Der amerikanische Autor Upton Sinclair beschreibt in aufwühlender Weise die gesellschaftlichen und politischen Zustände, sowie das Tierleid in der Schlachtindustrie Anfang des letzten Jahrhunderts in Chicago. 120 Jahre später muss man feststellen, dass sich wenig geändert hat. Die Prozesse sind verdeckter, aber ähnlich grausam.
Um die Flut der lesbaren Bücher ein wenig einzudämmen, bekommt jedes Werk, das ich mir aus unserer recht umfangreichen Bibliothek der ungelesenen Bücher zum Lesen vorknöpfe, die 20/30-Seiten-Chance: Erhalte ich bis dahin keinen Zugang in das Geschriebene, breche ich die Lektüre ab und der Roman wandert in das öffentliche Tauschregal um die Ecke. So entsteht ein gewisser Kreislauf, denn viele Bücher habe ich dort aufgetrieben und es waren wahre Schätze dabei.
Bei dem Roman „Der Dschungel“ von Upton Sinclair habe ich viele Male daran gedacht, das Buch an bestimmten Stellen abzubrechen. Nicht weil es langweilig geschrieben ist oder mich der Inhalt nicht interessiert, sondern aus einem Grund, den ich bei Büchern bis dato noch nicht kannte: Das Werk des amerikanischen Autors hat mich derart gefesselt und emotional in den Bann gezogen, dass ich sogar nachts davon geträumt habe oder es oft in großer Wut, aber auch einem Gefühl der Ohnmacht zur Seite legen musste. Die ein oder andere Passage hätte ausreichen können, um auf die Straße zu rennen und gegen den verdammten Kapitalismus und die Auswüchse der entsetzlichen „Tierindustrie“ mit allen möglichen Mitteln zu protestieren. Auch wenn zwischen der Zeit, in der dieser Roman inhaltlich angesiedelt ist, und heute Hundertzwanzig Jahre liegen, so muss man leider konstatieren, dass sich in vielen Bereichen wenig geändert hat. Die Prozesse sind heute verdeckter, aber ähnlich grausam.
Ich entdeckte das Buch in einem Tauschregal und nahm es mit nach Hause, da der Autor meine Neugier geweckt hat. Da ich mich vor allem für sozialkritische, politische und philosophische Belletristik interessiere, war ich bereits im Vorfeld meines Fundes auf Upton Sinclair gestoßen. Dass mir der Name geläufig ist, verwundert nicht weiter, da der Schriftsteller, der von 1878 bis 1968 lebte, 80 Romane und Sachbücher, 19 Theaterstücke, unzählige Essays usw. verfasste und sich so einen Namen als Klassiker der sozialkritischen Literatur machte. Es ist schon eine Leistung, die mir sehr imponiert, wenn sich sogar ein Staatsoberhaupt beim Verlag meldet, um den „Dreckwühler“ Sinclair in seinem Aktivismus stoppen zu wollen. So soll der amerikanische Präsident Roosevelt dem Verleger geschrieben haben:
„Sagen Sie ihm, er soll Ruhe geben und die Regierung des Landes für eine Weile mir überlassen (MET).“
Mir stellt sich vor allem in letzter Zeit häufig die Frage, ob es nicht gerade vieler „Dreckwühler“ bedarf, um die Anliegen des zu regierenden Volkes immer wieder in Erinnerung zu bringen und um eine transparente Politik zu gewährleisten. Doch das ist ein anderes Thema, aber eins, das durchaus in dem Roman mitschwingt: Was passiert, wenn man die Machtgeilheit von Politikern, Vorgesetzten oder sonstigen Autoritätspersonen nicht stoppt? Die Antwort: Der Mensch gerät aus dem Fokus und wird zur Sache.
Nach eigenem Bekunden ging es Sinclair in seinen Büchern, in denen er vor allem eine sozialistische Position einnahm, weniger um ästhetische Qualität, sondern eher um eine gesellschaftsverändernde Wirkung. Nicht umsonst bezeichnete man ihn als das soziale Gewissen der Nation. „Muckraker“ nannte man Anfang des 20. Jahrhunderts Schriftsteller und Journalisten, die aufdeckend arbeiteten. Der Ausdruck lässt sich mit „Mistkratzer“ oder „Schmutzaufwühler“ übersetzen, es ist allerdings auch oft die Bedeutung der Nestbeschmutzung gemeint. Heute würde man von Investigativjournalismus sprechen (WIK), allerdings ist beiden Begriffen gemein, dass diejenigen, die aufdeckend arbeiten, auch im 21. Jahrhundert unerwünscht sind und von den Regierungen mit unterschiedlichen Methoden (z.B. Entzug der Gemeinnützigkeit) unterdrückt werden. Der Mensch in dem politischen System soll schließlich nicht alles mitbekommen. Sinclair ließ sich durch solche Versuche nicht einschüchtern, sondern leistete weiter Widerstand gegenüber einer brutalen Gesellschaft. Er prangerte Korruption und gesellschaftliche Missstände an und setzte sich mit dem reaktionären Zeitgeist der amerikanischen Gesellschaft auseinander. In der Literatur sind solche Autoren leider, wie ich finde, sehr selten geworden. Man muss erwähnen, dass Sinclair später „konvertierte“ und eher zum Anti-Sozialist mutierte.
Zum Inhalt:
Voller Hoffnung macht sich um die Jahrhundertwende die litauische Familie um den Protagonisten Jurgis Rudkus, bestehend aus Mitgliedern verschiedener Generationen, auf den Weg ins „gelobte Land Amerika“, um ihren ärmlichen Verhältnissen in der Heimat zu entfliehen. Sie landen in den hässlichen Straßenschluchten von Chicago. Ich zitiere weiter aus dem Klappentext:
„…Wie zahllose andere Immigranten findet auch die Familie Rudkus Arbeit auf den großen Schlachthöfen der Stadt, in denen das Vieh in Massen getötet und zu Konserven verarbeitet wird. Die grausamen Zustände in den Fabriken bedrohen die Gesundheit und sogar das Leben der Menschen an den Fließbändern. Jurgis entschließt sich, den Kampf gegen Ausbeutung und Terror aufzunehmen (SIN).“
Eine gute Ergänzung der Inhaltsangabe findet man auf Wikipedia:
„Der Protagonist, Jurgis Rudkus, welcher den Archetypus des gutmütigen, unerfahrenen „kleinen Mannes“ verkörpert, verliert nach einem Betriebsunfall seine Stelle in einem Schlachthof. Dies löst eine Kettenreaktion aus, die zum Tod seiner Frau, zur Zerstörung der Familienbande und zu seinem eigenen unaufhaltsamen sozialen und physischen Abstieg führt. Nach seiner Gefängnishaft wird er zum Landstreicher und verfällt vorübergehend den Verlockungen der Mobster (Anm. = Personen, die im organisierten Verbrechen tätig sind) seiner Stadt.
Zum Schluss hin ergibt sich jedoch eine unerwartete Wendung: Rein zufällig gerät Jurgis in eine Sozialisten-Versammlung und erlebt dort gewissermaßen seine „Erleuchtung“. Von diesem Punkt an wird der Roman zu einem regelrechten Pamphlet mit sozialpolitischen Forderungen und Thesen.“
Auch wenn die Personen des Romans fiktiv sind, so basiert „Der Dschungel“ auf eigenen Erfahrungen Sinclairs, der über längere Zeit in den Schlachthöfen recherchiert hat. Man könnte sagen: Er war so eine Art amerikanischer Günter Wallraff. Entsprechend realistisch klingen seine Beschreibungen der dort vorgefundenen Zustände.
Dass mich der Roman derart beschäftigt hat, liegt vor allem an zwei Grundsträngen, die das Buch bestimmen. Es geht zum einen um die grausamen Strukturen des amerikanischen Kapitalismus und zum anderen um den kaltblütigen Umgang mit den Tieren, die ja bis heute abwertend als Vieh oder Nutztiere bezeichnet werden. Da ich strikter Kapitalismusgegner und zudem Vegetarier (mit zunehmender Tendenz zum Veganismus) bin, war für mich das Lesen weiter Passagen schier unerträglich.
„Es war Schlachten am Fließband, Schweinefleischgewinnung mittels angewandter Mathematik. … (Die Tiere) … hatten nichts verbrochen, womit sie das verdient hätten, und zu dem Unrecht kam noch die Demütigung, die kaltblütige, unpersönliche Weise, wie man sie hier ins Jenseits beförderte, ohne auch nur die Vorspiegelung einer Abbitte, ohne Opferung einer einzigen Träne. … Was hier vor sich ging, war wie ein Verbrechen, das in einem Verlies begangen wird, unbemerkt und unbeachtet vor aller Augen verborgen und sogleich aus dem Bewusstsein verdrängt.“
Wie bereits angemerkt, entstand dieser Roman 1906. Hundertzwanzig Jahre später – 2026 – beschäftige ich mich häufig mit Videos aus Mastställen und Schlachthöfen, die immer noch einen unglaublich brutalen und entwürdigenden Umgang mit den Tieren demonstrieren. Nichts, gar nichts hat sich seitdem geändert. Noch heute sah ich eine Dokumentation, in der es darum ging, dass die „Nutzviehindustrie (!!!) nicht möchte, dass die Verbraucher Einblick in Abläufe bei Haltung, Transport und Schlachtung der Tiere bekommen. So hält sich weiterhin wacker die Legende, Fleisch wachse am Baum.
Und auch der andere Strang, der im Buch detailliert dargestellte Kapitalismus, feiert ebenfalls 2026 weiterhin fröhlichen Urstand. Der Protagonist Jurgis Rudkus fasst es recht eindrucksvoll zusammen:
„Er hatte jetzt erkannt, wie es um ihn her zuging: Krieg aller gegen alle, und den letzten beißen die Hunde. … Man geht mit Argwohn und Hass im Herzen durch die Welt; du weißt, dass du von feindlichen Mächten umringt bist, die auf dein Geld aus sind und die alles Gute und Edle nur als Köder für ihre Fallen benutzen. Die Geschäftsleute bepflastern ihre Schaufenster mit allen möglichen Lügen, um dich anzulocken; selbst die Zäune am Wegesrand, die Laternenpfähle und die Telegraphenmasten sind mit Lügen beklebt. Das große Unternehmen, bei dem du in Lohn stehst, betrügt dich, betrügt das ganze Land – von vorne bis hinten, von oben bis unten ist alles nur Lug und Trug.“
Die beiden Hauptdarsteller des Romans – die Menschen und die Schweine – erleiden das gleiche Schicksal:
„Aus dem Schwein wollen die den höchstmöglichen Profit herausholen, und genauso wollen sie das auch aus dem Arbeiter und aus der Gesellschaft. Was das Schwein davon hält und was es leidet, bleibe außer Betracht, und dieselbe Einstellung hätten sie auch gegenüber dem Arbeiter und dem Käufer von Fleisch.“
Wer nun argumentiert, es habe sich in den letzten Hundert Jahren doch viel zum Positiven geändert, scheint ein wahrer Optimist zu sein. So kann man z.B. in dem Buch „Homo Deus“ von Yuval Noah Harari sehr gut nachlesen, wie perfide der Kapitalismus, der sich heute eher durch eine technologische Tür bei uns Menschen einschleicht, seine Opfer fordert. Er ist weniger schmutzig in der sichtbaren Handhabung, sondern eher in seinen verborgenen Absichten und Auswirkungen. Und dass es inzwischen mehr Tierschutz gibt, liegt nicht an der Politik, sondern an dem unerbittlichen Kampf der Tierrechtsorganisationen.
Es war zunächst nicht ganz einfach, den Roman Anfang des letzten Jahrhunderts zu veröffentlichen. Sinclair wurde vergeblich aufgefordert, erbarmungslos beschriebene Passagen zu streichen. Doch der Autor konnte sich durchsetzen und „The Jungle“ hatte großen Erfolg bei den Lesern. Das Buch führte durch seine Kritik an den herrschenden Bedingungen zu einer Verbesserung der allgemeinen Situation. Allerdings war Sinclair sehr verärgert. Nicht seine Sozialkritik, nicht die Darstellung des Tierleids rüttelten die Leser*innen auf, sondern die Berichte über schlimmste hygienische Prozesse bei der Fleischverarbeitung führten zur Besorgnis, gesundheitlichen Schaden zu nehmen. Der Egoismus der Menschen steht immer auf Platz 1 – auch heute noch. Dann kommt lange gar nichts und dann erst das Gemeinwohl. Von Tierwohl ist auch 2026 wenig zu spüren.
Quellen:
(MET) Metzler Lexikon: Amerikanische Autoren. Bernd Engler und Kurt Müller 2000
(SIN) Upton Sinclair: Der Dschungel. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 11. Auflage Juni 2000