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Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
Am Beispiel Klinik und Hospiz

Telgte/Beesten/Enschede. Es ist eine weitverbreitete Meinung, dass in unglücklichen Abschnitten des Lebens der Humor nichts zu suchen hat. In der Trauer gilt er eher als unanständig. Humor kann das Leben in vielen Situationen erträglicher machen. Doch Humor als Strategie oder Therapie in traurigen Momenten?

In der Klinik, in der ich arbeite, werden zweimal im Monat „Clownvisiten“ angeboten. Ich bin sehr beeindruckt über das Engagement des Vereins „Klinikclowns Steinfurt Rheine“, kann mir aber nur sehr schwer vorstellen, wie Kinder und auch Erwachsene in für sie unglaublich bedrückenden und beängstigenden Situation auf ihren Besuch reagieren. Zur gleichen Zeit kam mir ein Gespräch in den Sinn, das ich vor ein paar Monaten mit einer Freundin führte. Sie ist in einem Hospiz in Lingen tätig und erzählte mir über ein Seminar mit Christian Heeck „Humor in der Sterbebegleitung“. Klingt das nicht sehr pietätlos?

Olinda Marinho e Campos (B. Gutsch)

Olinda Marinho e Campos (B. Gutsch)

Olinda Marinho e Campos, Tochter einer Bayerin und eines Portugiesen wurde 1978 in Ibbenbüren geboren – also die besten genetischen Voraussetzungen für ihre Berufswahl. Sie ist seit 7 Jahren selbstständige Clownin; gibt theater-pädagogische Workshops, spielt Clowntheater und besucht als Klinikclownin Mimi Menschen jeglichen Alters, ethnischer Herkunft und körperlich-geistigen Zustands in deren derzeitigen Aufenthaltsorten.

Walburga Kupfer (Foto A. Illhardt)

Walburga Kupfer (Foto A. Illhardt)

Walburga Kupfer, geboren 1949, hat 45 Jahre im medizinischen Bereich gearbeitet. 2004 machte sie eine Ausbildung zur Sterbe- und Trauerbegleiterin beim Lingener Hospizverein und ist seitdem dort schwerpunktmäßig in der Trauerbegleitung tätig. Sie ist seit vielen Jahren Mitglied im Literaturkreis Freren und startet jeden Morgen mit Yoga.

Marion Illhardt (im weiteren MI): Wie seid Ihr überhaupt zu diesem Beruf bzw. dieser Berufung gekommen? Was war die Initialzündung in diesem Bereich tätig zu werden?

Olinda Marinho E Campos (im weiteren OM):

Durch den Beruf meiner Mutter, die viele Jahre als OP-Schwester gearbeitet hat, bin ich als Kind mit dem Umfeld ‚Klinik‘ groß geworden – größtenteils ohne die emotionale Belastung eines Aufenthaltes meinerseits oder eines bekannten Menschen. Ich durfte die Bereiche kennenlernen, die für Patienten und Besucher off-limits sind und auch den Alltag des Pflegepersonals erleben. So erhielt ich Einblick hinter die Kulissen und was dort passiert, wurde nicht allein meiner Fantasie überlassen. Ich fühle mich bis heute in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen beinahe zu Hause.

Während meines Studiums der bildenden Kunst merkte ich, das mir ein für mich wichtiger Teil in der Kunstwelt fehlte. Die soziale Arbeit, das Miteinander, der direkte Kontakt. Die Kunstszene ist für mich ein relativ geschlossener Kreis, in dem nicht nur Talent und harte Arbeit zählen, sondern zudem es auch gehört, Kontakte zu pflegen, viele Hände zur richtigen Zeit zu schütteln, und sein Gesicht an den richtigen Stellen zu zeigen. Sicherlich trifft das auf viele Bereiche zu, jedoch glaubte ich mit meiner Kreativität in eine andere Richtung gehen zu müssen, eine anderes ‚Sprachrohr‘ zu finden, das dichter bei meinem Herzen liegt.

Meine Mutter hat zwischenzeitlich selbst einen beruflichen Wechsel vorgenommen und hat an der Theaterschule in Hannover ein Schauspielstudium mit der Richtung Clown absolviert und mit guten Freunden den Verein Klinikclowns im Kreis Steinfurt gegründet. Sie lag mir während meines Kunststudiums ständig in den Ohren: Du musst unbedingt einmal mitkommen, das ist genau Dein Ding! Aber ich hatte jedes Mal abgewunken; schließlich will jedes Kind seinen eigenen Weg gehen.

Emilia und Olinda (Quelle B. Gutsch)

Emilia und Olinda (Quelle B. Gutsch)

Nach der Geburt meiner Tochter Emilia machte sie mir wieder ein Angebot und diesmal sagte ich zu. Eigentlich sollte ich während meiner Hospitation nur im Hintergrund bleiben und beobachten. Doch ich konnte es nicht lassen und habe direkt mitgemacht und seit dem nie wieder aufgehört. Anfangs noch als Aspirantin, wöchentlich, auf meine Kosten und dann nach meinem Schauspielstudium als selbständige Clownin.

Walburga Kupfer (im weiteren WK): In meinen 45 Berufsjahren im medizinischen Bereich wurde ich immer mit Sterben und Tod konfrontiert. Ausschlaggebend für den Einstieg in die Hospizarbeit war der Tod meiner Mutter, die im Kreise unserer Familie zu Hause sterben durfte. Das war für mich ausschlaggebend, auch für andere sterbende Menschen da zu sein, die vielleicht keine Angehörigen mehr haben und alleine im Altenheim, Krankenhaus oder zu Hause ohne Begleitung dem Tod entgegen gehen müssen. Da kam mir die Idee, beim Lingener Hospizverein anzufragen, ob ich dort eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin beginnen könne.

MI: „Der Mensch hat gegenüber den Widrigkeiten des Lebens drei Dinge zum Schutz – die Hoffnung, den Schlaf und das Lachen“, sagt Immanuel Kant. Seht Ihr das auch so? Hilft das Lachen tatsächlich in frustrierenden, traurigen oder gar verzweifelten Lebensmomenten? Irgendwann ist doch „Schluss mit Lustig“, oder?

OM: Lachen befreit und löst Spannungen im Körper. Und Humor ist für mich eine essentielle Art und Weise, um gepaart mit Mut, zu neuer Hoffnung und Energie zu gelangen. So fällt es leichter den Alltag mit seinen Widrigkeiten entgegen zu treten, ihn womöglich zur Seite schieben und dadurch entspannen zu können.

Obwohl es schon große Unterschiede in der Qualität des Humors gibt. Ablenkung durch moderne Medien, Musik oder Büchern funktionieren sicherlich auf einer Ebene, hat jedoch meistens keinen direkten Bezug zur Person.

Ich persönlich bevorzuge die Auseinandersetzung und punktuelle Vergrößerung von Ereignissen, um die Absurdität im Kontext besser wahrzunehmen. Durch Vergrößern, Verkleinern und Überziehen von z.B. Bewegungen, Emotionen oder Gegebenheiten ein Bild zu kreieren, das amüsiert, regt aber auch zum Denken an und ist für mich daher erstrebenswert. Welche Art des Humors zu einem Menschen passt, vermag ich allerdings nicht zu sagen.

Wir Klinikclowns arbeiten immer mit dem Menschen vor uns im Fokus und seinen Bedürfnissen.

Jedem Menschen sollte die Möglichkeit geboten werden, sich zurückziehen zu können. Letztendlich ist das Zimmer (in einem Krankenhaus, Pflegeheim oder Palliativstation) der private Raum und in dem Augenblick das Zuhause desjenigen. Respekt ist oberstes Gebot, sowenig man das in erster Instanz von Clowns erwarten mag. Deshalb muss man wissen, dass wir Clowns immer erst klopfen und fragen ob wir das Zimmer betreten dürfen.

Diese Zimmertüren werden über den Tag verteilt durch umsorgendes Pflegepersonal, Ärzte, evtl. Therapeuten und besorgten persönlichen Besuch geöffnet. Die Krankheit/der körperliche Zustand steht immer im Raum, und spätestens bei Türöffnung wird diese wieder in den Vordergrund gebracht. Das kostet Kraft.

Wir Clowns legen es ist nicht zwingend aufs Lachen an, sondern reichen vielmehr eine Hand, um für einen Moment aus dem streng durchgeplanten (Klinik-)Alltag, auszubrechen und zum Durchatmen zu kommen.

Durch das Betreten des Zimmers wird, schon alleine durch unser anderes Auftreten, der Alltag durchbrochen, eine Pause bewirkt, die Aufmerksamkeit geht nach außen und eigene Assoziationen kommen nach oben.

Je nach Zustand des Patienten wird nach einer kurzen Begrüßung erst einmal mit einer kleinen Improvisation, die durch ein kleines Detail im Zimmer, sei es ein Gegenstand, ein Wort oder Anderes, begonnen und die Richtung der Improvisation mit Einfühlungsvermögen, zusammen mit dem Gegenüber, weitergeführt. Die emotionale Antwort darauf bestimmt unseren nächsten Schritt. Je nach Alter, Kraft, Gefühlslage und Bedürfnis wird entweder mit oder ohne aktiven Part des Patienten weitergespielt, besondere Lieder aus der Vergangenheit mit- oder vorgesungen, Erinnerungen geteilt und manchmal sogar mitgeweint, wenn es nötig ist. Was immer gerade da ist, darf nach außen, ohne dass wir bewerten. Wir Clowns haben keine Funktion im (Klinik)Alltag, keinen (gesellschaftlichen) Status, wir sind Verbündete, wo immer die Reise in dem Augenblick hingeht. Einen Moment imaginär durch andere Türen treten und einfach sein zu dürfen, bietet in gewisser Weise Entspannung und Erleichterung.

Stark in Erinnerung geblieben ist mir ein Patient, der im Sterben lag, mit dem wir uns oben im Himmel verabredet haben. Er wollte sich schon mal umschauen und alle Sehenswürdigkeiten und Geheimtipps auskundschaften, sodass er uns dann rundführen könne.

WK: Ich kann mich an eine Trauerbegleitung erinnern, die nach einem halben Jahr in eine musikalische Begleitung überging. Es stellte sich heraus, dass die Dame Geige spielte und ich Klavier. Plötzlich war ihr Lebenswille wieder geweckt und die vielen geweinten Tränen brachen jetzt in anderer Form durch. Wir mussten zwischendurch so viel lachen, weil wir dermaßen falsch spielten, dass wir immer wieder von vorne anfangen mussten. Sie fing wieder an Unterricht zu nehmen und hatte plötzlich ihre Freude am Leben wieder gefunden.

Marion Illhardt

Marion Illhardt

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