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Tod, Tanz, Tinguely
Ein Hoch auf das Leben

Gegen Dr. Mengele hat ihn so aufgebracht, dass er, der Todesengel von Auschwitz, den Tod als Mord und ins KZ abschob. Bei Mengele hat Tod nichts mehr mit dem Leben zu tun, nur mit dem Leben der Herrenrasse, er wird zu einer Funktion der Macht. Aber er ist keine Funktion, sondern er hat eine eigene Bedeutung. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht wieder den Tod zu einer Funktion der Macht und der z.B. medizinischen Kontrolle werden lassen.  Dagegen hält Tinguely: „Meine Beziehung zum Tod ist die des Lebens“ (Jocks).

Mengele usurpierte den Tod durch seine brutale Macht, die Planungshoheit ausspielte („Das könnte den Mächtigen so passen, wenn nach dem Tod alles aus wäre …“ – Gedichtanfang von E. Fried). Von dem Fall Mengele abgesehen ist Technik zweifelsohne für den Künstler und auch für uns alle Teil des Lebens und Lebenselixier, sonst würden wir alle sie nicht vorbehaltlos benutzen. Nehmen wir nur als Beispiel der Technik handelsübliche Verkehrsmittel wie Flugzeug, Auto, Zug und Bus. Wir benutzen sie unbedenklich, und doch gibt es die Schattenseite hinter allem. Aber wie stellen wir sie da?

Tinguely stellt nicht den Tod personalisiert à la „Brandner Kaspar“ (Bayrisches Theaterstück) dar. Er zeigt seine Spuren im Leben, mehr nicht. Man braucht wie er die Verfremdung, die Brecht gemeint hat, nicht die pseudorealistischen Geschichten.

Margit Hohnloser (2001): Solange der Tod tanzt ist Leben“ (Jean Tinguely). In Basel lebte ich mit dem Totentanz. Museum Jean Tinguely Basel. Museumskatalog Basel S. 11

Margit Hohnloser (2001): Solange der Tod tanzt ist Leben“ (Jean Tinguely). In Basel lebte ich mit dem Totentanz. Museum Jean Tinguely Basel. Museumskatalog Basel S. 11

Jean Tinguely kreierte 14 Installationen unter dem Namen Mengele Totentanz, eine davon, quasi der Hochaltar der Moderne, war der 1987 geschaffene „Mengele Hochaltar“.  Vor nahezu 50 Jahren trat Tinguely aus der Kirche aus und protestierte – ein Motiv des damaligen Totentanzes – damit gegen die „kleine Gewalt“ der katholischen Kirche und verband mit ihr die „große Gewalt“ der NS-Zeit, die den Tod nicht mehr Schicksal sein ließ, sondern verordnete. Auch hier ist ein Vergleich zur Gegenwart möglich. In dieser Konstellation plante Tinguely eine Kapelle mit 14 Altären für jede seiner Installationen inklusive Hauptaltar, das sind die Skulpturen: Spinne, Sonne, Aggression, Mondscheinsonate, Rammbock, Rammbocks Fee, Skarabäus, Bascule, Skorpion, Mutter, Krebs, Targa Florio (= Autorennen in Sizilien) und Transmission de la mort.  Für die Einweihung hat Pierre

Boulez mit seiner sehr modernen 12-Ton-Musik eine Komposition zugesagt. Tinguelys Tod 1991 kam dessen Realisierung zuvor.

Zwar sind der Nationalsozialismus und die Moraldominanz der Kirchen vergangen, aber geblieben ist die Kontrolle über das Leben gegen den Tod. So wird etwa nach wie vor – auch im Bundestag – viel über den therapeutischen Einsatz von Embryonen, Palliativmedizin und Sterbehilfe debattiert. Diese Themen haben allesamt mit der Frage zu tun, ob wir Leben abbrechen dürfen. Die Debatte soll nicht wieder angeheizt werden. Aber ist die Diskussion nicht wieder einmal ohne diese Frage abgelaufen, die uns Tinguely gestellt hat: Welche Bedeutung geben wir dem Leben? Tod ist ein Bestandteil des Lebens, nicht nur sein tragisches Ende. Tinguely war hin und her geworfen zwischen Kapelle und Alltag. Wie es scheint, können wir alles, nur nicht mit Ambivalenz umgehen. Im Zweifelsfall wird uns der BGH uns schon juristisch hintertrieben mit Eindimensionalität beglücken.

Und die Moral von der Geschicht? Die Konsequenz ist nicht die triviale Weisheit des – von mir selbst erfundenen wahrscheinlich nicht erfolgreichen – Werbespruchs:

 Praktisch denken / Särge schenken.

Die Konsequenz ist komplizierter: Leben bekommt mehr Bedeutung, wenn wir seine Endlichkeit realisieren. Eine einfache Erfahrung: Ein riesiger Wunsch des Kindes ist ein Eis. Wenn es aber bereits viermal (oder wie oft auch immer) ein Eis bekommen hat, ist der Wunsch nach einem weiteren Eis nicht mehr riesig. So ist das auch mit dem Leben. Wenn es unendlich wäre, hätte der einzelne Akt weniger Bedeutung. Wollen wir den Wert des Lebens steigern, müssen wir mit seinem Ende rechnen.

Tinguely sagte, dass er wegen des Lebens den Tod in seine Kunst hineingelassen hat. Platt gesagt: Es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Und genau darauf kommt es an: Leben bedeutender zu machen bzw. werden zu lassen, niemanden an der Bedeutung des Lebens zu hindern, aber auch auf solche Perspektiven aufmerksam zu machen.

Ars moriendi (Quelle: http://cf.collectorsweekly.com/uploads/2013/03/006gerars011.jpg)

Ars moriendi (Quelle: http://cf.collectorsweekly.com/uploads/2013/03/006gerars011.jpg)

Übrigens, als ich im Baseler Museum so betroffen vor Tinguelys Totentanz stand, fiel mir wieder eine hintergründige Erkenntnis aus Sigmund Freuds Traumanalyse ein: Bilder helfen Macht über die Katastrophen des Alltags zu gewinnen.

Warum dieses Kulturthema? Das Thema Sterben und Tod hat zwar eine lange Tradition, aber Stichwörter wie Palliativmedizin, Sterbehilfe oder Hospizwesen machen Sterben und Tod gern zu einem Problem der anderen. Aber es ist unser Problem, und wir müssen es „lösen“. Das geht nur, 

* wenn wir Sterben und Tod die ihnen eigene Dramatik lassen und

* nicht anderen deren Management, zumindest nicht das ideelle Management, übertragen und

* sie zu einer Phase des Lebens machen, 

* vorher das Leben und seine Bedeutung intensivieren sowie

* Sterben und Tod mit Bildern aus dem Alltagsleben vorstellbar machen, ohne es zu identifizieren.

 

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt

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