Kriegsspiele
Gedanken über wahre menschliche Idiotie

Jürgen Todenhöfer gebrauchte in einem offenen Brief an alle Kriegspolitiker der Welt die gut gewählten Worte: „Es reicht! Haut ab! Ohne Euch wäre die Welt ein viel schönerer Ort.“ Doch manche scheinen den Krieg trotz blutverschmiertem Gemetzel als Spiel zu sehen. Bis zum Rien ne va plus!

Zinnsoldaten (Foto Arnold Illhardt)

Zinnsoldaten (Foto Arnold Illhardt)

Ich bekenne: Als kleiner Junge habe ich Krieg gespielt. Vermutlich war es eher „Indianer und Cowboy“, aber Krieg ist Krieg. Mein Vorteil: Ich war unverwundbar, denn ich ging in der Rolle von Lederstrumpf auf und kämpfte für das Gute, was in diesem Fall hieß: Ich war auf der Seite der Mohikaner und ihrem Häuptling Chingachcoo. War man getroffen, rollte man den Sandhügel herunter, da ich aber klar die bessere Flinte besaß, verließ ich jeden Zweikampf ohne Blessuren, was meine jeweiligen Gegner auf Dauer gehörig nervte. Anschließend ging man in dem kleinen Tante-Emma-Laden, Frigio-Brause schlecken oder saisonbedingt auch schon mal ein Wassereis und leckte dabei gleichzeitig seine Wunden. Was uns Kinder zu der hirnverbrannten Tätigkeit trieb, mit imaginären Waffen aufeinander zu zielen, will sich mir heute noch nicht erschließen, vermutlich waren es die großen Helden aus dem romantisierten Wilden Westen, die in unseren Köpfen herumspukten. Ich hatte beim Beichtunterricht eingetrichtert bekommen, dass Töten eine Sünde ist. War dieses Gebot im Spiel ausgeblendet oder gab es vielleicht Ausnahmeregelungen, wie im echten Krieg?

Zinnsoldaten 1 (Foto Arnold Illhardt)

Zinnsoldaten 1 (Foto Arnold Illhardt)

Es wurde ernst und ich erhielt einen Musterungsbefehl, wobei der Befehl als Bescheid getarnt war. Ich schickte meinen Verweigerungsbescheid zum Kriegsministerium. Die Zeiten als Lederstrumpf waren passe, in mir brodelte ein hartnäckiger Antimilitarismus, genährt durch Literatur, die Auswirkungen einer friedensbewegten Hippiekultur und erste Kontakte mit antifaschistischer und regimekritischer Politik. Für mich verkörperte die Tatsache, dass ein Mensch mit einer Waffe auf einen anderen Menschen zielt, die komplette Armseligkeit eines menschlichen Miteinanders. Mein militärbejahendes Umfeld versuchte mir einzureden, dass Soldaten die Demokratie oder welche momentan gültige Staatsform auch immer und damit die in ihr lebenden Menschen schützen. Zudem hatte Deutschland damals eine Verteidigungs-, keine Angriffsarmee. Was sollte also passieren? Doch was war tatsächlich der Inhalt einer Verteidigung: Die Menschen, meine Familie, meine Nachbarn und Kollegen? Oder galt es, im Sinne eines Blutzolls die goldenen Nasen derjenigen zu verteidigen, die am Krieg verdienten oder ihn angezettelt hatten? Mir war nicht bekannt, dass jemals ein Volk Krieg gewünscht hatte. Es sind und waren immer Heerführer, Staatsmänner/-frauen und Könige, die beschlossen, gegen irgendwas ins Feld ziehen zu müssen. Wobei die Zeiten vorbei sind, in denen die Krieganordner an vorderster Front dem Gegner die Stirn bieten. Heute gibt man als Staatschef nur den Befehl und rettet seinen goldenen Hintern grimmig und kriegslüstern dreinschauend in Plüschsesseln, während sich Heerscharen von Folgsamen bereitwillig zu Kanonenfutter verschreddern lassen, wofür es dann später wahlweise Tapferkeitsorden oder schicke Kreuze auf den Soldatenfriedhöfen gibt. Da mir diese Aussichten wenig vorteilhaft erschienen, verweigerte ich, wurde aber mit dem Ergebnis „Untauglich“ aufgrund einer Sehschwäche ausgemustert!

Zinnsoldaten 2 (Foto Arnold Illhardt)

Zinnsoldaten 2 (Foto Arnold Illhardt)

Damals galt die Gewissensfrage: War man bereit, in direkter oder indirekter Weise einen vermeintlichen Aggressor zu töten? Ich muss diese Frage auch heute noch mit JA beantworten, denn natürlich würde ich einen Angreifer, der mich oder meine Familie bedroht, schlimmstenfalls auch töten, doch sah ich den Unterschied in der Ausgangslage. Es handelte sich in diesem Fall um eine konkrete Bedrohung, nicht um das Hinschlachten aus fremdbestimmten Gründen. Es ist notwendig, dem Wort „Krieg“ ein Gesicht zu geben, um die tatsächliche Dramaturgie aufzuzeigen. Man muss sich das einmal vergegenwärtigen: Da werden hochentwickelte Waffensysteme gebaut, die nur das einzige Ziel haben, Mensch und Land zu vernichten, egal ob es sich um gegnerische Soldaten oder um militärische Kollateralschäden, womit in der Regel zufällig getötete Kinder oder andere Menschen gemeint sind, handelt. Hauptsache tot, verletzt, verstümmelt oder verseucht. Da wird im Bundestag über Drohnen debattiert, als seien dies friedensnobelpreisverdächtige Kriegvermeidungsgerätschaften, dabei liegt bei den unbemannten Tötungsmaschinen der einzige Vorteil in der Tatsache, dass bei ihren Einsätzen kein Pilot drauf geht, was aber sonst im Anschluss zerfetzt auf dem Boden im Blut schwimmt, ist den Damen und Herren Kriegsministern völlig schnuppe. Im Krieg gibt es keine Gewinner.Zinnsoldaten 3 (Foto Arnold Illhardt)

Unsere Vorstellungen von den Auswirkungen eines Krieges basieren zumeist auf visuellen oder textlichen Quellen. Dadurch verlieren sie natürlich an Bedeutungskraft, denn wirklich vorstellen kann sich niemand, was Krieg bedeutet, wenn man ihn nicht selbst erlebt hat. Mir selbst war es vergönnt, Berichte von Zeitzeugen zu verfolgen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben. Doch wesentlich beeindruckender waren die Schilderungen einer Mutter bosnischer Herkunft, die ich über lange Zeit psychotherapeutisch betreut habe und die mir in den Gesprächen von ihren Kriegserlebnissen berichtete. Es war für sie übrigens anfangs eine Überwindung, mit mir als Mann in einem Raum zu sein, denn Männer waren für sie gleichbedeutend mit brutal, skrupellos und bestialisch. Sie sprach von Hinrichtungen, Vergewaltigungen, willkürlichen Erschießungen, Ermorden aus dem Hinterhalt, Bombenexplosionen, Detonationen, Brandschätzungen und der ständigen Angst, das nächste Opfer zu sein. Sie musste mit ansehen wie man ihren Großvater – einfach so – erschoss, sie sah offene Massengräber und Leichenteile. Noch heute spielen sich diese Bilder in ihrem Kopf ab und obschon inzwischen im halbwegs anerkannten Asylverfahren befürchtet sie, dass es jeden Moment an der Haustür klingelt und sie abgeholt wird. Ein schneller Tod ist im Krieg wünschenswert, alles andere ist ein Töten der Seele auf Raten.

Zinnsoldaten 4 (Foto Arnold Illhardt)

Zinnsoldaten 4 (Foto Arnold Illhardt)

Eine der typischen Kinderfragen, die ja den Grundlagen allen menschlichen Seins in der Regel am nächsten kommen, würde sicherlich heißen: Warum gibt es überhaupt Kriege? Wobei der Plural „Kriege“ nicht nur aufgrund der Vielzahl bereits geführter Gemetzel eine Berechtigung besitzt, sondern auch aufgrund der unzähligen, in diesem Moment schwelenden Kriegsherde. Würde man ständig über alle existierenden Kriege berichten, füllten diese Meldungen eine eigene Tageszeitung. Aber wer will das überhaupt wissen? Vermutlich gibt es auf die anfangs gestellte Kinderfrage keine geschichtshistorisch abgesicherte Begründung. Menschen führen Kriege, weil sie eben nicht so „sapiens“ sind, wie es in der nachgestellten Bezeichnung zu „homo“ gern vermittelt wird. Der weise Mensch würde alles in seiner Möglichkeit stehende versuchen, um jedes Scharmützel bereits im Keim zu ersticken. Die Bezeichnung „bestialisch“ im Zusammenhang mit Krieg verweist schon auf tierische Grundmuster, denn bei den animalischen Kollegen läuft ja auch vieles auf nicht sonderlich freundliche Weise ab. Man muss wohl psychologische Muster bemühen, um zu verstehen, warum sich vermeintlich denkende Wesen den Kopf – und nicht nur diesen – einschlagen. Vielleicht ist es eine psychoanalytische Melange aus Eros und Thanatos, die zu solchen Gewalttätigkeiten animiert. Unsere mit Fellen behängten Vorfahren, die mit Knüppeln, Keulen und sonstigem Gerät dem vermeintlichen Eindringling den Garaus machten, erlebten ihr blutrünstiges Handeln als wahres Flowerlebnis und erfuhren positive Verstärkung, wenn sie am Höhlenlagerfeuer den mit Spannung einerseits und Grausen anderseits lauschenden Anverwandten von den Gräueltaten erzählten. Da wusste auch schon Neandertal Junior, dass Blutvergießen und Töten anerkennungstechnisch ganz großes Kino darstellen.

Zinnsoldaten 5 (Foto Arnold Illhardt)

Zinnsoldaten 5 (Foto Arnold Illhardt)

Während ich diese Sätze mit Grimm und ohnmächt´ger Wut in mein Laptop einhacke, da mein grenzenloser Antimilitarismus mit mir emotionales Waterloo spielt, befinde ich mich auf englischem Boden. Der Engländer an sich gilt nicht gerade als zimperlich, was Kriegsspielen anbetrifft und das Militärische wird hier als allseits akzeptierte Hochkultur umjubelt. Bei unseren Rundgängen durch altehrwürdige Burgen und Schlösser blieben mir all die tischtennisplattengroßen und in Gold gefassten Kriegsmalereien nicht verborgen. Darauf zu sehen sind uniformierte Soldaten der unterschiedlichen Rangstufen, wobei das Niedervolk schon bereits schmerzverzerrt, falls es zu einer Verzerrung überhaupt noch in der Lage ist, am Boden liegt oder mit angstvollem, verbissenen Blick das tut, wofür man schließlich vor Ort war, nämlich zu kämpfen. Derweil reitet die Militärelite mit stolz geschwellter Brust, hoch zu Ross und natürlich in tadelloser Uniform, die mich immer etwas an alberne Karnevalskostümierungen erinnert, durch das Chaos des Elendigen. Man nennt diese behelmten Hornochsen allen Ernstes Kriegshelden, was die ganze Perversion des kriegerischen Treibens noch die Krone aufsetzt. Mit dieser weltumspannenden Heldenverehrung muss man sich nicht wundern, wenn die Glut der Kriegsführung mit Feuer und Flamme an das noch nicht von 12 bis Mittag denkende Jungvolk weitervermittelt wird.

Englische Kriegsliteratur (Foto Arnold Illhardt)

Englische Kriegsliteratur (Foto Arnold Illhardt)

Zu seinen Lebzeiten kehrte mein Vater, der im 2. Weltkrieg in Finnland eingesetzt war, wo er sich glücklicherweise bei der nicht kämpfenden Truppe, nämlich beim Tross befand, von einem Ehemaligentreffen zurück. Es war eine der wenige Male, bei denen ich ihn weinen sah. Er hatte die Veranstaltung frühzeitig verlassen, weil er angewidert war von den Erzählungen und Glorifizierungen der „Kameraden“. Sie fanden es offensichtlich großartig, wie sie dem Russen das Hirn weggeblasen hatten und rühmten sich ihrer Taten bei untadeligem Gewissen. Mein Vater, so seine Erzählung, hatte noch nachgefragt, ob sie denn nicht daran gedacht hätten, dass dieser ins Jenseits beförderte Russe auch Frau und Kinder gehabt habe, aber seine vorsichtigen Versuche einer Entmystifizierung des Kriegstreibens wurden verlacht und als Weicheiertum abgetan. In meiner frühen Tätigkeit als Krankenpfleger lernte ich unzählige solcher Kriegsfetischisten kennen, die ihre Stalingraderlebnisse runterbeteten und ihre vermeintlichen Heldentaten lobpriesen, während ich ihnen die Kriegsverletzungen einseifte. Wieviel Idiotie braucht ein Mensch, um diese Verherrlichung von interaktionellem Schwachsinn nicht mehr wahrzunehmen?

Kriegsspielzeug (Foto Arnold Illhardt)

Kriegsspielzeug (Foto Arnold Illhardt)

Der überwiegende Teil der Menschen, so zahlreiche Befragungen, lehnt Kriege als Mittel der Beschwichtigung von Konflikten ab. Und eine Evaluation des gesamten Baller- und Bombardierwahnsinns ergab: Nur in den wenigsten Fällen führte die kriegerische Auseinandersetzung zu einer wirklichen Verbesserung gesellschaftlicher Zustände. Das was die Raketen- und Panzerspuren hinterließen, war verbrannte Erde und noch schlimmer: Zerstörte Seelen. Und dennoch kümmert es niemanden, wenn nun erste analogdeutsche Patrioten wieder von Aufrüstung schwadronieren, niemanden kümmert es, dass Kriegsgeschäfte in Milliardenhöhe betrieben werden, niemanden kümmert es, wenn eine Faszination des Kriegerischen auf unterschwelligem Niveau wie z.B. bei PC-Spielen, Filmen gepflegt wird und niemanden kümmert es, dass Friedenaktivisten als grünlinksversiffte Gutmenschen tituliert werden. Wenn das Einsetzen für den Frieden links ist, dann schwant einem in etwa, was die restlichen Seitenbezeichnungen im Schilde führen. Würde ich morgen einen ultimativen Friedensplan vorlegen, der der Menschheit für alle Zeiten den Frieden sicherte, fände man mich wahrscheinlich übermorgen mit durchschossenen Lungenflügeln. Die Waffenschmieden der Welt sind am Frieden nicht interessiert und das Über-Leichen-Gehen ist ihr verdammtes Geschäft.

Kriegshelden (Foto Arnold Illhardt)

Kriegshelden (Foto Arnold Illhardt)

Eine weitere Kinderfrage könnte daher auch lauten: Sind Kriege tatsächlich unvermeidbar oder sollten Nationen eingreifen, wenn kriegslüsterne Staatsoberhäupter mit entsetzlichen Persönlichkeitsstörungen und Geltungsdrang meinen, die Nachbarschaft aufmischen zu müssen, weil man Bedrohungen wittert, die andere Religion nicht stimmt oder wie neuerdings bei der IS ein Zuviel an Freiheit und Offenheit aufgrund eigener Brachialpsychosen nicht geduldet werden kann? Der Katalog an Kriegsgründen ist unendlich lang und gleichzeitig so unendlich blödsinnig. Keine Religion, keine Ideologie und keine Profilneurose berechtigt Menschen, andere dafür zu töten. Und dennoch: Sollte man tatenlos zuschauen, wie anderswo gemetzelt und gemeuchelt wird, während der eigene Hintern trocken und bequem vor der Glotze Falten wirft? Sogar in libertären Kreisen, in denen normalerweise alles Militärische infrage gestellt wird, diskutierte man aktuell darüber, ob z.B. die Einsätze von Blauhelmen vertretbar sind, um den Frieden zu sichern.

Grabinschrift (Foto Arnold Illhardt)

Grabinschrift (Foto Arnold Illhardt)

In einer kleinen Kirche in Wales fand ich von Kindern gemalte Kärtchen mit der Aufschrift Peace und der Bitte, sich um den Frieden in der Welt zu kümmern. Als ich diese Karten in den Händen hielt, fragte ich mich, warum es zwar Verteidigungsminister, aber keine Friedensminister gibt!? Warum mehr Geld für die Verteidigung ausgegeben wird, als für die Sicherung des Friedens? Warum Menschen in Ländern Urlaub machen, die von kriegslüsternen Politikern regiert werden? Warum es Kriegsspielzeug und kein Friedensspielzeug gibt!? Warum es nicht mehr Forschungsinstitute für den internationalen Frieden gibt!? Warum nicht in jeder Schule das Fach Friedenserziehung angeboten wird!? Warum es so viele entsetzlich einfältige Menschen gibt, die mit einer Waffe in der Hand ihr Dumping-Ego frisieren müssen?

Ich werde auf diese Fragen vermutlich keine Antworten erhalten. Warum? Weil sie so schrecklich kindisch sind!