Was uns zu denken gibt: Warum wird eines der Geschlechter, die Frau, immer wieder zu einem Objekt, und vor allem zu einem Objekt der Gewalt gemacht? Und sind nicht genau diese Männer schuld, wenn die Gewalt auf die ganze Gesellschaft überschwappt? Werden Frauen und Männer auseinanderdividiert?
Zunächst mein Grund für die Wahl des Themas. Ich bin entsetzt über die wahnsinnige Ausbeutung der Frauen. Nicht nur, weil sie mir zu wichtig sind, sondern vor allem, weil sie als Menschen oft total instrumentalisiert werden. Ein Problem ist, dass man auch mit Diversität der Geschlechter rechnen muss. Wahrscheinlich gibt es darüber wenig Erfahrung. Manchmal ist bemerkenswert, dass Diversität den Krieg der Geschlechter besiegt. Jedoch gibt es dazu wenig Erfahrungen.
Zwei Klarstellungen fallen mir besonders auf:
Erstens der CSD (Christophers Street Day). Mir gefällt das Symbol des Buntseins nicht. Es geht doch um Autonomie und die offene Gesellschaft, gewaltfreie Beziehung sollte unser Prinzip werden, nicht das „Jeder darf, was er will“ das berühmte Laissez-faire. Für Autonomie sowie offene Gesellschaft und nicht für Karneval müssen wir uns einsetzen. Sonst müssten wir Schwerbehinderten im Rollstuhl sitzen und mit den Holzbeinen wedeln. Das wäre dann statt CSD der DSD (Disabled Street Day). Würde das was bringen? Barrierefreiheit oder doch Angst?
Zweitens das sogenannte Manifest der Grünen. In Berlin haben sich die früheren und aktuellen Parteivorsitzenden für ein neues Männerbild eingesetzt, also für Gleichheit der Geschlechter und Gewaltlosigkeit der Männer. Gut so. Aber ist das die Aufgabe der Politik? Würde dann nicht mit Recht die CSU für ein Lederhosen-Männerbild plädieren?
- Die Ohnmacht der Frauen

Die hier angeführten Daten sind alle bekannt. Ich möchte nur einmal daran erinnern. Vor allem die Partnerschaft ist kaputt. Nicht die Geschlechter an sich sind psychisch krank, sonst würden ja auch Frauen ihre Männer ermorden bzw. missbrauchen. Wie kommt es zu diesem Missverhältnis?
- Frauen als Tötungsopfer
In Deutschland wurden 2024 laut Bundeskriminalamt 132 Frauen von ihrem (Ex)-Partner (ca. 60 %) ermordet; insgesamt fielen im selben Jahr 299 Frauen vollendeten Tötungsdelikten zum Opfer. (Übriges, alle 10 Minuten wird eine Frau misshandelt. Dazu später.)
- Epstein und das Vergewaltigungsnetzwerk
Jeffrey Epstein war eine Zeitlang in die Gazetten geraten, weil wichtige politische Figuren als Freunde Epsteins und damit als Vergewaltiger verdächtigt wurden. Und das war’s? Aber erstens gibt es zu denken, dass ein riesiges Netzwerk aufgebaut wurde bzw. werden konnte, das von Amerika bis Europa reichte. Und zweitens, dass Menschen ohne ihre Zustimmung Opfer der Vergewaltigung wurden. Das einzige (zumindest bisher bekannte) männliche Opfer war der Suizid Epsteins.
- „Die Scham muss die Seite wechseln“
Dieser Satz stammt von der Französin Gisèle Pelicot im Gerichtsprozess gegen ihren Mann, der sie über Jahre hinweg betäubt und von Dutzenden fremden Männern vergewaltigen ließ. Der mir bekannte erste Fall war Prozess um einen 62-jährigen Mann, der angeklagt wurde, seine Ehefrau an mehr als 120 Männer für Sex verkauft und sie abhängig gemacht zu haben, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Die Staatsanwaltschaft forderte eine langjährige Haftstrafe wegen schwerer Zuhälterei und Vergewaltigung. Immer öfter wird bekannt, dass Männer ihre Partnerinnen betäubten, um sie anderen Männern für sexuelle Spielereien anzubieten. Sex mit Betäubten muss man erst einmal schön finden. Schämen muss sich nicht die verkaufte Frau, sondern der Mann, der seine Frau verkaufte – Fälle für die absolute Gewalt über die Frau?
- Die mit KI erzeugten Nacktbilder
KI macht möglich, was manche Männer cool (oder sagt man heute: geyl?) finden. Man(n) fotographiert seine Partnerin und macht die normal bekleidete Frau zu einem Nacktmodell. Was passiert mit diesen Bildern? Kundschaft? Wusste die Frau davon? Das Schlimme daran ist, was aus der Frau und dem Mann gemacht wird. Ein weiterer Beleg für den Krieg der Geschlechter.
- Auf der Suche nach dem (weiblichen) ICH

Suchen wir das wirklich? Es gibt natürlich körperliche Merkmale, z.B. die Brüste, die aber sicher nicht die Frau zur Frau machen. Es gab z.B. Jeffrey Epstein, der genau wusste, wie er Frauen „vermarkten“ konnte. Aber es gab nicht ein vergleichbares weibliches Pendent, sozusagen eine Mrs. Epstein, die wusste … Oder Männer, die von ihren (Ex-) Partnerinnen angegriffen oder getötet werden. Was also ist das ICH der Frau?
M.E. gibt es keins. Dass Frauen mehr an Sorge (Care) als Männer denken, gibt es sicher, aber ist nicht typisch, aktuell scheint es – zumindest statistisch gesehen (woran ich jedoch zweifele) – zu schwinden. Care bleibt m.E., jedoch in anderer Perspektive, gewiss nicht in der Art, wie viele Männer das Frauen-ICH sehen.
Mir fallen dazu zwei Romane ein: 1) der Roman „Malina“ von Ingeborg Bachmann und 2) der Roman „das goldene Notizbuch“ von Doris Lessing.
Im ersten und einzigen Roman von Bachmann (1971) geht es um die weibliche Rolle im Zusammenleben von Frau und Mann. Ihr Roman ist sehr schwer zu begreifen, aber er hat mich und viele andere ungeheuer fasziniert. Ich las ihn in der 39. Auflage. Bachmann dachte über das ICH einer Frau nach, sie liebte Männer, etwa Paul Celan oder Max Frisch, mit denen sie länger zusammenlebte, auch wenn sie Männer für unheilbar krank, aber liebenswert hielt.
In ihrem Roman „Malina“, beschreibt sie zwei typische Versionen eines ICH, komischerweise männliche Typen, Malina und Ivan. Bachmann lebte oft in Wien (und „gute“ Wiener kamen damals aus der Tschechei). Malina spricht man darum als Maliná aus. Dann erkennt man darin das männliche ICH. Der ist der rationale und praktische, Termine einhaltende, und Ivan ist der liebenswerte, der mit ihr raucht, schläft, Ausflüge macht usw. Leider geht diese Seite der Ich-Erzählerin (das war wohl Bachmann selber) in die Brüche, und sie wurde nicht mehr existent, verzog sich als körperloses Wesen in eine Mauerritze und schreibt am Schluss: „Es war Mord“. Ermordung des weiblichen ICHs?
Als Bachmann, eine hübsche Frau, sich von Max Frisch trennte – in Malina klingt das noch ein wenig nach -, dann wohl deswegen, weil die Beziehung, die Kommunikation, beiderseitige Freiheit und Gegenseitigkeit nicht funktionierten. Ich erinnere mich an den Philosophen Maurice Merleau-Ponty, der Beziehung als etwas beschrieb, das Sehen und Gesehen-werden, Lieben und Geliebt-werden, Achten und Geachtet-werden etc. bedeutet. Ich habe nirgends in diesem Roman wirkliche Gegenseitigkeit wahrgenommen. Führte das zu diesem Mord des weiblichen ICHs?
Und nun zum „goldenen Notizbuch von Doris Lessing (Nobelpreis von 2007). Ein deutscher Name, sie lebte in Londin, ihr zweiter Mann war ein Deutscher namens Lessing. Sie trennte ihr Leben in vier Notizbücher (1. ihre Männer und ihr Kind, 2. ihren Beruf in der Kommunistischen Partei, 3. ihre Ideen und 4. ihr Tagebuch). Das Einzige, was für ihr Leben fehlt, war das „goldene“ Notizbuch, also ihr ICH, in dem nichts auseinanderfällt.
Es gibt einen Teil in ihrem Buch mit der Überschrift „Free Women“, was sie zur Feministin abstempelte. Aber es geht ihr nicht speziell um Frauen, sondern um alle Menschen, die ihr Leben auf ihr Geschlecht reduzieren. Nach diesem Buch wollten viele Studenten ihre Diplom- oder Dr.-Arbeit schreiben, aber ihr ging es nicht um Literaturwissenschaft, sondern um Erfahrung. Um die Erfahrung einer Frau oder eines Mannes, sich nicht als Objekt zu begreifen bzw. andere zum Objekt zu machen, sondern ein ICH zu sein.
Lieber Student, (…) warum liest Du dann nicht, was ich geschrieben habe, und wirst Dir klar über das, was Du denkst, und prüfst es anhand Deiner eigenen Erfahrung“.
- Krieg der Beziehungen und die Beziehungstypen
Frauen und Männer leben leider allzu oft in einem Kriegszustand, wohl weil sie sich an verschiedenen Mustern orientieren. Ich beziehe ich mich auf den britischen Kinderarzt und Psychoanalytiker John Bowlby, der mir aufzeigte, wie Frauen und Männer sehr verschiedene Bindungstypen entwickeln. Er beschrieb folgende 4 Typologien:
(Form 1) Sichere Bindung (Secure)
Menschen vertrauen darauf, dass Bezugspersonen verfügbar und unterstützend sind.
Sie haben meist stabile und vertrauensvolle Beziehungen, aber leider nicht immer.
(Form 2) Unsicher-vermeidende Bindung (Avoidant)
Menschen lernen, Bedürfnisse nach Nähe eher zu unterdrücken, und haben Schwierigkeiten, Gefühle zu zeigen.
(Form 3) Ängstliche Bindung (Anxious)
Menschen haben ein starkes Bedürfnis nach Nähe und Bestätigung.
Sie reagieren deshalb oft empfindlich auf wahrgenommene Distanz.
(Form 4) Desorganisierte Bindung (Disorganized)
Menschen zeigen widersprüchliches Verhalten (mal so, mal so) gegenüber Nähe. Beziehungen können von Unsicherheit und widersprüchlichen Reaktionen geprägt sein. Menschen zeigen meist Mischformen oder verhalten sich je nach Beziehung unterschiedlich.
Was sagt uns das? Beziehung ist ungeheuer wichtig, ohne sie kann man nicht leben. Aber man muss dafür sorgen, nicht in eine der 4 Typen auszurutschen, die eine wirkliche Bindung kaputt machen.
- Schwierigkeiten der Männer
Auch wenn ich ein Mann bin, über die folgenden Themen habe ich leider noch nicht allzu viel nachgedacht. Also stütze ich mich auf Lektüre.
- eigene Emotionalität
Richtig ist, dass viele Männer über ihre eigenen Gefühle weder nachdenken, noch ihrer Partnerin mitteilen. Etwas nicht zu schaffen, also seine Gefühle zu kennen oder mit ihnen umzugehen, endet oft in Gewalttätigkeit gegenüber dem anderen oder gegenüber sich selber. Und das ist ein trauriges Ende.
- Sex und Liebe trennen
Das berühmte „Ja heißt ja“ ist mehr als das „Auf die Plätze fertig los“, sondern auf die Einbettung dieses Ja in Liebe. Erotik braucht dies meist nicht, aber sie braucht das Achtgeben auf die Gefühle des Anderen. Ob „Ja heißt ja“ oder „Nein heißt Nein“ spielt letztenendes keine Rolle, es kommt auf die Beziehung an. Ist Sex sozusagen Sprache der Liebe. Oder trennen viele Menschen, meist Männer, das eine und das andere?
- Gewalt und Macht verwechseln
Macht hat jeder, sie basiert auf Können. Jeder, der etwas kann, hat Macht, und wenn beide, Frauen und Männer etwas können, haben auch beide Macht. Enttäuschte Männer beginnen oft mit Stalking und mit noch Schlimmerem, Macht entgleist allzu oft in Gewalt, weil man diesen Zusammenhang nicht beachtet. Wehe, wenn Macht-haben zu Gewalt-ausüben führt. Warum beachten Männer das oft nicht? Hat man ihnen das beigebracht, als die Männer noch kleine Jungs waren?
- Gesellschaft und die Männerdominanz
Dass beides zusammenhängt, spüre ich täglich, wenn ich in die Zeitung schaue. Das was gesellschaftlich interessant ist, wird meist von Männern bestimmt, auch wenn Grönemeyer einst sang (ich verstand das damals ironisch): „Männer sind so verletzlich“. Sicher nicht verletzlicher als Frauen. Was allerdings – nicht nur bei Grönemeyer – anklingt: Männer sind nicht oder nicht nur geprägt von einem traditionellen Männerbild, nach dem Männer bestimmen, was die Frauen wollen bzw. nicht wollen. Viele meinen, dass die Frauen folgen müssen, und bestimmen, was die Welt am Laufen hält.
- Konsequenz der Kriege
Denken wir an die aktuellen Kriege, ausgelöst von Putin, Trump und Netanjahu. Übrigens, alles Männer, die sich für die Größten halten, zerstören, töten, quälen und vergewaltigen, also die Welt mit Gewalt überziehen. Und das ist die Dominanz der Männer. Eine Welt ohne kriegerische Gewalt ist eine Utopie, d.h. eine Welt ohne Ort.
- Gewalt regiert die Gesellschaft

Gehen wir mal weg von den Kriegen und hin zu einer Ordnung der Gesellschaft(en). Jede Art von Ordnung – so Philosophen wie Charles-Louis de (…) Montesquieu, John Locke (18. Jh.) und andere – setzt an bei der Eindämmung der Gewalt durch eine staatlich legitimierte Gegengewalt. Wie auch immer, eine Gesellschaft ohne Gewalt (zumindest ohne eingegrenzte Gewalt) gibt es nicht.
- Verschwörungstheorien
Etwa 10–30 % der Deutschen glauben an eine Verschwörungstheorie. Wer sich dafür begeistert, interessiert sich in der Regel auch für weitere Theorien dieser Art. Es gibt zwar keine Dominanz der Männer, wohl aber Frauen, die ebenfalls Verschwörungstheorien produzieren (nicht nur re-produzieren) und verbreiten.
Männer sowie Frauen greifen auf meist seltsame Theorien zurück, die die männlichen und weiblichen Ansichten der Gesellschaft übernehmen, ohne über sie nachzudenken oder sie zu kritisieren. Die Persönlichkeiten von Verschwörungstheoretikern sind zwar nicht psychopathologisch auffällig, weisen aber ein meist traditionelles Beziehungsprofil auf. Und das bedeutet: die Rolle einer Frau ist traditionell, also meist dem Mann unterlegen, die Rolle eines Mannes ist mit Gewalt verbunden.
- Fehlende Ethik der Gewaltsteuerung

Gewaltenwendung ist natürlich ganz anders als Gewaltsteuerung. Der Politikphilosoph Bernd Ladig schrieb: „Foucault möchte zeigen, dass moderne Subjekte aus einem Zusammenspiel von Sichtweisen und Kräfteverhältnissen hervorgehen“. Soll heißen: Foucault akzeptiert Macht, will aber zeigen, dass man Macht- und Kraftverhältnisse verstehen muss und was in der Gesellschaft aus ihnen wird. Gewalt ist die entgleiste Macht.
Genau da beginnt die Möglichkeit, Macht zu steuern und die Entgleisung in Gewalt zu verhindern. Wir, also alle Mitglieder der Gesellschaft, Frauen und vor allem auch Männer, sind nicht Lakaien der Macht und ihrer Eskalation in Gewalt, sondern Lotsen der Macht. Und das heißt:
- keinem Wesen Gewalt antun
- niemandem Angst machen
- niemanden aus seinem Umfeld vertreiben
- allen gegenüber fair sein
- Konflikte nicht zum eigenen Vorteil lösen
- das Thema publik machen
Jedes Wesen, dem wir Gewaltlosigkeit versprechen, ist grundsätzlich jedes zustimmungsfähige Wesen, das verbal oder nonverbal die Entscheidung bejaht – dazu gehören auch Tiere. Aber in unserem Thema, dem „Krieg der Geschlechter“ ist es insbesondere die Frau.
- Gewaltfreiheit durch Mut
Kürzlich las ich in der Zeitung von einer Frau, die Frauen dazu ermuntert, sich allein für eine längere Wanderung über mehre Wochen oder Monate zu entscheiden. Sie hat das auch getan und sich selbst als autonom sowie nicht beherrscht von Angst erlebt. Eine Frau, die das beschließt, muss zuallererst die Angst überwinden. Nicht nur, aber vor allem die Angst vor sexuellem Missbrauch.
Kennt Ihr das Märchen der Gebrüder Grimm „Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“? Wieder einmal ein Männer-Märchen. Am Ende, als er alle Angst erkannt und besiegt hat, bekam er die Prinzessin. Wandeln wir das Märchen um! Wenn eine Frau die Angst erkannt und besiegt hat, wird sie Prinzessin – oder bekommt einen Mann, hoffentlich keinen gewalttätigen. Nur Mut, sie schafft das.
