Gotteswahn
Eine typisch weibliche katholische Erziehung

Unter den Augen des Kreuzes und der Mutter Gottes (Foto: MM)

Unter den Augen des Kreuzes und der Mutter Gottes (Foto: MM)

Zwei Sprüche aus meiner Kindheit und Jugend sind mir noch gut in Erinnerung: Der eine war „Dein Leib ist der Tempel des Herrn“ und der zweite, eine als Warnung geäußerte Variante von meiner Großmutter und diversen Großtanten, war „Sei vorsichtig! Hüte dich vor den Männern! Sie wollen alle nur das Eine!“, wobei ich zunächst nicht wusste, was genau sie damit meinten. Das erschloss sich mir erst später…

Gott sieht alles – und die Mutter Gottes auch

Erinnerungen an eine christlich-katholische Erziehung – aus weiblicher Perspektive

Erst mit 12 oder 13 wusste ich, was genau gemeint war, wovor ich mich schützen sollte und warum „der Leib“ einer Frau, eines Mädchens zuallererst der „Tempel des Herrn“ ist. Aber vor Männern war ich da bereits hinreichend gewarnt, so dass ich mich damals dem „anderen Geschlecht“ nur mit Vorsicht näherte. Zugegeben, letztlich haben ihre Warnungen nicht viel gebracht. Die Neugier und durchaus erfreuliche Erfahrungen, die sich auf der Entdeckungsreise in Richtung „anderes Geschlecht“ auftaten, besiegten letztlich die Vorsicht. „Gott sei Dank“ möchte ich da fast sagen, wenn ich mit Gott noch etwas am Hut hätte. Irgendwie bin ich doch noch davongekommen. Vor all den katholisch-christlichen Reglementierungen, die nahezu allumfassend waren. Aber lang hat es gedauert bis ich der katholischen Kirche und dem Christentum den Rücken gekehrt habe.

 

Gefangen im Dschungel katholischer Erziehung

Heute frage ich mich, wie sie mich überhaupt so lange im Würgegriff halten konnten? Gut, ich habe das volle Programm einer christlich-katholischen Erziehung genossen: Tischgebete, erbauliche Heiligenlegenden, Bernadette Soubirous als großes Vorbild, mehrfache Gottesdienste pro Woche, mindestens einmal in der Woche ein Besuch bei der Mutter Gottes in der Kapelle, die wöchentliche Beichte, an Karfreitag in büßender Erinnerung an das Leiden und Sterben des Herrn den Kreuzweg gehen, die üblichen Sakramente, protestantische Kinder kannte ich nicht und über Ehepaare, die sich scheiden ließen oder es wollten, wurde hinter vorgehaltener Hand gesprochen… ein Mädchengymnasium, das zu Anfang von einer Ordensschwester geleitet wurde und in dem der Unterricht in einigen Fächern (Deutsch und Religion) auch von Ordensschwestern gegeben wurde… Später, als die meisten Ordensschwestern pensioniert waren, bekam die Schule eine einem Säkularorden angehörende Schulleiterin, die sich im Deutschleistungskurs beim Lesen von Kleists „Das Erdbeben in Chili“ Sorgen um unsere unversehrte Jungfräulichkeit machte. Kein Wunder, waren wir doch ansehnliche, quicklebendige, junge Mädchen im Alter von 18/19 Jahren, die, was dieses Thema anging,  durchaus schon auf einen gewissen Erfahrungsschatz zurückblicken durften. Das muss sie geahnt haben und vielleicht wollte sie unsere weiblichen Seelen retten, die dem Allzuweltlichen zu verfallen drohten. Wir Mädchen sollten „rein“ in die Ehe gehen…

 

Maria, die Mutter Gottes

Maria, die Gottesmutter, war der Maßstab, an dem Mädchen sich zu messen hatten. Vor allem im Marienort Telgte. Maria, die Magd Gottes, sie, die wider jegliche Natur in unversehrter Jungfräulichkeit vom Heiligen Geist ein Kind empfangen und geboren hatte. Sie war die einzige Frau, die nicht mit der Erbsünde belastet war, die Sünde, die mit Evas Ungehorsam und Verführungskünsten in die Welt gekommen war. Die Botschaft: Immer lieb sein, immer „Ja und Amen“  zu allem sagen, was uns gerade von oben aufgetragen wurde. Himmel, welch´ ein Schmarrn! Mädchen, die aus Telgte kamen, trugen da sogar eine besondere Verantwortung. „Aufgewachsen unter den Augen der Mutter Gottes“, wie eine Großtante einmal zu mir sagte und die mir damit eigentlich mein unfassbares Glück ins Bewusstsein rufen wollte. Sei wie Maria, die sich Zeit ihres Lebens dem Willen Gottes in Gehorsam untergeordnet hat, sogar dann noch, als ihr Sohn den grausamen Kreuzestod sterben musste! So lassen sich weibliche Gehirne bestens verkleben.

Pietá in Telgte (Foto: MM)

Pietá in Telgte (Foto: MM)

Unterordnung war das oberste Gebot weiblicher Erziehung und sie war real. Unterordnung unter die priesterlichen Gebote, die sonntags von der Kanzel donnerten, Unterordnung unter die Gebote des Ehemannes… Frauen konnten es entweder ins züchtige Ehebett oder ins Kloster schaffen, wenn sie nicht als „arme, alte Juffern“ ein kümmerliches, von Verwandten abhängiges Dasein fristen wollten. Bis auf die Kanzel oder zum Altar aber würden sie es niemals schaffen, denn dort wollte Gott offenbar keine Frauen! Sie hätten mit ihrem unreinen Menstruationsblut ja den heiligen Altarraum besudeln können. Denn nur das Blut eines Mannes ist heilig und wird verherrlicht, sei es am Kreuz oder in unzähligen Kriegen, das der Frau wird dagegen verteufelt (vgl. die Reinheitsvorschriften für menstruierende Frauen im Alten Testament oder die Mär von der „blutflüssigen Frau“ im Neuen Testament). Den Altarraum putzen, ja, das aber war in Ordnung. Als dienende Mägde, mit karitativen Aufgaben betraut, waren Frauen überall in der Gemeinde anzutreffen. Später durften sie dann auch als Lektorinnen auftreten und in Lesungen und Fürbitten zum Besten geben, was sich zuvor andere, zumeist männliche Gehirne an göttlichen Schwurbseleien ausgedacht hatten. Ja, und sie durften Kommunionhelferinnen werden. Tatsächlich, sie durften mit ihren von Natur aus sündigen, unreinen Fingern den Leib Christi in die Hand nehmen. Wow! Was für ein Fortschritt! Und noch später gab es dann die (von Johannes Paul II. nicht sehr geliebten)  Messdienerinnen. Aber diese als fortschrittlich verkauften „Errungenschaften“ waren nichts als jämmerliche, kleine Zuckerstückchen, die, von vielen Frauen willig und dankbar angenommen, zu nichts anderem dienten, als sie bei der Stange zu halten. Denn, wer sollte außer den Fauen all diese Aufgaben übernehmen? Und wieder einmal klappte es: die Frauen erwiesen sich als dankbar für jede noch so billige Kleinigkeit – und duckten sich weiter. Ave Maria!

 

Eva als Gegenbild zu Maria

Der Sündenfall (Foto: MM, Wallraff-Richartz-Museum Köln)

Der Sündenfall (Foto: MM, Wallraff-Richartz-Museum Köln)

Maria gegenüber stand als Warnung Eva, die zweite Frau Adams. Über seine erste Frau, Lilith, hatte sich Adam angeblich bei Gott massiv beschwert, weil sie bei der Liebe immer oben liegen wollte. Das gefiel Adam nicht, Gott schaffte Lilith ab und ersetzte sie durch Eva.  Lilith verschwand in den Bereich des Widergöttlichen und tauchte in der Mythologie irgendwann als Hexe wieder auf. Aber das ist eine Geschichte für sich … Skurrilerweise wurde Eva aus Adams Rippe geschaffen. Dass Männer Kinder „gebären“ können, kennt man von Zeus, aus dessen Kopf Athene, die griechische Göttin der Weisheit (!) in voller Rüstung entsprang. Könnte bei derartigen Phantasien eventuell der Gebärneid einiger Männer eine Rolle gespielt haben und zeigen sie nicht allzu deutlich den Ablösungsprozess ehemals matriarchaler Religionen, die über Jahrtausende weltweit anzutreffen waren, durch das Patriarchat? Aber auch Eva bekam Gott nicht wirklich unter Kontrolle. Denn Eva ist durch ihre Neugier, ihren Ungehorsam und ihre Verführungskünste dafür verantwortlich, dass es mit dem Paradies ein Ende fand und die Menschen von nun an im Schweiße ihres Angesichts arbeiten und die Frauen unter Schmerzen Kinder gebären müssen. Übrigens kommt Adam in der Schöpfungsgeschichte eher tölpelig daher und als es zum Verhör kommt, fällt ihm nichts besseres ein, als die gesamte Verantwortung auf Eva zu schieben nach dem Motto „Ich kann nichts dafür! Eva war´s! Sie hat gesagt, ich soll auch vom Baum der Erkenntniss essen und da habe ich es getan.“

 

Böse Eva, böse Schlange, böser Sex versus keusche Maria

Das Wissen darum, dass die Schlange, die eigentliche Verursacherin des paradiesischen Disasters, ein Symbol der kosmischen, weiblichen Urenergie ist (vgl. als Beispiel die Schlangengöttin von Knossos, Kreta), ist im Christentum weitgehend verloren gegangen. Die Schlange wurde ins Reich des Bösen, des Sündigen verbannt. Und doch ist sie untrennbar mit der Ikonografie Marias verbunden. Auf vielen Statuen und Abbildungen ist zu sehen, wie Maria  ihren Fuß auf den Kopf der Schlange setzt. Maria besiegt so das Böse, das mit Eva und der Schlange in die Welt kam. Sie besiegt den Ungehorsam, sie besiegt sogar weibliche Verführungskünste á la Eva. Sie wird schwanger ohne vorher Sex zu haben. Einfach so. Vom Heiligen Geist in Kooperation mit dem Erzengel Gabriel. Oder kann sich jemand vorstellen, dass Maria frech und aufmüpfig wurde oder gar Lust an der Liebe mit Josef hatte? Um solche Gedanken erst gar nicht aufkommen zu lassen, wurde aus Josef kurzum ein alter Mann gemacht, der sich, was die Erotik angeht, schon jenseits von Lust und Liebe befand. Stichwort: Josefsehe, für die das ottonische Kaiserpaar Heinrich II. und Kunigunde sogar heiliggesprochen wurde. Ihre Ehe blieb nämlich kinderlos, was zweifelsohne auf eine Josefsehe schließen ließ.

Ohne Worte (Foto: MM, Haus der Geschichte, Bonn)

Ohne Worte (Foto: MM, Haus der Geschichte, Bonn)

Der Tenor: erotische Liebe, Lust und Sex sind schlecht, sündig, gar teuflisch, besonders für Frauen. Zwar muss Sex sein der Kinder wegen, aber wenn, dann bitte nur genau aus diesem Grund und niemals aus Lust und Leidenschaft.  Schließlich gibt es ja noch Agape und Caritas, denen sich Frauen hingebungsvoll widmen dürfen. Ein Hoch also auf die Jungfräulichkeit, auf Beichstühle, in denen die heimliche Lust oft nur allzu willigen Priesterohren gebeichtet wurde, ein Hoch auf das Verbot von Verhütungsmitteln, auf Kreuze über Ehebetten („Der liebe Gott sieht alles!“) und das Weihwasserbecken neben der Schlafzimmertür, auf dicke flanellartige Nachthemden und Schlafanzüge, auf Schlüpfer, die unten bis an die Knie und oben bis an die Achseln reichen. Ach ja, und ein Hoch auf die Hexenverbrennungen, denen unzählige Frauen zum Opfer fielen! Ein Hoch auf die Dominikanermönche Sprenger und Institoris, die mit ihrem von widerwärtigen sexuellen Phantasien gespickten „Hexenhammer“ (Malleus Maleficarum) der Frauenverachtung, dem Frauenhass so richtig einheizten. Im wahrsten Sinne des Wortes! Die Scheiterhaufen begannen zu Abertausenden zu brennen…

 

Und wieder Maria

Und doch, wie schön, dass frau Maria hatte! Und das meine ich durchaus ernst, denn Maria war mir als Kind immer näher als das patriarchale Trio Infernale Gottvater, Gottsohn und Heiliger Geist. Das scheint auch heute noch den allermeisten Katholiken so zu gehen. Sie versprach Schutz vor der Willkür der drei Männer. Vielleicht weil sie trotz aller angedichteten Attribute menschlich-mütterlich  blieb und nie mit Strafen drohte. Gottvater war weit weg und er drohte beim Jüngsten Gericht als strenger Richter aller Sünder mit der ewigen Verdammnis. Weiß Gott, er war kein Sympathieträger, sondern glich eher einem angsteinflössenden Dauer-Inquisitor! Jesus als Gottsohn war mir zwar durchaus  sympathisch, bei der ersten heiligen Kommunion fühlte ich mich ihm auch kurzfristig nah und ich litt als Kind auch immer mit ihm, wenn er wieder einmal gegeißelt und gekreuzigt wurde. Mein Verhältnis zu ihm war aber geprägt von einem schlechten Gewissen, schließlich wurde er ja u.a. wegen meiner Sünden gekreuzigt, weil ich mich gezankt hatte, weil ich in der Kirche gelacht hatte und später weil ich mich gern von meinem damaligen Freund küssen ließ. Und der Heilige Geist? Der kam in meiner Kindheit nur als Taube, als Teil des Kreuzzeichens auf der rechten Schulter, bei der allerkeuschesten Empfängnis und an Pfingsten vor. Seine Rolle habe ich als Kind nie wirklich verstanden.

Heute aber kommt die Vorstellung eines heiligen, allumfassenden Geistes meiner Spiritualität am nächsten. Zudem geht die Vorstellung eines Heiligen Geistes auf das weibliche Wort „ruah“ (hebr.) zurück, das mit „Geist“, aber auch mit „Befreiung“ übersetzt werden kann und das das Geräusch des Atmens („Lebensatem“ oder „Odem“) ausdrücken  soll. Und in Maria schimmert trotz aller Dämonisierung des Weiblichen die uralte Vorstellung des Weiblich-Göttlichen durch, was in ihrer Ikonografie auch heute noch mühelos nachvollzogen werden kann. Schlange(!), Mondsichel, der vulvaförmige Strahlenkranz und so vieles mehr sind uralte, „heidnische“ Symbole der über Jahrtausende überall auf der Welt verehrten Muttergottheit. Und diese Muttergottheit liebte die lustvolle Sexualität, die orgasmische Lebensfülle. Dieses lässt sich unschwer an ihren zahlreichen, bis ins Paläolithikum zurückreichenden Darstellungen  erkennen (vgl. Venus von Willendorf und zahlreiche weitere Darstellungen; weiterführende Literatur: Marija Gimbutas: Die Sprache der Göttin). Mein Gott, und was geschah mit all dieser Lebensfülle?! Verbannt wurde sie ins Reich der Sünde, der Unreinheit, des Widernatürlichen, des Teufels (der ja nach christlicher Vorstellung ein geiler Bock ist) und so entstand sie neu als gefügige, jungfräuliche Magd eines Herrn, der von nun an darüber wachte, dass die Menschen und vor allem die Frauen sich nicht mit Unkeuschheit besudelten.

 

Jetztzeit

"Pillenpäule" (Foto: MM, Haus der Geschichte, Bonn)

„Pillenpäule“ (Foto: MM, Haus der Geschichte, Bonn)

 

Heute habe ich mit dem Christentum und mit der katholischen Kirche nichts mehr zu tun. Und mir sträuben sich die Nackenhaare, wenn ich von den Vorzügen und positiven Errungenschaften des „christlichen Abendlandes“ höre oder lese. Dabei wird oft unterstellt, dass „Werte des christlichen Abendlandes“ wie Menschenrechte und -würde, Nächstenliebe, Gleichberechtigung der Frauen etc. direkt und ursächlich auf das Christentum zurückgingen und es sie an anderen Orten, in anderen Kulturen und Religionen nie gegeben habe. Die Urchristen in den Urgemeinden mögen philanthropisch gewesen sein, aber das war nichts wirklich Neues, nichts, was ausschließlich diese Gemeinden auszeichnete. All das hat es Tausende von Jahren vorher schon gegeben. Menschenrechte und Nächstenliebe wurden nicht vom Christentum erfunden. Und Gleichberechtigung der Geschlechter schon mal gar nicht. Fast möchte man beim Rückblick auf 2000 Jahre unheilvolles Christentum und Kirche (hier in Mitteleuropa sind es „nur“ ca. 1200 Jahre) sagen, dass diese Werte in Opposition zu beiden errungen wurden, ihnen regelrecht blutig abgetrotzt werden mussten. Ur- und frühgeschichtliche, archäologische und ethnologische Forschungen belegen, dass es schon lange vor und jenseits des Christentums (oder des Judentums, das in einer Hirtennomadengesellschaft im Vorderen Orient entstanden ist und aus dem Christentum und Islam hervorgingen) Gesellschaften gab, in denen Menschen egalitär und konsensual zusammenlebten (Stichwort: Donauzivilisation). Ich behaupte, dass das Christentum als patriarchale, autoritäre Religion mehr Unheil als alles andere angerichtet hat. Von der Kirche ganz zu schweigen. Alle drei monotheistischen Religionen vernebeln den Menschen den freien Geist, sie pochen auf unbedingten Gehorsam im Namen eines autoritären männlichen Gottes und drohen mit schlimmsten Strafen, sollte man sich den Geboten nicht beugen. Das Ziel dieser Religionen ist Unterdrückung. Vor allem – aber nicht nur – die Unterdrückung alles Weiblichen. Ich möchte an dieser Stelle nur an einige frauenverachtende Zitate des Psychopathen Paulus erinnern, der damals bestimmend für die Marschrichtung des Christentums wurde. Es vergeht kaum ein Sonntag, an dem er in der Kirche nicht zu Wort kommt. Ausgerechnet dieser Mann wurde zum Oberapostel der Kirche.

Dabei spielt es keine Rolle, was uns darüber erzählt wird, was Jesus als angeblicher Stifter von Kirche und Christentum eigentlich wollte, denn was er wollte, können wir nicht wirklich wissen. Verlässliche historische Quellen sind dürftig. Dass Jesus tatsächlich gelebt hat und gekreuzigt wurde, daran bestehen wohl keine Zweifel. Aber ansonsten? Jesusvariationen gibt es mangels aussagekräftiger historischer Quellen deshalb zu Genüge, jeder kann sich sich seinen eigenen Jesus zusammen phantasieren: Jesus als Vegetarier, als Freund der Frauen und der Tiere, als Schwuler, als wunderbarer Liebhaber (auch diese Variante gibt es), als Hippie, als Pazifist, als Antikapitalist, aber gerne auch als einer, „der mit dem Schwert kommt“ und gründlich aufräumt und das am liebsten bei und mit den gerade vorhandenen Feinden… Selbst der christlichste Christ wird zugeben müssen, dass die Evangelien keine historischen Texte sind, sondern dass jedes von ihnen den Glauben seines jeweiligen Autors wiedergibt. Und da wurde oft das Blaue oder Schwarze vom Himmel geglaubt. So wie heute auch.

 

Kreuzestheologie

Betrete ich heute eine Kirche – was durchaus häufig geschieht, da Kirchen, so wie Friedhöfe, für mich unerschöpfliche kulturhistorische Quellen sind –  so bietet sich mir das folgende Bild:

Kreuzestod ( Foto: MM, Landesmuseum Bonn)

Kreuzestod (Foto: MM, Landesmuseum Bonn)

Ein von Schmerzen gekrümmter, grausam gequälter Mann hängt mit schmerzverzerrtem Gesicht blutüberströmt an einem Kreuz. Nägel durchbohren seine blutenden Hände und Füße, in seiner Brust klafft ein blutendes Loch und auf seinem Haupt ist eine Dornenkrone zu sehen, die ihre Stacheln in seinen Kopf bohrt. Nun weiß ich als christlich sozialisierte Frau, dass dieser Mann dort hängt, weil er für meine Sünden büßt. Freiwillig, denn die Chance, kurz vorher zu entkommen, hat er nicht genutzt. Und ich weiß, dass der Grund die Erbsünde ist, mit der ich wie alle anderen Menschen auch auf die Welt kamen – außer Maria. Aber ich wurde nicht gefragt und habe keine Chance, irgendeinen Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. Denn es ist Gottes Wille! Dann denke ich: es ist doch Gottes Sohn, der dort hängt und der so qualvoll sterben muss! Heißt das etwa, dass Gott sich seelenruhig anschaut, wie sein Sohn Stunde um Stunde um Stunde grausam gequält wird (über irgendwelche Gefühlsregungen Gottes in diesen Stunden ist nichts bekannt). Kein menschlicher Vater würde so etwas zulassen! Wie also schafft Gott das? Aber ja, kein Problem! Denn erstens ist er Gott und zweitens es ist ein Erlösertod! Gott lässt seinen eigenen Sohn einen furchtbar qualvollen Tod sterben, um uns sündige Menschen zu erlösen! Erlösen von der Sünde Evas. Himmel, welch´ geistesgestörte Hirn konnte sich eine derartig grausame Ideologie nur ausdenken? Und wie konnte sie einen derartigen Siegeszug antreten, dass sie von Milliarden Menschen geglaubt wurde/wird und immer noch in allen Kirchen „verkündet“ wird? Was macht sie mit der Seele, dem Geist von Menschen, die immer wieder mit ihr konfrontiert wurden?

Das jüngste Gericht (Foto: MM, Landesmuseum Bonn)

Das jüngste Gericht (Foto: MM. Landesmuseum Bonn)

Ja, und irgendwann, als ich unter einem der Kreuze gestanden habe, dachte ich darüber nach, dass ein Gott, der sich erbarmungslos den grausamen Tod seines eigenen Sohnes anschauen kann, ihn  sogar initiiert, auch keine Probleme mit Auschwitz hat.

Diesen Gott juckt nichts, den interessiert nichts. Denn es gibt ihn nicht. Diesen Herrn Gott. Er ist nichts anderes als eine Kopfgeburt von Menschen, die ganz versessen darauf waren, ihre Mitmenschen und explizit Frauen auf die Knie zu zwingen, sie mit Ge- und Verboten zu drangsalieren, um ihnen jede Lebensfreude und Lust auszutreiben. Und sollte es ihn wider Erwarten doch geben, dann werde ich mich einem jüdischen KZ-Häftling anschließen, der an die Wand seines Kerkers schrieb: „Sollte es Gott tatsächlich geben, so wird er um mein Verzeihen betteln müssen.“

Die Reihe der gruseligen Auswüchse menschlicher Phantasien ließe sich beliebig fortsetzen. Angefangen mit dem Brudermord Kains, weiter zu Abraham, der, weil er meint, Gottes Stimme zu hören, gehorsam bereit ist, seinen eigenen Sohn Isaak zu schlachten (heute wäre er ein Fall für die Forensik), die Qualen des Hiob, dem Gott so ziemlich alles Furchtbare, was möglich ist, antut, nur um seinen Glauben, seinen Gehorsam zu prüfen… das gesamte Alte Testament ist getränkt in Blut, in Mord und Todschlag und müsste eigentlich zu den jugendgefährdenden Schriften gezählt werden. Aber nein, weit gefehlt, das Gegenteil ist der Fall! Auszüge werden nahezu an jedem Sonntag in der Kirche vorgelesen, damit ja niemand vergisst, was Gott, der Herr, denjenigen anzutun bereit ist, die sich mit ihm anlegen. Oder denen es (zu) gut geht. Und mir möge kein einziger Theologe kommen und von Jesus schwadronieren, der angeblich das alttestamentarische Gottesbild revolutionieren wollte. Vom strafenden Vatergott zum liebenden Papagott. Das wäre allein angesichts der Kreuzestheologie kaum zu ertragen: er hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen eigenen Sohn für sie ans Kreuz schlagen ließ. Im Kreuz offenbare sich die unendliche Liebe Gottes… Himmel Herr Gott Sakrament, was für ein grausamer Un-Sinn!

Eines ist für mich ganz klar: dieser liebe Gott will keine Lebensfreude, keine Lust, keine Liebe zwischen den Menschen. Er ist in Wahrheit ein Menschen- und vor allem ein Frauenverächter. Das menschliche Dasein hat seinen Sinn im Jenseits, das nur durch Unterwerfung und Gehorsam im Diesseits erreicht werden kann. Dieser Gott ist das äußerst nützliche himmlische Pendant zum weltlichen patriarchalen Herrscher, der ebenso problemlos seine Soldaten („Gläubige“) in den Krieg schickt. Dieser Gott will Blut sehen und wenn es das Blut seines eigenen Sohnes ist! Und das Diesseits hat in seinen Augen ohnehin nur eine Aneinanderreihung von Mühsal, Missmut, Langeweile, Gehorsam, schwerer Arbeit, Verzicht bis hin zur Askese, Leid und Qual zu sein. Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich…

 

Befreiung

Paradise (Foto: MM)

Paradise (Foto: MM)

Es hat lange gedauert, aber letztlich ist mir die Be-Freiung von Christentum und Kirche gelungen. Zwar verstehe ich heute nicht mehr, warum  gerade Frauen – denn sie sind es, die die Kirchenschiffe füllen – immer noch am Christentum oder gar der katholischen Kirche festhalten (oder am Judentum oder Islam), aber des Menschen Glaube ist bekanntlich ihr/sein Himmelreich. Mir fällt auch nichts anderes mehr ein als ungläubig über Frauen mit dem Kopf zu schütteln, die in der katholischen Kirche für das Priestertum der Frauen kämpfen. Und für evangelische Pfarrerinnen und Bischöfinnen empfinde ich nur noch Mitleid, denn das Gottesbild in der evangelischen Kirche ist kein anderes.  Wie kann frau sich freiwillig zum Sprachrohr oder zur Stellvertreterin eines Gottes (und seiner jeweiligen Kirche) machen (wollen), der Frauen bestenfalls mit Verachtung straft und der sie als unreine, gefügige Gebärmaschinen missbraucht (vgl. auch Stellung der Frau im Islam und im Judentum).  Der Auszug aus Ägypten ist lange her und wurde – wie so oft in derartigen biblischen Situationen – durch Mord und Totschlag und das Blut Unschuldiger erkauft. Es wäre endlich an der Zeit für einen diesmal friedlichen und endlich ohne Blutvergießen vollzogenen Auszug der Frauen. Auszug aus den Kirchen, aus den Synagogen und aus den Moscheen. Ein kurzer Blick zurück, den Kopf und Mittelfinger stolz erhoben und ein „fuck you, dear Mr. God!“ *, sei den Frauen angesichts der angerichteten Verbrechen an ihren Körpern, an ihrem Geist, an den ihren Seelen und angesichts der Schändung von Mutter Erde („Macht euch die Erde untertan!“) gegönnt.

Dem Christentum und mit ihm dem christlichen Abendland allerdings stünde es zur Zeit gut an, sich zu bescheiden, sich in Selbstkritik zu üben und sich daran zu erinnern, welche Gräueltaten in seinem Namen schon begangen wurden und immer noch begangen werden.

Von mir aus könnten sich aber auch alle Religionen am liebsten ganz abschaffen, denn alle sind in meinen Augen gleich falsch. Sie hindern mit ihren Vorschriften, ihren Verboten, ihrem Anspruch auf die alleinige Wahrheit, ihrem disaströsen Gottesbild die Menschen daran, frei und selbstbestimmt in Frieden und mit Freude und Lust zu leben.

Zum Schluss ein Zitat des von mir hoch geschätzten Erich Fromm:

„Der Gedanke, dass der Mann allein, mit seinem Munde, durch sein Wort, aus seinem Geist, lebendige Wesen schaffen kann, ist die widernatürlichste Phantasie, die nur denkbar ist; sie verneint alle Erfahrung, alle Wirklichkeit, alle natürliche Bedingtheit. Sie setzt sich über alle Schranken der Natur hinweg, um das eine Ziel zu erreichen: den Mann darzustellen als den schlechthin Vollkommenen, als den, der auch die Fähigkeit besitzt, die ihm das Leben versagt zu haben scheint, die Fähigkeit zu gebären. Diese Phantasie, die nur auf dem Boden einer extrem patriarchalischen Gesellschaft erwachsen kann, ist das Urbild allen idealistischen, sich über die natürlichen Bedingungen und Gegebenheiten hinwegsetzenden Denkens. Sie ist gleichzeitig der Ausdruck einer tiefen Eifersucht des Mannes auf die Frau, des Gefühls seiner Minderwertigkeit durch den Mangel dieser Fähigkeit, des Neides auf ihr Gebärenkönnen und des Wunsches, diese Fähigkeit, wenn auch mit anderen Mitteln, zu erlangen.“

 

*“Fuck you, dear Mr. God!“ ist meine ganz persönliche Absage an ein in meinen Augen menschenverachtendes, patriarchalisches Gottesbild. Ich möchte niemanden damit zu nahe treten und sollte sich ein Leser/Leserin in seinem/ihrem Glauben angegriffen fühlen, so tut mir das aufrichtig Leid. Jeder Mensch mag glauben, woran er/sie will. Im Übrigen liegt mir noch am Herzen, Spiritualität nicht mit Religion gleichzusetzen. Spiritualität beruht auf eigenen Erfahrungen, Religionen dagegen auf den „Erfahrungen“ anderer Menschen und auf der Unterordnung unter zum großen Teil widersinniger Ge- und Verbote. Ich bin glücklich, meine Quellen der Spiritualität, die weit entfernt ist von Engeln und Elfen und irgendwelchen „Bestellungen beim Universum“, entdeckt zu haben, was unumkehrbar zu einer Abwendung von der Kirche, von allen Religionen und ihren Gottesbildern führte. Ausgangspunkt war hier die Abwertung der Frau, die zeitweise sogar zu ihrer Dämonisierung führte, und die „Inbetriebnahme“ eines männlichen Gottesbildes (egal, wie er nun genannt wird: Gott, der Herr, Allah oder Jahwe). Beides ist symptomatisch für die drei „großen“ monotheistischen Religionen.

Margareta Muer

Margareta Muer