Prag
Brief an Herrn Kafka

Karlsbrücke (Foto A. Illhardt). (2)

Karlsbrücke (Foto A. Illhardt). (2)

Lieber Herr Kafka!

Heute, Samstag, den 28.09.2013, sind wir in Ihrer Stadt angekommen. Ich muss Ihnen sagen, dass ich mir die “Goldene Stadt” nicht so überwältigend schön vorgestellt habe! Gegen Abend sind wir die Straße von unserer Wohnung (in der Uvoz-Straße) hinunter zur Karlsbrücke gegangen. Prag könnte so traumschön und romantisch sein, wenn sich nicht diese Menschenmassen durch die herrlichen Straßen wälzen würden. Zu Ihrer Zeit war es sicherlich noch nicht so überfüllt.

 

Karlsbrücke (Foto A. Illhardt)

Karlsbrücke (Foto A. Illhardt)

Wahrscheinlich kennen Sie dieses Foto von der Brücke nicht, in der sie im Dämmerlicht menschenleer zu sehen ist, zu gerne hätten wir an diesem Abend die Brücke für uns allein gehabt. Ich hätte mir vorgestellt, dass mir all die Statuen von sich erzählt hätten, eine magische Vorstellung. Wie sie dort auf die Menschen hinunterschauen, sehen sie so geheimnisvoll aus. Später im Dunkeln war Ihre Stadt beleuchtet, es roch nach Feuer und mit viel Phantasie hätte man sich in Ihre Zeit und noch weiter zurück versetzen können.

 

 

Messepalast (Foto A. Illhardt)

Messepalast (Foto A. Illhardt)

Sonntag, 29.09.2013 Es gibt soviel zu sehen in dieser Stadt, nur schwer können wir uns entscheiden, wie wir unsere Tage hier mit Programm füllen. Heute ist die Stadt gefüllt mir Touristen und so entscheiden wir uns für den Messepalast. Wir vermuten, dass dieser Ort nicht zu den Touristen-Highlights gehört, was sich auch bestätigt. Zu gerne würde ich Ihre Meinung zu diesem Gebäude hören. Sicherlich haben Sie noch erfahren, dass es gebaut wird, fertig gestellt wurde es aber erst nach Ihrem Tode, im Jahr 1928. Ich habe gelesen, dass es eine architektonische Glanzleistung gewesen ist. Von außen finde ich es nach heutigen Maßstäben ziemlich hässlich, aber von innen ist es sehr imposant. Sehr interessante Objekte beherbergt dieses Museum, bemerkenswerte Malerei der tschechischen Moderne aus dem 19. und 20. Jh. von Art Nouveau, über Kubismus und Surrealismus. Persönlich fanden wir Alfons Mucha und Frantisek Kupka sehr sehenswert. Aber auch Braque, Picasso und Pechstein waren vertreten. Besonders beeindruckend sind die großflächigen Bilder von Mucha im Erdgeschoss; man muss sie unbedingt gesehen haben! Ich habe einige Ausschnitte von diesen Bildern fotografiert, ach herrje, sicherlich wissen sie gar nicht was ich meine. Nun ja, ich war jedenfalls absolut begeistert. Zurück sind wir durch – nein falsch, am Rande haben wir es nur betreten – das jüdische Viertel gelaufen, Josephstadt, wie es heute genannt wird, Es gibt hier ein Cafe, in dem man einiges von Ihnen hören kann. Vielleicht werden wir es morgen besuchen! Herr Kafka, ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht! Prag sollte man mit sehr bequemen Schuhwerk besuchen und sich auf weite Fußmärsche einstellen.

Montag, 30.09.2013. Was ich Ihnen gestern Abend noch schreiben wollte: Es gibt hier auf der Kleinseite, wo wir unsere Wohnung gemietet haben, unglaublich gemütliche Kneipen. In einer haben wir den Tag ausklingen lassen, sie heißt U Zavesenyho Kafe.

Dass am Montagmorgen die Karlsbrücke weniger voll ist, war ein frommer Wunsch von uns. Heute haben wir sie vollständig überquert und uns dann links gehalten, um zur Josephstadt zu kommen. Irgendwie hatte ich vermutet, dass Sie hier geboren wurden und es als Ihr Viertel angesehen. Muss ich mich dafür entschuldigen? An der Teynkirche, wo Sie als Kind gelebt haben, fühlten Sie sich augenscheinlich nicht sehr wohl.

 

Friedhof Josephstadt (Foto A. Illhardt).JPG

Friedhof Josephstadt (Foto A. Illhardt).JPG

Zurück zur Josephstadt. Angesichts der prächtigen Häuser hier, kommt man schon ins Schwärmen. Schnell wird man auf den Boden der Tatsachen zurück geworfen, steht man in der Straße, wo der  “Alte Jüdische Friedhof”, die Zeremonienhalle und die Klausensynagoge zu finden sind. Dieses Viertel ist ein Touristenmagnet, fraglich ist, wie viel der Touristen die Anklageschrift verstehen, die uns durch 77.297 Namen vermittelt wird. Dicht an dicht stehen sie an den Wänden der Pinkassynagoge, in schwarzer und roter Schrift. Es sind die Namen der tschechischen Einwohner jüdischen Glaubens, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Gleich dahinter der alte Friedhof, auch er ein Ort der Stille. Kreuz und quer, krumm und schief und stellenweise schon zerstört und nicht mehr lesbar, stehen hier die Grabsteine. Aber auch nur die wenigsten können die Inschriften lesen, sie sind in hebräischer Schrift verfasst. Noch sehr gut erhalten sind die Monumente von Rabbi Löw, der Schöpfer des Golem und der Vorfahr von Robert Oppenheimer, auch Robert mit Vornamen. Die Ausstellung in der Pinkassynagoge wirkte sehr bestürzend auf uns: In einem Raum war eine Ausstellung mit Bildern zu sehen, die Kinder (namentlich erwähnt mit Geburts- und Todestag)  in dem jeweiligen KZ gemalt haben, in dem sie gestorben sind. Dagegen waren wir voller Bewunderung angesichts der Gestaltung in der “Spanischen Synagoge”.

An der fehlenden Pracht der Häuser merkten wir den Viertelwechsel. Das Cafe Imperial hat uns mit seinen Jugendstilornamenten in seinem Glanz fast erschlagen, der Kuchen war allerdings sehr gut.

Es gibt ein Viertel in Ihrer Stadt, Herr Kafka, das haben wir fluchtartig verlassen. Rund um den Wenzelsplatz hat es uns überhaupt nicht gefallen. Zugegeben, es gibt hier wunderschöne Jugendstilhäuser, aber alles andere ist hier dem Gott des Kommerzes geweiht. Weg hier, war unsere Parole. Auf dem Weg zum Altstädter Ring kamen wir am Havelmarkt vorbei. Ich sage Ihnen, so etwas habe ich noch nie gesehen, hier reiht sich ein Ramsch-Souvenir-Laden an dem anderen, und das mit absolut gleichem Sortiment! Die Angestellten standen gelangweilt herum und versuchten, uns zum Eintreten zu bewegen.

 

Teynkirche (Foto A. Illhardt)

Teynkirche (Foto A. Illhardt)

Rund um den Altstädter Platz gibt es kleine gemütliche Straßenzüge, hier herrscht Ruhe und Müßiggang Liebevoll gestaltete, kleine Plätze laden zum Verweilen ein, aber nur ein paar Meter weiter tobt schon wieder das Leben. Hoch aufgerichtet beherrscht Jan Hus den Platz, eingerahmt von der Teynkirche und der Niklaskirche. Sehenswert ist das Glockenspiel am Rathaus, das immer zur vollen Stunde von der Figur des Todes eingeläutet wird.

Ich kann mir ganz gut vorstellen, dass Sie sich im Schatten der Teynkirche geängstigt haben. Ihr fehlt das liebliche zarte barocke Aussehen, wie es der Niklaskirche zu Eigen ist. Ein riesiger Kronleuchter zieht die Blicke auf sich, die Niklaskirche ist eine wunderschöne Kirche.

Ach Herr Kafka, auch dieser Tag beschert uns wunde Füße und einen Schmerz in der Hüfte und den Knien. Aber wir sind tapfer, Ihre Stadt ist ein Brunnen an Schönheit, wie wir es schon lange nicht mehr gesehen haben. Komisch, heute Abend bewegt sich mein Mann, wie es wohl der Golem getan hat, woran mag das nur liegen?

Dienstag, 01.10.2013. Der Hradschin, die Prager Machtzentrale; nein, alles konnten wir uns hier nicht ansehen! Der Weg führte uns am Loreto-Heiligtum vorbei, die Sonne steht strahlend am Himmel und hier bestimmt eine heilige Stille die Örtlichkeiten. Eine wunderbare Atmosphäre, leider ist uns nur ein kurzer Blick gegönnt, das Heiligtum ist über Mittag zwei Stunden geschlossen. Nur ein paar Häuser weiter empfangen uns die großen Paläste des Hradschin und somit auch die Touristengruppen. Unangenehm ist es für mich mit anzusehen, wie sich albern kichernde Damen zu den stramm stehenden Wachleuten stellen um die obligatorischen Erinnerungs-Fotos machen zu lassen. Ich schäme mich für diese Peinlichkeit!

Einer der Herrscher hier oben – es gab deren viele und seit dem 13. Jahrhundert ist das Geschlecht der Premysliden (das tschechische Herrschergeschlecht) ausgestorben – wünschte sich als Gotteshaus eine Nachbildung von Notre Dame. Mit der Kathedrale St. Veit besteht eine gewisse Ähnlichkeit zum Pariser Original. Bewundernswert sind die prachtvollen Kirchenfenster, ich habe vergleichbares selten gesehen, wenn überhaupt! Ein Rundgang durch die heiligen Hallen kann ich nur empfehlen.

 

Wladislaw-Saal (Foto A. Illhardt)

Wladislaw-Saal (Foto A. Illhardt)

Wir entscheiden uns für die kleine Besichtigungstour, früher oder später kann man all die Sehenswürdigkeiten nicht mehr gebührend würdigen. In der alten Prager Burg betritt man als erstes den Wladislaw-Saal, in dem 62 m langen Saal wurden früher die Könige und seit 1934 die Präsidenten gewählt. In einer Zimmerflucht neben dem Saal weist ein Schild auf das Fenster hin, wo der “Prager Fenstersturz” als Auslöser des 30jährigen Krieges stattgefunden hat! Ein bedeutender historischer Schauplatz, Gänsehaut erzeugend! Ansonsten sind hier weiterhin nur einzelne Zimmer zu sehen, sehr bedauerlich.

Ich habe im “Goldenen Gässchen” vor dem Haus gestanden, in dem Sie zwei Jahre gewohnt haben, Herr Kafka, heute beherbergt es einen kleinen Büchershop, in dem neben Büchern von anderen tschechischen Autoren auch Ihre erhältlich sind. Jedes Häuschen ist belegt durch Souvenirläden, wenige zeigen alte, zum Teil originalgetreue, Einrichtungen. Auch hier herrscht der Kommerz, es ist bedrückend. Es gibt nur wenige Stellen, wo der Tourist nicht auf seine Kosten kommt: Essen, Trinken und billige Andenken kaufen.

Zum Schluss nun besuchen wir das Loreto-Heiligtum. Das Geschlecht der Lobkowitzer ist hier oben auf der Burg überall präsent. Was täten die Prager nur ohne diese Adligen?! Ach ja, und nun ist ja auch einer wieder zurückgekehrt! Mit ihm auch die Macht? Aber ich war beim Heiligtum. In einem Reiseführer las ich, dass diese Marienpilgerstätte das allerhöchste Heiligtum der Tschechen sei. Der bedeutungsvollste Teil der Anlage ist die Casa Santa, eine Nachbildung des “Heiligen Hauses” aus dem italienischen Loreto. Das Gebäude und auch die Kapelle strahlen Ruhe und, mir fehlt dafür ein anderes Wort, etwas Heiliges aus.

Abseits von all dem Trubel kehren wir in ein kleines Cafe ein, genießen den leckeren Kuchen und den Kaffee. Es heißt Cafe Gourmet, die Besitzerin hat sich sehr über unser Lob gefreut, es hat uns hier besser gefallen, als im angepriesenen “Cafe Imperial”.

Es mag vermessen von uns sein, Herr Kafka, aber wir haben heute einen Vergleich erstellt zwischen Besucher und Touristen. Wir zählen uns zu dem Kreis der Besucher. Touristen können wirklich auch jedem schönsten Winkel einer Stadt durch ihre Gleichgültigkeit und ihre herablassende Art eine unangenehme Atmosphäre hinterlassen. Sie wälzen sich durch die Straßen, nehmen keine verborgene Schönheit auf, richten ihr Augenmerk nur auf den Fremdenführer und lassen ihre Sinne nicht selbst nach Individualität und Kreativität Ausschau halten. Selbst Mensch, könnte ich an solchen Menschen verzweifeln.

Nur wenige Meter zur Moldau und zur Kleinseite hin, reiht sich ein Lokal an dem anderen, Gulasch mit böhmischen Knödeln als Menü recht günstig, wird hier reihenweise angeboten. Das günstige Urlaubermenü eben, auch hier wird der Herdentrieb unterstützt. Schon Montaigne meinte, dass nichts unfreier macht, als sich von der Masse im eigenen Denken beeinflussen zu lassen. Wir entschließen uns, abseits von all dem in einem netten gemütlichen Lokal zu essen. Landestypisch sitzt man hier mit mehreren Gästen an einem Tisch, wir haben vorzüglich gegessen, getrunken und die Atmosphäre genossen, es war nirgends eine Herde zu sehen! Wie wohltuend!

 

Moldau Karlsbrücke (Foto A. Illhardt)

Moldau Karlsbrücke (Foto A. Illhardt)

Graffiti Prag (Foto A. Illhardt)

Graffiti Prag (Foto A. Illhardt)

Mittwoch, 02.10.2013. Heute ist unser letzter Tag in Prag. Wieder in die Menschenmengen einzutauchen, diese Vorstellung ist uns zuwider! Bei dem Gedanken merken wir eine gewisse Gereiztheit in uns aufsteigen, die letzten Stunden mit im Wege stehenden, tablet-tragenden, sightseeing-süchtigen Menschen zu verbringen. Unserer Wohnung gegenüber liegt der Laurenziberg, die grüne Oase der Prager. Er bietet uns einen wohltuenden Abschluss unserer auch anstrengenden Tour durch Prag, trotz all ihrer Pracht. Wunderschön ist es an diesem herrlichen Sonnentag, langsam den Berg zur Halbinsel Kampa hinunter zu schlendern. Unser letzter Museumsbesuch hier in Kampa war leider nicht so erfolgreich, die Frantisek Krupka- und Otto Gutfreund-Ausstellung haben wir um einen Tag verpasst. Allerdings entschädigt uns dafür die stille kreative Stimmung in diesem verträumten Viertel für den entgangenen Kunstgenuss. Fast direkt neben dem Museum liegt die John-Lennon-Mauer mit ihren Hippie-Graffitis. Die Zeit in Prag beschließen wir mit einem letzten Besuch in unserer Lieblingskneipe.

 

Resümee

Marion und Arnold Prag (Foto A. Illhardt)

Marion und Arnold Prag (Foto A. Illhardt)

Ihre Stadt, Herr Kafka, ist eine Schönheit unter den Städten, die ihresgleichen sucht. Über Prag liegt eine Magie, eine unverwechselbare Stimmung schwebt über der Stadt mit all seiner Historie, aber eine Liebe wird es dennoch nicht. Prag ist das Paradebeispiel dafür, wie der Tourismus einer Stadt nachhaltig Schaden zufügen kann. Statt gemütlicher Galerien mit individuellem Angebot und kleiner feiner Läden, wie wir es uns erhofft haben, trifft man auf Massentourismus-Restaurants und billige Souvenirläden. An den schönen Kernpunkten wird die melancholische mittelalterliche Stimmung Prags empfindlich durch Passantenstaus gestört. Maticka, kleine Mutter, wie die Prager ihre Stadt nennen, die “Goldene Stadt” reiht sich ein in die Liste der beliebten populären Ziele des Pauschaltourismus.

Marion Illhardt

Marion Illhardt