Schlafen wir genug?
Müdes Deutschland und seine müde Vernunft

Schlafen ist ungeheuer wichtig. Schlaflosigkeit, ein gefährliches Krankheitssymptom, inklusive Müdigkeit zerstört die Basis der Vernunft. Ausgangspunkt dieses Zwischenrufs sind ein altes Diätetikschema und seine Deutung.

 

Seehofer, unser Bayrischer Lächler (Facialis-Lähmung?), zugleich Innen- und Heimatminister, düpierte die Kanzlerin mit seiner rechtsextremen Ministeriumsvorlage für die Flüchtlinge (Masterplan Migration). Er wollte national mit Abschiebung losstürmen, die Kanzlerin wollte das mit der EU abstimmen. Die Krise eskalierte, und man arrangierte eine Nachtsitzung, verzichtete auf den Schlaf und warf sich Hallowach (oder was für Pillen auch immer) ein. Letzteres musste wohl sein, weil der Schreiner keine Möglichkeit sah, die Tische zu polstern, wenn die Köpfe vor lauter Müdigkeit auf dem Tisch landen. Oder man dopt.

Und was kam dabei heraus? Nichts, was in Dublin nicht auch schon beschlossen wurde, plus Datumsfestlegung. Letzteres war das Resultat dieser Nacht? Warum also Schlafentzug? Er war vor ein paar Jahren ein psychiatrisches Mittel für Suizidprävention, was nicht die erwartete Wirkung hatte. Aber Politiker und Vereinsbosse, z.B. bei Verhandlungen zwischen Gewerkschafts- und Arbeitgeberverhandlungen, oder solche, die sich für wichtig halten, machen das nach.

Schlaf ist zu wichtig, als dass man ihn den Wichtigtuern überlässt. Was bedeutet er überhaupt?

 

Zahlen und ihre Deutung

Der kleine L. schläft genug und tief. Foto mit Erlaubnis der Eltern

Der kleine L. schläft genug und tief. Foto mit Erlaubnis der Eltern

Ein alarmierendes Studienergebnis: 80% aller erwerbstätigen Frauen und Männer haben Schlafprobleme. Seit 2010 hat sich die Zahl solcher Erkrankungen aller Erwerbstätigen, natürlich verschieden nach Geschlecht, Alter etc., mehr als verdoppelt.

Insomnie (lateinisch) ist der Fachausdruck für Schlafstörungen. Welche Formen der Insomnie unterschieden werden, soll hier nicht interessieren. Es geht ja um die Bedeutung des Schlafes. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) nennt 6-10% der Bevölkerung für eine nicht-organische Erkrankung des Schlafes. Hinzukommen zeitlich begrenzte Störungsphasen von einem Drittel bis über die Hälfte der Bevölkerung. Frauen haben doppelt so oft Schlafstörungen als Männer. (Sind Politiker deswegen meist männlich?). Chronische Schlafstörungen (ohne nähere Klassifizierung) liegen bei über 20% der Erwerbstätigen. 2005 führten sie zu 2,2 Fehltagen, 2010 bereits zu 3,2 und 2015 zu 8,9 Fehltagen. Als Nebenergebnis von Studien wurde belegt, dass Schlafstörungen und zu wenig Schlaf auch bei Kindern und Jugendlichen Gedächtnisprobleme und Schwächung der Reaktionsfähigkeit auslösen.

Eine Befragung von 20 Ländern ergab folgende Zahlen: Besonders wenig Schlaf bekommen Menschen in Japan und Singapur mit 7 Stunden und 24 Minuten, besonders viel die Niederländer mit 8 Stunden 12 Minuten, im hinteren Mittelfeld liegen die Deutschen mit etwa 7 Stunden und 45 Minuten Schlaf pro Nacht.

Was heißt das? Schlechter Schlaf führt zu sehr vielen Problemen wie:

  1. Unfälle im Straßenverkehr, insbesondere solche mit Todesfolge, sind sehr oft auf unzureichenden Schlaf zurückzuführen.
  2. Reduzierter Schlaf schadet dem Bruttosozialprodukt.
  3. Die Dunkelziffer der Schlafprobleme ist immer noch erheblich (wohl an die 19%). Schlafprobleme werden immer noch sehr häufig mit „hab dich nicht so“ oder „haben doch alle“ abgetan.
  4. Schafprobleme führen oft zu Angststörung, Depression, Burn-out usw.
  5. Leistungen in Schule und Ausbildung werden stark vermindert durch schlechten oder zu wenig Schlaf.

 

Medizingeschichte der sechs Dinge, die nicht von Natur vorgegeben sind

Überraschend war für mich, welche Bedeutung der Schlaf in der alten Medizin (Antike bis ins 19. Jahrhundert) hatte, und noch mehr, wie bedeutungslos er heute ist. Die Medizin holt auf, aber in der Bevölkerung gilt der Schlaf weiterhin als unbedeutend, vermutlich, weil das Ergebnis von uns selbst abhängt. Entsprechend ist die Statistik, da braut sich was zusammen. Vernünftiges und kreatives Denken geraten immer mehr ins Abseits.

Welche Bedeutung hat Schlaf für das Wohlbefinden der Menschen? Es gibt wichtige Aussagen darüber in der Medizingeschichte. Ich finde sie wichtiger als alles, was sonst zum Thema Schlaf produziert wird. Was hat das mit dem Schema der sechs Dinge auf sich, das in der letzten Überschrift angekündigt wurde? Das alte Schema heißt Diätetik. (Ein ähnliches Wort ist „Diät“. Beides kommt aus dem Griechischen, aber Diät betrifft nur den 2. Teil. des Schemas.) Hier auch die aktuellen Details:

Schlafschema (Gestaltung Franz Josef Illhardt)

Schlafschema (Gestaltung Franz Josef Illhardt)

Noch ein paar Bemerkungen zu diesem Schema:

  1. Man muss an ausgewogenen Verhältnissen arbeiten.
  2. Medizin damals war sozusagen alltagstauglich. Der menschliche Spielraum und seine Ressourcen müssen genutzt werden
  3. Ärzte gab es in alten Zeiten nur sehr wenig (v.a. in der Stadt und bei Hofe), die eigentliche Versorgung lag bei Barbieren, Kutschern, Pfarrern, (Groß-)Müttern, Lehrern usw.
  4. Es gab sogar einen „Gesundheitskatechismus“ zum Auswendiglernen für Schulkinder. Darin kam auch der Schlaf vor. Gesundheitsregeln setzten auf Sozialisation.

Als die Medizin die Zelle (Virchow) und später noch viel kleinere Bestandteile entdeckte, ging dieses Schema natürlich verloren. Verloren gingen auch die aktuellen Details. Ein riesiges Problem. Allein das Abdriften des Schlafes führt dazu, dass man unaufmerksam für Psychisches und Soziales wird. Sogar rationales Denken gerät in Mitleidenschaft.

 

Was können wir tun?

Für mich gibt es nichts Blamableres, als Ratgeberliteratur zu produzieren. Erstens sind Ratschläge auch Schläge (Besserwisserei) und zweitens ist jeder für sich selbst verantwortlich. Darum nur ein paar allgemeine Hinweise. Was daraus wird, ist dann nicht mehr meine Sache.

 

  1. Größere Achtsamkeit auf Vorgänge im Leib

    Müll der Probleme im Schlaf ent-sorgen? (Foto H. König)

    Müll der Probleme im Schlaf entsorgen? (Foto H. König)

Kürzlich war ich bei einem Orthopäden, weil mir ein Gelenk entsetzlich schmerzte. Röntgenaufnahme, Rezept, und dann Spritzen. Wenn die Spritzen nicht helfen, dann künstliches Gelenk. Das war’s, ein Hohn auf das alte Schema. (Übrigens, „Leib“ ist mehr als „Körper“, umfasst alle Lebensvorgänge, sagen Philosophen.) Aber die Physiotherapeutin zeigte mir das tiefere Problem; ein schiefes Becken. Langsam spürte ich, was in meinem Körper los war, Fehlhaltungen, Übertreibungen, kompensatorischer Gang, das viele Sitzen usw. Medizin wird immer mehr zur Zuschauermedizin, man tut nichts mehr. Und vor allem: Man gibt auch keine Acht mehr auf Dinge, die in einem vor sich gehen. Schlaf wird dann zur Müllhalde der Probleme, die ich nicht wahrnehme und deswegen auch nicht bearbeiten kann. Er wird dann unmöglich.

2. Angst bearbeiten, nicht vertreiben

„Angst essen Seele auf“ hieß ein Film von Fassbinder. (Die Identität des schwarzen Hauptdarstellers geriet in die Krise, weil niemand seine „unkorrekte“ Lebensweise [junger Mann, alte Frau] akzeptierte.) Was passiert mit den Ängsten? Nichts können wir dem Überschwemmtwerden von ihnen entgegensetzen. Ängste, die nicht bearbeitet wurden, vergiften den Alltag- – auch den Schlaf. Beim autogenen Training z.B. wurde ich zu einer seltsamen Vorstellung aufgefordert, die aktuellen Sorgen in ein Kästchen neben mich zu legen. Man kann mit ihnen umgehen.

 

Römisches Theater. Taormina, Sizilien. (Foto Franz Josef Illhardt)

Römisches Theater. Taormina, Sizilien. (Foto Franz Josef Illhardt)

Ein altes englisches Meditationsbuch empfiehlt, seine alltäglichen Sorgen und Ängste in eine Wolke des Nichtwissens (cloud of unknowing) zu deponieren. Werden wir immer mehr zu Sklaven der Angst? Angst vor dem Ende einer Partnerschaft, möglichem Arbeitsverlust, Zusammenbruch von Finanzlage und Wirtschaft, um das Haus abzubezahlen, Rente usw. Angst essen Schlaf auf, Schlaflosigkeit wird zum Symbol unserer Zeit. Ausgrabungen der alten Römer zeigten neben Brutalem viel Schönes. So nach fast 700 Jahren das römische Theater in Taormina (Ostküste Siziliens). Heutige Ausgrabungen würden nach 700 Jahren als unsere Zeit eine Müllepoche entdecken, eine Zeit der ungelösten Probleme. Der Müll des Alltags macht Schlaf unmöglich.

3. Schlaf steigert Rationalität

Das klingt widersprüchlich: Schlaf fördert rationales Denken? Ja. Aber Schlaf ist doch Ausblenden der Rationalität. Schon, aber besser würde man sagen: Er ist das Vorspiel der Rationalität. Wer ausgeschlafen ist, denkt klarer, speichert Vokabeln besser, löst Probleme produktiver, reagiert überlegt, nicht sofort aggressiv usw. Rationalität darf nicht einseitig werden, sie muss alles überlegen, wenn sie etwas ausschließen will. Oberstes Prinzip in einer gruppendynamischen Methode (TZI) heißt: Störungen haben Vorrang. D.h. wer mit seinen Störungen gut umgehen kann, kann nicht einfach zum business as usual übergehen. Erst die Probleme klären, dann effektiv planen, kreativ sein usw. Das beruhigt. Ruhiger Schlaf ermöglicht Rationalität. Wer vor lauter Problemen einen gestörten Schlaf hat, scheitert an den Herausforderungen des Alltags, die Rationalität verlangen. Gestörter Schlaf bedeutet gestörte Vernunft

4. Ausgeglichener Rhythmus der Lebensgestaltung

Zusammengefasst bedeutet das: Schlaf an sich ist unbedeutend oder sogar ein sehr schlimmer Krankheitszustand. Wachbleiben allein ist ebenfalls pathologisch. Nur zusammen sind sie ein sinnvolles Gefüge. Kommen wir auf See­ho­fers Beispiel vom Anfang zurück: Wachsein – Verhandeln, Probleme lösen, Beschließen usw. – auf Kosten des Schlafens geht nicht, weil beides nur in einem guten Rhythmus zusammenpasst. Wer diesen Rhythmus nicht findet, wird krank. Ordensregeln haben etwas Infantiles, aber bei der Benediktinerregel ist es, um beim Thema zu bleiben, der ausgewogene Takt von Schlafen und Wachen. Das eine zu übertreiben ist Faulheit, das andere zu übertreiben ist Gschaftelhuberei (Bayrisch für Wichtigtuerei). Beides bringt letzten Endes nichts, nur im ausgeglichenen Rhythmus bringt es etwas. Dazu braucht man keine Ordensregeln, wohl aber Muster.

 

Eine seltsame Beobachtung:

Meer stürmt gegen das Festland. Insel Guernsey. (Foto Franz Josef Illhardt)

Meer stürmt gegen das Festland. Insel Guernsey. (Foto Franz Josef Illhardt)

Immer mehr Irrationalität begegnet uns. Am Wochenende las ich eine Schweizer Zeitung. Ich war natürlich für das Thema des bedrohten Schlafes als Quelle der bedrohten Vernunft sensibilisiert. Darum fiel mir die Menge an vernunftfreien Ereignissen in der Zeitung auf: Trumps Fake News, politische Irrwege in der EU, Demokratiekrise in Chemnitz, Rentendebatte ohne Generationengerechtigkeit, Unterstützung afrikanischer Staaten ohne wirkliches Konzept, zu viel Irrationalität in der Ökonomie usw. Woher kommt die Zerrüttung der Rationalität? Sind wir zu müde geworden, obwohl wir schlecht schlafen? Das nebenstehende Bild ist ein Symbol: Anstürmende Wasserwellen, Sinnbild für Probleme, zermürben uns, bedrohen uns selbst im Schlaf. Wo ist der Fels, auf den wir bauen können?

Ausgeschlafene Wachheit sieht anders aus.

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt