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Paulus in New York
Pasolinis unverfilmtes Drehbuch

Pier Paolo Pasolini war ein stark kritisierter Schriftsteller, vor allem vom Vatikan, und Filmregisseur. Sein Drehbuch über Paulus konnte er wegen einer lebensbedrohenden Krankheit, verschiedenen Korrekturen, Ablehnung seines Drehbuchs aus wirtschaftlichen Gründen und seiner nicht aufgeklärten Ermordung nicht umsetzen.

Agrigent, Junotempel. (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

Agrigent, Junotempel. (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

Keine Frage, das Thema ist religiös, manche können mit Religion wenig anfangen, andere sind desillusioniert wegen aktueller Vorkommnisse, eigener Erfahrungen usw., eine dritte Gruppe ist eher kritisch bis angepasst. Pasolinis Filmprojekt spricht von Skepsis gegenüber Religion, weil Religion mehr ist als der Einbruch des Numinosen in unser Diesseits.

Nachdem ich die zweite Drehbuchkorrektur Pasolinis gelesen habe, fiel mir spontan das naive, sicher später erfundene Experiment von Friederich II. von Hohenstaufen (1194 bis 1250, römischer Kaiser, deutscher König, König von Jerusalem und Sizilien) ein. Seine Hypothese war, dass Menschen, die nicht muttersprachlich sozialisiert waren, eine biblische Sprache sprechen. Das war entweder Hebräisch, die Sprache Jesu, oder Griechisch, die Sprache des Paulus. Dazu wählte man einige Neugeborene aus, die Hälfte bekam Pflegerinnen, die kein Wort mit ihnen sprechen durften, die andere Hälfte bekam sprechende Pflegerinnen. Das Experiment endete tragisch: Alle Neugeborenen der ersten Gruppe starben, zwar nicht an Religionslosigkeit, aber an Beziehungsschwäche. Ohne Beziehung kein Leben. Aber auch: Ohne Beziehung keine Religion.

Genau das ist Pasolinis Problem. Seine Bekannte, Dacia Mariani, berichtete im Vorwort über dessen Sensibilität für eine geglückte Beziehung in ihrem gemeinsamen Urlaub.

Schlechte Filme über biblische Themen gibt es zu Hauf. Man denke etwa an „Moses“, „Quo Vadis“, „Ben Hur“ und andere. Biblische Filme mit Format sind eher selten. Von Martin Scorsese gab es vor seiner berühmten Phase (Gangs of New York, Aviator und Departed – Unter Feinden) eine interessante Kazantzakis-Verfilmung („Die letzte Versuchung Christi“): Jesus steigt vom Kreuz herab und wird biederer Familienvater. Er begegnet Paulus, der gerade über den gekreuzigten und auferstandenen Jesus predigt. Diese Begegnung führt aber nur zu einer kurzfristigen Irritation.

Das leider nicht verfilmte Drehbuch über Paulus von Pasolini geht nicht von dieser Verballhornung aus, sondern von einem Film voll von Betroffenheit. Pasolini ist kein Freund von Schnellschuss-Antworten à la Jesus verkündete das Reich Gottes, und was kam, war die Kirche. Übersehen wird Pasolinis Leiden am aktuellen Zustand der Kirche, und, wenn ich Pasolini richtig verstehe, an einer Welt, die vergessen hat, worauf es ihr wirklich ankommt.

Was macht Pasolinis Projekt so wichtig? Zunächst meine persönliche Antwort auf diese Frage, dann ein eher grundsätzlicher Antwortversuch.

Pier Paolo Pasolini (Quelle campaignjr.com)

Pier Paolo Pasolini (Quelle campaignjr.com)

Pasolinis Film, wenn sein Drehbuch verfilmt worden wäre, scheint mir als religiösem Menschen ein sehr herausfordernder Entwurf. Von einem der Juroren von Cannes, Emmanuel Carrére, der vom glühenden Katholiken zum Atheisten mutierte, las ich ein Buch über die Apostel Paulus und Lukas. Interessant war die Perspektive. Er wollte die Bibel nicht enttarnen, sondern als Filmfachmann (Dokumentarfilm) die Gestaltung der Szene analysieren. Unter anderem erwähnte er Pasolinis Drehbuch über Paulus, der sein Martyrium in Rom nach New York verlegte. Warum nach New York? Dazu später.

Mein eher grundsätzlicher Antwortversuch: Die Kirchen werden immer leerer, die Kirchenbesucher immer älter, die Kirchenaustritte in beiden Konfessionen häufen sich. Aber was bedeutet das? Die Identifizierung mit einer Konfession nimmt stark ab, Glaubensinhalte gelten nicht mehr als überzeugend. Soweit die Ausdünnung der Konfessionen. Aber das bedeutet noch nicht Ausdünnung der Religion. Pasolini ist ehr jemand, der die Konfession kritisiert, er beklagt jedoch, dass in den Konfessionen – als Italiener geht er vom Katholizismus aus – der religiöse Sockel wegbricht.

Wer mit Paulus nichts anfangen kann, ist aber doch mit der Gestaltung unserer gemeinsamen Welt konfrontiert. Und darum geht es auch in diesem nicht gedrehten Film. Wir sind es gewohnt, Dinge so zu sehen, wie man sie gewöhnlich sieht. So ging es mir bei Pasolinis Drehbuch. Wer sich dagegen auflehnt, gegen was lehnt der sich dann auf: gegen das Übliche, die Tradition, die Konvention, den Gemeinplatz? Gegen was richtet sich „meine“ Gegnerschaft gegen Pasolinis Filme? Gegen seine theologisch-exegetischen Fehler? Ist Pasolini unser Gegner oder ist es unsere Angst vor seiner Freizügigkeit? Wir denken nicht über das nach, was Pasolini zu sagen hat. Das Vorurteil führt zum Denkverbot.

Belege finden sich in seiner Biographie:

 

Biographischer Steckbrief von Pasolini

  • Geboren wurde Pasolini in Bologna 1922 und wurde in Ostia 1975 ermordet.
  • Er war Lehrer in Casara mit starker Empathie für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen
  • 1940 wurde er Mitglied der kommunistischen Partei und 10 Jahre später wegen angeblicher Homosexualität und Einfluss von Gide, Sartre und anderen Schriftstellern und Philosophen aus der Partei ausgeschlossen
  • Er verließ Casarsa und ging nach Rom als Schriftsteller
  • Dort entdeckte er den Film, lernte Fellini kennen und wurde Filmregisseur. Wichtige und bekannte Filme waren z.B.: Die 120 Tage von Sodom, Mamma Roma, II vangelo secondo Matteo (seltsamer deutscher Titel: Das erste Evangelium nach Matthäus), Wer nie sein Brot im Bette aß, Bett der Gewalt usw.
  • Viele seiner Schriften und insbesondere Filme wie Die 120 Tage von Sodom oder II vangelo secondo Matteo lösten heftige Kritik seitens des Vatikans aus. Der erste Film galt als unmoralisch, der zweite als ketzerisch. Alle Filme Pasolinis hatten von beiden Komponenten, was der Kirche sehr missfiel.

 

Inhalt des Films

St. Paulus, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt Kirchhofen (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

St. Paulus, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt Kirchhofen (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

Zum Verständnis des Drehbuchs: Paulus hat an viele seiner Gemeinden Briefe geschrieben. Theologen sind sich einig, dass einige Briefe wirklich von Paulus stammen, sehr viele sind Briefe mehr oder weniger in seinem Sinne. Die Vita von Paulus liest man in der Apostelgeschichte, die Lukas geschrieben hat. Warum wollte Paulus über Israel hinaus? Weil er fasziniert war von der Botschaft Jesu – kurz zusammengefasst: Religion als Beziehung. Als Paulus mit Petrus und der Jerusalemer Gruppe, allen voran dem extrem konservativen Jakobus, zusammenkam – so Pasolini, ich schließe mich an – und Kirche als Kompromiss (nicht als Beziehung) gestaltete, begann der endlose Konflikt zwischen Kirche als Mystik der Beziehung und Kirche als Organisation. Und hier setzt Pasolini an.

Pasolini zeigt Paulus als einen schizophrenen Menschen: als Mystiker, der fasziniert ist von Gott und seinem Christus, aber auch als jemand, der maßgeblich Kirche organisiert, als Machtmenschen. Einblendungen von Kirchenmusik aber auch Revolutionshymnen werden im Drehbuch empfohlen. Er verändert die biblischen Orte von Paris bis New York. Der erste Auftritt des Apostels ist in Paris die Ermordung des Revolutionärs Stephanus zur Zeit der Nazi-Besetzung (1938-44). Paulus war erschrocken über seine Tat und verkroch sich in Barcelona. Die Missionstätigkeit des Paulus begann erst 1966/67. Pasolini wollte unter Beweis stellen, welche Bedeutung die paulinischen Predigten für den heutigen Alltag haben. Aber immer klarer kristallisiert sich Paulus als Anführer heraus, weil die Situation der Anhänger und die starke Nachfrage nach klaren Regeln in der Bevölkerung diese Strukturen gebieten.

Kirche entstand, als Petrus und Paulus sich darüber streiten, ob die Botschaft Christi für Juden wie Nicht-Juden Bedeutung hat. Paulus reagierte mit der Gründung der globalen Kirche, als dieser Konflikte nicht gelöst wurde, und entwickelte entsprechende Strukturen. Aber in Paulus lebt nicht nur der Organisator, sondern auch der, der von Menschen und ihrer Beziehung redet. Als er in New York aus dem Gefängnis entlassen wird, jubeln die Armen der Bevölkerung, die Beatniks und Hippies, wie es im Drehbuch heißt. Nur wenig später wird eine konservative Predigt mit einem Karnevalszug von Nonnen, Vertretern christlicher Bruderschaften und Kommunionkindern beantwortet.

Als Paulus aus dem Gefängnis entlassen wird, weint er, weil niemand ihn abholt und er von allen verlassen ist. Er kommt in einem einfachen Hotel unter, das dem von Martin Luther King ähnelt. Als er, müde von seiner Schreibtischarbeit (Briefe an seine Gemeinden), aber mit neuen Ideen (konservativen oder religiösen?) aufsteht, wird er erschossen.

 

Was ist daran so bedeutend?

Bedeutend ist nicht ein Film mit überzeugendem „Klerikalfaschismus“. Das kennen wir bereits. Es ist vielmehr zweierlei: Erstens der Beginn einer negativen Entwicklung der Kirche zur reinen Institution. Und zweitens die Entwicklung einer Gesellschaft, die zwar von der Kirche die Machtstruktur gelernt hat, aber zur total irreligiösen und scheintoleranten Gesellschaft verkommen ist.

  1. Pasolini zeigt, dass der Apostel zwei Seiten hat, und mit beiden Seiten muss man auskommen, wie vorhin gesagt: mit der mystischen und der institutionsfreundlichen Seite, oder mit seiner religiösen und seiner konfessionellen, kirchenorganisatorischen Seite. Pasolini gelingt die Verbindung, er macht die Figur des Paulus zu einer schillernden, aber auch herausfordernden Figur.
  2. Das Drama des Apostels wird zum Drama unserer Gesellschaft. Wenn man ihm Geschlechtsfeindlichkeit, Antifeminismus, Organisationsbesessenheit, Spar- und Sammeltick (kirchlich: Kollekte), Triumphalismus, Moralismus usw. vorwirft, dann spiegelt sich dies alles auch in unserer Gesellschaft.
  3. Bedeutsam ist die Verbindung einer kontemplativen (in sich selber die [göttliche] Tiefe entdecken) und der aktiven (planerischen und organisatorischen) Seite in einer Person. Nicht nur Paulus ist beides. Übrigens, Pasolini wurde inspiriert vom Münsteraner Theologen J.B. Metz, der viel über die Verschmelzung von mystischem und aktivem Leben schrieb. Leben ohne Mystik wird zur G’schaftelhuberei.

    Marseille. Rest der Vieille Major (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

    Marseille. Rest der Vieille Major (Foto Johanna Scherle-Illhardt)

  4. Was Pasolini nicht ahnen konnte, ist das Abgleiten der Kirche(n) in Bedeutungslosigkeit. Sein Filmprojekt sieht darin ein Symbol. Übersetzt heißt das: Die Fassade eines alten Hauses wird bewahrt, sein Inneres wird jedoch entkernt. Entkernung bringt Gefahren mit sich: Weiß Gesellschaft, wenn sie Religion (nicht Konfession) verliert und vergisst, was sie ist? In einem Konzert, in dem sich orientalische und westliche Musik begegneten, habe ich die Texte des arabischen Dichters Ibn Al-Arabi (gest. 1240 in Damaskus) gehört. Eine Zeile hieß: „Meine Religion ist die Liebe.“ Gilt das auch für die laizistische Gesellschaft?

Sich mit kreativen Filmen – und die sind meistens kritisch – zu befassen, hat bedeutsame Konsequenzen. Dazu gehören: Wechsel der Perspektive, Sich-Einlassen auf neue Verstehenshorizonte, Abbau der Perspektive des Üblichen, neue Verstehensmöglichkeiten entdecken usw. Pasolinis Filme, nicht nur der über Paulus, und natürlich auch andere kritische Filme eröffnen solche Sichtweisen.

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt

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