DEPECHE MODE (GB) – „Songs of Faith and Devotion“ (93)
Vor einigen Jahren unterhielt ich mich mit einer früheren Kollegin und erzählte ihr von meinen musikalischen Vorlieben für Rock und Schwermetall. Sie fand dieses Genre fürchterlich und bemerkte, dass bei ihr das Ende der Soundfahnenstange bei Depeche Mode erreicht sei. Dass ich diese Band ebenfalls hörte und gut fand, erstaunte sie einigermaßen, allerdings ist das auch gleichzeitig das Bemerkenswerte an Depeche Mode: Ihr Sound verbindet Stile und damit auch Menschen.

Die Wurzeln der Band liegen im britischen Essex, wo sich die Band 1980 nach einem französischen Modemagazin benannten. Vorher gab es unter anderen Namen mehrere Anlaufversuche, die aber allesamt wenig erfolgreich waren. Für viele große Bands mit längerem Bestand ist es fast schon eine Seltenheit, dass die Urmitglieder – in diesem Fall Dave Gahan (Gesang) und Martin Gore (Gitarre, Gesang) der Band bis heute erhalten blieben. 2022 starb das weitere Gründungsmitglied Andrew Fletcher (Keyboard), was für die Band einen herben Schlag bedeutete und später in speziellen Songs aufgearbeitet wurde. Ihr schnell einsetzender Erfolg geht sicherlich auf die damalige New-Romantic-Welle in der Popmusik zurück, einer in England entstandenen Szene, zu der auch Bands wie DURAN DURAN oder SPANDAU BALLET gehörten und die als Reaktion auf die Punkmusik zu verstehen ist. Vor allem aber fielen die Musiker durch ihren schrägen Kleidungsstil auf. Wie ich aktuell noch in einer Metal-Zeitschrift las, war auch David Bowie mit seinem ausgefallenen Verkleidungen Pate für derart visuelle Präsentationen. Vielleicht war es in meinem Fall von Vorteil, damals noch kein Internet zu besitzen und damit die Musik nicht visuell zu erleben: Klamotten und Haarstyle waren ziemlich schrecklich. Später verabschiedeten sich DP von dieser Kleidungsmarotte und gaben sich eher in einem unscheinbaren Schwarz. So wie ich damals.
In den 90ern tummelte ich mich viel in Münsteraner Clubs. Ich war der mit der schwarzen Lederjacke, ok, der Rest war auch schwarz. Zumeist stand ich abseits des Trubels, beobachtete die Szene und befand mich in Gedanken in einer komplett anderen Welt als in der jeweils aktuellen. Liefen die ersten Akkorde von „Walking In My Shoes“ – mein Lieblingssong der englischen Synth-Rock/-Pop-Gruppe – tänzelte ich auf die Tanzfläche und bewegte mich – Bierflasche und Fluppe in der Hand – in meinem ganz eigenen Tanzstil – irgendwo zwischen Traum und Realität. Irgendwo auch unnahbar. Gefühlt hatte ich nach einigen Tanzstücken die komplette Tanzfläche vermessen. DEPECHE MODE bezeichnet man auch als Brückenglied zwischen Pop und Rock; die Brücke habe ich allerdings selten überschritten, da mich Popmusik im klassischen Sinn nicht interessierte. Mich faszinierte bei DP die melancholische, zum Teil auch leicht düstere Grundstimmung, sowie die der Musik innewohnende Verträumtheit. 2004 feierte ich erstmalig allein Weihnachten. Zwei rote Kugeln hingen an einem Tannenzweig, auf dem Tisch standen eine gute Flasche Wein, Cognac, ein Baguette und Käse, und aus den Lautsprechern donnerte laute Musik. Mehr brauchte ich nicht um glücklich zu sein. Ich war frisch verliebt, nur weilte meine heutige Frau 180 km von mir entfernt. Und dann tanzte ich zu „Walking in My Shoes“ durchs Wohnzimmer, nur dieses mal in einer Welt, die sich bis heute richtig anfühlt.
Im Grunde ist es erstaunlich, dass mein Interesse für diese Band recht früh geweckt wurde, denn ihr Sound ist eine Mischung aus Maschine und Mensch. Schon als junger Mann hörte ich im Radio häufig elektronische Musik, war aber stets gespaltener Meinung, da für mich Musik immer etwas mit Handwerk zu tun hatte, eben mit Gitarren, Bass, Schlagzeug & Co. Doch bei DP liegt in dieser Mischung aus Computer und von Hand gespielten Instrumenten der besondere Reiz:
„Die Songs sind elektronisch exakt programmiert. Dabei spielt die Band Teile davon ein, andere Teile spielen sie live. Das Ganze wirkt aber überhaupt nicht so, sondern extrem direkt und ehrlich (1).“
Das Besondere an der Musik von DEPECHE MODE bringt der Multiinstrumentalist Mat Mitchell von der Rockband PUSCIFER auf den Punkt:
Bei der Musik von NEW ORDER oder DEPECHE MODE „…hat man das Gefühl, jedes Element ist eine Hookline (> eine bestimmte Melodiephrase mit hohem Wiedererkennungsert) für sich. Bass Synth, Gesang – alles greift ineinander. Diese Art von Dichte interessiert mich mehr als eine einzelne, dominante Idee.“
In meiner aktiven Zeit als DJ auf Rockpartys habe ich oft Stücke von DP aufgelegt und war immer wieder überrascht, wie die Leute oft bei den ersten Tönen auf die Tanzfläche strömten: Die Songs hatten sich eingebrannt.
Das 8. Studioalbum „Songs of Faith and Devotion“ (93) hatte vor allem noch aus einem anderen Grund meine Aufmerksamkeit geweckt und gehört daher heute noch zu meinen persönlichen Meilensteinen: Es ist die Hinwendung der Gruppe zu mehr rockigen Attitüden mit einer gewissen aggressiven und – was ich stets besonders bevorzugt habe – düsteren Klangatmosphäre. Kein Wunder, dass Stücke der Platte damals auch auf Tanzflächen liefen, wo sonst unter viel Kunstnebel der Dark- und Gothic-Rock zelebriert wurde. Aus diesem Grund ist es nicht selten, dass sich sogar Metalbands auf DP als soundprägend berufen. Bei der Melodic Death Band „Dark Tranquility“ erinnert bei Passagen im Klargesang sogar die Stimme an Depeche Mode.
„Songs of Faith and Devotion“ war damals die erste CD der Band, die sich in meinem Regal befand und besitzt daher einen gewissen Kultstatus. Es folgten später weitere, von daher ist die hier vorgestellte Musik eher ein Beispiel für viele andere gute Produktioknen. Es finden sich fast auf allen Veröffentlichungen gute Songs, die alle eine bestimmte, oft auch unterschiedliche musikalische Aera der Band wiederspiegeln. Neulich hörte ich nach langer Zeit mal wieder Songs von DP und war direkt gefangen von Assoziationen in einer frühere Zeit mit viel Bier, Zigaretten und vernebelten Tanzflächen. Und ich sah mich in Lederjacke durch den Raum tanzen. I feel you!