Unsichtbarkeit ist ein Sinnbild für Menschen, die man nicht wirklich wahrnimmt. Ihre Interessen und Rechte werden nicht akzeptiert und respektiert. Welche Menschen sind das und was sind die Vorurteile, derentwegen Gesellschaften die sogenannten Unsichtbaren nicht beachten?
Klar, Menschen sind sichtbar, aber es gibt auch Menschen, die man nicht sieht. Wie Bert Brecht in seiner „Dreigroschenoper“ schrieb.
Brecht meint die Bösen, z.B. Mackie Messer. Wer Kriminelles plant, muss im Verborgenen, also unsichtbar bleiben. Die Armen sind die, um überleben zu können, die Diebstähle ausführen, eventuell auch morden. Die Bandenführer sind die Reichen, die sichtbar sind und sichtbar bleiben müssen, damit sie nicht in Verruf kommen.
Gehen wir weg von Brecht und hin zu unserem Alltag.

Es gibt dieses Phänomen – tatsächlich. In der Bioethik z.B. gab es Hinweise auf Kranke, die eigentlich nicht krank sein oder geheilt werden wollen, bzw. auf Therapeuten, die kein Interesse an den Kranken haben. Dort nannte man das „invisibility“. Wichtiger, weil alltäglicher, ist eine andere Perspektive. Unsichtbarkeit spielt in der Soziologie eine große Rolle, m.E. ist es mit der Bioethik verwoben.
Wir begreifen es als eine Form des Nicht-Dazugehörens. Die Wirtschaftssoziologen Mayer-Ahuja & Nachtwey haben Berufsgruppen untersucht, die nicht dazugehören, also oft unsichtbar sind, sie analysierten folgende Berufsgruppen:
Was sagt uns das? Solche Arbeitsbedingungen fördern Unsichtbarkeit. Denken wir an folgende Kriterien für die Unsichtbarkeit:
1. Gerechtigkeit
Gerechtigkeit bedeutet mehr als nur die faire Verteilung von Ressourcen – zurzeit „unser“ wichtigstes Problem in der deutschen Politik. Der indische Philosoph und Ökonom (Harvard University) Armatia Sen definiert Gerechtigkeit folgendermaßen: In ihr
(Ich habe den Fließtext aufgeteilt!) Die Forderung der Gerechtigkeit wurde nicht nur in der Politik (z.B. in SPD-Plakaten) ausgehöhlt und ist zum Plastikwort verkommen. Wenn wir über Gerechtigkeit zwischen Arm und Reich nachdenken, dürfen wir uns nicht hinter diesem uralten Begriff verstecken und eine ethisch aufgeladene Show daraus machen. Nicht der Begriff „Gerechtigkeit“ und seine Aura faszinieren, sondern wir müssen uns anstrengen, Unsichtbarkeit zu beseitigen, und nicht Begriffspoker spielen. Sonst gibt es keine Gerechtigkeit mehr.
National und global wächst die Armut. Der Sozialwissenschaftler Fabian Kessl kommentiert:
Basiert Armutsbekämpfung auf Mitleid, spürt der „arme“ Mensch keine Gerechtigkeit mehr. Das wäre verheerend.
2. Dazugehören
Zu diesem Punkt ein Zitat von Michael Krennerich, dem Direktor des Instituts für Menschenrechte. Ohnehin sollten sich
Wichtig ist, dass Sich-Schämen eine Scharte ist, die die Anerkennung von Würde und Rechten verdreht. Ich zitiere. Immanuel Kant:
Und Würde hat der Mensch, ob arm oder reich. Nur tun die Regierungen der Welt allerhand dafür, dass diese Würde runtergeschraubt und sein Dazugehören oft nur als finanzielles Problem gesehen wird. Arm ist der, der über 60 % des Durchschnittseinkommens verfügt, sagen Ökonomen. Das ist eine Definition. Sagt sie etwas über das Dazugehören, und vor allem hilft es denen, die als unsichtbar gelten?
Würde beinhaltet vor allem die Fähigkeit, sich selbst zu bestimmen und zu gestalten. Genau das wird in der Situation der Armut eher kleingeschrieben, denken wir an das Problem der Unsichtbarkeit. Leider wird diese Freiheit der Würde sowie das Verhängnis der Unsichtbarkeit in den jeweiligen politischen Rahmen gepresst. Übrig bleiben die Verlierer der Würde als Randnotiz der Politik.
3. Teilhabe
Bei der Unsichtbarkeit geht es darum, wie die verschiedenen möglichen Ressourcen aussehen müssen, damit aus Chancen reale Freiheiten werden. Dieser Ansatz fordert Handlungsbefähigung von Menschen, deren Ressourcen nicht individuellen – etwa armen – Menschen zur Verfügung stehen, sondern immer als ihre sozialen Kontextbedingungen gesehen werden müssen. Armut ist immer ein Zeichen erschwerten oder fehlenden Zugang zu sozialen Gütern, also Einschränkung der Teilhabe.
Das Problem des Zugangs zu Ressourcen bedeutet auch das Drama der In- bzw. Exklusion. Wer ausgeschlossen ist von den Gütern der Gesellschaft, ist von der Teilhabe sozialer Chancen ausgegrenzt. Exklusion wird durch Konzepte sozialer Ungleichheit von Soziologie und politischer Philosophie geklärt. Denken wir an die irrlichternde Lösung der Milliardäre in den USA: die Exklusion der Menschen, die zu arm sind, um sich eine relativ teure Medicare-Krankenversicherung leisten zu können, also die Kürzung des Medicaid-Programms. Ist die deutsche Gesundheitspolitik wirklich verschieden?
4. Fehler des Systems

„System“ ist ein leicht gebrauchter Begriff, doch Hilfe für arme Menschen ist nicht die individuelle Hilfe durch Stützen wie Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern. Das ist die unzureichende Korrektur eines Systems, das Arme zwar unterstützt, aber Armut zulässt und sogar fördert. Wer gesehen wird, wenn er in einer Tafel einkauft, schämt sich meist. Ich denke an einen Bericht im neuen Magazin der Süddeutschen (namens „Langstrecke“ [1/26]): Zwei Frauen, eine jung, die andere alt, beide gelten als unsichtbar, so der Titel des Berichts. Beide wollen nicht gesehen werden, weil und dass sie arm sind.
Wir dürfen nicht bei einem der vielen Bestandteile eines Systems stehen bleiben. Jedes System wird durch Bestandteile wie Finanzrahmen, Kinderzahl, Bildung, medizinische Versorgung, Stadtviertel, Nachbarschaft, Beruf usw. geprägt. Genau das, also Systemelemente des Dazugehörens, sind das Problem des verkehrten Systems.






