kind ein Verhalten, was sie aber selbst nicht einhalten, müssen sie sich nicht wundern, wenn der Nachwuchs es ihnen gleichtut.

Folge No. 3: Die Mitte bröckelt

Wen hast du gewählt (Foto Arnold Illhardt)
Wen hast du gewählt (Foto Arnold Illhardt)

Ein Familienmitglied pflegt gerne zu sagen, dass es politisch und auch sonst in der Mitte am besten sei. Die Tendenz zur Mitte, wie ich mal in einem Artikel (https://querzeit.org/gesellschaft/politische-mitte) hier auf Querzeit geschrieben habe, ist in der Regel mit der Bequemlichkeit verbunden, klare Position zu beziehen. Und die wäre bei der jetzigen desaströsen Weltlage mehr als notwendig. Allerdings ist die Mitte sehr fragil und BürgerInnen, die bislang im CDU-/FDP-/SPD-Bereich herumdümpelten, fühlen sich hier nicht mehr abgeholt und vor allem für solche Menschen eines Volkes droht schnell die Gefahr, in rechtsdrehende Fahrwasser abzugleiten. Leute, die dort bereits angekommen sind, wollen keine Konventionen: Sie wollen eine stramme Ordnung, was etwas anderes ist. Leider übersehen sie oft, dass sie ihre Freiheit zugunsten einer autoritativen Führung aufgeben. Viele AfD-Wähler kapieren nicht, dass ihre Ausrichtung dem gegen-den-Wind-Pinkeln gleichkommt: Man bekommt schlussendlich das ab, was man gar nicht wollte, so wie es viele Aussteiger immer wieder betonen.

Folge No. 4: Angst und Ohnmacht

Ebenfalls in meinen unzähligen Gesprächen mit Jugendlichen im Rahmen meiner psychotherapeutischen Tätigkeit, aber auch in Alltagsgesprächen und der intensiven Zeitungslektüre bekomme ich oft mit, wie sehr es Menschen psychisch belastet, wenn sie in politischen Entscheidungen keinen Halt mehr finden. Jede/r Politiker*in sollte daran gemessen werden, wie er oder sie auf die Menschen zugeht, die klare Aussagen und Regelungen, aber auch Unterstützung brauchen. Konventionen sind auch dafür da, um eine Gewissheit zu haben und angstfrei leben zu können. So habe ich Jugendliche erlebt, die mit Panikattacken, Depression und Rückzug auf die nationale und internationale Weltlage reagieren. Leider hat dies auch eine andere Seite. So wie es auch religiöse Tendenzen gibt, die Angst der Menschen auszunutzen, so bauen auch Politiker darauf, diese Gefühle für sich bzw. ihre Partei zu instrumentalisieren. Dabei geht es ihnen NIE um Hilfe, sondern lediglich um einen Machtgewinn.

Folge No. 5: Die Demokratie geht baden

Nur noch mal zur Erinnerung: Demokratie …

„…kommt aus dem Griechischen und bedeutet die „Herrschaft des Volkes“, und das Volk sind alle Bürger*innen, die im Land leben. In einer Demokratie gibt es freie Wahlen und eine so genannte Gewaltenteilung, wodurch die Staatsgewalt, also die Staatsmacht, auf drei Bereiche aufgeteilt wird (UN2).“

Eigentlich ist die Demokratie ein gutes System, wobei für mich gar nicht genug Basisdemokratie im Spiel sein kann. Aber warum finden es mittlerweile so viele Menschen – zumeist völlig unüberlegt – gut, wenn die Demokratie abgeschafft wird?

Marina Nord von der Universität Göteborg erklärt es so:

„Die Menschen sind desillusioniert mit der Demokratie – und dann fängt man an, populistische, rechtsextreme Parteien zu wählen, die behaupten, die Lösung zu haben. Sobald sie an der Macht sind, wird die Demokratie von innen zerstört (ZDF).“

Desillusioniert sind die Menschen zumeist deswegen, weil sie nicht das Gefühl haben, dass die Demokratie von der Führungsriege gepflegt wird, sondern dass schleichende Prozesse diese Staatsform sukzessive aushöhlen. Und wie ich bereits im Vorfeld schrieb, ist auch die Demokratie eine Konvention. Allerorts lässt sich eklatantes Misstrauen gegen den Parteistaat entdecken und die Menschen haben sich immer mehr vom politischen System entfremdet. Ich finde z.B., dass wir nur noch zum Teil in einer Demokratie leben, da sie inzwischen längst zu einer Lobbykratie geworden ist, in der das Kapital tonangebend ist. Und wenn demokratische Parteien anfangen, wichtige Positionen einzuschränken oder abzuschaffen, ist der Schritt zum Faschismus nicht mehr weit.

Ebenfalls Marina Nord:

„>>Es startet normalerweise damit, dass die Freiheit der Medien und die Meinungsfreiheit beschnitten werden.>> Dann folgten Restriktionen für die Zivilgesellschaft, schließlich Einschränkungen der Gewaltenteilung. Schritt für Schritt. (ZDF)“

Folge No. 5: Radikalität

Zivilcourage (Foto Arnold Illhardt)
Zivilcourage (Foto Arnold Illhardt)

Vor allem Mitte-Leute sind schnell mit dem Begriff Radikalität an der Hand und ordnen kritische Personen der linksradikalen Strömung zu, auch wenn deren Denken vor Jahrzehnten noch als normale Contra-Haltung gesehen und eventuell dem SPD-Duktus zugeordnet wurde. Ich hatte neulich noch eine Diskussion auf Instagram, wo ich mir mal wieder nicht verkneifen konnte, auf einen dummbratzigen Kommmentar eines AfD-Anhängers zu antworten. Hier ging es um den Begriff radikal. Es macht manchmal Sinn, ein Wort auf seine Urbedeutung hin zu untersuchen und so drückt radikal zunächst einmal nichts anderes aus, als eine Sache von Grund auf und gründlich anzupacken. Radix bedeutet Wurzel oder Basis. Wenn Personen also Verfehlungen in einem demokratischen System, das ja – wie gesagt – in Deutschland eine Art Konvention darstellt, kritisieren und dabei vehement auf mögliche Abweichungen hinweisen, tituliert man sie als linksradikal. In dem vorher beschriebenen Verweis auf das „An-der-Wurzel-packen“ bin ich unheimlich gerne linksradikal. Das sollte nicht mit linksextrem verwechselt werden, da dies zum Teil mit Gewaltbereitschaft einhergeht, die ich z.B. strikt ablehne. Natürlich gibt es auch die Zuordnung „rechtsradikal“, nur frage ich mich, auf welche Wurzeln man dort hinarbeitet? Es sind auf keinen Fall demokratische. Rechtsradikales Denken ist zumeist nur ein Konglomerat aus Hass, Aggression und der Zurschaustellung der grenzenlosen Überforderung mit politischen Prozessen. Mir ist nicht bekannt, wo diese Wurzeln einen fruchtbaren Boden haben.

Wenn ich als kritischer Zeitgenosse versuche, auch komplexe politische Zusammenhänge zu analysieren (was mir oft nicht gelingt), dann ist es wohl oder übel nicht zu vermeiden, radikal zu werden. Mir sagte mal ein CDU-Abgeordneter in Berlin auf meine Frage, wie man im Bundestag mit den zu dem Zeitpunkt stattfindenden Anti-TTIP-Demonstrationen umgehen würde: „Wir können hier nicht auf alles eingehen, was der Mob dort draußen rumschreit.“ Leider hatte ich nicht die Möglichkeit, dem arroganten Funktionär meine Meinung zu sagen. Sie wäre aber sicherlich „linksradikal“ ausgefallen.

Folge No. 6: Kreativer Widerstand

Das aktuelle politische System treibt mich fast täglich zur Verzweiflung, doch es macht mich nicht ohnmächtig. Das hättet IHR wohl gerne?! Ich habe schon früh den Satz beherzigt: Wenn dir ein System nicht gefällt, dann schaffe dir ein eigenes. Und so gibt es unzählige Möglichkeiten, allein oder im Zusammenschluss mit Gleichdenkenden, offen oder verdeckt, kreative Möglichkeiten des Widerstands zu ersinnen und für eine freie Gesellschaft zu kämpfen, in der der Mensch und die Natur ohne Wenn und Aber im Fokus stehen. Dieses armselige Gehaspel der Berliner Funktionäre besitzt nur einen einzigen Effekt: Den Fremdschämeffekt! Machen wir uns nichts vor: Ohne die sogenannte Nichtregierungsorganisationen wäre das Modell Demokratie schon längst vor die Wand gefahren worden. Allerdings sind parteiunabhängige Initiativen der aktuellen Regierung ein Dorn im Auge. So wurden dem Förderprogramm „Demokratie leben“ bzw. bestimmten Gruppierungen in diesem Programm die Mittel gestrichen oder gekürzt. Die Projekte wollen die Demokratie stärken, indem sie sich für ein vielfältiges und demokratisches Miteinander einsetzen (VOR). Also: Gelebte Demokratie. Der „Projektschreddererin“ Karin Priem, (natürlich!) CDU-Familienministerin, erreichen die Aktionen zu wenig die Mitte der Gesellschaft und verfehlen deshalb ihr Ziel. So ihre Begründung. Auch wenn eine Finanzierung wichtig ist, so sollte man sich durch solche Antidemokraten wie Merz, Söder, Priem & Co. nicht aus der Bahn werfen lassen. Jetzt ist kreativer Widerstand gefragt.

Fazit

Die oben beschriebenen Folgen sind sicherlich nicht zu Ende gedacht und geben somit nur einen ersten Eindruck wieder. Leider gibt kein deutliches Fazit, vielmehr sind jede Menge Anstrengungen gefragt, um persönlich politisch einzugreifen. Und dazu sind nicht immer Parteien notwendig. Aktuell ist es eine traurige Unart der rechtskonservativen CDU/CSU, Nichtregierungsorganisationen (NRO) oder Non-governmental organization (NGO) die Mittel zu kürzen oder sie gar zu kriminalisieren. Zur Erinnerung eine – wenn auch unscharfe – Definition der Weltbank. Danach sind NRO´s oder NGO´s …

„…private Organisationen, die durch ihre Aktivitäten versuchen, Leid zu mindern, die Interessen der Armen in der Öffentlichkeit zu vertreten, die Umwelt zu schützen, grundlegende soziale Dienste zu leisten oder Aktionen für Entwicklungsvorhaben zu initiieren. Diese Begriffsbestimmung wurde bewusst unscharf gewählt, da sich NROs aller denkbaren Aufgaben annehmen können (WIK).“

Aktuell unterstützen wir z.B. die Tierrechtorganisation ANINOVA. Die Aktivisten machen u.a. verdeckte Filmaufnahmen in Schlachtereien und Massentierhaltungen. Die Ergebnisse sind erschreckend und in ihrem Ausmaß kaum zu ertragen. Eigentlich wären Veterinärbehörden für die Überwachung des Tierwohls (so weit man von Tierwohl in Schlachtereien sprechen kann) zuständig, doch scheint man hier auf ein konsequentes Vorgehen wenig bis keinen Wert zu legen. Gerne würde ich selbst durch radikales Vorgehen dem Wahnsinn etwas entgegensetzen, doch ist es mir aufgrund gesundheitlicher Probleme kaum mehr möglich, in Ställe einzusteigen. Ein Fazit ist somit, gescheite Organisationen finanziell zu unterstützen, anstatt sein Geld in Bullshit zu investieren.

Einigen Gruppierungen hat das Finanzamt den Status als gemeinnützige Organisation entzogen, womit Spenden nicht mehr steuerlich absetzbar sind (so geschehen bei Campact e.V.). Für mich wäre das gerade ein Grund, die Organisation zu unterstützen, denn ich spende ja nicht fürs Finanzamt, sondern für die Verbesserung der demokratischen Zustände in Deutschland, wozu die selbstverliebten Parteien nicht in der Lage sind. Würden die Politiker ihre Arbeit im Sinne von Konventionen machen, wären Initiativen nicht notwendig.

Doch warum in die Ferne schweifen, wenn der Widerstand so nahe liegt. In der Vergangenheit habe ich zahlreiche Briefe/Emails an Parteien oder politische Personen geschickt, die natürlich unbeantwortet blieben. Meine Publikationen hier auf Querzeit, aber auch über mein schriftstellerisches Wirken will ich meinen Finger in Wunden legen und Sand ins Getriebe streuen. Darüber hinaus gibt es zahlreiche verdeckte Aktionen von uns im öffentlichen Raum, mit denen wir auf Missstände hinweisen. Weitere Möglichkeiten sind Flyer und selbstproduzierte Flugzeitungen, mit denen man Missstände aufdecken kann. Auf unserem Postkasten klebt ein professionelles Schild mit der Aufschrift „Botschaft von Utopia“. Immer wieder werden wir auf den Sinn angesprochen und schon sind wir im Gespräch über einen gesellschaftlichen Zustand, der den Menschen wieder ins Zentrum rückt und nicht das Kapital. An der Nebentür unseres Hauses existiert seit vielen Jahren ein alter Schaukasten, wie er früher vor Kneipen hing. Dort veröffentlichen wir regelmäßige Textinstallationen im Sinne der früheren Wandzeitung: Lesen und Nachdenken beim Verweilen. Täglich stehen dort Menschen und lesen Texte, die so nicht in der Zeitung zu finden sind. Manche Leser*innen sind erbost, manche irritiert, aber viele stimmen zu und nehmen die Anregungen mit nach Hause. Zweck erfüllt.

Auf den italienischen Theaterautor und Regisseur Dario Fo geht folgender Satz zurück:

„Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott.“

Meine Frau ist  mit Erfolg (leider) dafür zuständig, meine politischen Aggressionen zu bändigen, den Rest versuche ich mit buddhistischem Lächeln zu begegnen und dem Frust mit kreativem Widerstand und humoristischen bis bissigen Texten auf Instagram & Co. zu begegnen. Und man soll´s nicht glauben: Widerstand macht enorm Spaß.

Quellen

(AMN) https://www.amnesty.ch/de/laender/amerikas/usa/dok/2025/100-tage-praesident-trump

(AZU) Andreas Zumach, auf: https://bruchstuecke.info/2026/04/02/erosion-der-internationalen-ruestungskontroll-und-abruestungsarchitektur-ein-ueberblick/

(FFG) https://forum-freie-gesellschaft.de/ffg/

(HES) https://www.hessenschau.de/politik/kommunalwahlen/vorlaeufiges-landesergebnis-der-kommunalwahl-sieht-cdu-vor-spd-und-afd-v6,vorlaeufiges-ergebnis-kom-hessen-100.html

(MER) https://www.merkur.de/politik/diaetenerhoehung-im-bundestag-abgeordnete-knacken-erstmals-12-000-euro-marke-zr-94190276.html#google_vignette

(P&K) https://www.politik-kommunikation.de/politik/der-gesunde-menschenverstand/

(RLP) https://rlp-ltw26.wahlen.23degrees.eu/wk/0000000000000/overview

(TAG) https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/union-buergergeld-reformen-kritik-100.html

(UNI) https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/unicef-einfach-erklaert

(UN2) https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/blog/-/was-ist-demokratie-einfach-erklaert/389706

(VOR) https://vorwaerts.de/inland/umstrittene-kuerzungen-bei-demokratie-leben-darum-geht-es

(WIK) https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtregierungsorganisation

(ZDF) https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/demokratie-krise-rueckzug-report-varieties-of-democracy-100.html