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Das Scheißleben des Andreas Altmann
Kindheit und Jugend unter dem katholischen Kreuz

2011 erschien das Buch von Andreas Altmann mit dem vieldeutigen Titel „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“. Jetzt erst entdeckt und gelesen, stößt es eigene Erinnerungen an. Mehr als einem lieb sind. Dies ist keine Buchbesprechung.

Altmann Scheißleben (Quelle media.news.deimages

Altmann Scheißleben (Quelle media.news.deimages

Telgte 2015. Als ich das Buch von Matthias Altmann (*1949) beinah jungfräulich in einem Umsonstbücherregal entdeckte, war es zu allererst der kuriose Titel, der mir ein Schmunzeln abverlangte. So einfach kann es sein, einen originellen Buchtitel zu kreieren: Zack, einfach etwas mit viel Scheiße im Titel hingerotzt und schon weiß jeder beim ersten Anblick, dass hier nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Nun tue ich mich mit Büchern immer etwas schwer. Ich lese viel, aber nicht, um mich zu unterhalten, das kann ich auch hervorragend selbst, sondern um angeregt zu werden, um Sätze zu unterstreichen, um anschließend den Buchdeckel zuzuklappen und zu denken: Damit mach ich jetzt was! Krimis, Thriller oder sonstige Elaborate der Vielleserliteratur reizen mich nicht die Bohne und ein anderes Buch muss ich auf den ersten, sagen wir 20 Seiten packen, ansonsten geht’s zurück ins Umsonstregal. Übrigens eine grandiose Erfindung.

Schon früher beim Kauf von Schallplatten habe ich mich häufig durch Titel oder bizarre Cover hinreißen lassen, um später festzustellen, totale Boxenkrepierer erworben zu haben. Besagtes Buch überstand die ersten 20 Seiten spielend und die insgesamt 255 waren ebenfalls nach wenigen Tagen abgearbeitet. Sicherlich war es auch die leichtfüßige, unverblümte und provokante Sprache, die meinen Lesefluss antrieb. Große Literatur ist es schlussendlich nicht. Doch abschließend und mit etwas Abstand würde ich sagen, dass es vor allem der Inhalt war, der selbst erlebte Filmchen und Bilder meiner eigenen Kindheit und Jugend auf die innere Leinwand projizierte. Wobei vorauszuschicken sei: Im Gegensatz zu Matthias Altmann, dessen Kindheit in den 50er und 60er Jahren – der Roman basiert auf Tatsachen – ein ungelebtes Leben als Kindersoldat eines katholisch-despotischen (eine weit verbreitete und noch durchaus gängige Variante eines Höllenkatholizismus) Vaters war, kann ich selbst auf eine glückliche, wilde und erfahrungshungrige Variante als kleiner Mensch zurückblicken. Allerdings sind mir die Mechanismen und Indoktrinationen so mancher Analogfrömmler, die mir in meiner katholisierten Sozialisierung zum gern gezüchteten Kirchenschaf, was allerdings prächtig und zu meiner großen Zufriedenheit misslang, begegnet sind.

Andreas Altmann (Quelle Badische Zeitung)

Andreas Altmann (Quelle Badische Zeitung)

Altötting, 50er und 60er Jahre. Die Geschichte, mit der Altmann, heute ein bekannter Reisereporter, das Schlachtfeld namens Kindheit unter dem Zeichen des Kreuzes schildert, spielt in Altötting, jenem Wallfahrtsort in Oberbayern, dem Papst Johannes Paul II. 1980 auf seiner Pastoralreise nach Deutschland einen Besuch abstattete. Altötting könnte aber auch Wipperfürth oder Telgte heißen, jene Stadt, in der man mich mit Weihrauch und einschüchternden Bibelsprüchen einzulullen versuchte. Altmann´s Vater, ein stadtbekannter und streit-, wie verklagungssüchtiger Rosenkranzverkäufer, sowie Altnazi und überzeugter Katholik erzieht seine Söhne (und eine Tochter) mit einer Mixtur aus körperlicher Gewalt, Arbeitsdienst und Liebesentzug; zumeist in grausamer Kombination. Kleinste Vergehen werden mit unaufhaltbarer Aggression und Lust am herrischen Quälen geahndet. „Zur körperlichen Sühne kam die seelische Vergewaltigung. Statt einem Kind die Kraft fürs Leben einzutrichtern, es zu initiieren für die nächsten sechzig, siebzig Jahre Zukunft, schlug er das Kinderherz in Stücke…“ „Vielleicht trieb ihn die Wahnvorstellung, dass einer zuerst ruiniert werden musste, um in der Wirklichkeit bestehen zu können.“ Der kleine Andreas ist bis zuletzt unfähig, sich zu wehren. Trotz nachvollziehbarer Mordgelüste an seinem bestialischen Erzeuger bleibt er doch immer Opfer. Denn er ist „… unbewaffnet. Nur ausgerüstet – das wusste ich erst später – mit dem unbedingten Willen, an diesem Krieg nicht zu zerbrechen.“ Interessant, dass der Autor am Ende seines Romans versucht, die Sichtweise seines Vaters einzunehmen und sein Verhalten als die wenn auch dysfunktionale Reaktion auf ein eigenes Scheißleben interpretiert,

Würde (Foto A. Illhardt)

Würde (Foto A. Illhardt)

Mutter Altmann, die den gefühllosen Begattungsversuchen – anders kann man die Körperlichkeiten des Ehemannes nicht beschreiben – und Kränkungen des Besamers nicht mehr gewachsen ist, verlässt depressiv und psychiatrisiert die Familie, die Keimzelle christlichen Lebens, wie unsere z.B. homophoben Politiker mit Pathos in der Stimme gerne betonen. Altmann beschreibt später in einem Interview: Weil „sie terrorisiert war von der Kettensägenmonsterideologie des Glaubens. Sie konnte nicht aus der Kirche austreten. Sie fürchtete sich vor dem Fegefeuer und ihrem Mann. Sie machte sich in die Hosen, wenn er sie nur ansprach.“ Die neue Konkubine übernimmt ihre Rolle, ganz im Sinne des herrischen Vaters. „Sie geriet in einen Rausch, genährt von christlicher Lust am Abstrafen eines Sünders und der (christlich verbotenen) Bewunderung für einen, den sie begehrte und der zuschlagen konnte.“ So wächst Andreas Altmann auf „in einer Umgebung, die Körperhass, aber zugleich Geilheit und Heuchelei ausstrahlte.“ (Altmann)

Evelyn Finger schreibt auf ZEIT-Online (September 2011): „Dieses Buch ist aber keine modische Vatermordprosa, sondern ein Tatsachenbericht über die Abwesenheit Gottes. Der Autor will den Katholizismus nicht abschaffen, aber dagegen anstinken.“ Die Katholisierungsversuche des Vaters blieben übrigens fruchtlos, denn Altmann war zeitlebens nicht mehr nach Beten zumute: „Nein, ich habe seit der Kindheit nicht mehr gebetet, nie wieder. Ich denke auch nicht über Gott nach, sondern glaube an den Satz: Das Schicksal des Menschen ist der Mensch. Als Reporter habe ich erlebt, dass Gläubige oft ein grausames Schicksal und Gottlose oft ein swingiges Leben hatten. Ich sehe null Zusammenhang zwischen Lebensglück und Gebet.“

Telgte 2015. Das Buch liegt gelesen auf der Abtransporthalde für einzusortierende Bücher. Und nun? Eigenes Bücherregal oder Umsonstregal in der Bushaltestelle? Es liegt noch immer dort zwischen all den Zeitungsausschnitten und selbstbekritzelten Notizzetteln. In den nächsten Tagen ging mir die Geschichte des Buches nicht mehr aus dem Kopf. Ich recherchierte, welche Kommentare es darauf gab und wie man in Altötting darauf reagierte. Durchwachsen – wie zu erwarten! Während sich die einen in ihrem Katholizismus an den Kommunionsanzug gepinkelt sahen, fanden sich viele Kommentatoren in den Beschreibungen Altmann´s wieder. Mich trieb der Gedanke um, ob das beschriebene Phänomen einer doppelmoralischen Mixtur aus Barmherzigkeit, Demut, Nächstenliebe und Reinherzigkeit auf der einen Seite und Körperhass, Geilheit und Heuchelei gepaart mit Aggression und Gewaltbereitschaft auf der anderen Seite tatsächlich ein rein katholisches Problem war bzw. immer noch ist. Oder sind die Menschen einfach so, mit oder ohne Taufschein!?

Beschissene Kindheit (Foto A. Illhardt)

Beschissene Kindheit (Foto A. Illhardt)

Telgte, 60er und 70er Jahre. Meine eigenen Erfahrungen als zu indoktrinierendes Lamm in einer Wallfahrtsstadt mit Rosenkränzen, Maria in der Schneekugel und Mutter-Gottes-Fähnchen gehen durchaus mit Altmann´s Berichten konform. Wenn auch nicht zuhause (hier eher in einer erzieherischen Weise mit viel Wer-ohne-Sünde-ist-werfe-den-ersten-Stein-Ideologisierung), so doch in der Schule und in Telgte selbst, „mitten hinein ins himmlische Glockengeläut…., mitten hinein in die Sonntagspredigten von der Güte des Herrn.“ (Altmann) Da war der Direktor des bischöflichen Gymnasiums, ein Choleriker vor dem Herrn, der kippelnden Schülern den Stuhl unter dem Hintern wegtrat und schon mal Ohrschellen verteilte. Da war der Pastor in Ostbevern, der meinen Mitschüler über lange Zeit missbrauchte (WN, 24.3.2010), was dann später vom Bischof barmherzig „umverschuldet“ wurde (das Opfer ward zum Täter). Da war der Wirt einer Kneipe in unserer Stadt, ein braver Kirchgänger, der als aktiver und strammer Nationalsozialist bekannt war. Da gab es die Ordensbrüder eines Klosters, in dem ich mich aufs Abitur vorbereitete, die am Mittagstisch bei der Mitteilung, in der Stadt würden linke Demonstranten aufbegehren, mit glänzenden Augen davon schwadronierten, selbige doch an die Wand stellen zu wollen. Da war der Pastor der Clemenskirche, der mir ein Paar „an den Nacken“ haute, weil ich während des Messdienstes an der Kerze rumgeknibbelt hatte (kein Wunder bei seinen stinklangweiligen Predigten). Da war die Stationsnonne, die in einem hochkatholischen Krankenhaus der Schwesterschülerin – warum auch immer – die Haare abschnitt und sie dazu verdammte, Heiligenbildchen mit einer Nadel auszustanzen, um sie später den gebenedeiten Privatpatienten auf den Frühstücksteller zu legen. Da war der in der Telgter Propstei gezeugte Junge, der dann im Vinzenzheim Handorf den dort bekannten seelischen und körperlichen Züchtigung und Missbräuchen ihrer Geistlichkeit ausgesetzt war. Ein WDR-Bericht über seine Schändung verschwand auffällig schnell aus den Arsenalen der Videos! Und da waren die vielen anderen kleinen (was ist schon klein) und großen Vergehen, die einen glauben machten, der Katholizismus war und ist nur ein Denkmantel, um menschliche Entgleisungen, Unbarmherzigkeiten und Gräueltaten zu kaschieren.

Überall. Heute. Warum gab es eigentlich zu keiner Zeit Rufer in der Wüste, die auf solche Unmenschlichkeiten hinwiesen und die Täter mindestens exkommunizierten, sowie der Kirchentür verwiesen? Es gab einige Ausnahmen, doch wurden die flottiflott mundtot gemacht. „….Wenn jene Kritiker vom Vatikan aus zu gewaltbereiten Feindesbanden erklärt werden, dann macht sich die Kirche blind für alles, was an jener Kritik berechtigt ist und was dahintersteckt. Zugleich wird nach innen das Signal geschickt, nur bloß kein Verständnis für manchen der Einwände zu haben. So wird die Kirche in eine Wagenburg der Selbstverdummung gezwungen. (Matthias Kamann in „die WELT“ 3.2.13)

Gewissen (Foto A. Illhardt - Religio Telgte)

Gewissen (Foto A. Illhardt – Religio Telgte)

Im neuzeitlichen Denken, wo terroristische Menschen mit Islamhintergrund Islamisten genannt werden (das Wort gibt es eigentlich überhaupt nicht), anstatt sie unabhängig vom Glauben, als Idioten mit Schimmelquark im Hirn bzw. schlicht und ergreifend als Mörder und Terroristen zu bezeichnen, müsste man solche Fummelpriester und Katholen mit Freude an der Gewalt, eben all die „Undercover-Übeltäter“, ebenfalls als Katholizisten betiteln. Übrigens ist das Phänomen Religionszugehörigkeit bei gleichzeitiger Gewaltbereitschaft und vordergründiger „Ergriffenheitsvisage“ (Altmann) nicht spezifisch für katholische Fehlbarkeiten; die evangelischen, islamischen oder jüdischen Kollegen lassen nett grüßen. Auch dort schützt die Religion nicht vor vom Teufel getriebenen Schandtaten wie Prügel, Demütigung und Erniedrigung. Natürlich, erwarten würde man etwas anderes, gelten doch ein tadelloses Weltbild mit zwischenmenschlichen Überzeugungen im Sinne eines fairen, empathischen und menschlichen Miteinanders als Gütesiegel.

Kritiker des Altmann´schen Zustandsberichts einer fehlgeleiteten Auslegung katholischer Gedanken, Worte und Werke bringen gerne den Zeitaspekt ins Spiel. Die 50er und 60er Jahre gelten danach kirchentechnisch als so eine Art Endmoräne des düsteren Mittelalters. Mal abgesehen von dieser denkinsuffizienten Auslegung hat sich grundlegend wenig geändert. Vielleicht sind die Spielarten anders geworden und verstecken sich möglicherweise ein wenig unter einem anything goes gesellschaftlichen Seins, doch geschändet, erniedrigt oder entwürdigt wird weiterhin. Nur mit dem Unterschied, dass der heutige Papst etwas mehr Stellung bezieht, was aber den Rest der bischöflichen Mischpoke wenig interessiert. „Der katholische Alltag in Deutschland ist vom Schlussdokument aus Rom so weit entfernt, dass der Begriff „Paralleluniversum“ noch untertrieben ist.“ (Ulrike Herrmann, TAZ, 19.10.14) Andere Kritikasten betonen, dass solche Vorfälle, was so klingt, als sei es rein versehentlich passiert, und Rüdheiten vor den Kirchentoren nicht besser und seltener waren bzw. sind als dahinter. Ein netter Versuch der Beschwichtigung, doch erwartet man nicht gerade von denen, die sich mit Weihrauch und Myrre umgeben, einen angenehmeren Geruch? Und bedeutet so manche Exegese aus geweihtem Mund nicht eine Demütigung für all diejenigen Christen, die tatsächlich ein urchristliches, will sagen: philanthropisches Weltbild pflegen?

Verbotene Kindheit (Foto A. Illhardt)

Verbotene Kindheit (Foto A. Illhardt)

Hat die katholische Kirche als Religion, als Sondergalaxie (U. Herrmann) moralischen Denkens versagt? Ist Religion letztendlich nichts weiter als ein mäusezahnumsticktes Häkeldeckchen auf dem Beistelltisch der Schande? Wollen wir Altmann´s Buch eines Tages als autobiografisches Geschichtswerk über katholische Machenschaften früherer Zeiten ins Archiv stellen, sind neue Überlegungen gefragt. Wo ist der Ethik- und Philosophieunterricht an allen Schulen? Wo lernen die Erwachsenen von Morgen Empathie und Kommunikation fernab von Egoismus, Machtdenken und Gewaltfantastereien? Wo wird „…Werkzeug geschmiedet, um mit diesem Erwachsenenleben fertigzuwerden?“ (Altmann). Der Autor besagten Buches spricht von uns Menschen als das Modell Schaf, „…das Lieblingsmodell der Kirche, das sie so begeistert seit 2000 Jahren züchten.“ Wenn es still wird, häufig aber auch am helllichten Tage hört man es allerorts blöken. Verabschieden wir uns vom Schaf und werden Menschen: Gleichberechtigt, tolerant, selbstbewusst und friedfertig. Alles andere ist … ein Scheißleben.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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