Reichtum
Wenn Besitzen pathologisch wird

Reichtum ist nicht nur das, was sich in den Villenvierteln vor der Stadt abspielt, sondern ist in seiner Symbolik durch Regenbogenpresse und Werbung allgegenwärtig. Man hat sich an den Luxus und das arrogante Verhalten der Schickeria gewöhnt bzw. es wird auch seitens der Politik alles dafür getan, uns daran zu gewöhnen. Doch pathologischer Reichtum sollte immer wieder hinterfragt und in seine Grenzen verwiesen werden.

Reichtum – Ende aller Bedürfnisse

Dem Begriff Reichtum haftet etwas Inflationäres an. Es gibt einen Reichtum an Kreativität, an Spiritualität, an erlebten Momenten, an Erfahrungen oder an Besitz. Und immer schwingt dabei eine Bedeutung mit, die diesen Begriff zu etwas Erhabenem, möglicherweise Übersinnlichem, wenn nicht gar Unerreichbarem macht. So als sollte Reichtum – in welcher Form auch immer – das Ziel jeglicher Zustände sein. Der Psychologe Abraham Maslow formierte vor Jahrzehnten eine sogenannte Bedürfnispyramide. Danach bauen verschiedene Bedürfnisse aufeinander auf: Am Anfang stehen die Grundbedürfnisse (Essen, Trinken, Schlafen…), die nächste Stufe wird durch ein Verlangen nach Sicherheit (Wohnen, Einkommen, Arbeit) definiert, darauf bauen die sozialen Bedürfnisse (Partner, Freunde, Liebe…) auf und führen weiter zu Individualbedürfnissen wie Anerkennung oder Liebe. Die Spitze dieser Pyramide ist laut Maslow die Selbstverwirklichung. Es stellt sich allerdings die Frage, ob nicht die Selbstverwirklichung bei vielen Menschen längst durch ein Streben nach Reichtum abgelöst wurde. Und zwar durch den monetären Reichtum.

Haben oder Sein? (Foto Arnold Illhardt)

Haben oder Sein? (Foto Arnold Illhardt)

Wie man Reichtum definiert, ist nicht festgelegt, sondern abhängig von individuellen, sowie kulturellen Wertevorstellungen. Er ist zunächst weder ausschließlich positiv, noch ausschließlich negativ gewertet. Allerdings bedeutet Reichtum immer etwas, von dem ein Mehr vorhanden ist. Möglicherweise sogar ein Mehr als genug. Jedoch würde man sich vermutlich sehr schnell einig, dass man gar nicht genug an Erfahrungen HABEN kann, wohl aber an Besitztümern oder Geld. Der deutsch-amerikanische Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm stellte in seinem Buch „Haben und Sein“ inneren und äußeren Reichtum gegenüber: „Der Mensch, der nicht mehr vom Haben, sondern vom Sein bestimmt wird, kommt zu sich selbst, entfaltet eine innere Aktivität, die nicht mit purer Geschäftigkeit zu verwechseln ist, und kann seine menschlichen Fähigkeiten produktiv einsetzen.“ (1) Doch gerade weil der Begriff Reichtum keinem übereinstimmenden Denken unterliegt, rutscht auch der materielle oder monetäre Reichtum in den Dunstkreis des Positiven, des Erstrebenswerten oder gar Übermenschlichen. Er wird nicht mehr reflektiert, nicht mehr hinterfragt, weil er jenseits eines bestimmten Vorstellungsvermögens liegt. Wenn ich einmal reich wär´!

Um ein Beispiel zu nennen. Der Reichtum eines Weltunternehmens wie Amazon bzw. seines Besitzers Jeffrey Preston Bezos (2017 galt er als reichster Mensch der Welt) ärgert mich immens, weshalb ich dort nie bestellt habe. Ich möchte keine moralische Verantwortung daran tragen, dass durch diesen Kapitalismus u.a. kleine Betriebe bewusst ausgebeutet und schließlich zerstört werden und wurden. Dass von einem Konzern, dessen Kapital aus allen Nähten platzt, nicht einmal entsprechende Steuern in Deutschland abgeführt werden, was bei Superreichen offensichtlich Methode hat, sei einmal dahingestellt; es scheint seine Kunden auch in keinster Weise zu stören. Diese Diskussion führe ich etliche Male die Woche und stoße immer wieder auf Menschen, die aus Bequemlichkeit, Oberflächlichkeit und einer bedenklichen Gleichgültigkeit den Konzern weiterhin durch stumpfsinnige Bestellungen, die ebenso in einem Geschäft in der Nähe getätigt werden können, bereichern. Dass sie durch ihr Handeln einen pathologischen Reichtum unterstützen, kümmert sie keinen Deut. Und genau darin liegt die Chance eines jeden monetären Überflusses: Er bleibt ungebremst, wird obendrein hofiert und durch keine Instanz reglementiert, ja sogar wie eine Monstranz vor einer zum Teil bedürftigen Gesellschaft vorangetragen.

Schein des Seins

Schein des Seins (Foto Arnold Illhardt)

Schein des Seins (Foto Arnold Illhardt)

Ausgerechnet in dem von mir eher als gesellschaftskritisch wahrgenommenem Marburg wurde ich Zeuge eines Gesprächs zwischen drei jungen Frauen. Alle Drei waren offensichtlich Studentinnen der Betriebswirtschaft. In ihrer Unterhaltung ging es um die alte Frage, was würde man tun, wenn man plötzlich über immense Reichtümer verfügte. Die jungen Frauen waren sich ziemlich schnell einig, dass sie dann in einem dieser Nobelhotels in Dubai die Sau rauslassen würden. Interessant, dass diese geballte Eintönigkeit und Langeweile aus Prunk und Protz Fantasien über Reichsein beflügeln. Doch noch interessanter scheint mir die allgegenwärtige Symbolik des Reichseins zu sein. Die Regenbogenpresse mit ihren kapitalverherrlichenden Berichten und die Werbung bemühen sich mit allen Mitteln, diese Symbolik unters Volk zu bringen. Schaut man in eine Illustrierte wie die BUNTE, wimmelt es nur so vor Königsblau und es entsteht beinah schon eine Art mitleidiger Blick auf die kleinen und größeren Schicksalsschläge der gekrönten und ungekrönten Häupter. Gibt es eine größere Pein, als wenn die Prinzessin XY das gleiche Abendkleid für den Preis eines Kleinstwagen trägt wie Baronesse YZ

Wenn man schon selbst nicht zu den wenigen gehört, die sich Luxusjachten und Angeberkarossen leisten können, dann doch wenigstens mit günstig erworbenen Handtaschen von Louis Vuitton oder einem T-Shirt von Gucci aus dem Sonderangebot brillieren. Wenigstens der Schein soll stimmen. Doch welcher Schein? Der Schein der Überheblichkeit oder der schon widerlichen Borniertheit vieler Stinkreicher? Als Jugendliche sinnierten wir ebenfalls über die Frage, was wir täten, wenn wir reich wären. Natürlich dachte man an ein schönes Haus für die Eltern, die es nur auf Mietwohnungsstandard gebracht hatten, oder an ein Auto, das nicht, wie meine bisherigen, gebraucht gekauft war, mir kam aber nie in den Sinn, gleichzeitig auch ein bourgoiser Idiot zu werden.

Warum Reichtum?

Reichtum 2 (Foto Arnold Illhardt)

Reichtum 2 (Foto Arnold Illhardt)

 Ist Reichtum an sich verwerflich? Ihn zu kritisieren erfolgt in der Regel entweder aufgrund einer Art Sozialneid, weil der Kritiker selbst unvermögend ist, oder aus einer politischen, soziologischen oder ökonomischen Denkrichtung heraus. Mir sind persönlich Menschen bekannt, die über einen relativen Reichtum verfügen, was ich vielleicht so definieren würde, dass sie sich leisten können, was sie wollen, aber – wie es landläufig so schön heißt – dabei auf dem Teppich geblieben sind. Hier stellt sich die Frage, ob die Tatsache an sich, über viel Geld oder Besitztum zu verfügen, verwerflich ist oder ob nicht gleiche Rechte für alle Menschen gelten. Dies bringt das gern angeführte Beispiel aufs Tableau, dass ein Manager, der viel Verantwortung trägt und über die Existenz oder Nichtexistenz eines Betriebes bestimmt, es verdient, auch enorm viel Geld für seine Arbeit einzustreichen. Auch ich als Psychologe, dessen Einkommen sicherlich nicht unbedeutend ist, trage Verantwortung, manchmal sogar über die Existenz oder „Nichtexistenz“ von Menschen. Doch ist es trotzdem in Ordnung, dass es sich bei dem Gehalt des Managers um das zum Teil Hundertfache meines Jahresgehalts handelt? Und um wie viel mehr ist das im Vergleich zu einem Menschen, der in der Pflege, einem Büro oder einer Fabrik arbeitet?

Wozu Reichsein?

Das ist die Frage nach dem Warum des Reichseins. Doch es stellt sich auch die Frage nach dem Wozu. Wozu braucht ein einzelner Mensch Unsummen an Geld und Besitztum, um ein Leben in Saus und Braus, zudem in einer vollendeten Antiökologie und menschenverachtenden Weise zu leben? Warum muss es eine hafenbeckensprengende Superjacht sein, warum flächenverschlingende Paläste, warum spritfressende Boliden und davon gleich 5? Und immer wieder frage ich mich, womit sich die damit einhergehende Arroganz legitimieren lässt? Kein Mensch benötigt Millionen, um zu leben. Überwuchernde Gelder können entweder in den Erhalt der Betriebe und damit in eine optimale Entlohnung der dort angestellten Mitarbeiter fließen. An vielen Stellen vor allem in den sozialen, pflegerischen oder kulturellen Bereichen fehlt es an Geld für Arbeitskräfte oder die Umsetzung bestimmter Projekte. Warum nicht den Überschuss dort investieren. „Im Jahr 2017 besaßen 0,8 Prozent der Weltbevölkerung 44,8 Prozent des weltweiten Vermögens. 63,9 Prozent der Weltbevölkerung besaßen hingegen lediglich 1,9 Prozent des weltweiten Vermögens.“ (2) Dass weltweit Millionen Menschen verhungern, ist eine Form von Massenmord, der aufgrund von Geldgier der Superreichen, der Banken oder Spekulanten geschieht. „Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, wird ermordet. Der Hunger ist menschengemacht.“(Jean Ziegler) Warum ist das so? Weil wir allerorts Reichtum hofieren und damit legitimieren.

Auswüchse pathologischen Reichtums

Reichtum 1 (Foto Arnold Illhardt)

Reichtum 1 (Foto Arnold Illhardt)

Zu reden ist über einen pathologischen Reichtum, bei dem jegliche Relationen ab adsurdum geführt werden, vor allem aber das Erreichen dieses Reichtums auf verantwortungs- und hemmungslose, gar inhumane Weise geschieht. Wie bei so manchem Imperium – man nehme zum Beispiel Nestle – sogar ein Über-Leichen-Gehen beinhaltet. Pathologischer Reichtum bedeutet, dass gewisse Spielräume verlassen werden, für die allerdings – bewusst – keine Spielregeln vereinbart oder festgelegt wurden. Dass pathologischer Reichtum auf Ausbeutung der Menschen, Raubbau an der Natur oder lebensgefährdenden bzw. vernichtenden Umständen aufbaut, ist bekannt, gut beschrieben und alltäglich per Tagesschau mitzuerleben. Es scheint sich dennoch niemand an dieser Pathologie zu stören. Die deutschen Parteien hofieren bis auf wenige Ausnahmen diesen Raubtierkapitalismus und betätigen sich als Cheerleader dieser Oberschicht. Eine Kritik, so wie ich sie in diesem Moment schreibe, entfernt sich aus der berühmten politischen Mitte, die als einzig und allein sinnstiftend und verbindlich vereinbart wurde. Zum Schutz vor Kritik des bestehenden Systems. Als ich meine Kapitalismuskritik neulich in einem Gespräch anbrachte, bezichtigte man mich als linksextrem. Ach ja? Ist es linksextrem anzuprangern, wenn Reichtum über Leichen geht? Früher war das menschlich! Für eine Weile sogar christlich!

Interessant in dem Zusammenhang ist es, dass man Menschen mit unermesslichem Reichtum auch zubilligt, gesellschaftliche bzw. politische Verantwortung zu übernehmen, obschon ihr Reichtum gerade dadurch entstanden ist, dass sie diesen an der Gesellschaft vorbei und ohne Rücksicht auf Verluste angehäuft haben. Am Beispiel des leider noch immer amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Donald Trump, dessen Narzisstokratie demokratische Strukturen am laufenden Band schreddert, sieht man, wohin ein auf Kapitalflutung orientiertes System führt. Doch gesteht man Superreichen politische Macht zu, wird dies vor allem zu einem führen: zu mehr Besitz und zu einer Aufteilung der Macht unter den Wohlhabenden. Dieser Zustand ist auch in Deutschland nicht unbekannt und ich schreibe wohl nichts Neues, wenn ich behaupte, dass sich die Demokratie längst zu einer Lobbykratie und damit Oligarchie gewandelt hat. Über die politischen Geschicke wachen längst nicht mehr die von uns gewählten Parteien, sondern sie richten sich in einem geschickt abgesteckten und vor allem intransparenten Rahmen vor allem nach den Interessen der Besitzenden.

Reichtum 3 (Foto Arnold Illhardt)

Reichtum 3 (Foto Arnold Illhardt)

Wenige Tage, bevor ich diesen Text schrieb, befand ich mich auf der Durchreise in der Schweiz. Meine Frau und ich flanierten verliebt und „reich an emotionalen Eindrücken“ am Lago Maggiore und kamen so auch in die recht nette Stadt Ascona, wo der Capucchino über fünf Euro kostet. Meine Stimmung wurde alsbald tüchtig beeinträchtigt, als ich immer wieder Autos, Jachten und Häuser erblickte, die weit über einem „reichtumsgewöhnlichen“ Niveau lagen. Und mir schien, dass es sogar legalisiert war, dass die Reichen in ihren phallusähnlichen Luxuskarossen ungehindert in verkehrsberuhigten Zonen lustwandeln durften. Ich versuchte immer wieder, Blickkontakt mit den vermeintlich schönen Luxusfrauen- und männern aufzunehmen. Das dies scheiterte, mag auch an meiner ausschweifenden Einbildungskraft liegen. Ist dieser Reichtum tatsächlich verdient? Habe ich mich möglicherweise nicht genügend angestrengt, um dieses Leben als Reicher ebenfalls leben zu können? Eine Erwiderung, die häufig fällt, wenn es um die Kritik am Reichseins geht.

Bei meinen ersten Reisen als junger Mann mit einem klapprigen Bulli in den Süden stieß ich immer wieder auf Küstenabschnitte z.B. am französischen Mittelmeer, die komplett von der dortigen und zugereisten Schickeria zersiedelt worden waren. Es gab nicht die kleinste Chance, ans Meer zu gelangen, weil längst irgendein Millionär mit seinem Tempel des Wichtigseins und dem dazugehörenden Anwesen den Zugang abgeschnitten hatte. Wie kann es sein, fragte ich mich schon damals in unbändiger Wut, dass Naturbereiche, die allen Menschen zugänglich sein sollten, bevorzugt vergeben werden? Meine Wut basierte damals, wie heute nicht auf Neid, sondern auf dem ausgeprägten Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Gleichheit. Auch in meiner Heimatstadt Telgte waren sich die damaligen Zuständigen in den Behörden nicht zu blöd, den Reichen Bauplätze in naturgeschützten Bereichen der sogenannten Klatenberge zu vermachen. Ein Protest von uns prallte an den Rathaustreppen ab. Reichtum ist höher und vorrangig veranlagt als die profanen Gesetzgebungen fürs Volk.

Auf einem Bücherflohmarkt entdeckte ich vor kurzem ganze Auflagen einer Zeitschrift ausschließlich über die Royals dieser Welt. Ein Kabinett der Perversionen ohne Gleichen. Die Ausprägung der Hochachtung des Volkes vor den z.T. exorbitant reichen Königinnen und Königen, den Menschen mit und ohne „von“ vor dem Namen scheint trotz unzähliger Skandale und Schandtaten keinen Schaden zu nehmen. Die seltene Kritik an den Blaublütlern verpufft – wie schon vielfach selbst erlebt – in schierem Unverständnis. So als seien diese wohlhochgeborenen Zeitgenossen von welchem Gott auch immer höchstpersönlich auf den Thron gesetzt worden. Mir drängt sich allerdings durchaus die Frage auf, woher der immense Reichtum dieser Spezies herrührt? Auch gottgegeben? In seinem Roman „Die Vertreibung aus der Hölle“ beschreibt der Autor Robert Menasse eine Form von Zubrot des spanischen Hochadels: „Das war ein riesiges Geschäft der spanischen Krone: Menschen ihres Vermögens berauben und damit noch extra Gold dafür zu kassieren, sie am Leben zu lassen.“

Gemeint war damit das sogenannte Alhambra-Edikt (1492). Es ordnete die Vertreibung von Nichtchristen an, außer sie konvertierten zum wahren Glauben, was allerdings auch eine komplette Enteignung zu Gunsten der Krone nach sich zog. Wurden sie dennoch überführt, im Geheimen dem Judentum anzuhängen, blieb nur noch der Scheiterhaufen oder der Freikauf durch reiche Freunde, was natürlich auch der königlichen Kasse zugutekam. So wurde gleich doppelt verdient. Das Alhambra-Edikt wurde übrigens erst 1968 für unwirksam erklärt. Mir ist nicht bekannt, dass die gekrönten und frommen Blutsauger jemals aufgefordert wurden, die Gelder zurückzubezahlen. So erhält man einen ungefähren Einblick, wie u.a. die Reichtümer und damit die Macht entstanden sind. Von Nichts kommt nichts, sagt der Westfale. Warum hofiert man den Adel noch in vermeintlich aufgeklärten Zeiten? Und ließen sich ihre in Privatbesitz befindlichen Schlösser und Burgen durch unrechtmäßig erworbenen Superreichtum nicht viel besser in Jugendherbergen und Erholungsheime umfunktionieren? Das Vermögen der britischen Krone wird auf umgerechnet 12,7 Milliarden Euro geschätzt (3). Was ließe sich damit Sinnvolles finanzieren?!

Ein unbefriedigendes Fazit

Gerechtes Besitzen (Foto Arnold Illhardt)

Gerechtes Besitzen (Foto Arnold Illhardt)

Es gäbe unzählige Beispiele, die den miserablen Charakter von pathologischem Reichtum umschreiben. In einem kleinen Buch, einem Teil meiner Urlaubslektüre, fand ich den passenden Satz: „Wenn ihr das Schlechte ignoriert, könnt ihr leichter weitermachen. Aber indem ihr das Schlechte ignoriert, glaubt ihr am Ende, das Schlechte gebe es gar nicht. So werdet ihr immer wieder überrascht. Ihr seid überrascht, dass Kanonen töten, dass Geld den Charakter verdirbt, dass es im Winter schneit…“ (4) Wir leben in einem Zeitalter, in dem schlechter Charakter, ungerechtes Verhalten oder großkriminelles Gebaren niemanden mehr stören. Immer wieder zeigt sich, dass selbst massive und belegte Kritik an zerstörerischen Systemen bei der breiten Masse auf eine Art Immunisierung stößt. Und damit hat der geldgierige Clan der Superreichen geschafft, was existenziell wichtig für ihn ist: Es kümmert keinen.

Strategien, um übermäßigen Reichtum abzuschaffen und die Gelder umzuverteilen, womit sich die komplette Hungersnot und die damit verbundene Ermordung Millionen von Menschen vermeiden ließe, prallen in der Regel an dem breiten Bündnis von Politik, Behördentum und anderer Reichtumsschmeichler ab, aber auch der oben beschriebenen der gesellschaftlichen Gleichgültigkeit ab. Dennoch sollte man nie aufhören, den dumpfen und krakenhaften Einfluss des Reichtums in alle Bereiche unseres Lebens zu hinterfragen, anzuprangern und nach Möglichkeit einzudämmen. Pathologischer Reichtum ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein widerwärtiger blinder Fleck im 3. Jahrtausend. Genauso überflüssig wie die Pest im letzten.

 

(1) aus: https://www.dtv.de/buch/erich-fromm-rainer-funk-haben-oder-sein-34234/

(2) aus: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/384680/umfrage/verteilung-des-reichtums-auf-der-welt/

(3) https://www.welt.de/finanzen/immobilien/article141118051/Dieser-Mann-managt-die-Immobilien-der-Krone.html

(4) „Eine Geschichte der Welt in 10,5, Kapiteln“ von Julian Barnes

Arnold Illhardt

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