Wo die Ems entspringt
Auf dem EmsRadweg von der Quelle bis Telgte

Was hat es eigentlich mit der Ems auf sich, die hinter unserem Haus entlangfließt? Mit dem Rad von Schloß Holte-Stukenbrock bis nach Telgte – auf der Suche nach der Emsquelle.

  1. Tag von Telgte bis Paderborn (per Zug)
Blick auf die Ems (Foto Arnold Illhardt)

Blick auf die Ems (Foto Arnold Illhardt)

Tagelang habe ich mich auf den Moment gefreut, da wir auf unsere Räder steigen und uns auf die Suche nach der Emsquelle machen. Allen, die es hören wollen, aber auch denjenigen, die es nicht hören wollten, habe ich erzählt, was für ein unglaublich entspanntes Gefühl es ist, auf dem Rad durch unbekannte Landschaften zu fahren, seinen Weg suchen und zu finden und des Abends zwar stolz über die vollbrachte Leistung, aber völlig ermattet ins Bett zu sinken.

Bei unserer ersten Tour in 2015 von Telgte nach Emden wollten wir schauen, wo denn die Ems nun bleibt, nachdem sie Telgte verlassen hat. Diesmal jedoch möchten wir zu dem Ort fahren, wo sie aus den Tiefen ans Tageslicht sprudelt, zwischen Hövelhof und Schloß Holte-Stukenbrock.

Offiziell starten wir unsere Tour erst ab Paderborn, wo wir mit dem Zug hinfahren werden. Die ca. 18 km nach Münster zum Hauptbahnhof bedeuten für diesen Tag keine Herausforderung, im Gegenteil: es ist ein entspannter Anfang unseres Abenteuers. Wunderschöne Landschaften gleiten später am Fenster des Zuges vorüber, ich kann sie nur kurz erhaschen, so schnell sind sie vorbei. Mein Blick wandert nach oben und er saugt sich an den Wattebäuschen am blauen Himmel fest. Wie schön sie sind, dachte ich, sie sehen so leicht und schwerelos aus, wann hat man je die Muße, Zuckerwatte-Wolken zu beobachten. In dem Moment verspürte ich zum ersten Mal auf dieser Tour wieder das Gefühl Kind zu sein. Dieses Gefühl, dass man vor Glück jauchzen möchte, wird mir auf diesem Fahrrad-Ausflug ganz oft begegnen.

Padersee Paderborn (Foto Arnold Illhardt)

Padersee Paderborn (Foto Arnold Illhardt)

Paderborn ist eine tolle lebendige aber auch gemütliche Stadt. Und es ist eine Stadt der Gegensätze: Mittelalter und Kirche auf der einen Seite und Computerwissen auf der anderen Seite. Ich liebe die romantische Seite und davon gibt es hier mehr als genug. Paderborn hat eine 1.200 jährige Geschichte: der Dom, das Renaissance-Rathaus und die Kaiserpfalz z.B. zeugen davon. Zudem entspringt direkt in der Stadt aus über 200 Quellen der kürzeste Fluss Deutschlands, die Pader. Von ihrer Quelle bis zur Mündung in die Lippe bei Schloß Neuhaus ist sie gerade mal 4 km lang.

 

Die Grünanlagen rund um Paderborn und ganz besonders das Paderquellgebiet sind herrliche Naherholungsgebiete. In einem dieser Parks, dem Riemekepark, essen wir unseren mitgebrachten Kartoffelsalat, bewundern den uralten Baumbestand und genießen die Atmosphäre der Stadt.

Da ja Paderborn eine Studentenstadt ist, gibt es hier auch tolle Studentenkneipen, eine davon ist unser Ziel: das „Sputnik“. Geniale Kneipe mit alten Möbeln aus den 70ern und einer richtig guten Bierauswahl!

Unser Hotel „Kaup“ liegt nicht weit entfernt vom Zentrum, von außen sieht man ihm die erstklassige Ausstattung nicht an! Sehr stilvolle Zimmer mit Blick auf einen großen Garten, einer Terrasse, auf der man im Sommer bestimmt herrlich sitzen kann und einem geschmackvollen Frühstücksraum. Es ist eindeutig das beste Hotel auf unserer Fahrradtour!

  1. Tag von Paderborn über Holte-Stukenbrock nach Rietberg
Emsquelle (Foto Marion Illhardt)

Emsquelle (Foto Marion Illhardt)

Wir folgen dem gutgemeinten Tipp unserer Hotelwirtin und fahren den Fahrradweg an der Pader entlang bis nach Schloß Neuhaus. Auf dieser Fahrradtour gewiss eine der schönsten Ecken in diesem Gebiet. Jedoch ist die Strecke danach bis Hövelhof eher öde, wir fahren kilometerweit an Maisfeldern vorbei, was natürlich die Sicht auf die Landschaft stark einschränkt. Von Hövelhof bis zur Emsquelle sind es ca. fünf Kilometer, die leider zum größten Teil an einer vielbefahrenen Straße entlang führen. Kurz vor der Quelle verlassen wir die Bundesstraße und radeln durch ein herrliches Waldgebiet, das Quellgebiet der Ems. Am Informationszentrum vorbei, was sehr hochtrabend ausgedrückt ist, stehen wir kurz darauf an einer sumpfigen Stelle im Wald: der Emsquelle. Hier entspringt also der wunderschöne Fluss, der hinter unserem Haus her fließt! Irgendwie habe ich mir eine plätschernde Quelle mit kristallklarem Wasser, die aus einem Felsen hervorsprudelt, vorgestellt. Doch da sickert ein Rinnsal aus den Tiefen des Waldbodens, es sieht eher etwas traurig als, als wenn sich die Ems nicht traut aus der Erde hervorzubrechen, da sie weiß, was ihr bevorsteht. Meine Hände schließen sich zu Fäusten, wenn ich daran denke, wie unsere feine Ems von Menschenhand zerstört wird und am Ende ihres Weges nur noch eine schlammige Kloake sein wird! Aber hey, die Menschen lieben es auf einem Kreuzfahrtschiff Urlaub zu machen!

Steinhorster Becken (Foto Arnold Illhardt)

Steinhorster Becken (Foto Arnold Illhardt)

Ungefähr auf halber Strecke führt der sehr gut ausgeschilderte EmsRadweg am Steinhorster Becken vorbei. Es ist mit 82,6 Hektar das größte von Menschenhand geschaffene Naturschutzgebiet in NRW, so steht es im Tourenbuch. Ich muss aufpassen, dass ich den auf einem Damm gelegenen Radweg nicht durch Unachtsamkeit „verlasse“, so reizvoll ist diese Ansammlung von Tümpeln, Feuchtwiesen und kleinen Seen. Hier nisten die unterschiedlichsten Wasser-, Wiesen- und Watvögel. Spaziergänger haben es sich auf den zahlreichen Bänken bequem gemacht, beobachten das quirlige Treiben auf dem Wasser und genießen den sonnigen ersten Herbsttag. Ein paar Kilometer vor Rietberg sehen wir die Ems wieder. Wie auf unserer ersten Fahrradtour freuen wir uns immer, mal ein paar Kilometer an der Ems fahren zu dürfen. Der Name EmsRadweg heißt nicht zwangsläufig, dass man nonstop am Fluss entlang fahren darf! Die Fahrt direkt am Wasser hat Seltenheitswert! Aber hier ist es tatsächlich ein sehr

hübscher Weg, der Fluss ist vielleicht drei Meter breit und verläuft noch in seinem ursprünglichen Bett. Was ich ganz bezaubernd finde, das ist mir kurz hinter Paderborn schon aufgefallen, stellenweise fahren wir an alten Häusern vorbei, deren Gärten sich bis zum Ufer hinunterziehen. Es hat so was von holländischen Grachten. Es wirkt absolut entzückend auf mich. Wie gesagt, ich fahre ständig mit der Gefahr, ganz unladylike im Graben zu landen, vor lauter bewundern, leider fahre ich dorthin wo ich hinschaue! Rietberg selber ist einfach schön! Schön, schön, schön! Wir haben es leider nicht geschafft, die Stadt an diesem Tag im hellen zu besichtigen, wir schlendern spät abends durch den Ort, der im leichten Dunst unglaublich romantisch und wie verzaubert wirkt! Ausnehmend viele, sehr schön restaurierte Fachwerkhäuser sind im historischen Stadtkern zu besichtigen, man nennt Rietberg auch die „Stadt der schönen Giebel“. Ich kann mir vorstellen, dass dieser Ort im Winter, wenn die Straßen mit Schnee bedeckt sind, noch viel verträumter aussieht!

Naturschutzgebiet Emssee (Foto Arnold Illhardt)

Naturschutzgebiet Emssee (Foto Arnold Illhardt)

Diese Nacht verbringen wir im Hotel „Vogt“, auch dieses Hotel können wir absolut empfehlen. Es liegt mitten im historischen Zentrum und hat den Vorteil, dass es genau gegenüber vom nostalgischen Café Münte liegt! Ebenfalls sehr empfehlenswert ist das Restaurant „1643“, ein Gasthaus, das in einem historischen Gebäude – eben aus dem Jahr 1643 – zu finden ist.

  1. Tag von Rietberg nach Harsewinkel

Dieses Mal auf unserer Tour haben wir unglaubliches Glück mit dem Wetter. Wir glauben erstmal nicht mehr unserer Wetter-App! Es war regnerisches und unangenehmes Wetter vorhergesagt und tatsächlich regnete es, als der Wecker klingelte. Doch kurz nach unserem sehr guten Frühstück, hörte er auf und es war zum Fahren eine sehr angenehme Temperatur. Überraschenderweise kam am Mittag sogar die Sonne zum Vorschein. Überhaupt sind wir der Meinung, dass der September der geeignetste Monat für eine Fahrradtour ist.

Ems bei Wiedenbrück (Foto Arnold Illhardt)

Ems bei Wiedenbrück (Foto Arnold Illhardt)

Unsere Hotelwirtin in Paderborn erzählte mir bei der Abfahrt, dass sie die Strecke bis Telgte sehr viel schöner und harmonischer findet, als weiter nördlich. Ich konnte es mir in dem Moment nur schwer vorstellen, doch der Weg zwischen Rietberg und Rheda-Wiedenbrück ist tatsächlich unglaublich romantisch, wir verlassen „unseren“ Fluss für nur höchstens zwei bis drei Kilometer. Kurz vor Wiedenbrück fahren wir durch eine Kopfweiden-Allee um dort wieder auf die Ems zu stoßen um in eine unbeschreiblich verträumte Atmosphäre einzutauchen. Es liegt leichter Dunst auf der Wasseroberfläche und durch die Weiden, die sich über das Wasser beugen, wirkt das Licht mystisch und es verleiht dem allen einen “Hamilton-Effekt“. Als wir kurze Zeit später in Wiedenbrück einfahren, bin ich fast ein wenig enttäuscht. Auch hier trifft man auf Häuser, die direkt am Ufer liegen. Wiedenbrück ist ebenfalls sehr sehenswert, der Fahrradweg führt durch einen Park nach Rheda, wo man unbedingt eine Pause am Schloss Rheda einlegen sollte. Erwähnenswert ist ab hier leider nur noch eine kurze Wegstrecke durch einen außerordentlich wundervollen Wald.

Ems (Foto Arnold Illhardt)

Ems (Foto Arnold Illhardt)

Wenn man, so wie wir, außerdem auf einer Tour die Atmosphäre der Landschaft rundum genießen will, kommt man vielleicht sogar in den Genuss, den Tieren des Waldes zu begegnen; ca. 20 m von uns stand ein Kitz im Wald und beäugte uns sehr misstrauisch. Und das kann ich nur zu gut verstehen, denn kurze Zeit später kam uns eine laut plärrende Fahrradbande entgegen, unangenehm und die Landschaft drumherum missachtend und eine Gruppe von Frauen, die ihre Hunde im Wald freilaufen ließen! Vor Harsewinkel legen wir noch eine Pause in Marienfeld ein, im historischen Klostercafé trinken wir einen Cappuccino und lauschen dem Gesang eines Chores, der just zu der Zeit in der Klosterkappelle probt. Ein wunderbarer Genuss! Tja, zu Harsewinkel kann ich nicht viel sagen, es ist eine traurige Stadt mir sehr viel Leerstand und wenig Atmosphäre.

Das Hotel „Amadis“ sieht von außen so aus, als wenn ich dort eher nicht nächtigen wollte. Doch man sollte nicht nur nach Äußerlichkeiten gehen, denn unser Zimmer war „erste Sahne“ und der Herr am Empfang war sehr nett und servierte uns am nächsten Morgen ein Frühstück, das locker für drei Personen gereicht hätte!

  1. Tag von Harsewinkel nach Telgte
Ems vor Warendorf (Foto Arnold Illhardt)

Ems vor Warendorf (Foto Arnold Illhardt)

Der Weg von Harsewinkel nach Telgte gehört mit absoluter Sicherheit zu einem der schönsten Abschnitte des gesamten EmsRadweges! Immer wieder fahren wir durch herrliche Wälder und bezaubernde Landschaften! Wir sind heute durch Abschnitte gefahren, wo ich vermutete, dass hier die Zeit stehen geblieben wäre. Bauernhöfe mit bunten Gärten davor, Hühner, die frei rumliefen und Kühe, die auf der Weide friedlich grasten! Keine Siedlungen mit nichtssagenden einfallslosen Einfamilienhäusern durchbrechen diese friedvolle Welt. Ich bin ein wenig betrübt, als wir Warendorf erreichen, obwohl der Weg zur Altstadt durch einen sehr hübschen Park und direkt am Emssee vorbeiführt. Doch Warendorf hat wesentlich mehr zu bieten. Die Stadt besitzt einen wunderschönen Marktplatz, eingerahmt von historischen Wohnhäusern aus verschiedenen Jahrhunderten und insgesamt erwarten den Besucher ca. 600 denkmalgeschützte Objekte. So nach und nach wird mir bewusst, dass wir bald daheim sein werden. Wir versuchen, die letzte Strecke von Warendorf nach Telgte mit den Augen eines noch nie hier gewesenen Radlers zu sehen und wir finden es sehr schade, dass wir die Ems wieder aus den Augen verlieren, da der Radweg weit ab herführt. Und leider kann man die Einfahrt nach Telgte nicht an einer der schönsten Ecken nehmen, da aktuell die beiden Emsbrücken über Wochen renoviert werden und Radler eine der Einfallsstraßen nehmen müssen. Und gerade das letzte Stück des Radweges, kurz bevor man in die Stadt einfährt, ist sehr nett anzusehen. Hier stehen die Bootshäuser der Telgter Paddelclubs, mit ihren blau/weißen und gelben Anstrichen erinnern sie an Kulissen aus dem Film „Die Kinder aus Bullerbü“. Telgte ist kleiner als Warendorf, doch steht sie der Nachbarstadt an schönen Ausblicken in nichts nach. An Sommertagen ist es möglich, auf dem Marktplatz zu essen und zu trinken; verschiedene Cafés, Restaurants haben sich hier angesiedelt und an lauen Abenden erinnert das Stimmengewirr durchaus an Szenerien irgendwo auf einer Plaza tief im Süden.

Fazit:

Am Emssee (Foto Arnold Illhardt)

Am Emssee (Foto Arnold Illhardt)

Ich wünsche mir oft, dass ich die Zeit um 50 Jahre zurück drehen könnte! Mit dem Wissen von heute zurück in die Vergangenheit, würde ich alles Menschenmögliche versuchen, ungehindertes Wirtschaftswachstum und die Globalisierung mit der einhergehenden Umweltverschmutzung zu bremsen! In einer Ausgabe der Tageszeitung „taz“ las ich, dass jeder dritte Baum krank sei, die herrlichen Wälder, durch die wir gefahren sind, sollen sterben? Ganz intensiv habe ich die Fahrt durch Wälder erlebt, ich habe die Schönheit der Farben, der sich langsam färbenden Blätter betrachtet und den Duft eingesogen, als wenn es das letzte Mal wäre! Kindheitserinnerungen an nicht enden wollende Spiele im Wald schossen mir durch den Kopf, für uns als Kinder, war es das Schönste überhaupt dort zu spielen. Der Gedanke daran, dass sie abgeholzt werden könnten oder vor sich hinsterben, macht mich ganz krank, die Kurzsichtigkeit und Dummheit der Menschen ist grenzenlos!

Teil I des Berichts findet man unter http://querzeit.org/reisenvonsinnen/der-ems-auf-der-spur 

Marion Illhardt

Marion Illhardt