Die Alten und die Wahlrallye
Mentalität oder soziale Verantwortung?

Die kommenden Wahlen liegen mir am Herzen. Rechte Parteien werden meist von den älteren gewählt, schreiben viele. Ich bin selber alt und fühle mich schlecht, wenn ich in die rechte Ecke gedrängt werde. Dagegen muss man sich wehren. Wahlverhalten ist keine Altersspirale.

Entschuldigung, ich verstehe nicht viel von Wahlen. Kürzlich las ich einige Beiträge aus der Süddeutschen. Die gingen mir runter wie Stacheldraht. Sind die Alten Deppen? Konservativ bis gedankenlos und unkreativ? „Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand.“ Das stammt von Churchill oder Clemenceau, man ist sich nicht einig, wie meistens in der Politik. Das heißt: Links ist gut für die Jungen, rechts ist gut für die Alten. Verzeihung, Pauschalurteile sind albern. Ist Alter überhaupt entscheidend für die Partei, die man wählt? Nein, das ist Sprücheklopferei.PhilosophieMich regt auf, dass die Alten (Wer ist das?) immer so schlecht wegkommen. Es geht so selten um wirkliche soziale Verantwortung der älteren Bevölkerungsgruppen. Stattdessen mehrheitlich um Tradition. À la „wir haben schon immer …“ Das stimmt nicht. Statistiken fragen zwar meist nach Alter, manchmal auch nach Beruf, Bildung (Schulabschluss), Einkommen usw. Niemals aber nach der Konsequenz der Entscheidung, nach Werteinschätzungen, nach politischer Information usw.

Meine Recherchen (die folgenden beiden Schemata hat mir DIE LINKE gesendet) haben ergeben:

Wahlbeteiligung
Wahlbeteiligung

Das Wahlverhalten der Älteren zwischen 60 und 69 Jahren ist immer überdurchschnittlich. Wähler über 70 wählen durchschnittlich bis unterdurchschnittlich. Nur 2009 und 2013 leicht über Durchschnitt. Leider wissen wir nicht warum. Differenzierung scheint feststellbar.

Wenn man die Altersgruppen der über 60järigen zusammenfasst, ist interessant, dass die Gruppe der 30 bis 59jährigen, die ebenfalls 30 Jahre umfasst, vergleichbar ist. Bedenkenswert ist gerade auch in den Bundestagswahlen ab 1990, dass in den Statistiken der älteren der Anteil der konservativen Wähler immer größer wird.

Wahlverhalten nach Altersgruppen
Wahlverhalten nach Altersgruppen

Dass Menschen ab 60 die CDU öfter wählen als die jungen, ist eindeutig, wenn auch nicht überraschend. Überraschend ist höchstens, dass die jungen unter 25 Jahren doch relativ oft eine konservative Partei wählen. Interessant ist auch, dass die AfD von jüngeren genauso oft gewählt wird wie von den älteren.  Eine Bemerkung nebenbei: Dass die SPD von den älteren öfter gewählt wird als von den jüngeren, liegt nicht am Konservativismus der SPD, auch nicht daran, dass die älteren ehemalige Arbeiter oder solche kurz vor der Rente wären. Hochofenromantik beginnt erst später. Vielleicht ist die soziale Komponente der SPD ein Grund für Parteitreue.

Eher einfallslos sind Graphiken, die die Wähler nach dem vermutlichen Einkommen unterscheiden. Einkommen ist ein Symptom, es wird bestimmt von den sozialen Strukturen, nicht von den bösen Bossen.

Versuchen wir, für die Wahl, ob alt oder jung, ein paar Gründe anzudeuten.

  • Regeln einhalten
  • Verlässlichkeit der Partei
  • Angst vor einem Wandel
  • Argumente nicht gewählter Parteien wenig überzeugend

Dass diese Gründe natürlich nur auf Vermutungen beruhen, ist selbstverständlich, muss aber nochmals betont werden.

Mein Ausgangspunkt war jedoch, dass das Wahlverhalten der Älteren nicht so pauschal auf Konservatismus konzentriert werden darf. Das bedeutet erstens Kritik der Messung von Wahlverhalten. Und zweitens müssen Statistiken aufdecken, wie Alte bezüglich des Wahlverhaltens ticken, was die wirklichen Gründe sind, was ihre Motive sind usw. Wenn sie das nicht schaffen, haben sie keinen Sinn.

  1. Wie differenziert sind die Statistiken?

Üblicherweise werden die älteren Wähler in die Gruppe der über 60-jährigen gesteckt. Warum? Gibt es Studien darüber, dass der 60. Geburtstag ein einschneidendes Ereignis ist? Also ist die Eingruppierung genauso vernünftig wie die Statistik, ob Menschen mit Hochschulabschluss öfter Persil verwenden als Menschen ohne diesen Abschluss. Fantastisch. Henkel an die Unis!

Einteilung in Altersgruppen verstärkt eher Vorurteile, etwa das Vorurteil, dass Alte konservativ sind. Mag sein. Aber ist das wirklich untersucht? Oder untersucht man etwas, dessen Ergebnis man bereits kennt?Wegweiser (Foto von Pixabay)

Es gibt auch Wahlstatistiken in 10er-Gruppen, bei den Alten 60-69, 70-79 und < 80. (Mein Statistik-Witz: Vielleicht hängt das Wahlverhalten der Alten ja mit dem Hormonspiegel zusammen. Wer weiß?)

Eine differenzierte Statistik soll untersuchen, was sie bezweckt. In der Statistik des Wahlverhaltens sehe ich keinen Zweck. Anders die Parteien. Ihre Vertreter besuchen oft Altersheime. Macht Kuchen, den die Partei bezahlt, das Rennen? Kaum einer weiß, warum er was wählt, aber man wählt halt.

Meine Vermutung: Immer öfter stellt man Wechselwähler fest, sog. Stammwähler (konsistente Wähler) gibt es immer seltener. Hinweise fand ich bei Prof. Falter mit der Aussage, dass die jüngeren Generationen wenig Parteitreue bei allen vier Parteien aufweisen. Parteitreue (Stammwählerschaft) wird bei CDU und SPD in einem deutlich stärkeren Ausmaß als bei FDP, Grünen und Linken beobachtet. Die beiden Parteien der Grünen und der Linken sind relativ neu. Wechselwähler werden zunehmend öfter in den letzten Bundestagswahlen registriert.

  1. Wer sind die Alten?

Sind alte Menschen die über 60 oder besser: die über 65, weil zumindest die meisten deutschen Männer mit 65 und später in Rente gehen? Dann sollte man nicht nach dem Alter, sondern nach der Berentung fragen. Eigentlich wäre es egal, wie alt man ist, wenn man die Linken oder die Grünen wählt. Nur die Linken wählen Alte nur wenig seltener als die Jungen, die Grünen allerdings werden von den Alten nur halb sooft gewählt wie die Jungen.

Aber der Umkehrschluss macht Probleme: Wer x Jahre alt ist, wählt Partei y. Der einzige Sinn ist der, dass bestimmte Altersgruppen von Parteien gezielt angesprochen werden könnten. Kaffeekränzchen im Altenheim? Demokratie wird zum Ringelpietz degradiert. Das sollten die Parteien verstehen und – die Alten betreffend – ihre Erfahrung für die soziale Verantwortung herausfordern.

Bleiben wir bei dem Phänomen der Berentung. Sie ist ein gravierendes Ereignis: Angeblich an Wert verlieren, nicht mehr gebraucht werden, Einschusslöcher (Tod von Bekannten) rücken immer näher, Gesundheitseinbußen usw. Macht das konservativer, sensibler oder frustrierter? Vielleicht wäre es sinnvoll, bestimmte Altersgruppen mit solchen Erlebnissen anzusprechen, damit ältere Wähler von den Parteien der konservativen und extrem rechten Gruppierung abgezogen werden und sich auf ihre politische Verantwortung besinnen.

Übrigens, bei bestimmten Fragen sind etwa die Wahlentscheidungen in der Altersgruppe 40-49 ganz ähnlich – etwa bei den Werteinstellungen.

  1. Erfahrungen

Wenn es eine sinnvolle Statistik gäbe, dann eine, die sich an den Lebenserfahrungen orientiert. Deutschlands 1. Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte den Wahlslogan „Keine Experimente“. Andere Parteien – das waren nur die SPD und die FDP (heute F.D.P.) hätten ja kontern können: „Wer wagt, gewinnt“. Als Willy Brandt Kanzler wurde (vorgezogene Bundestagswahl 1972), hat man das 100%ig miterleben können. Nach dem NS-Regime war die Angst vor Neuerungen vorbei, später mit Willy Brandt (1969-74), der Gesellschaftspolitik der SPD und ihrem Wahlsieg von 45,8 % (Zweitstimmen) bzw. 48,9 (Erststimmen) – darum die Koalition mit der FDP – war die Tendenz zum Wagnis eher sinnvoll. Seltsamerweise auch von den älteren oft genützt. Das lag sicher nicht bzw. nicht nur am Alter, sondern an politischen Erfahrungen und Prioritäten.

Erfahrungen werden heute immer mehr geschätzt, vor allem ist sie als Berufserfahrung für ein Unternehmen ziemlich wichtig. Unsere Computer-Probleme löst einer unserer Neffen (noch Student), aber bei seinen Problemen mit seiner Freundin sind wir dran. Grundsätzlich bedeutet das: Erfahrung ist in bestimmten Situationen sehr wichtig, auch bei Bundestagswahlen. Gerade bei den Alten. Wie das bei der Bundestagswahl 2021 aussieht, wenn alle Parteien den Klimaschutz im Programm (außer bei der AfD) voranstellen, wissen wir noch nicht. Vielleicht führt gerade diese Perspektive zu Gemeinsamkeit bei den Altersgruppen.

Vergleichbare Entscheide stellt man in folgender Tabelle fest:

Wahlprobleme

Drei Dinge regen mich auf:

Erstens, je mehr die Befragten von den Themen betroffen sind, desto positiver fällt die Entscheidung aus. Das ist bei der älteren Bevölkerungsgruppe so, aber auch bei den jüngeren. Und vor allem: Gezählt (z.B. bei Corona) wurden alle über 60, also auch die über 90. Macht das Sinn? Der 60jährige Krankenpfleger schätzt das sicher anders ein als der 60jährige Verwaltungsangestellte. Übrigens, in den jüngeren Altersgruppen gilt die gleiche Differenz.

Zweitens, bei politischen Themen ist es besonders interessant, dass Wahlverhalten in verschiedenen Altersgruppen an Ähnlichkeit gewinnt, etwa der 80jährige General denkt in vielem gleich wie der junge Wehrdienstgegner.

Drittens, politische Themen bedeuten oftmals Überschneidungen. In der Befragung (Seite vorher) denken sicher viele bei Umwelt auch an Überschwemmung. Oder bei Migration an soziales Gefälle. Das ist leider auch so bei den vielen Wahlprogrammen der einzelnen Parteien. Statistiken sind Hausnummern, mehr nicht.

  1. Träumerei am Polit-Kamin

Es gibt Wahlentscheidungen, die ziemlich unbedeutend sind. Wahlbeteiligung, die Minimal-Verantwortung des Bürgers, geht dann auch in den Keller. Bei der Bundestagswahl 2021 würde im Juli laut ARD der Kanzlerkandidat Laschet von 16% der Bürger gewählt, Scholz von 40%. Nur, Kanzlerkandidaten sind nicht identisch mit den Parteien. (Leider) ist die vermutliche Kandidatenwahl nicht die Wahl einer Partei.

Aber es geht um etwas, um konkrete Strategien, vielleicht um die Zukunft unseres Landes. Die übliche politische Phrasendrescherei reicht nicht. Meine Frau und ich haben eine alte Dame (93 Jahre) jede Woche zum Essen eingeladen. Bei der letzten Bundestagswahl wollte sie, dass meine Frau mit ihr den Wahl-O-Mat durchexerziert. Sie hat danach direkt die Briefwahlunterlagen ausgefüllt. Möglicherweise hat zum ersten Mal eine 93jährige DIE LINKEN gewählt.

Langer Rede kurzer(?) Sinn: Nicht das Alter entscheidet, sondern unser aller politische Verantwortung. Es geht um das Eingemachte unserer Republik. Interessant ist die Beobachtung, dass die Älteren bei der Entscheidung für Scholz den größten Zuwachs bei allen Altersgruppen verbuchen und das berühmte „weiß nicht“ bei ihnen am seltensten vorkommt.

Nichts desto trotz wäre eine Einstellung zur Politik wünschenswert, bei der praktische Verantwortung wichtig ist. Reaktion auf die Probleme unserer Gegenwart muss aktuell sein. Stammwähler­schaft ist keine angemessene Reaktion. Wir brauchen zielführende politische Strategien. Erfahrung der Älteren aus Leben und Arbeit muss gewürdigt und nicht als Schrulle altmodisch-konservativer Gesellen abgetan werden.

Mein Resümee:

  1. Unsere Statistiken fragen nach dem Wahlverhalten der Alten, das sagt eigentlich nichts. Statistiker finden nur die Ostereier, die sie selbst versteckt haben. Stattdessen sollten Statistiker nach Prioritäten und Erfahrungen fragen.
  2. Es werden sog. Wertsynthesen bei verschiedenen Altersgruppen (z.B. die jüngeren >30 und die älteren >60) festgestellt.
  3. Es gibt trotz der verschiedentlich zitierten Wahlerbnisse keine eindeutigen Festlegungen eines Wahlentscheids für eine bestimmte Altersgruppe.
  4. Ich bin sicher, dass Alter nicht das wichtigste Kriterium im Entscheidungs­prozess ist. Wenn nach Alter gesucht wird, meinen die Wahlstatistiker dann das kalendarische oder das biographische Alter?
  5. Demokratie lebt von der Verschiedenheit der Perspektiven, nicht vom Alter. Das wäre dann ja statt Demokratie (griech.: démos = Volk und krátos = Herrschaft) Gerontokratie (griech.: Géron = Greis).
  6. Von wegen Volk. Wir wissen so wenig über die Prioritäten des Volkes. Da bräuchte Berlin noch einige Nachhilfestunden.
  7. Man müsste unbedingt über den Zusammenhang von Werten diskutieren. Und wäre es nur im kleinen Kreis. Auch kleine Kreise machen Schule.