Hippies hate water
Wenn ein Begriff zur Schablone wird

Die Hippiebewegung ist nicht tot. Sie ist vielleicht weniger im Vordergrund als in den 60er Jahren, aber durchaus lebendig. Und heute wie gestern gelten Hippies als Schablone für gesellschaftliche Zuordnungen. Den machttragenden Systemen sind Hippies ein Dorn im Auge, weil sie ein Zusammenleben ohne Autorität präsentieren und nicht tuen, was man ihnen vorgibt. Damit sind sie Sand im Getriebe und das knirscht gewaltig!

Hippie – sein oder werden

Tanzende Hippiefrau (Foto Arnold Illhardt)

Tanzende Hippiefrau (Foto Arnold Illhardt)

Großgeworden in einer vom Katholizismus und Konservatismus geprägten Gesellschaft, wurde mir schon als Jugendlicher recht schnell bewusst, dass diese Ismen keine Vorbildfunktion für mich besaßen und auch nie besitzen würden. Diese devote Untertänigkeit gepaart mit unbedingter Angepasstheit und unreflektiertem Gehorsam, sowie verziert mit geballter Scheinheiligkeit und Doppelmoral wollte so gar nicht in mein sich entwickelndes Bild von einem freiheitlichen Leben passen. Doch wohin mit dieser Sehnsucht nach Ununterworfenheit, Freiheit und Andersartigkeit? Dieser Lust auf Leben? Über die Literatur und Musik, angeregt durch Mitschüler und ältere Bekannte wurde ich aufmerksam auf die gegenkulturelle Bewegung der Hippies, die sich Anfang der 60er Jahre in Amerika formiert hatte und nach und nach auch nach Deutschland übergeschwappt war. Bedenkt man mein Alter, so kam ich grade mal in den Genuss des Rattenschwanzes dieser Kultur von Abweichlern. Hippies „…stellten die ihrer Meinung nach sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht in Frage und propagierten eine von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreite Lebensvorstellung. (Wikipedia)“ Wunderbar! Also ließ ich die Haare wachsen, kaufte mir in Dritte-Welt-Läden, sowie Second-Hand-Shops Klamotten, die meine Mutter klammheimlich zu beseitigen versuchte und tauchte mehr und mehr ein in die Parallelwelt, wie ich sie auf Konzerten der damals angesagten Krautrockszene, bei Begegnungen an bestimmten Insider-Treffpunkten (wie z.B. am Lambertibrunnen in Münster) oder in Teestuben fand. Dieses Gefühl als Gruppe, in der es keine großartigen Regeln, keine Chefs oder Strukturen gab, in der Männer und Frauen als gleichberechtigt galten, in der alles anders schien, als im abgenudelten Mainstream und in der Macht und somit auch Gewalt völlig verpönt, aber auch überflüssig waren, faszinierte mich und entwickelte sich zu einer bis heute anhaltenden Grundlage meines Seins.

Welcome freaks (Foto Arnold Illhardt)

Welcome freaks (Foto Arnold Illhardt)

Hippie wird man nicht, sagte mir mal ein solcher, sondern man fühlt es. Dabei zeigte er auf sein Herz. Mag sein, doch zunächst einmal fühlt man etwas ganz anderes: Gegenwind. Bis heute werden diesem Genre Assoziationen angedichtet, die schlichtweg blödsinnig sind und tief auf das Denkdesaster des Gegenübers schließen lassen. So ist auch der Titel dieses Textes „Hippies hate water“ (ein Song der Band „Mucky Pup“) bewusst gewählt, weil den Blumenkindern, wie man die Hippies damals gerne nannte, vor allem Schmuddeligkeit und Ungewaschenheit nachsagte. Gerne wurde auch aus der tiefen Kiste der gewollt eingesetzten Vorurteile ihr Hang zur Faulheit herausgekramt. So war es auch ein gern genutzter Spruch der Elterngeneration, ob man wie die Gammler enden wolle. In ihrer schier grenzenlosen Unreflektiertheit schien ihnen nicht bewusst zu sein, dass es ebenso wenig beglückend und attraktiv erschien, wie das Establishment, das durch die Eltern vertreten wurde, sein Leben zu fristen. Die Tristesse der Bürgerlichkeit: Ein Grauen!

Hippietum – gelebtes Leben

Versucht man das Phänomen des Hippieseins tiefer zu ergründen, werden bestimmte Aspekte deutlich, die mit dieser Bewegung seit ihrer Entstehung, in ihrer Blütezeit von 1969 bis 1971 und auch noch heute unmittelbar assoziiert werden bzw. von den Anhängern dieser Gegengesellschaft explizit hervorgehoben werden:

  • Ein Lossagen von Zwängen, von Reglementierungen, Autorität, Hierarchie, Leistungsprinzipien und bürgerlichen Moralvorstellungen;
  • Die Philosophie einer eigenen Lebensvorstellung, in der vor allem auch eine Entschleunigung, wie man es heute nennen würde, maßgeblich ist;
  • Das Experimentieren mit neuen Formen des Zusammenlebens in Wohngemeinschaften, Kommunen, autonomen Stadtteilen oder Dörfern. Gleichzeitig entstanden/entstehen auch radikale Formen des Aussteigertums mit verschiedenen Varianten der Isolation (Einsiedelei, Leben im Wald oder in Höhlen etc.);
  • Bezeichnend sind eigene Umgangsformen, die von Gleichberechtigung, friedlichen Lösungen und damit Gewaltverzicht geprägt sind. Aus diesem Grund werden jegliche militaristischen Prozesse und selbstverständlich auch Krieg strikt abgelehnt;
  • Verzicht auf Konsum; im Gegenzug Strukturen der Selbstversorgung und einer reduce-to-the-max-Einstellung;
  • Eine hohe Naturverbundenheit und in diesem Zusammenhang auch ein Leben nah an der Natur, sowie Verwendung einer naturaffinen Symbolik;
  • Ein Bestreben nach Nonkonformismus, was sich u.a. in der Art der Bekleidung, unkonventionellen Frisuren, Einrichtungen, Wohnformen, aber auch musikalischen Vorlieben auszeichnet;
  • „Die Blumenkinder bekannten sich ausdrücklich zu Hedonismus und versuchten ein natürliches Verhältnis zur Sexualität zu verwirklichen, welches Glück, Lust und Vergnügen nicht mehr in Abhängigkeit von Leistung, Konsum und Verdienst setzte.“ (1)
gelebter Nonkonformismus (Foto Arnold Illhardt)

gelebter Nonkonformismus (Foto Arnold Illhardt)

Die Hippie-Bewegung glänzte nicht nur, wie man ihr gerne bis heute vorwirft, mit einer Kontrahaltung, sondern versuchte stets, eigene Konzepte des Lebens und Zusammenlebens zu konzipieren. So ist auch der sich standhaft haltende Vorwurf des Gammelns und damit des Nichttuns im wahrsten Sinne des Wortes an den Haaren herbeigezogen, da viele Hippies (sicherlich nicht alle!) große Anstrengungen auf sich nehmen, um in der selbst gewählten Einfachheit existieren zu können. Es soll hier allerdings nicht darum gehen, Hippies und solche, die es gerne wären, mit Zuckerguss zu übergießen. Sicherlich ließen sich viele Aspekte zusammentragen, die weniger positiv zu werten sind. Nichts ist nervenaufreibender als die in diesem Genre hin und wieder anzutreffende Lethargie auszuhalten, was nicht selten dem Drogenkonsum geschuldet ist. Ich musste selbst die Erfahrung machen, dass die Verlässlich- und damit auch Verbindlichkeit mancher Zeitgenossen mehr als kritische Auswüchse annahm. Leider finden sich hier auch bevorzugt psychische Veränderungen wie z.B. Psychosen oder Depressionen, die das Zusammenleben nicht unbedingt vereinfachen. Aber deshalb lassen sich keine Verallgemeinerungen anstellen, auch wenn dies im bürgerlichen Denken basierend auf Vereinfachungstendenzen in den Vorstellungen über die Welt allzu gerne betrieben wird. „Kenste einen, kennste alle!“ Wie viele andere Bewegungen in ähnlicher oder aber auch abweichender Form ist die Hippiekultur trotz ähnlicher Grundlagen bezüglich der präferierten Lebensphilosophie keine homogene Gruppe – vor allem in ihrer Entwicklung bis in die Jetztzeit nicht mehr. Zum einen ist nicht jeder ein Hippie der so aussieht (viele entziehen sich bewusst einer Zuordnung), zum anderen findet man auch unter den sich als Hippie bekennenden Menschen eine große Diversität. Hippie ist nicht gleich Hippie, was sich z.B. in der politischen Ausrichtung, aber auch Aktivität niederschlägt. Während für einige jegliche politische Betätigung im klassischen Sinne bedeutungslos ist, arbeiten andere in Initiativen, Parteien, NGO´s oder anarchistisch orientierten Zirkeln mit. Viele nonkonformistisch lebende Menschen zeigen ihre Zugehörigkeit durch eine deutliche Symbolik, während andere tatsächlich nur den ideellen Hintergrund teilen. Meines Wissens, immerhin gibt es diesen äußerst positiven gemeinsamen Nenner, findet man kein rechtes Denken in diesen Kreisen.

Auswirkungen

Tanzen im Matsch (Foto Arnold Illhardt)

Tanzen im Matsch (Foto Arnold Illhardt)

Obschon diese nonkonforme Denk- und Lebensweise der Hippies immer wieder angefeindet und belächelt wurde und immer noch wird, lässt sich nicht verbergen, dass sie Spuren hinterlassen und gesellschaftliche Prozesse verändert und geprägt hat. Mal ganz abgesehen von Auswirkungen auf die Musik, wären die Entstehung der Friedensbewegung, ökologisch-orientierter Parteien, parteiunabhängiger politischer Strukturen, das freiere Ausleben von Sexualität, aber auch breiter Richtungen der Kultur sicherlich ohne den Spirit dieser anders denkenden und lebenden Menschen nicht möglich. Vor allem konservative und rechtsradikale Bürger werden nicht müde, das Hippietum zu verdammen, schließlich bedeutet es Sand im Getriebe in ihrer vor allem aus Autorität und Hierarchie bestehenden Weltordnung. Mit Blick auf die Weltgeschichte sollte allerdings festgehalten werden, dass es bereits vor der eigentlichen Namensentstehung „Hippies“ gegeben hat. Schon vor Jahrhunderten existierten glücklicherweise Menschen, die sich quer zum Mainstream bzw. der staatsführenden Meinung stellten, andere Lebensformen wählten und letztendlich verstanden hatten, dass ein aufrechter Mensch kein Untergebener sein und im Einklang mit der Natur leben sollte. Bevor sich die ersten Massenbewegungen entwickelten, wurden solche Leute weggesperrt oder geköpft. Ein System, das auf Gleichschaltung abzielt, braucht keine Querköpfe mit oder ohne langen Haaren, sondern Mitläufer, Ja-Sager und Manipulierbare.

Der Begriff wird zur Schablone

Die Beschäftigung mit der Hippiekultur, der ich mich selbst zugehörig fühle, führt alsbald zu einer interessanten Erkenntnis: Es tummeln sich zahlreiche Assoziationsketten, die bei näherer Betrachtung typische Denk- und Wahrnehmungsfehler vieler Menschen aufzeigen. Sie beweisen aber auch, wie beispielsweise Begriffe entfremdet werden, um sie dann aus einem eigenen Interesse hinaus zu missbrauchen. Plötzlich wird ein unliebsamer Begriff zu einer Schablone, die auf unerwünschte Mitmenschen angewendet wird. Wer hat an einer solchen Schablonisierung Interesse? Bestimmten Bereichen des parteipolitischen und wirtschaftlichen Systems (was ja identisch ist!) ist es ein Dorn im Auge, dass gesellschaftliche Strukturen ohne ihr Einwirken und damit ihre Einflussnahme und Manipulation funktionieren könnten. Schließlich möchte das staatstragende System dass wir wollen, was sie uns vorgeben. Das möchte ich mit einigen Beispielen ausführen.

  • Gibt man den Begriff Hippie als Suchbegriff ein, so wird man vor allem im Bildbereich mit recht albernen Karnevalskostümen konfrontiert. Da ja z.B. google-Ergebnisse aus der Anzahl der bereits eingegebenen Suchinteressen resultieren, scheint die Verkleidung als Hippie in den närrischen Zeiten offensichtlich sehr beliebt zu sein. Und tatsächlich begegnet man zu Karneval unzähligen Personen, die sich temporär in diese Kostümierung begeben. Es sollte sich sicherlich herumgesprochen haben, dass solche Verkleidungen nicht ganz unbegründet gewählt werden, da es sich bei der Verkleidung oftmals um offene oder insgeheime Rollenzuordnung handelt. Ein mir bekannter früherer Chefarzt, der als überaus grenzwertig dominante, egozentrische und hyperautoritäre Persönlichkeit bekannt war, wählte beispielsweise zu Fasching die Hippieverkleidung: Sein Erscheinungsbild war somit gegensätzlich zu seinem sonstigen Habitus. Für seine „Untergebenen“ war es lustig, ich war stets angewidert von dieser Entgleisung. Aber in unzähligen Analysen menschlichen Verhaltens in den von mir getätigten Psychotherapien stoße ich vor allem bei in sich gefangenen Personen, die durch hohe Leistungsorientierung, Angepasstheit und Perfektionismus glänzen, eine innere Sehnsucht nach Freiheit, Überwindung von Grenzen und gelockerten oder gar völlig gelösten Verhaltensweisen. Symbolisiert der Hippie vielleicht so etwas wie eine Art Archetypus – eine Ursehnsucht nach einem gelebten Leben? Und da viele Menschen diese Befreiung nie erreichen, wählen sie das Hippireske als Belustigung und merken dabei nicht, wie sie sich letztendlich selbst und ihre innere Starre zum Gespött machen.

 

  • Haare (Foto Arnold Illhardt)

    Haare (Foto Arnold Illhardt)

    Neben den langen Haaren, bunt angemalten VW-Bussen, Peace-Zeichen und selbstgenähten Klamotten werden mit den Hippies vor allem Drogen assoziiert. Und wenn man auch sonst keine Ahnung über Hintergründe hat, so hält sich die Legende vom dauerberauschten Kiffer wacker. Die Assoziation ist auch durchaus nicht falsch und bis heute spielen bei vielen bewusstseinserweiternde Drogen sicherlich eine Rolle, allerdings ist es fraglich, ob dies nicht auch in anderen, wenn nicht gar allen Bereichen ähnlich ist. Die Einnahme von Drogen stellt in der heutigen gehetzten und leistungsorientierten Gesellschaft eine Problematik dar, die von den Anhängern eines kapitalismusgeilen Systems gerne ausgeblendet wird. Es erinnert an eine Textzeile aus dem Song African Reggae von Nina Hagen: „Pass auf, dass du nicht geschnappt wirst! Sie sind nämlich hinter dir her … Du alter Kiffer … Dabei geht Ihre Gesellschaft am Alkoholismus zugrunde.“ Der Verweis auf hippireske Kiffer soll offenbar davon ablenken, dass der Rest der Gesellschaft im Schnaps versinkt, um sein Tagespensum absolvieren zu können. Aber Alkohol bringt Steuereinnahmen, Cannabis nicht. Der Kiffer verwässert somit sehr schön das Bild von der alkoholisierten Gefolgschaft der Mächtigen.

 

  • Ein weiterer interessanter Aspekt im Zusammenhang mit der Hippiekultur ist der Verweis auf den von ihnen gelebten Anarchismus. Tatsächlich spielt der Anarchismus bei vielen dieser bunten Menschen eine große Rolle. Fürwahr ist es ja im Grunde ein jämmerlicher Sachverhalt, dass Menschen Reglementierung, Macht, Autorität und Führung benötigen, um im Leben klar zu kommen. Obschon Anarchismus von seiner ureigenen Bedeutung „Ordnung ohne Macht“ bedeutet und dieses gesellschaftliche Konstrukt daher auch jegliche Gewalt ablehnt, wird von Politikern und Journalisten dieser Ausdruck gerne mit Gewaltanwendung und Chaos in Verbindung gebracht. Werfen irgendwo vermeintliche Linke Steine sind es Anarchisten und nicht, was die richtige Deutung wäre, Idioten! Doch der aufmerksame Leser dürfte an dieser Stelle leichte Ungereimtheiten feststellen: Die Hippies befürworten absolute Gewaltfreiheit und leben sie auch weitgehend. Plötzlich wird der Begriff Anarchie umgedeutet und in Verbindung mit Nichtstun, Faulheit und Drogenabhängigkeit gebraucht. Man sollte meinen, die parteipolitischen und wie Fähnchen-im-Winde-drehenden Angsthasen fürchten um ihre Machtstellung und Hierarchie. Es sollte einer gewissen Logik entsprechen, dass Anarchie, also Ordnung ohne Macht, sehr viel Disziplin, Selbstverantwortung und Toleranz bedarf, weswegen sie ja auch so schlecht umsetzbar ist. Sollten nun ausgerechnet diese Blumenkinder, Gammler und Aussteiger zu solchen urmenschlichen Stärken fähig sein? Also schnell den Schmuddelmantel des Anarchismus drübergezogen und das Thema ist beendet.

 

  • Festival des Lebens (Foto Arnold Illhardt)

    Festival des Lebens (Foto Arnold Illhardt)

    Selbst Teil der Friedensbewegung zog auch ich langhaarig und hippiresk gekleidet als Kriegsdienstverweigerer und Anhänger von Gewaltfreiheit gegen Atombomben, Krieg und Militarismus vor die deutschen Regierungspaläste. Ich war (und bin es immer noch) der Meinung, dass gewaltfreie Lösungen möglich wären. Doch fraglich ist, ob friedliche Lösungen gewinnversprechend und erwünscht sind, denn schließlich stößt sich an den unendlichen Massakern weltweit eine ganze Industrie mit Segen des jeweiligen Staatsoberhaupts gesund. Immer wieder höre ich mantraartig runtergebetet, der Mensch sei nicht in der Lage, auf Dauer friedliebend zu leben. Doch ist er, aber es gibt genügend Möglichkeiten, ihn davon abzuhalten. Und möchte man nun, dass ausgerechnet langhaarige Zottels mit umgehängten Gitarren und Blumen im Revers das Bild vom kriegsbereiten Menschen kaputt machen? Auch Friedfertigkeit ist eine hohe Kunst. Kriegstreiber und diejenigen, die vom Kriegsgeschäft profitieren, möchten auf keinen Fall, dass eine solche Friedfertigkeit ausgerechnet von Hippies vorgelebt wird.

 

  • Finkenbach Festival (Foto Arnold Illhardt)

    Finkenbach Festival (Foto Arnold Illhardt)

    Sowohl in meiner früheren Tätigkeit als Krankenpfleger, als in der heutigen als Psychotherapeut begegnen mir tagtäglich junge wie alte Menschen, die den Anforderungen der Leistungsgesellschaft nicht mehr standhalten und mit unterschiedlichen körperlichen, wie psychischen Krankheiten oder Störungen reagieren. Vor allem die Jugendlichen, auf Leistung getrimmt, schauen mich kariert an, wenn ich von Auszeiten, Ruhephasen, Entspannung und Recht auf Faulheit spreche. Wie soll das gehen, wenn man Erfolge bringen muss? Wenn schon junge Menschen auf ein möglichst frühzeitiges und lebenslanges Roboten in einem als sozial deklarierten Turbokapitalismus vorbereitet werden? Viele Hippies haben genau auf diese Fremd- und Selbstzerstörung keine Lust und steigen aus, fahren runter oder flüchten in einen leider manchmal auch ruinösen Drogenkonsum. Doch zu welchem Preis? Der Verzicht auf Luxus, auf völlig überflüssiges Konsumieren, auf Karriere oder Machtpositionen geht natürlich mit einem Leben einher, das auch Verzicht, Bescheidenheit und Genügsamkeit fordert. Der Standardspruch des Establishments ist, man wolle ja nicht zurück in die Steinzeit. Manchmal bezweifle ich, ob der stationäre Aufenthalt mit dem zweiten Hinterwandinfarkt auf der Intensivstation tatsächlich erfreulicher und lebensbejahender ist als das steinzeitliche Leben in der Hippiekommune auf dem Land mit Selbstversorgung und aufgeteiltem Küchendienst!!!

 

  • Genauso etwa wie zur Zeit Greta Thunberg, die schwedische Klimaaktivistin, mit allen erdenklich primitiven Mitteln in der Presse und den sozialen Medien angefeindet wird, gab es immer wieder Versuche, die Hippiebewegung zu ächten und in einen negativen Kontext zu ziehen. So werden vor allem Assoziationen gestreut, die ihre Gewaltlosigkeit in Frage stellt und sie vor allem als Drogenkonsumenten darstellen. Dieses Generalisieren von Einzelfällen hat Methode, zielt aber vor allem bei der Hippiebewegung darauf ab, einen möglichen Vorbildstatus oder Nachahmeffekt im Keim zu ersticken.

 

  • Hippies in Finkenbach (Foto Arnold Illhardt)

    Hippies in Finkenbach (Foto Arnold Illhardt)

    Wäre schließlich noch die Sexualität zu nennen. Auch hier hält sich tapfer eine nahezu unausrottbare Gedankenverknüpfung: Hippies haben wilden Sex und das mit jedem oder jeder, der ihren Lebensweg kreuzt. Als in meinem Geburtsort in den 70ern die Rockgruppe Kraan auftrat, deren Musiker in einer Land-Wg lebten, verteilten besorgte Kirchenfrauen, also so eine Art vorsintflutliche Pegida, Flugblätter, da sie das Konzert als Verrohung des christlichen Abendlandes, seiner Sitten und Kultur sahen. Der Grund für ihren Protest: Man wähnte, dass die Musiker Gruppensex betrieben, was allerdings in den Hirnen der kreuzbraven Frauen entstanden war. Ich will den Kirchevornesitzerinnen nicht zu nahe treten: Aber war dort nicht vielleicht der Neid Mutter der Empörung? Man nennt es auch Projektion, wenn der Frust über eigene Missstände und Defizite durch abwertende Urteile auf andere übertragen wird.

Vor allem konservative und faschistoide Parteien oder Gruppierungen lassen keine Gelegenheit aus, auf das durch diese Bewegung entstandene Sodom und „Gomera“ hinzuweisen. Auch wenn Sexualität inzwischen alle Lebensbereiche durchflutet und zudem industrialisiert wurde, hat es in vielen Betten an der sexuellen Einfallslosigkeit vieler Paare nichts geändert. Doch der diffamierende Verweis auf die durch die 68er- und damit auch Hippiebewegung entstandene sexuelle Revolution aus dieser orthodox-unterwürfigen Denkrichtung hat einen ganz anderen Hintergrund: Aufgrund der eigenen sexuellen Insuffizienz und der Angst vor unübersichtlicher Vielfalt sucht man nach einer eindimensionalen Leitkultur, die Andersartigkeit und – in den Augen der Rechtsdrehenden – Abartigkeit ausschließt, wodurch z.B. Homosexualität, sexuelle Diversität, freie Lebensgemeinschaften gebrandmarkt wird. Die vermeintliche Leitkultur ist somit nichts anderes als reglementierte und autoritative Monokultur.

Weitermachen

Der Autor bei Faulsein (Foto Marion Illhardt)

Der Autor beim Faulsein (Foto Marion Illhardt)

Genauso, wie auch der Rock´N Roll zig Mal totgesagt wurde, aber uns den Gefallen – zum Glück – nicht getan hat, lebt auch die Hippiecommunity weiter. Auf vielen Reisen, bei Konzerten auf sogenannten Hippifestivals (z.B. Finkenbach-Festival), in Christiania (Kopenhagen) oder in autonomen Wohnzentren habe ich Menschen getroffen, die der Umschreibung Hippie entsprechen und diese Umschreibung auch für sich selbst gewählt haben. So wie ich selbst. Ist man unter Seinesgleichen, taucht man, wenn auch nur temporär, in eine Parallelwelt, was mir – auch ohne Drogenkonsum – ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubert. Und mein altes Hippieherz macht einen Satz, wenn ich wahrnehme, wie viele junge Menschen den Spuren dieser Gegenbewegung folgen. Ebenso ist es bewundernswert, wie viele alte Menschen sich ihrer Ausrichtung treu geblieben sind. Ein Ende ist somit nicht abzusehen. Gibt es eine schöne Beschäftigung, als Sand im Getriebe eines trübsinnigen und lieblosen Überbaus zu sein?

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  1. Walter Hollstein: Die Gegen-Gesellschaft (Verlag Neue Gesellschaft)
Arnold Illhardt

Arnold Illhardt