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Optimierte Zombies
Dolly’s Erbe und CRISPR/CAS

Gentechnik (Quelle: zeit.de)

Gentechnik (Quelle: zeit.de)

Zwei Wissenschaftlerinnen haben ein biochemisches Skalpell entwickelt, mit dem sich chirurgisch genau der Gen-Code von Menschen, Tieren und Pflanzen editieren lässt. Die Fähigkeit ins Genom dieser Welt eingreifen zu können, offenbart zuallererst den Eindruck, einen riesen Schritt in der Wissenschaft gemacht zu haben. Doch birgt dies auch Gefahren.

 

Emmanuelle Charpentier (Quelle: web.de)

Emmanuelle Charpentier (Quelle: web.de)

Was steckt dahinter

Die beiden Wissenschaftlerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna haben mit CRISPER/CAS (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats) ein biochemisches Skalpell geschaffen, mit dem gezielt Gensequenzen entfernt, eingefügt oder auch verändert werden können. Sie haben sich dabei eine Eigenschaft von Bakterien und Archaeen zunutze gemacht, mit denen sich das Immunsystem jener (Ur-)Bakterien vor dem viralen Einfügen fremder Gensequenzen geschützt hat. Nachdem das gesamte Genom des Menschen, aber auch anderer Lebewesen dieses Planeten entschlüsselt wurde, kann mithilfe dieses Werkzeugs nun nach Belieben experimentiert werden, wofür die Stammzellenforschung ja in den Startlöchern steht.

 

Klonschaf Dolly (Quelle: wikipedia.com)

Klonschaf Dolly (Quelle: wikipedia.com)

Schafes Bruder

Es hat ja seinerzeit nahezu harmlos begonnen, als vom Schaf Dolly ein Ebenbild erstellt wurde. Im Gegensatz zu heute geschah dieses schon fast brachial, als man schlicht den Zellkern austauschte. Die Zeiten von Schafes Bruder sind längst in der sepia vergilbten und romantischen Vergangenheit der Stammzellenforschung vergraben. Die heutigen Techniken sind durch CRISPR/CAS viel filigraner und zielgenauer geworden. Es sind Einschnitte im Genom von chirurgischer Präzision.

 

Der Alltag

Aber eigentlich sind Genmanipulationen heute schon nichts Neues mehr, denkt man an Firmen wie Monsanto und Bayer, die ja erstere jetzt übernehmen wollen. Heutzutage wehren sich die Menschen schon gegen genmanipulierte Lebensmittel. So sehr sind diese Technologien in unserem Alltag angekommen und die Folgen für viele immer noch unabsehbar. Eine Boulevard-Zeitung titelte letztlich noch zu CRISPR/CAS: „Wo bleibt der Aufschrei?“. Doch dieser bleibt offenbar aus. Natürlich wurden ethische Bedenken gegen die Stammzellenforschung an Embryonen laut. Sind die Menschen einfach nur müde geworden, gegen die Gefahren anzukämpfen? Oder ist der Fortschritt einfach nicht aufzuhalten? Frei nach dem Motto: Wenn wir es nicht tun, tun es andere. Vielleicht freundet man sich mit den „Veränderungen“ der Zeit aber auch einfach nur an, wenn sie nur schmackhaft genug verkauft und Risiken ausgeblendet werden.

 

Das Ziel

Wofür die Evolution Jahrmillionen gebraucht hat will die Menschheit in gerade mal 30 Jahren entschlüsselt und im Griff haben. Der Eindruck einer grenzenlosen Selbstüberschätzung entsteht und kann sich rächen, wenn man sich im Labyrinth der herbeigeführten Veränderungen des Genoms verirrt und den Weg zurück nicht mehr findet. Wie viele Forschungsschritte und Veränderungen am Genom können gegangen werden, dass man sie im Falle eines Irrtums noch den Rückweg wieder antreten kann? Oder ist dieser Zug bereits abgefahren? Zu groß ist die Gefahr, dass Veränderungen nicht mehr zurückgenommen werden können, aber in Zukunft zu einem fatalen Fehler in der Entwicklung der Natur führen könnte, deren Aussichtlosigkeit nachfolgende Generationen dann ohne Chance gegenüberstünden. Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist gerade mal wenige Jahrzehnte alt. Noch ist das Zusammenspiel zwischen Genen und Körper nicht einmal komplett erforscht, und schon haben genveränderte Produkte Einzug in unseren Alltag gehalten. Immer neue Krankheitserreger, Stichwort „resistente Keime“. Immer neue Medikamente, die notwendig werden, weil Keime auf alte nicht mehr reagieren. Die Flickschusterei ist unübersehbar.

Vor diesem Hintergrund scheint die Manipulation von Genen der Heilsbringer zu sein, um Krankheiten mit gezielt veränderten Genen angreifen zu können. Das gesamte Genom wurde entschlüsselt, aber wurde es auch verstanden?

Denn auch bei Dolly, dem bekannten Klon-Schaf, setzte der Alterungsprozess viel zu früh ein. Wie man heute vermutet, weil die Geninformation des Klons aus einer ausgewachsenen Zelle stammte, in der schon der Alterungsprozess eingesetzt hatte.

 

CRISPR/CAS9 (Quelle: ytimg.com)

CRISPR/CAS9 (Quelle: ytimg.com)

Visionen und Gefahren

Selbst die Neuzüchtung, zusammengesetzt im genetischen Baukasten, von längst ausgestorbenen Tieren scheint in greifbare Nähe zu rücken. Doch wem nützt es, wenn ein Mammut wieder erschaffen wird? Außer der Wissenschaft, die sich an ihrem Erfolg selbst erfreut und beweihräuchert und einem Zoo, der als weitere Attraktion eine bedauernswerte Kreatur präsentieren kann, die sich in einen falschen Film versetzt sieht und gefühlt lieber woanders wäre, sicherlich niemandem.

Den Gedankenspielen sind keine Grenzen mehr gesetzt. Doch wie jede Medaille eine Kehrseite hat, so auch diese. Wer kann glaubhaft verhindern und ausschließen, dass nicht bereits in geheimen Laboratorien an dem Soldaten der Zukunft geforscht wird? Dieser muss, dank des neuen biochemischen Werkzeugs, noch nicht einmal komplett menschlich sein.

In Südkorea können sich beispielsweise gutbetuchte Kunden schon heute, denen es allzu schwerfällt, sich von ihrem geliebten Haustier nach dessen Tod zu trennen, dieses für teures Geld klonen lassen. Man fragt sich allerdings, ab der wievielten Version es langweilig und wie leichtfertig dann Leben irgendwann „entsorgt“ wird, weil man es ja stets reproduzieren kann?

Werden wir uns eines Tages unsere Wunschpartner aus dem Katalog bestellen und bei nicht gefallen zurückschicken, wenn Amazon, Parship und Sooam Biotech miteinander fusionieren? Diese Technik erweckt Möglichkeiten, die in Science-Fiction-Filmen belustigend wirken, weil dort die Frage nach der Ethik einfach offenbleibt und an den Betrachter weitergegeben wird, ohne sie zu beantworten. Doch einige können oder wollen sie nicht beantworten oder fühlen sich sogar beflügelt, diese Visionen wahr werden zu lassen. Es ist unser aller Antrieb, etwas Neues zu schaffen. Doch zu welchem Preis für alle auf diesem Planeten?

Ersatzteile des Körpers zum Selberbasteln aus dem 3D-Drucker? Klone als Ersatzteillager? Die Liste dieser Visionen ließe sich endlos fortführen und erscheint angesichts immer häufiger auftretenden Gebrächen im Alter und der eigenen Betroffenheit immer legitimer und moralisch unbedenklicher.

 

Jennifer Doudna (Quelle: indepentdent.co.uk)

Jennifer Doudna (Quelle: indepentdent.co.uk)

Eine Frage der Moral

Den beiden Wissenschaftlerinnen, die eigentlich nur ein brauchbares Werkzeug lieferten, kann man keinen Vorwurf machen, führen sie doch glaubhaft nur Gutes im Schilde. Für Menschen mit Behinderungen und Erkrankungen können solche Entwicklungen das Leben erheblich erleichtern oder gar retten. Doch die klinisch feinsäuberliche Beseitigung von Krankheiten, die moralisch erst einmal hoch zu bewerten ist, wirft eine längst bekannte weitere Frage auf.

Wie passt es zusammen, wenn Menschen immer älter werden und ihre Anzahl immer rasanter zunimmt, weil ein Rentensystem von vorgestern die Menschen zwingt, sich wie eine Heuschreckenplage zu vermehren, um im länger werdenden Alter zu überleben? Es wird schon jetzt deutlich, dass die Ressourcen und solche Technologien dieser Welt nur wenigen Menschen auf diesem Planeten vorbehalten sind. Und diese Kaste wird verbissen und mit allen Mitteln um ihr Alleinstellungsmerkmal kämpfen. Dass die eigene Gesundheit mit der eigenen Finanzkraft einhergeht, kann man auch schon heute beobachten. Es ist dringend notwendig, diese Überbevölkerung zu bekämpfen. Oder muss CRISPR/CAS irgendwann die erlösende Unfruchtbarkeit der Menschen bringen, damit sich die Situation wieder entspannt? Denn anderenfalls werden es Kriege oder andere apokalyptischen Szenarien tun.

 

Der neue Markt

Die New Economy-Giganten des Silicon Valley investieren schon zweistellige Milliardenbeträge in die Erforschung lebensverlängernder Maßnahmen. Doch warum? Gewiss nicht, weil ein ganzes Menschenleben schon lange nicht mehr ausreicht, um all die bereits verdienten Milliarden wieder auszugeben. Aber sicherlich zuerst einmal mit der Absicht, an zukünftig interessanten Märkten optimal aufgestellt zu sein. Doch damit steht das neue Geschäftsfeld noch nicht in sichtbarer Verbindung zum derzeitigen Kerngeschäft dieser Unternehmen. Denn, und das ist der Clou, was derzeit noch als kleine technische Gadgets im Alltag wahrgenommen wird, kann in Zukunft, visionär weitergedacht, die Beziehung zwischen Mensch und Maschine revolutionieren. Brillen mit Eye-Tracker-Funktion, die das Steuern von Computern und Maschinen über die Verfolgung der Pupille möglich machen, gibt es schon jetzt. Japanische Firmen beginnen schon mit der Implantation von ID-Chips unter die Haut, was im Übrigen bei Haustieren schon Alltag ist, wenn sie in Europa Grenzen überschreiten wollen. Biomechanische Komponenten wachsen sozusagen immer mehr in den Körper hinein. Hörgeräte werden bald implantiert und könnten dann schon die gesamte Funktion des menschlichen Hörorganes übernehmen. Für Betroffene sicherlich eine Erleichterung. Doch die gruselige Vorstellung in den eigenen Körper implantierter Technik, die in ständigem Kontakt mit ihren Herstellern stehen und vielleicht sogar von dort gesteuert wird, suggeriert zweifellos ein Horrorszenario nicht nur der Totalüberwachung. Für viele völlig unverständlich, dass sich heute schon reihenweise Menschen Körperfunktionen überwachende Armbänder umschnallen, deren Daten auf ihrem Smartphone gespeichert und ausgewertet werden. Google und der Pharma-Konzern Novartis starten derzeit ihre Zusammenarbeit mit einer speziellen Kontaktlinse für Diabetiker zur Überwachung der Zuckerwerte. Alles sicherlich noble Entwicklungsgesten auf den ersten Blick. Doch man darf nicht vergessen, es sind Unternehmen, deren Grundfeste auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind und nicht von Mutter Theresa verfasst wurden.

 

Der Supermensch (Quelle: stöverstuuv.de)

Der Supermensch (Quelle: stöverstuuv.de)

Eine neuerliche Umfrage zeigt, dass sich die meisten Menschen vor diesen Eingriffen und dem Supermenschen der Zukunft fürchten. Dies offenbart allerdings die Zwickmühle, in der sich die Wissenschaft angesichts immer neuer Krankheiten befindet.

Jedoch unabhängig davon, ob wir nun immer gesund und fit sind, oder optimierte Zombies unsere Welt bevölkern, mag man sich bei all diesen Aussichten sicherlich verängstigt die Titelfrage eines amerikanischen Spielfilms stellen: „Hunde, wollt Ihr ewig leben?“

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