David Foster Wallace
Depression, Drogen, Alkohol und Schriftstellerei

David Foster Wallace ist ein viel gelobter Schriftsteller aus den USA. 2008 beendete er mit 46 Jahren seine Leben. Das Ungewöhnliche an ihm ist seine Satire und Detailverliebtheit jenseits von Depression, Drogen und Alkohol Und mit dem Tiefgang des Alltags.

 

David Foster Wallace. (uploaded to Commons using by Flickr upload bot). Empfehlung vom Verlag KiWi)

David Foster Wallace (Foto: Steve Rhodes uploaded to Commons using by Flickr upload bot). Empfehlung vom Verlag KiWi)

Die gute Stube brodelt. Liebgewordenes, Ordnungssysteme, Traditionen geraten durcheinander. Was machen wir mit der verlorenen Orientierung? David Foster Wallace (ab jetzt DFW) öffnet Wege der neuen Offenheit, verschmäht Dogmen und mentale Lufthoheit. Literaturkritiker ordnen ihn in die Bewegung der „new sincerity“ („neue Aufmerksamkeit“) ein.

In einem Interview von Miriam Böttger (ZDF, zu hören in YouTube) mit DFW stotterte er bei der Frage nach Identität und Angst zögernd: „Er gibt das irgendwie Sinn für Sie? … Wissen Sie, was mir helfen würde? Sagen Sie mir, was Sie denken“. So antwortet doch kein Schriftsteller. Die sagen meist Tiefsinniges und Druckreifes. Bei DFW ist das anders.

Kurzer Steckbrief: Esther Göbel (Die Zeit) schreibt: „Der Sonderling mit den langen Haaren, abgeschnittenen Hosen und schweren Timberland-Boots kommt gut an bei den Frauen. Doch da ist auch noch sein zweites Ich: ängstlich, unsicher, grüblerisch.“ Seine Eltern scheinen für diese Seite der Psyche verantwortlich zu sein. Der Schule folgten Studien in Philosophie und Literaturwissenschaft. Eine Dr.-Arbeit in Philosophie brach er ab, weil er sich auf Schriftstellerei konzentrieren wollte. Er liebte Tennis, kam sogar in die 1. Tennisliga der Staaten. Seine Ehe (2004-8) bezeichnete er als glücklich trotz eines versuchten Seitensprungs, der total daneben ging (Missbrauch oder Leidenschaft?). Eine starke Depression, Drogensucht und Alkoholismus prägten seine Schriften und sein Leben. Mit 46 Jahren, 2008, nach Absetzen der Medikamente, entschied er sich für Suizid.

Gute Literatur hilft immer, die Realität besser zu verstehen. David Foster Wallace war für mich eine besondere Hilfestellung. Sie besteht aus vielen Arten alltagstauglicher Literatur: aus Reportagen. Essays, Vorträgen und Romanen. Sogar seine Romane haben einen anderen als den üblichen Stil: Nicht der rote Faden des Handlungsablaufs ist wichtig, er fehlt bei DFW oft), sondern das humoristische und ironische Nachdenken über seine Beobachtungen. Seine Sprache ist eher am Slang der unteren alltagsnahen Schichten orientiert. Es gibt in seiner gesamten Literatur „Interaktion, Formen von Liebe und Augenblicke der Schönheit und Zweckfreiheit, die eine andere Realität anzeigen“ (Jörg Nies). Besonders die themenzentrierte Literatur imponiert.

Was mir seine vielseitige Literatur bedeutete, waren folgende Fragen:

  1. Was sind die wichtigsten Ziele in der Gestaltung/Änderung der Lebensverhältnisse?
  2. Ist die Wirklichkeit, in der wir leben, nicht doch eine lebensecht drapierte Fernsehkulisse?
  3. Was sind die Alternativen zu unseren bisherigen Perspektiven unserer Lebenswelt?
  4. Vermittelt DFW eine Ahnung von dem, was das eigene Leben sinnvoll machen könnte?

Die von mir benutzen Bücher habe ich in themenzentrierte Literatur, also keine Sachliteratur, und Literatur mit Romancharakter eingeteilt. Alle sind scharfe Satiren auf Alltagsbeobachtungen. Besonders hat mich die themenzentrierte, mit Satire gespickte Literatur beeindruckt.

————————————————

Romane

Der Besen im System. Übers. Marcus Ingendaay. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2004

Mein Lieblingsroman, nicht nur, weil er in Cleveland, Ohio, spielt und ich die Stadt in den 90ern kennengelernt habe. Die zahlreichen Erzählstränge ergeben Sinn. Rick Vigorous gehört ein erfolgloser Verlag in Cleveland, Ohio. In dessen Telefonzentrale arbeitet Lenore Beadsman. Beide treffen sich beim Psychotherapeuten und verlieben sich. Rick hat Probleme mit dem Sex, liebt sie aber über alles. Im Bett erzählt er ihr Geschichten, die Lenore sehr betroffen, aber nicht glücklich machen. Eingeflochten sind Erzählstränge von ihrer egoistischen und kalten Urgroßoma. Bei ihrem Auszug – das ist ein weiterer Erzählstrang – gingen die Aufzeichnungen einer Vorlesung des berühmten Wittgenstein (sein Thema: Was macht Wahrnehmung sicher?) verloren. Des Weiteren gibt es Dialoge mit dem Psychiater von Rick und Lenore sowie Familien- und Collegegeschichten.

Warum der Titel? System ist Zusammenhang, Zusammenhang auch der vielen Erzählstränge. Nur, er gerät immer wieder aus den Fugen. Am Besen ist nicht nur der Teil mit den Borsten wichtig, eher der Stiel, der Ein-, Aus- und Durchbruch verschafft. Leben muss mit Zufällen, Komplikationen und Verlusten zurechtkommen. Eine Romanfigur spürte, dass „alles, was im […] Leben Halt und Ordnung gegeben hatte, zu Chaos und Unordnung zerschmolz“ Im System klemmt etwas.

Unendlicher Spaß. Übers. Ulrich Blumenbach. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2009

Buchtitel "Unendlicher Spaß" von David Foster Wallace

Buchtitel „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace

DFWs bekanntester Roman (ca. 1500 Seiten) ist eine Mischung aus Gesellschafts- und Entwicklungsroman, Familiengeschichte, Sport- und Drogendrama, Psychothriller, Satire und Science Fiction. Seine Kritik zielt auf die gegenwärtige westliche Gesellschaft. Der Roman dreht sich um Menschen, die ihre innere Leere (wie Ich-Verlust, Einsamkeit, Anhedonie, Depressionen durch Drogen, Alkohol, sinnlosen Zeitvertreib, Obsessionen) kompensieren wollen und damit in Abhängigkeit geraten.

Der bleiche König. Übers. Ulrich Blumenbach. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2013.

Dieser Roman, ca. 600 Seiten lang, wurde drei Jahre nach Wallace’ Tod wiederentdeckt und galt als Sensation. Weil er noch nicht abgeschlossen wurde, fiel er etwas ausführlicher aus. 12 Kapitel waren fertig und für einen Verlagsvorschuss geplant, aber nicht druckfertig. Die Koordination der Kapitel hat deswegen sein Herausgeber übernommen. Er fand einen Zettel von DFW im Nachlass und zitiert ihn: In den Szenen „droht etwas Großes zu passieren, es passiert dann aber nichts“. Vielleicht ist das die rote Linie der zerstörten Sinnhaftigkeit. Übrigens, ein Kapitel trägt den Titel „Scheiße“. Ein Affront?

In diesem posthum redigierten Roman zeigt er Originalität, genaue Analysen und satirisches Geschick. M.E. sind die vielen Kapitel, als Paragraphen nummeriert, eher Kurzgeschichten als die romanhafte Entwicklung einer Biographie. Ein Erzählstrang: DFW ist im Finanzamt von Peoria, Illinois, angestellt, im langweiligsten Job der Gegenwart, und absolviert Fortbildungen. Anfänglich hält er die anderen für ganz normal. Aber je mehr er sich einarbeitet, desto mehr gesteht er ihnen ein Recht auf Therapie der Langweile zu, und desto mehr fragt er sich, was für eine Arbeitsmoral Menschen in einer Steuerbehörde verspüren. Ein Bild für die alles beherrschende Bürokratie getragen von „Langeweile, Undurchsichtigkeit und Benutzerunfreundlichkeit“ und an anderer Stelle: von „Paranoia und Öffentlichkeitsscheu“. Die anderen Erzählstränge sind noch nicht fertig eingearbeitet und erzählen m.E. von der Angst und „Neurologie des Versagens“. Der Übersetzer redet von „Scherben“. Wie interessant wäre das Buch, wenn die Erzählstränge eingearbeitet worden wären! (Trotz der vielen Szenen aus dem Steuerprüfsystem verstehe ich immer noch nichts von Steuerprüfung.)

Die Angst, bei diesem Projekt zu scheitern, führte eventuell – so einer der Biographen – zum Suizid.

Themenzentrierte Schriften

Der Planet Trillaphon im Verhältnis zur Üblen Sache. (Zweisprachig) Übers. Ulrich Blumenbach. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2015

Das ist die erste Erzählung (1984), verfasst für eine Collegezeitschrift. „Trillaphon“ ist eine Buchstabenverdrehung von Tofranil, einem Medikament zur Milderung depressiver Symptome. Mit „üble Sache“ ist die Depression, die Krankheit des Autors, gemeint. So entsteht ein Bild: Depression ist wie ein Planet, von dem aus man den irdischen Alltag wie aus weiter Ferne erlebt. Der Erzählstrang ist eine Metapher der Entfremdung von der Welt. DFW erzählt von einem an Depression erkrankten Studenten. Die starken Medikamente versprechen eine glücklichere Welt. Wie in der Reklame haben sie ihn auf einen anderen Planeten geschossen. Einen Weg zurück auf die Erde gibt es nicht.

Das hier ist Wasser. This is Water. (Zweisprachig). Übers. Ulrich Blumenbach. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2012

DFW hielt einen Vortrag an einem College zum Studienabschluss. Die Studenten will er lehren, wie man denkt. Aber „Denken“ nicht wie sonst in einem abstrakten Sinn, sondern als Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Dinge. Sie sollen nicht in der Standardperspektive seiner Bildungsschicht wahrgenommen werden. Der Vortrag beginnt mit dem Witz, dass vor einem Frosch, der ins Wasser springen will, zwei Fische vorbeischwimmen, und er fragt sie, wie das Wasser sei. Die Fische geben keine Antwort. Später fragt der eine den anderen Fisch: Was ist Wasser? Klingt so das Ergebnis von Bildung? Theorie ist keine Bildung, sie löst keine Probleme. Ob das das College hören wollte?

Am Beispiel des Hummers. Übers. Marcus Ingendaay. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2008

Die Erstveröffentlichung wurde im „Gourmet. The Magazine of Good Living“ 2003 präsentiert. Nebenbei: Der Hummer galt früher als Arme-Leute-Essen. Aber das eigentliche Problem ist, dass er lebendig ins kochende Wasser geworfen wird und ganz offensichtlich dabei Schmerzen empfindet. Das große Hummerfest in Maine ignoriert dieses Problem. Rhythmische Kaugeräusche (alias Schmatzen) beherrschen die Szene. Gleich ob der Hummer Schmerzen empfinden kann oder eher nicht (Hirnstrukturen): Er will dem kochenden Wasser entkommen. DFWs Frage imponiert mir: „Wo sehen Sie die innere Berechtigung für diese Gleichgültigkeit?“. Er sieht das als Beispiel für viele Probleme.

Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Übers. Marcus Ingendaay. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2002

Wie sein Essay über den Hummer ist auch dies eine besondere Art der Auftragsarbeit, zwar ohne Honorar, aber mit kostenloser Teilnahme an einer Luxuskreuzfahrt. In Form eines Logbuchs berichtet er, was auf dem Schiff so abläuft. Er spießt die Teilnehmer mit ihren naiven Fragen auf, ob das Personal auch auf dem Schiff wohnt (nicht etwa nebenher schwimmt). DFW spart nicht an Kritik an der Firmenphilosophie der Kreuzfahrt, seine Analysen sind scharfzüngig, und seine Ironie ist ungeheuer treffsicher. Ein Beispiel, das mich ärgerlich machte, betrifft das Verhalten der Passagiere, die fast immer als älteres (Ehe-)Paar auftreten: an einander geschmiegt, die Frau lehnt ihren Kopf auf die Schulter des Mannes, der fühlt sich gebauchpinselt und als attraktiver Gönner. Beide träumen von alten Romanzen. Ist das Glück oder Lüge? Wie auch immer, DFW tut sich das nie wieder an.

————————————————

Was sagen einem diese Schriften? Diese Art von Literatur ist anders als erwartet, auch in der (sehr guten) Übersetzung ist die Herausforderung eindeutig, den Alltag richtig zu verstehen. Richtig verstehen? Nicht Besserwisserei ist das, sondern das Analysieren von alltäglichen Dingen, die einem nicht mehr auffallen. DFW scheut – so seine Essaysammlung „Die wahre Traurigkeit des Erwachsenen“ – keine schmerzhaften Konfrontationen, etwa mit seinen Essay vom Hummer in den Kochtopf, die Lieblosigkeiten einer Pornomesse, den Kern des Menschseins, die Wurzeln der eigenen Depression. Angesichts der Volksfestbräuche wird DFW, wie er schreibt, zum „neuzeitlichen Amerikaner in Reinkultur: nirgendwo zu Hause, ignorant zum Gotterbarmen, gierig auf alles …“ – ist das nicht bei uns in Deutschland auch so? Eben ein Sanierungsfall? Alltag muss gegen den Strich gebürstet werden. Hier einige scharfe Borsten:

Krankheit zum Tode

„Krankheit zum Tode“ ist ein Begriff von Sœren Kierkegaard, er passt genau zu DFW. Zwei Ebenen spürt man bei ihm: einmal, dass wir, die Leser, unter dieser Krankheit, der Verzweiflung, leiden können. Zum anderen die Tatsache, dass der Autor selber leidet. Darum ist er einer von uns. Gut für uns, weil DFZ aus der Perspektive der Verzweiflung schreibt. Adorno schrieb einmal über seinen Kollegen Walther Benjamin, dass seine Krankheit (ebenfalls Depression) ihn so sensibel für alle, insbesondere soziale Probleme gemacht hat. Das habe ich bei DFW auch gespürt. Insbesondere bei seinen Erklärungen/Begründungen, Analysen und seinem Schreibstil. Depression durch Liebe zu bekämpfen schlug fehl. DFWs Frau und andere schenkten ihm viel Liebe, seine Frau und Schriftstellerkollegen (wie die berühmten Autoren Jonathan Franzen und Phil Roth) protestierten dagegen, dass man seine Literatur auf Depression, Alkohol und Drogen zurückführte. Er selber fühlte zwei Formen der Fremdbestimmung, entweder die durch die Depression oder die durch Medikamente. erklärt den Suizid wegen der Depression als reine „Formsache“. Depressive „haben sich schon umgebracht“. Das gilt für ihn und auch für uns.

Die dunkle Seite des Spaßes

DFW ist kein Spielverderber, er liebt Spaß. Er machte auf seiner Luxuskreuzfahrt aktiv bei einem Karaokewettbewerb mit. Als Sieger bekam er ein Ständchen mit dem Ententanz. Da war für ihn der Spaß vorbei, er floh. Plattheit versperrt die schönen Momente und die Zweckfreiheit. Je aufmerksamer jemand den Spaß wahrnimmt und vielleicht sogar daran teilnimmt, umso eher hat er Angst, die schönen Seiten in einer platten Spaßgesellschaft zu verfehlen. DFW schrieb: „Spaß muss sein, ich will Spaß“. Man muss Spaß ernst nehmen.

Ist das die dunkle Seite des Spaßes? Sicher, Spaß setzt eine gute Beziehung voraus. Wie viel tragfähige Beziehung braucht man, um Spaß zu haben und zu genießen? Und wie viel Ehrlichkeit braucht man? Insofern müsste DFWs Roman „unendlicher Spaß“ im Grunde unendliche Traurigkeit heißen. Den Menschen, wie DFW schreibt, „wird keine andere Wahl gelassen, als sich blendend zu amüsieren“. Wirklich? Nochmal: Er will Spaß, aber Spaß ohne nachzudenken, warum man Spaß will, geht daneben.

Konsumkritik

Konsumkritik verliert zunehmend an Niveau. Es geht nicht nur um Geldausgeben (verbreitetes Motto: Das haben Sie sich verdient). Und es sind fast immer die anderen, die zu viel konsumieren. DFW will mehr, er versucht “jene große Lüge zu durchschauen, … nämlich das Versprechen, das Kind in mir immer und immer wieder voll zufriedenzustellen“. Konsumkritik setzt bei uns selber an, nicht bei den anderen. Sie hat – so ein anderes Zitat – „ausschließlich mit mir zu tun, mit meiner uramerikanischen Reaktion auf die Totalverhätschelung […] und dem unzufriedenen Kind in mir, das immer noch mehr will.“ Die urdeutsche Reaktion ist nicht viel anders.

DFW setzt noch eins drauf. Freundlichkeit steigert Konsumbereitschaft. Irgendwann steht „auch das echte Lächeln, […] die wahre Freundlichkeit unter Kommerzverdacht […] Andauernder Vertrauensbruch macht ratlos und einsam, hilflos und wütend und ängstlich. Er ist die Ursache von Verzweiflung“, also Krankheit zum Tode. Was macht Konsumterror mit den Menschen, vor allem mit den besonders verletzlichen?

Kritik der Bürokratie

Die EU plant angeblich, Wasserkessel zu verbieten, um Verbrennungen zu vermeiden, oder (was stimmt) den Krümmungsgrad von Bananen festzulegen, um einheitliche Qualitätsmerkmale zu bestimmen, und Ähnliches… Das alles sind Albernheiten der Bürokratie. DFW bleibt nicht bei der Beschreibung der Albernheiten in den USA stehen. Er hat eine Ausbildung als Steuerprüfer gemacht, um zu verstehen, was da vor sich geht. Was die Ziele sind, interessiert sie nicht. Mit welchen Methoden die Ziele, die sie nicht kennen, verfolgt werden, ist ein Selbstläufer der Behörden. Und eine Antwort auf die Frage, was die Arbeitsmoral der Behörden ist, gehört nicht zum Aufgabengebiet einer Behörde. Je mehr sich ein Staat auf die Arbeit von Behörden verlässt, desto mehr ist der Bürger verlassen. Eine Administration, ohne über Ziele, Methoden und Engagement zu reflektieren, ist reine Disziplinierung und Gängelung der Bürger.

Übrigens: Bürokratie sind staatliche Einrichtungen zur Kontrolle der Bürger. DFW kritisiert nicht einfach den Staat. Er kritisiert uns, was schwer zu akzeptieren ist. Er schreibt: „Wir sind der Staat, seine schlimmste Fratze – der habgierige Gläubiger, der strenge Vater“.

Wertoffenheit

In DFWs Schriften stößt man ständig auf Werte, auf denen seine Kritik beruht. Das sind vor allem Schönheit, Liebe, Zweckfreiheit und Autonomie. Der Reihe nach:

Schönheit erlebe ich bei DFW vor allem bei Menschen, nicht bei Landschaften, Architektur, Kunst usw. Ihm geht es auch nicht um Körperstrukturen. Es ist die Echtheit des Verhaltens. Die (hier: weibliche) Stimme im Lautsprecher ist meist nicht echt, DFW beschreibt ihre übertriebene Freundlichkeit mit “postkoitalem Timbre“, weil sie Konsum mit Eros vermischt. (Was hatten seinerzeit Autoreifen mit Frauenbeinen zu tun?) Ende der Schönheit?

DFW erlebt Zweckfreiheit beim Schachspiel mit einer Neunjährigen, im Gegensatz zu ihrer ehrgeizigen Mutter, die das arme Kind schon in diesem Alter dressiert. Zweckfrei ist auch sein Tischkellner, der Dienstfertigkeit als sein wichtigstes Motiv betrachtet, im Gegensatz zur Schiffsgesellschaft.

Liebe ist eine Haltung, die Nähe, Ehrlichkeit und Unterstützung verbindet. In jungen Jahren (Studium) saß DFW im Kino vor jemanden, der seinen Pulli verkehrt herum anhatte. Er sprach „ihn“ an, „er“ entpuppte sich als ein hübsches Mädchen. Mädchen, vor allem hübsche, flößten ihm immer Angst ein. Doch ein Wortwechsel machte alles anders, „und dann schenkte sie ihm das breiteste, schönste, tödlichste Lächeln der Welt“. Er erinnerte sich später gern an das Ereignis in seiner „alten“ Welt, als er noch in seiner medikamentösen Antidepressionswelt abgetaucht war. Ihm ging es nicht mehr um den Pulli und was darunter ist, ihm ging es um den Austausch von dem, was warum kratzt, stört, schmerzt und Leben zur Hölle macht.

Autonomie klagt DFW ein, weil viele tun, was alle machen. Fünf-Sterne-Passagiere freuen sich (wie die von der Butterfahrt mit dem Bus) über jeden Schrott, sobald sie das Luxus-Schiff verlassen. Anders der, der nachdenkt, was er warum will, und sich davon bestimmen lässt.

 

Was macht das mit uns?

Inkognito des Alltags. Sind Reifen nur Reifen, oder mehr, etwa Schutz für Vögel?

Inkognito des Alltags. Sind Reifen nur Reifen, oder mehr, etwa Schutz für Vögel?
Abfotografiertes Foto in der offenen Ausstellung im Wald bei Sapoi, Frankreich

Man weiß, dass Familienmitglieder, Freunde usw. nicht wirklich verstehen und nachfühlen können, was in depressiven Menschen vor sich geht und warum sie sich so verhalten. Aber depressive Menschen können verstehen, was andere Menschen wollen und warum sie es wollen. Darum gefallen mir DFWs Schriften so gut. Sie zeigen mir, was die verborgene Seite des Alltags ist. Das heißt: Alltag hat ein beinahe mystisches Inkognito. Ein Biograph von DFW schrieb, dass jede Liebesgeschichte bei ihm eine Geister(!)geschichte ist, das Wesentliche ist verborgen.

DFW will verhindern, dass der Alltag nicht trivialisiert wird. Spaß ist wichtig. Er darf nicht zum Meer von Belanglosigkeiten“ (B. Pörksen), nicht zum Krawall- und Eventfaktor werden. Ein Beispiel aus meinem Autoradio: Von Traum und Paradies wurde gesprochen. Das machte mich (als Beifahrer) hellwach, Träumen und Paradiese elektrisieren mich seit Mutters Schlaflied (… Schlafe selig und süß / in Traums Paradies…“). Was braucht man dafür? Neue Matratzen zu niedrigen Preisen, sagte die Reklame. – Ist das alles?

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt