Der optimierte Körper
Oder fragen Sie nie (?!) Ihren Arzt oder Apotheker

Optimierung des Menschen (medizinethisch „Enhancement“) ist nicht die Heilung einer (unbehandelt eventuell lebensbedrohlichen) Krankheit. Was hat Optimierung für ein Ziel? Welche Rolle spielen dabei Arzt (Medizin) und Apotheker (Pharmazie, Pharmaindustrie)?

 

Optimierung des Menschen (medizinethisch, natürlich in Englisch: Enhancement) ist immer dann gefragt, wenn die Fähigkeiten des Menschen einer vorgegebenen Norm nicht entsprechen. Eng damit verbunden ist der Verlust der Selbstverantwortung durch Bewegung, Trainieren von Gehirnleistungen, Achten auf Nahrung und Trinken, Austarieren von Arbeit und Ruhe etc. Je mehr die Medizin sich einmischt oder eingemischt wird, desto mehr verlieren wir die Selbstkontrolle.

Ein oft benutztes Beispiel ist in der Zeit von Tour de France und Europameisterschaften der Sport. Doping optimiert die Fähigkeiten des Menschen. Ein sehr bekanntes Antikrebsmittel aus der Medizin ist das Epo (med. Epoietin), es bewirkt Andocken von Sauerstoff an Blutpartikel. Man hat Sportler damit aufgemotzt, weil die mehr Sauerstoff brauchen als andere. Aber besonders wichtig ist daran, dass Medizin für nicht-medizinische Zwecke missbraucht wird.

 

Statue in der Basilika in Marmoutier (Foto FJ Illhardt)

Statue in der Basilika in Marmoutier (Foto FJ Illhardt)

Das Problem liegt nicht bei den Anwendern, sondern bei denen, die Sternchen auf die Augen kriegen, wenn mal wieder einer siegt, vor allem wenn er zur eigenen Nation gehört. Um beim Thema zu bleiben: Das TV z.B. zeigt Rollen von Frauen und Männern, die bestimmte Schönheits­merkmale aufweisen. Botox spritzen, Fett absaugen, Nasen verändern usw. Zuschauer honorieren das sog. Enhancement. Auch wenn nichts dahintersteckt. Das nebenstehende Bild zeigt nur Oberfläche, keinen Körper. Wahnsinn oder Enhancement?

  • Kümmern wir uns um den Hintergrund:
  1. Körper, so glauben viele, funktionieren wie eine Maschine. Sprache ist verräterisch: Man fährt in Urlaub, weil man die Batterien (!) aufladen muss. Tut ein Gelenk weh, manchmal sogar sehr weh, wird das Gelenk à la TÜV ausgetauscht (!). Ähnliches bei Organen, die nicht mehr ausreichende Leistung bringen, fehlen Betriebsstoffe (!), werden welche medikamentös ersetzt usw. Welche Modelle vom Körper haben wir im Kopf?
  2. Am Menschen ist hauptsächlich der Körper interessant. Wenn er nicht hinreichend gut funktioniert, wird er optimiert. Eine interessamte Sprachverwirrung: Theoretisch umfasst Enhancement Körper und Geist. Aber Behandlung betrifft nur den Körper, in dem der Geist zu stecken scheint. Was ist eigentlich „Geist“?
  3. Enhancement basiert auf gesellschaftlichen Normen. Wer (man hörte das kürzlich in TV-Nachrichten) einen Vertrag mit dem SC Bayern abschließt, bekommt Millionen. Einem Fan ist es das Geld wert. Diskutieren wir aber nicht über das Geld, das bringt nichts! Die wichtige Frage ist doch: Woher kommt die Norm? Und welche Priorität hat diese Norm? Normensetzen hat immer mit Interessen zu tun. Wer hat warum welche Interessen? Warum befolgt man sie? Das ist doch die Frage.
  4. All diese Punkte haben mit Medizin zu tun. Bei Medizin denken wir mit gutem Grund an Therapie. Aber Enhancement hat diesen Zusammenhang verloren. Es geht längst nicht mehr um den Menschen, der ein Zusammenspiel von körperlichen, psychischen, geistigen und sozialen Komponenten ist. Zusammenspiel? Es geht doch meistens nur um eine einzige von ihnen, die körperliche Komponente. Reduktionismus? Ja.
  • Machen wir uns – wenn wir an diese vier Punkte denken – einige Beispiele gegenwärtig:

 

Beispiel 1: Neurologie

Optimierung ist in der Neurologie besonders verbreitet. „Das Ich und sein Gehirn“ hieß ein Buchtitel von Popper und Eccles. Ist es nicht eher so, dass Ich und Gehirn die zwei Seiten der gleichen Medaille sind? Hier einige besonders häufig nachgefragte Problembereiche:

Lernfähigkeit und Intelligenz

Aufmerksamkeitssteigerung soll Lerneffizienz, Konzentration und Wachsamkeit verdoppeln, hingegen Stress halbieren, sagt die Reklame. Sie werden oft auch als Gehirndoping bezeichnet. Warum greift man eigentlich zu solchen Mitteln? Nur, weil man bei Klausuren und Prüfungen vorne liegen muss und damit bessere Bewerbungs­chancen hat? Will man Lernfähigkeit und Intelligenz optimieren, weil man – und darauf kommt es an – Lernen und Klugheit für wichtig hält oder nur als Mittel zum Zweck ansieht?

Schlafmittel

Benzodiazepine verwendet man als Schlaf- und Beruhigungsmittel. Guter Schlaf war in der alten Medizin zentral. Heute dagegen gibt es viele rezeptfreie Medikamente, nur in schlimmeren Fällen gibt es Verschreibung von Benzodiazepinen und Hormonen. Schlechter Schlaf ist verheerend. Was fehlt, ist das zur Ruhe-Kommen. Ist nicht nach wie vor der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört? Gestörter Schlaf ist wie „ein Stellungskrieg gegen den eigenen Körper“, schrieb Juli Zeh im Roman <Leere Herzen>. Und wenn wir schon einmal unsere Lebenssituation betrachten: Schlafen wir genug?

Psychopharmaka

Greifen wir aus der Klasse der Psychopharmaka Antidepressiva und Beruhigungsmittel heraus. Sie beheben vielfach die Barrieren des Alltags. Die Rolling Stones bezeichneten sie einmal als „mother’s little helper“, weil – so im Song – alles fremd geworden ist und die alten Richtlinien nicht mehr taugen. Kommt man ohne den kleinen Helfer noch zurecht? Extreme Formen dieser Orientierungslosigkeit sind sicher krankhaft. Die Latte des Krankhaften wird so tief gelegt, dass jeder drüber kommt und Hilfe in Anspruch nehmen kann. Ist das nicht – in der weniger extremen Ausprägung – eine Art der Optimierung, die nicht sein muss?

 

Beispiel 2: Geriatrie

Gerade das Alter ist ein viel besuchter Spielplatz für Enhancement. Hier die Beispiele:

Schönheitschirurgie

Kirmeserotik (Foto Arnold Illhardt)

Kirmeserotik (Foto Arnold Illhardt)

Um nicht als alt angesehen zu werden, greift man oft zu operativen Mitteln. Gesicht, Bauch, Beine, Busen, Po & Co sollen attraktiv-jugendliches Aussehen bekommen. Dann gehört man dazu, meinen viele. Aber wenn die optimierten Körperteile wieder alt aussehen, was dann?

Übrigens, Schönheitschirurgie wird oft mit der rekonstruktiven Chirurgie (etwa wegen Verstümmelungen oder nach einem Unfall mit Gesichtsverletzungen) in einen Topf getan. Aber das ist wie bei vielen Optimierungen eine andere Liga.

Anti-Ageing

Natürlich ist „Altwerden nichts für Feiglinge“. Nach Fuchsbergers Buch ist daraus sogar ein Geburtstagskartenspruch geworden. Das Problem liegt aber tiefer. Man fragt besser: Was gilt ein Alter? Man muss sein Alter übertünchen, um als jemand zu gelten, der dazugehört. Mein Gehstock löst Mitleid oder Hilfsbereitschaft aus. Aber will ich das wirklich? Es ist schön, dass es Mitleid und Hilfsbereitschaft gibt, aber eigentlich wollte ich nur dazugehören. Jugendlichkeitswahn verbaut das.

Zurzeit wird viel über freie Radikale geredet, die aus Stoffwechselprodukten entstehen und möglicherweise (!) Altern verursachen. Sog. Antioxidantien verhindern Altern. Manche greifen nach jedem Strohhalm.

Anscheinend ist verständlich, dass man nicht alt aussehen will, notfalls helfen die vielen Cremes, Tinkturen und otc(= over the counter)-Medikamente und Nahrungsmittel. Statt mother’s little helper: Opa’s/ Grandma’s little helper? Dazugehören oder übertünchen?

Luststeigerung

Dass Lusterleben immer schwächer wird, ist sicher mit dem Älterwerden stark verbunden. Darunter versteht man meist Verlust sexueller Funktionen (wie erektile Dysfunktionen, Verlust sexueller Sensibilität, Orgasmusstörungen). Natürlich ist Lust wichtig. Aber wie wichtig ist sie? Man hat ja auch das Recht, keine sexuelle Lust zu empfinden. Leider wird Lust als Teil von Kommunikation oft übersehen. Lust ist das Erleben des anderen Menschen, und Erleben ist ein Ereignis des ganzen Leibes, und nicht nur der Genitalien. Es wäre ja peinlich, Sex zu praktizieren, weil man sich nichts Wichtiges zu sagen hat. Oder wie J.P. Sartre sagte: Küssen, weil man sich nicht streiten kann, geht nicht. In Konstanz vor dem Gebäude des Konstanzer Konzils (1414-18) steht die Imperia von Peter Lenk als Satire. Chapeau! Eine vollbusige Kurtisane bringt den damaligen König und den Papst zusammen. Erotik im Alter scheint komisch, aber kann auch schön sein, jedoch in einem anderen Zusammenhang.

Gedächtnis

Ausstellung in Bernried am Starnberger See. Buchheim Museum der Phantasie (Foto FJ Illhardt)

Ausstellung in Bernried am Starnberger See. Buchheim Museum der Phantasie (Foto FJ Illhardt)

Was im Alter häufig auffällt, ist das nachlassende Gedächtnis im Unterschied zu dementiellen Erkrankungen. Wörter fallen einem nicht schnell genug ein, man verwechselt Ereignisse, vergisst Erlebnisse, kriegt Argumente nicht mehr hin, kann sich nicht mehr witzig genug ausdrücken usw. Hilfe geben Medikamente, verschriebene oder rezeptfreie. Wieviel Akzeptanz des eigenen Verfalls leistet man sich dann? Eine Warnung: Wenn das Gedächtnis nichts mehr vergäße, käme es zur Katastrophe. Alles speichern ist der Super-GAU des Gehirns.

 

Ungelöste Probleme

Optimierung des Menschen hinterlässt einige Probleme, sie hat Nebenwirkungen, etwa: die Mittel funktionieren nicht, macht Menschen krank. Sie zu verteufeln, hilft denen nicht, die sie brauchen. Sie einfach hinzunehmen und die sozialen Konsequenzen zu ignorieren, löst kein Problem. Darum hier einige von den Folgen:

 

1. Medikalisierung des Alltags

Der Deutsche wird dicker, sagten die Medien. Kein Problem. Nicht mehr Bewegung im Alltag, sondern mehr medikamentöse Angebote wie Almased und andere Diätshakes (Fit For Fun?). braucht der Mensch. Wirklich? Die vorherigen Beispiele aus Neurologie und Geriatrie passen in dieses Konzept. Ein anderes Beispiel: Aus Trauer wurde Melancholie, dann Depression, endlich kam mothers little helper. Der Alltag gehört nicht mehr den Menschen und ihren Problemen, sondern der medizinisch unterwanderten Optimierungsstrategie.

 

2. Sinngebung der Altersstufen

„Auch der Zappelphilipp ist kein Schicksal: Über die nichtmedikamentöse Behandlung von ADS“ (oft auch ADHS genannt). Der Neurobiologe und Psychologe Niels Birbaumer (Uni Tübingen) schreibt ein ganzes Kapitel darüber. Wie beim vorigen Punkt ist das ein weiteres Beispiel für Fremdsteuerung. Wir lassen die Menschen nicht reifen, sondern oktroyieren ihnen unsere Erwartungen. Aber sollte man nicht statt nach Dressur, nach dem Sinn dieser Altersstufe fragen? Dann gehört der Mensch wieder sich selber.

 

Der vermessene Harlekin. Eigenes Arrangement (Foto FJ Illhardt)

Der vermessene Harlekin. Eigenes Arrangement (Foto FJ Illhardt)

3. Woher kommen die „Normen“?

Norm basiert auf Maßnehmen. Darum das nebenstehende Bild vom „vermessenen Harlekin“. Sich am Maß orientieren, das andere zur Norm erheben, ist vermessen, aber leider verbreitet.

Normen fallen nicht vom Himmel (wir brauchen jetzt keine philosophische Normdiskussion). Machen wir aus ihnen kein Mysterium. Sie basieren auf Erfahrung, Idealen und Vorschriften, festgelegt von „leitenden“ Personen. Also so etwas wie eine Übereinkunft, deren Hintergrund man nicht prüft. Muss man normal sein? Was ist „normal“? Durchschnitt? Ideal? Experten wissen das scheinbar. Wieder einmal richtet sich die Optimierung nach den Regeln der Expertokraten, nicht nach uns. Sie trägt alberne Züge, weil sie außengesteuert à la „Ich Chef – Du nix“ handelt.

 

4. Ichschwäche = sich vor Verantwortung drücken

Was den Menschen immer öfter, aber leider nicht oft genug gelingt: Ich selber sein. Kant schrieb: Es ist so leicht, sich auf sogenannte Experten zu verlassen, Lehrer, Politiker, Ärzte und andere. Dann braucht man nicht selber Verantwortung zu übernehmen. Er plädierte darum für Autonomie. Wer vor lauter Ichschwäche sich in dieser Bequemlichkeit suhlt, drückt sich allzu gern vor Verantwortung und Lebensgestaltung. Er wird gelebt, und lebt nicht.

 

5. Setzt Verbesserung voraus, dass etwas schlecht ist?

Wenn etwas gut ist, braucht man es nicht zu verbessern. Warum dann Enhancement? Zwei mögliche Gründe:

Erstens, Verbesserung setzt Verbesserungsbedarf voraus. Nur wem etwas „fehlt“, braucht Optimierung. Ist der Mensch gut, wie er ist? Offensichtlich nicht. Wer an Enhancement glaubt, glaubt nicht an den Menschen. Erlösung in atheistischem Gewand?

Zweitens, Enhancement ist so eine Art Tuning. Man verändert etwas, was nicht unbedingt so sein muss. Bei Autos und Maschinen mag das ja angehen, aber ist das nicht Vortäuschung falscher Tatsachen, also Lüge? Der Mensch sieht aus wie Ferrari, ist aber ein Panda. Wir belügen uns durch Enhancement, Sein und Scheinen sind nicht mehr deckungsgleich.

 

Fazit: Brauchen wir wirklich das Enhancement? Es birgt die Gefahr, dass der Mensch die Kontrolle über seine Welt verliert. Entkommen wir dieser Gefahr?

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt