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Der gemeine Gutmensch
Gut und Schlecht im Wandel der Zeiten

Kaum ein Begriff wurde in letzter Zeit vor allem von Rechten und selbsternannten Patrioten so mit Häme und Hasstiraden überzogen wie der Ausdruck „Gutmensch“. Ein einfaches Schwarz-Weiß-Schema, gepaart mit denkwürdiger Pathologie. Wenn das mal nicht böse endet!

Klarer Gutmensch (Foto A. Illhardt)

Klarer Gutmensch (Foto A. Illhardt)

Telgte. Es ist ein uralter Streit, ob der Mensch böse oder gut auf die Welt kommt, wobei natürlich im Vorfeld zu definieren sei, was gut und was böse ist. Gibt es ein eingebautes moralisches Empfinden oder ist die Umwelt schuld, wenn aus uns ein wie auch immer gearteter Lump wird? Und – was die Beantwortung dieser Frage nicht gerade einfacher macht – es gibt jede Menge bösartige Minusgestalten in der näheren und weiter zurückliegenden Geschichte, die ihr Gewissen mit dem Argument weichspülten, einer höheren Autorität wie dem Staat, dem Führer oder einer Religion gehorchen zu müssen. Eine ganze Reihe Massenmörder im dritten Reich gebrauchten diese Strategie oder waren bis zum Schluss davon überzeugt, das Richtige getan zu haben. Wenn somit ein Mensch angeblich unverschuldet böse und niederträchtig ist, weil er durch Triebe und Instinkte bzw. höhere Mächte zu solch´ Schlechtigkeiten verleitet wurde, gibt es dann im Gegenteil auch Menschen, die aufgrund von Verblendung, Naivität und der Annahme, durch jede Menge Menschlichkeit (was man ja gemeinhin mit dem Guten verbindet) ins Himmelreich eingehen zu können, fehlgeleitet und schlussendlich von böser Guthaftigkeit befallen sind?

Bis vor einigen Jahren war es im Grund recht simpel zu einem Ergebnis darüber zu kommen, ob etwas gut oder böse war. Allein durch theologische Überlegungen, die ja prägend für das sogenannte christliche Abendland waren und immer noch sein sollen, war das Gute unhinterfragt klar definiert. Danach brachte man mit dem Guten gerechtes, gewaltfreies, höfliches, liebevolles und – ich füge mal hinzu – menschenfreundliches Verhalten in Verbindung. Eine ganze Reihe von Werten, die vor allem von sogenannten wertkonservativen Parteien gerne hochgehalten werden, basieren auf diesen Vorstellungen. Als moralisch gut erachtete Eigenschaften oder Qualitäten, zusammengefasst als Wertesystem, sind in ihrer Verknüpfungen und tatsächlichen Realisierungen die Grundlage jeder ernstzunehmenden Gesellschaft. Aber auch diese Überlegung wird ad absurdum geführt, da Werte, auch wenn sich durch zahlreiche Philosophen und andere selbstdenkende Menschen bis zum Abwinken durchdekliniert wurden, nicht einheitlich festgelegt sind. Spannend ist es übrigens, dass die meisten selbsternannten Wertekonservierer mit oder ohne Parteizugehörigkeit oft selbst gar nicht wissen, von welchen Werten, die gerettet oder wieder in Erinnerung gebracht werden sollen, sie gerade reden. So ist Bescheidenheit zwar eine Zier, aber wirtschaftlich gesehen führt sie zum Ruin. Also lässt man sie klammheimlich im Moralnirvana verschwinden.

Gutmensch 2 (Foto A. Illhardt)

Gutmensch 2 (Foto A. Illhardt)

Viel weiter kommt man mit dem Guten auch nicht, wenn man die Philosophie bemüht. Was da an Gutem von Platon bis heute durch den Denkwolf gedreht wurde und immer noch wird, geht auf keine normale Kuhhaut. Wenn Aristoteles das Gute als das umschreibt, wonach alles strebt, so ist das nett gemeint, führt aber letztendlich zu nichts Gutem. Das Gute ist, so Aristoteles, was immer seiner selbst wegen erstrebt wird und was keines weiteren mehr bedarf. Derjenige Wille ist gut, so wiederum der Sohn von Frau Kant,  der gerade nicht dem natürlichen Streben nach Glückseligkeit nachgibt, sondern das will, was verallgemeinerungsfähig ist. Letzteres ist schlussendlich als kategorischer Imperativ  in die Philosophiebücher eingegangen. Wie immer kommt man auf einer Metaebene auf keinen grünen Zweig: Es gibt offenbar keine Einigkeit darüber, was das Gute schlechthin hin ist. Erstrebt der Rechtspopulist, ich will ja nicht gleich von Faschist sprechen, das Gleiche wie z.B. der Anhänger der Antifa (Antifaschistische Aktion)? Könnte man sich z.B. darauf einigen, dass alle Menschen gleich sind und es allen gleich gut gehen sollte? Klar, wird der rechtsdrehende Zeitgenosse sagen, nur bitte nicht hier in Deutschland. Hat er sich damit zugleich als Arschloch (armes kleines Körperteil, warum tituliert man Idioten mit deinem Namen?) enttarnt oder ist es sein gutes Recht, so zu denken, weil ein Rechter in seiner Moralentwicklung nun mal hartnäckige Insuffizienzen zu verzeichnen hat?

Was das Gute ist, wissen wir erst, weil wir das Böse kennen, las ich in einem theologischen Forum. Da ich als Psychotherapeut tagtäglich mit dem Bösen in seinen offenen, wie verdeckten Facetten in Berührung komme und auch im allgemeinen Alltag meine Augen nicht verschließe, Fach- und Tageszeitungen lese, sowie als Onlinerecherchist sehr umtriebig bin, bilde ich mir ein, ein Blick für das Böse zu haben, aber auch das vermeintlich Gute, das sich manchmal hinter Masken verbirgt und dabei Schlechtes im Sinn hat, hinterfragen zu können.

Gut oder schlecht? (Foto A. Illhardt)

Gut oder schlecht? (Foto A. Illhardt)

Nun hat sich seit einigen Jahren ein Begriff, der eigentlich lange unbescholten vor sich hin dümpelte, zu einem Spott- oder gar Kampfwort entwickelt, das zwar, wie die WELT in einem Artikel schreibt, „…kein zurechnungsfähiger Mensch mehr benutzt…““, was aber vor allem von Rechtspopulisten, Pegidisten, Sarrazinen, Patrioten und Anhängern anderer politischer und gesellschaftlicher Gruppierungen mit ausgehebeltem Mehrspurdenken nicht davon abhält, ohne Unterlass davon zu sprechen. Die Rede ist natürlich von dem Gutmensch. Um noch einmal die WELT zu zitieren: „Gutmensch sagen eigentlich nur noch Nazis und Idioten ohne sprachliches Feingefühl. Und manchmal – immer noch – Leute, die eine Klammer auf der Nase haben und von dem üblen Geruch nichts mitbekommen.“ Und auch mein word-Programm schlägt für Gutmensch Synonyme wie Biedermann, Moralapostel, Naivling, Sittenwächter oder Tugendbold vor. An dieser Stelle wird es bereits interessant, da gerade konservative und rechtslastige Mitmenschen über nichts anderes als Moral, die gute Sitte und Tugend bis zum Abwinken predigen. Irgendetwas läuft da doch falsch, düngt mir!

Als Gutmensch definierte ein Kommentator in einem ebenfalls rechtsanrüchigen Forum solche Zeitgenossen, die völlig naiv und deshalb realitätsfern seien. Und um nicht im Umkehrschluss als Schlechtmensch dazustehen, positioniert er seinesgleichen, also offenbar das Gegenteil von Gutmensch, als Realist. Nun gibt es ja im persönlichen wie weiteren Umfeld nichts Anstrengenderes und Öderes als Realisten, mit denen ja zukunftsmäßig nicht der leiseste Start zu machen ist, da sie in der Regel vergangenheitsverliebt, sicherheitsfanatisch und daher einfallslos wie eine sich in der Morgensonne wellende Salamischeibe sind. Meines Wissens gibt und gab es nur wenige Veränderungen in der Welt, die durch Realisten entwickelt wurden. Oder wie schon Federico Fellini feststellte, dass der einzig wahre Realist der Visionär ist.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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