MUS = Medizinisch unterstützter Sex
Lust-"Pille“ für die Frau?

In Kürze kommt in den USA das Medikament „Flibanserin“ auf den Markt, das die sexuelle Erregungsstörung der Frau vor der Menopause beheben soll. Für den deutschen bzw. europäischen Markt steht das bald auch an. Ist das eine Hilfe oder bloße Marktorientierung? Ein paar kritische Überlegungen vor diesem Datum sind angebracht.

Das nackte Leben (Quelle: paintingperceptions.com)

Das nackte Leben (Quelle: paintingperceptions.com)

Ehrenkirchen. Zuvor eine Preisfrage: Was ist Lust? Pilawa würde für die Antwort möglicherweise eine Million geben und immer noch warten. Natürlich denkt man bei Lust, und das tun ja wohl auch die Hersteller des Medikaments, zunächst an Sexualität, Leidenschaft und Orgasmus. Aber auch andere Kandidaten spielen eine Rolle: Freundschaft, ein gutes Gespräch, Beziehung, ein vorzügliches Glas Wein usw. Gleich, was Lust ist, sie wird zu einem wichtigen Phänomen, wenn sie den/die Betroffene/n glücklich macht. Das muss man im Kopf behalten. – Und nun zum Problem

In Kürze kommt in den USA das Medikament „Flibanserin“ auf den Markt, das die sexuelle Erregungsstörung der Frau – für die Potenzprobleme des Mannes gibt es viele Alternativen, am bekanntesten Viagra, für die Frau gibt es laut Süddeutscher Zeitung vom 5./6. September 2015 noch keines – beheben soll. Es wird auch als „rosa Viagra“ bezeichnet.

Flibanserin (Foto FJ Illhardt)

Flibanserin (Foto FJ Illhardt)

Nebenstehend ein kurzer Steckbrief zum Arzneimittel:

Die amerikanische Zulassung wurde von der US- Behörde, der Food and Drug Administration, mehrfach durch neue Auflagen und Studienveränderung verzögert. Verhindern konnte sie die Marktzulassung nicht, weil ihre Rechte auf Studien, nicht auf Entscheidungen begrenzt sind, vor allem hat sie keine Entscheidungsbefugnis über den Sinn der zukünftigen Behandlung. Studien mit einem Vorläufer-Präparat wurden auch bei meiner Ethik-Kommission in Freiburg eingereicht und mit vielen Auflagen versehen. Eine Beobachtung aus der Gynäkologie war, dass auch viele junge Frauen von ihren Freunden oder sogar von Kollegen im Betrieb schräg angesehen oder belästigt werden, wenn sie entsprechende Angebote ablehnen. Ist das eine Krankheit?

Dass in Deutschland der Markt ebenfalls bedient wird, ist klar, aber aufmerksam zu bedenken. In Deutschland wird ein Medikament nach drei die Indikation häufig überschritten und damit das Risiko der Nebenwirkungen (etwa Schwindel, ähnliche Nebenwirkungen, schlimmstenfalls Herzinfarkt, wie bei Viagra für die Männer) multipliziert wird, die verschreibenden Ärzte nicht die sozialen und psychischen Ursachen der Erregungsstörung abfragen (wie lange dauert ein Arztbesuch bei Kassen- bzw. Privatpatientinnen?) und Probleme von gesellschaftlichen Umständen erzeugt, dann aber zu einem medizinischen Problem umgedeutet werden.

Diese Systemschwäche ist umso wahrscheinlicher, als bereits viele vergleichbare Behandlungen ohne Krankheit vorgenommen wurden. Man nennt das neudeutsch „Enhancement“: Enhancement etwa als Verbesserung schulischer Leistungen, als

Steigerung der Arbeitsleistung in Betrieben, als Aggressionsminderung durch Psychopharmaka, als Stimmungsaufhellung usw. Ist die Medikation mit Flibanserin auch eine Variante des Enhancement oder wie man früher, etwas schärfer formulierte: Medizin ohne Indikation?

(Quelle Freud für Kinder. Fokus-Verlag 1973)

(Quelle Freud für Kinder. Fokus-Verlag 1973)

Man vergesse nicht den Fortschritt in der Sexualmoral. Die sexuelle Erregungsstörung der Frau hat sicher eine eigene wahrscheinlich leidvolle Dimension. Aber wird die nicht sehr stark von den Interessen anderer definiert? In den letzten Jahren und Jahrzehnten ist das Lustempfinden der Frau zwar ein selbstverständliches Recht geworden. Männer aber (auch innerhalb der Ehe), die ihre sexuellen Bedürfnisse gegen die Wünsche der Frau ausleben, können bestraft werden. Es wäre für Männer sicher wünschenswert, wenn die Frau zu jedem Zeitpunkt Lust haben (oder zumindest vortäuschen) könnte. Aber will sie das auch selber? Sich selber – natürlich auch selbstverantwortlich – Ziele zu setzen, bedeutet Autonomie eines Menschen und ist Grundvoraussetzung jeder legitimen und legalen (!) medizinischen Behandlung. Die Behandlung der Erregungsstörung muss der ureigenste Wille der Patientin sein.

Einige Maßnahmen in der Medizin streben mit medizinischen Mitteln die Lösung sozialer Probleme an. Beispiele sind etwa das bereits erwähnte Enhancement, Eingriffe zur Therapie der Abhängigkeit von Substanzen, Doping mit Epopoietin (das wegen seiner Sauerstoffbindung als Krebsmedikament eingesetzt wurde), Ritalin (das gegen das Zappelphilipp-Syndrom [ADHS] verschrieben wird), die Schönheitschirurgie usw. Ist das bei der sogenannten Lustpille nicht ganz ähnlich? Man bezeichnet diese Umwandlung von Medizin in Sozialtherapie als Medikalisierung.

(Quelle Freud für Kinder. Fokus-Verlag 1973)

(Quelle Freud für Kinder. Fokus-Verlag 1973)

Medikalisierung ist zunächst neutraler Sprachgebrauch der Medizin ohne Bewertung des Vorgangs. Zwei sehr berühmte Medizinkritiker haben diesen Vorgang jedoch kritisch gesehen und damit eine neue Perspektive entwickelt. Das sind der Philosoph Michel Foucault mit seinem Buch „Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks“, erste deutsche Übersetzung 1973) und später der Jesuit Ivan Illich mit seinem Buch „Nemesis der Medizin“ von 1975, das bei seinem ersten Erscheinen noch den Untertitel “Die Enteignung der Gesundheit“, aber in den späteren Auflagen „Kritik der Medikalisierung“ trug.

Auf den Punkt gebracht: Foucault versteht die Medizin als Machtwissen, das von Staat und Gesellschaft ausstaffiert wird. In diesem Machtkartell gelingt es, Kranke zu disziplinieren und ihre Bedürfnisse zu regulieren. Nicht alles wird von den Kassen bezahlt, wenn es (noch) keine Krankheit ist wie z.B. die Brustentfernung bei der ungeheueren Angst der Patientin vor der sehr hohen Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung. Zudem muss man sich medizinisch korrekt verhalten. Viele medizinische Probleme sind mit anderen Worten Machtprobleme. Illich setzt noch eins drauf. Durch Medikalisierung ist „meine“ Gesundheit nicht mehr „meine“, sie wird von anderen definiert und verwaltet. Beide sehen Medikalisierung als Instrument der Meinungshoheit und Machtausübung.

(Quelle: http://www.popdam.org)

(Quelle: http://www.popdam.org)

Dazu ein Beispiel: Marilyn Monroe wurde vom Hamburger Abendblatt vor Jahren als „frigide Sexgöttin“ bezeichnet. In der Sexualpsychologie spricht man gar vom Marilyn-Monroe-Syndrom. Ihre Erscheinung machte die damalige Männerwelt nervös. Heute, in einer durchsexualisierten Welt, wäre die damalige Aufregung sicher etwas gemäßigter ausgefallen. Typisch war jedoch, dass die Innenperspektive dieser hübschen Frau nicht wahrgenommen wurde: ihre vielen Ehen, etwa die mit Arthur Miller, die Affären, etwa die mit J.F. Kennedy, oder ihre Minderwertigkeitsgefühle wegen ihrer Filmrollen als das blonde Dummchen, ihre Arzneimittel- und Alkoholabhängigkeit, ihre Psychotherapieabhängigkeit (2x pro Woche) und anderes mehr.

Und das Fazit? Natürlich können und wollen wir nicht entscheiden, ob die Sexpille eine Hilfe oder Unfug ist. Jeder einzelne Fall verdient eine Einzellösung und kein Globalrezept. Sexuelle Probleme gehen nicht nur den Unterleib an, sondern Leben und Zusammenleben überhaupt. Auch wenn Nietzsche als Pfarrerssohn sich der Lust (vermutlich durch einen einzigen Bordellbesuch) hingab und dann mit geistiger Umnachtung infolge Syphilis „bestraft“ wurde. Lust kann Leben glücken oder aber in der Katastrophe enden lassen. Übrigens, Medizinisch unterstützter Sex (siehe Überschrift) und medizinisch unterstützter Selbstmord (medical assisted suicide – eine jahrelange Debatte) sind so gesehen gar nicht so weit von einander entfernt. Es geht in beiden Fällen um geglücktes Leben und um das Problem, dieses Leben nicht in fremde Hände zu geben.

Dazu ein paar kritische Gedanken:

  1. Eine Erregungsstörung der Frau ist nicht nur ein individueller, sondern auch ein sozialer Befund. Lusthaben ist manchmal auch die Grundvoraussetzung für geglücktes Leben und Zusammenleben. Das Pharmakon reduziert total.
  2. Beim Thema Lust sollte man sich nicht nur auf physiologische Probleme konzentrieren. Freudehaben, Genießenkönnen und ähnliches sind oft über-lebenswichtig.
  3. Die Behandlung einer Erregungsstörung der Frau muss ein selbstbestimmter Wunsch sein, er darf nicht sozial getriggert werden.
  4. Es ist eine seitenverkehrte Perspektive, Probleme medizinisch lösen zu wollen, die man sozial nicht in den Griff bekommt.
  5. Mir als Ethiker liegt es besonders am Herzen, dass die Regulierung von Problemen im Zusammenleben der Menschen – nur – durch eine entkrampfte Moral gelingen kann.
  6. Unsere Bedenken gelten nicht nur der Pharmaindustrie, die Medizin als finanzielles Vehikel missbraucht, sondern auch einigen Konsumenten. Sie missbrauchen ein Mittel, das als eine Art Enhancement zur Luststeigerung benutzt wird. Laut Süddeutscher Zeitung vom 4./5.Sept. 2015 hat „man“ 2,7 mal im Monat beglückenden Sex, mit Pille erreicht man das 3,7 mal. Toll! Brave New World?
Lust (Foto A. Illhardt)

Lust (Foto A. Illhardt)

Beängstigend ist die kurze Andeutung, dass Suizid und Sex zusammenhängen. Mein Plädoyer: Die wichtigen Momente im Leben des Menschen werden immer mehr kontrolliert, etwa mit medizinischen Mitteln. Wie ich sterbe und wie ich mit meinem Partner lebe bzw. was ich dabei erlebe, muss jedem externen Zugriff entzogen bleiben. Dass in Deutschland Lebensende und Tod in öffentlichen Debatten zerredet und Lebensglück bezüglich der sogenannten Lustpille in Technik verfremdet werden, darf nicht die Normallage unserer Gesellschaft werden.

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt