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Gedankenstriptease 3-16
Verworren durch die Zeit

Gefährliche Vernunft (Foto Arnold Illhardt)

Gefährliche Vernunft (Foto Arnold Illhardt)

Schon mal bemerkt? Wohin man schaut, wimmelt es vor klugen Sprüchen, gedrechselten Sätzen und sinnschwangeren Zitaten. Das hat zugenommen, oder? Früher fand man schlaue Sprüche vor allem auf Abreißkalendern und in Reader´s Digest Magazinen, diesem in Papier gebundenem Konglomerat aus konservativer und christlicher orientierter Langeweile. Irgendwann fand man Sprüche auch auf Etiketten von Teebeuteln, Klopapier und Servietten, auf denen mensch suggeriert wird, bloß den Tag zu „carpern“, bevor es aufs Umgekehrte hinausläuft und der Mensch vom Tag gepflückt wird. Je mehr Carpe Diem, desto mehr Lebenszufriedenheit.

Die epikureisch gemeinte Weisheit duftet zwar zunächst etwas nach hippiresker Aussteigermentalität, stinkt aber bei weiterer Betrachtung arg nach neoliberaler Humankapitaldenke: Der Mensch soll nicht einfach faul rumliegen und Löcher in den meist sowieso vom Hochnebel verhangenen Himmel starren, sondern ihn, den Tag, bitteschön sinnvoll nutzen und das bedeutet auch zu konsumieren und natürlich möglichst viel und selbstredend für andere arbeiten. Das brachte den Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie Ulrich Grillo auf die hirndefizitäre Idee (Fokus 30.10.15), das Renteneintrittsalter auf 85 Jahre hochzusetzen. Bravo, ich war schon immer für die Rente ab dem Tod und eine Beisetzung im firmeneigenen Begräbnispark. Auf diese Weise bekommt das „carpe diem“ eine finale Bedeutung und die Lebenstage werden bis zu bitteren Neige genutzt. Nachsatz: ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen den Vorschlag dieses Wirtschaftsschwachmaten bejubeln, da sie den ausschließlichen Sinn des Lebens im Arbeiten sehen.

Ordnung als halbes Leben (Foto Marion Illhardt)

Ordnung als halbes Leben (Foto Marion Illhardt)

Doch zurück zu den gedrechselten Sprüchen. Auf facebook, dem Biotop für alle möglichen menschlichen Niederungen, mittelgradigen bis schwerwiegenden Persönlichkeitsstörungen und kognitiven, wie emotionalen Entgleisungen ist es seit geraumer Zeit trendy, tief- bis feinsinnige Sätze von Berühmtheiten wie Seneca, Paul-Michel Foucault oder Uwe Seeler zu posten. Manchmal „like“ ich sie, weil sie mir die letzte Möglichkeit auf den Irrwegen menschlichen Seins erscheinen, bevor man auf Abwegen, aber mit beheiztem Fahrersitz in die Katastrophe schlingert. Manche Sprüche sind fade wie eine Bauanleitung eines Kallax-Ikea-Regals, während andere von solcher Aussagekraft sind, dass man sie am besten unter jedes Ortsschild sprühen müsste. Leider ist da meistens nicht viel Platz.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten (Quelle images.zeno.org

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten (Quelle images.zeno.org

Um mal ein Beispiel zu nennen, wäre da ein Zitat von Johann Heinrich Heine zu nennen, was mir auf facebook begegnete: „Der Deutsche gleicht dem Sklaven, der seinem Herrn gehorcht ohne Fessel, ohne Peitsche, durch das bloße Wort, ja durch einen Blick. Die Knechtschaft ist in ihm selbst, in seiner Seele; schlimmer als die materielle Sklaverei ist die spiritualisierte. Man muss die Deutschen von innen befreien, von außen hilft nichts.“ Richtig gelesen: Das war Heine, der letzte Dichter der Romantik, und nicht Rudi Dutschke! Ist doch ein toller Spruch, nur würde ich ihn – sagen wir – als Blechschild auf dem Telgter Marktplatz anbringen, hätte ich morgen den Staatsschutz am Hals. Es ist ja noch gar nicht so lange her, da passierte genau das, weil Freidenker in Warendorf bei Nacht und Nebel sogenannte wie Feuermelder aussehende „Freiheitsmelder“ angebracht hatten, auf denen sinntiefe Hochkaräter wie „Wer sagt, hier herrscht Freiheit, der lügt, denn Freiheit herrscht nicht!“ prangten. Tatsächlich rückte der staatliche Freiheitsschutz an, um sicherzustellen, dass … ja was gab es sicherzustellen? Was ist daran so falsch, hin und wieder an die Freiheit zu erinnern? Übrigens habe ich damals einen offenen Brief in Richtung Warendorf geschickt, um daran zu erinnern, dass der Verfasser dieser Zeilen, nämlich Erich Fried, schon tot sei. Nicht dass unnötige Staatsgelder verplempert werden, um diesen Sprachterroristen aufzuspüren und dingfest zu machen.

Alternativlos rumstehen (Foto Arnold Illhardt)

Alternativlos rumstehen (Foto Arnold Illhardt)

Wir befinden uns in schwierigen Zeiten, in denen man gewisse Dinge einfach nicht versteht. Ich komme da tatsächlich hin und wieder an meine Grenzen. Gut, man kann einfach mit dem Kopf schütteln, die Haare raufen, von denen ich mehr als genug habe oder aber auch geschwollene Halsadern bekommen, aber das Problem beim Ärgern ist ja grundsätzlich, dass man mit seinem Groll in der Regel alleine ist und das Objekt des Ärgers davon gar nichts mitbekommt. So wählen wir z.B. jedes Jahr eine Partei, egal welche, ärgern uns ein Loch in den Pullover, weil sie nicht das tun, weswegen wir sie gewählt haben, aber sie merken es nicht. In einem Bilderwitz fragte neulich eine Frau ihren Mann (oder war´s umgekehrt), was denn eine Parallelgesellschaft sei. Der oder die Gefragte antwortete: Die Regierung! Blöd wie wir sind, wählen wir die vermeintlichen Volksvertreter sogar wieder, obschon es genauso sinnfrei ist, als würde man dem örtlichen Kaninchenzüchterverband seine Stimme geben! Nun kommt ja endlich die AfD an die Macht. Mal abgesehen davon, dass dieser faschistoide Haufen dem Ausdruck „Brat mir einen Storch“ ganz neue Bedeutungen verleiht, befürchte ich, dass nun Politik endgültig zu einer Lachnummer verkommt. Mit der AfD ist es ja etwas ähnlich wie beim Dschungelcamp, wo ja auch nur abgehalfterte Third-Hand-Promis und Inszenierungssüchtige zum Madenverspeisen abgestellt werden. Warum nur fällt mir da immer der Friedhof der Kuscheltiere ein?

Probeliegen (Quelle taz.de)

Probeliegen (Quelle taz.de)

Zum Glück gibt es jetzt jede Menge schlauer Bücher, wie z.B. „ Die Kunst, sich selbst zu verstehen“, „die Kunst ein kreatives Leben zu führen“ oder mein momentaner Favorit „Der waghalsige Versuch, in der Luft zu kleben“, die uns ebenfalls etwas Halt und vor allem Erklärungen geben sollen. Etwas zu verstehen ist eine wahre Kunst und Kunst – mal ehrlich – ist ja auch nur Interpretationssache. Neulich in einem Radiowerbeblock eines Senders, der durch die Zwangssteuer auch von mir mitfinanziert wird, suggerierte ein Spot über den Besuch eines Möbelkaufhauses, dass durch den Kauf eines –sagen wir – Boxspringbettes mit Eichenanalogeinfassung bei Frauen orgasmatische Zustände erreicht werden können. Jedenfalls klang die weibliche Protagonistin in der Werbung so, als gurrte sie die Hintergrundgeräusche für einen Drittklassepornofilm. Wetten, dass viele auf den Trick reinfallen und dann erst später im Bett merken, dass Feuer beim Sex nichts mit Federkernen zu tun hat? Es ist vermutlich ähnlich wie mit dem Dünner-Bauch-Tee, den meine Frau mir besorgt hat. Ich warte schon seit Wochen auf die durchschlagende Wirkung! Niente!

Kein Sex mit Nazis (Foto Arnold Illhardt)

Kein Sex mit Nazis (Foto Arnold Illhardt)

Wir Westfalen, die ja für ihre Einsilbigkeit bekannt sind, haben natürlich für diesen komplizierten Sachverhalt auch eine kurze Redewendung erdacht. Wenn man eine diffizile Sache nicht versteht, sagt man einfach, „da steckste nicht drin“. Womit natürlich die Sache an sich gemeint ist. Apropos „nicht drinstecken“! Neulich – in Osnabrück – fand ich an einer Häuserwand das Graffiti: Kein Sex mit Nazis! In einer Zeit, in der alles so unscharf, komplex und bekloppt ist, wäre das doch schon mal ne prima Orientierungsanleitung und auf Dauer eine natürliche Lösung eines grassierenden Problems. Dazu fällt mir noch abschließend ein Zitat des österreichischen Komponisten Gerhard Bronner ein: „Es gibt drei Dinge, die sich nicht vereinen lassen: Intelligenz, Anständigkeit und AfD. Man kann intelligent und AfDler sein. Dann ist man nicht anständig. Man kann anständig und AfDler sein. Dann ist man nicht intelligent. Und man kann anständig und intelligent sein. Dann ist man kein AfDler.“ Mist, ich habe was verwechselt: Da stand Nationalsozialist, nicht AfDler. Aber bei Sprüchen ist das eh immer so eine Sache, denn wie bemerkte schon Abraham Lincoln: Das Problem mit Zitaten, die man im Internet findet, ist, dass sie meistens nicht wahr sind. Nicht wahr!?

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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