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Tagträumer’s Vision
Der Idealismus einer neuen Hilfe

Tagtraeumer's junge Ideen (Quelle: tagtraeumer.net)

Tagtraeumer’s junge Ideen (Quelle: tagtraeumer.net)

Spendenorganisationen stehen oft im Verdacht, intransparent zu sein. Kann man sie dennoch neu erfinden? „Tagtraeumer e. V.“ wagt einen neuen, idealistischen Weg.

Durch eine kleine Kunstausstellung, die ich während eines Spazierganges am Schloss in Rheda-Wiedenbrück durch Zufall entdeckte, bekam ich Kontakt zu einer Gruppe junger Visionäre um den Verein „Tagtraeumer e. V.“, die den Raum oftmals undurchschaubarer Spendenorganisationen mit idealistischen aber auch innovativen Ideen revolutionieren möchten. Nun hatte ich die Gelegenheit, mit dem Gründer und Vorsitzenden Jan Harbsmeyer zu sprechen.

 

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Ihr habt Euch zusammengefunden, um (wie es auf Eurer Webseite zu sehen ist) ehrenamtlich, nachhaltig und transparent Hilfe zu leisten. Was treibt Euch an? Wie kam es zur Gründung des Vereins „Tragträumer“? Wie lange gibt es Euch schon? Und welche Erfolge könnt Ihr bereits verbuchen?

Die Grundidee von tagtraeumer ist eine ziemlich idealistische Vorstellung. Wir sind davon überzeugt, dass es viele junge Menschen gibt, die ein soziales Bewusstsein haben und offen dafür sind, anderen Menschen zu helfen – auf diverse Arten. Ob finanziell, durch ehrenamtliches Engagement, generellen Support, etc. Und wer wird in der Regel unterstützt? Meistens sind es die großen Organisationen, da diese aufgrund ihrer Größe auch die Möglichkeiten haben, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erreichen – eher als kleine Organisationen.

Dies soll nicht als Plädoyer gegen bekannte, größere Spendenorganisationen und NGOs sein – man sollte es positiv auffassen! Es gibt sehr viele kleine, privat geführte Spendenorganisationen, welche ehrenamtlich und nebenberuflich geführt werden. Diese arbeiten oftmals mit hohem Aufwand und erfolgreich, und könnten die Arbeit besser fortführen bzw. sogar erweitern, wenn extern Werbung und Finanzierung erfolgt. Das ist unser Part.

Und wir erreichen eben auch eine konkret neue Gruppe, die wir ganz gut kennen, da wir größtenteils Teil von ihr sind: „Junge Menschen“. Auch in der Hoffnung, nachhaltig soziales Bewusstsein zu fördern; ich hoffe, so kann man es langfristig gesehen irgendwann nennen.

Unsere Idee basiert auf dem Vertrauen, dass es genug junge Menschen gibt, die Lust haben, ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen und Input geben zu wollen bei der Gestaltung von tagtraeumer.

Und so kam es, und deshalb konnten wir den Verein tagtraeumer e.V. im Dezember 2013 gründen. Es haben sich einige junge Menschen und unsere juristisch-kompetenten Zwillinge Thomas und Michael (Junggebliebene, soziale Rechtsanwälte / Steuerberater) gefunden.

Seitdem haben wir zwei Kleidungskollektionen in Zusammenarbeit mit Designern herausgebracht, sowie drei Infoabende und zwei Kunstausstellungen organisiert, oder bei anderen Veranstaltungen einen Info- und Merchandise-Stand gehabt, um junge Menschen zu erreichen. Unser Einsatz geschieht ehrenamtlich und alle Ausrüstung und Kosten, die natürlich anfallen, decken wir durch Gelder, die wir explizit für Vereinskosten ausgeben dürfen – wir führen quasi zwei Kassen, die wir strickt trennen.

In unserem Online-Shop stellen wir alle Kosten, von Kleidungsstück-, Druck- und sonstigen Kosten transparent dar und verkaufen die Shirts, Pullis und Beutel/Taschen zum „Einkaufspreis“. Alles, was darüber hinaus gezahlt wird, ist Spendengeld, welches wir an unsere Projekte weiterleiten. Anfangs hatten wir es auch mal so, dass ein Spendenteil in den Preis reingerechnet wurde. Wir mussten allerdings feststellen, dass wir dann auch als gemeinnütziger Verein buchhaltungs- und steuerpflichtig geworden wären. Zuviel Aufwand für einen solchen Verein im Augenblick. Deshalb die Kehrtwende und transparente Darstellung.

Wir wollen vertrauenswürdig sein und die Menschen selbst entscheiden lassen.

So arbeiten wir. Und alles bisher Erreichte ist für mich gesehen schon ein Erfolg, da der Idealismus Realität geworden ist. Der Name „tagtraeumer“ ist somit vielleicht sogar ein bisschen zynisch-sarkastisch zu sehen, da wir ja doch Realität geworden sind mit unserem utopischen, positiven Konzept. Es ist doch ganz schön, Vorstellungen einfach mal anzupacken und auszuprobieren.

Und was ist bisher dabei so rumgekommen, in Rheda-Wiedenbrück (und Umgebung) seitdem? Wir haben bisher 3122,68€ an Spendengeldern verteilt, und nach der Kunstausstellung können wir bald schon wieder was verteilen.

 

Wollt Ihr ausschließlich junge Menschen ansprechen?

Nein, natürlich nicht. Wie schon gesagt. Denn es liegt derzeit nur daran, dass wir eben selber jung sind und tagtraeumer über Freunde und Bekannte gewachsen ist und daher regional im Augenblick noch relativ begrenzt ist. Natürlich wünschen wir uns auch Unterstützer aus allen Altersklassen. Das kann aber nur sukzessive und über einen medialen Auftritt passieren, der diese Grenzen von Rheda und Umgebung überschreitet.

 

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Welche Hilfsprojekte sind in Eurem Fokus? Wonach wählt Ihr aus?

Das Geld geht an unsere zwei Förderprojekte, die Brasilieninitiative Avicres e.V. (Nova Iguacu, RJ, Brasilien) und nunmehr das Gesundheitszentrum „Mutter der Barmherzigkeit“ in Lima. Ursprünglich hatten wir den Togo-Förderverein Rheda-Wiedenbrück e.V. unterstützt. Seitdem wir aber einen persönlichen und gut informierten Kontakt zu dem Projekt in Peru haben, haben wir nunmehr noch ein Projekt, welches wir in unserem Wirkungskreis besser fördern können, da dieses dort quasi niemand kennt und deshalb durch uns ein ganz neues Publikum erreicht – ohne etwas dafür noch tun zu müssen.

Die Brasilieninitiative Avicres e.V. kennen wir in ihrer Arbeit besonders gut, da Stella Rau und ich im März/April 2015 für einen Monat vor Ort waren, in einer Gastfamilie gelebt und ein Praktikum in allen Einrichtungen des Projekts gemacht haben. Das war eine phänomenale Erfahrung und ein super Einblick, der uns sehr darin bestätigt hat, in tagtraeumer zu investieren, um somit dieses Projekt so gut es geht zu fördern in Zukunft.

Beide Projekte basieren auf ehrenamtlicher Arbeit und das Geld kommt zu 100% vor Ort an, es gibt keine Verwaltungskosten. Mitglieder aus Deutschland zahlen ihre Flüge selbst – und viel wichtiger, es ist sehr nachhaltige Arbeit, da Konstrukte, Ideen und vor Allem Gelder vor Ort geliefert werden; die Arbeit wird dann aber von den Einheimischen übernommen, diese wählen, organisieren, übernehmen Verantwortung und haben somit letztlich Mittel und Strukturen, um ihr Umfeld eigenhändig zu verbessern. Das ist uns sehr wichtig, die berühmte „Hilfe zur Selbsthilfe“.

Zu beiden Förderprojekten haben wir einen vertrauensvollen, direkten Kontakt und herzlichen Umgang.

 

Wen wollt Ihr ansprechen? Welche Hilfen, außer finanziell, wünscht Ihr Euch?

Wie bereits erwähnt, wollen wir konkret primär junge Menschen erreichen. Natürlich erreichen wir gerne jeden Menschen, der uns irgendwie irgendwo begegnet. Diese Menschen sind generell kulturinteressierte, offene Menschen, das kann man wohl sagen.

Wir wollen nicht einfach Geld einsammeln. Wir wollen das Beste und Schönste für alle: Dass alle irgendwie glücklich sind. Dafür müssen wir Arbeit investieren, aber das ist es wert. Denn so kreieren wir beispielsweise schöne Veranstaltungen, bei denen wir uns vorstellen können, aber auch Raum ist für tolle Musiker, DJs, für zum Teil wirklich geniale Kunstwerke oder für unsere schönen, fairen Klamotten. Und so bieten wir unserer Zielgruppe immer etwas, die sich dann dadurch definiert, dass sie unsere Angebote zu schätzen weiß und somit spendet – und im Austausch etwas dafür bekommen hat. Geben, Nehmen – alle Seiten sind glücklich. Zumindest ist das unser Ziel.

Und auf diesem Weg geschieht quasi alles kooperativ. Wir können den Musikern kein Geld für ihre Auftritte geben. Die wollen trotzdem spielen, unterstützen somit unsere Arbeit ebenfalls ehrenamtlich, wir bieten ihnen einen Präsentationsrahmen; ebenso das Prinzip bei Kunstausstellungen, beim Design unserer Textilien, und bei vielem, was hoffentlich noch kommt!

Wir sind offen für Kooperationen. Es gibt so viele Möglichkeiten, Veranstaltungen oder Produkte zweckbezogen sozial und kreativ neuzugestalten, da sind wir dankbar und offen für, wie auch angewiesen darauf: dass sich Menschen mit diesen Möglichkeiten bei uns melden. Beziehungsweise, dass wir sie erreichen.

Das hat schon geklappt, und wird weiter klappen, ganz bestimmt!

 

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Jan Harbsmeyer (Foto: Thomas Esche)

Wie könnt Ihr die angepriesene Transparenz garantieren und sicherstellen, dass die Spenden auch wirklich dort landen, wofür Ihr sie eingesammelt habt? Gibt es auf dem Weg dorthin Verwaltungskosten? Und wenn ja, welche?

Unsere Förderprojekte kommen ohne Verwaltungskosten aus, ebenso wie wir. Bei unseren Klamotten ist pro Stück noch eine pauschale Gebühr von 0,70€ eingerechnet, die einmalige Kosten wie Siebherstellung (und Farbwechsel bei mehrfarbigen Aufträgen) decken soll, ebenso anfallende Spritkosten für die Abholung der Ware – hier sind vielleicht, je nach Bestellung, Mehreinnahmen möglich – die dann aber auch einfach Geld darstellen, welches wir für Vereinsarbeiten verwenden.

 

Wie prüft Ihr, ob Euer Geld auch wirklich dort angekommen ist?

Die Frage „Wie prüfen wir, ob das Geld auch wirklich dort angekommen ist“ ist eine gute, aber schwierige Frage. Schwierig insofern, weil die Antwort vielleicht nicht befriedigend ist. Wir prüfen es nicht. Weil wir es nicht prüfen können, jedenfalls wüsste ich nicht, wie und wer und mit welchen Mitteln überhaupt.

Wir vertrauen den Organisationen, denen wir Geld zukommen lassen. Und wir erhalten Updates von ihnen zu aktuell Anstehendem, werden zu Jahresversammlungen eingeladen und wissen deshalb relativ gut, was mit dem Geld jedes Jahr geschehen ist.

Ansonsten sehen und erleben wir die Verantwortlichen der Projekte, kennen ihre Motivation und fühlen uns dann bestätigt und sicher genug, diesen Menschen das Geld anzuvertrauen, ohne Kontrollinstanzen einzuführen – unabhängig davon, dass wir das nicht umsetzen könnten derzeit. Es ist wieder idealistisch. Aber wir haben keine Gründe, diesen und das darin begründete Vertrauen in unsere Projekte aufzugeben.

 

Jonas Rose (links im Bild) (Quelle: Archiv Jan Harbsmeyer)

Jonas Rose (links im Bild) (Quelle: Archiv Jan Harbsmeyer)

Unter dem Titel „Junge Ideen“ habt Ihr sogar Künstler mit eingebunden. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und warum ist diese aus Eurer Sicht sinnvoll? Erzähl ein wenig davon und wie es funktioniert.

Die Ausstellungen „Junge Ideen“ zeigen am besten unser offenes Vereinsprinzip, in dem sich jeder einbringen kann und soll mit den Interessen und Talenten, die er/sie hat. So hat es Jonas Rose gemacht, der nunmehr sogar im Vorstand gelandet ist. Jonas studiert Produktdesign und ist selbst künstlerisch aktiv. Er hat sich vorgenommen, eine Kunstausstellung zu organisieren für tagtraeumer.

Diese Idee ist genial und genau so ein Input ist das, worauf ich mit dem Konzept von tagtraeumer gehofft hatte. Wir versuchen ständig, unserer Zielgruppe auf kreative Weise etwas zu bieten. Eine Kunstausstellung war hier auf kultureller Ebene ein neuer Meilenstein und besonders interessant, da es in Rheda-Wiedenbrück und Umgebung (ich hoffe, ich unterschlage jetzt keine entsprechenden Veranstaltungen/Programme, die sich sowas auf die Fahne geschrieben haben) eigentlich wenig bis keine Berührungspunkte gibt zwischen Kunst auf der einen Seite, und jungen Rezipienten auf der anderen Seite.

Wir haben dafür gesorgt. Mit jungen, schaffenden Künstlern und einem sozialen Hintergrund.

Total schön, wenn sich dann einige (junge) Menschen ein Bild gekauft haben und das bei sich im Zimmer hängen haben. Womöglich ist es das erste, selbstgekaufte Werk. Wir haben das organisiert, wir haben dafür gesorgt, dass das Werk eines jungen, talentierten Künstlers gefördert und im privaten Raum aufgehangen wird, und dass mit dem Geld soziale Projekte gefördert wurden.

Auf so ein Ergebnis können doch Konsument, Produzent und Organisator glücklich und dankbar zurückschauen, oder?

 

Welche Künstler/innen sind es im Augenblick? Stellt sie kurz vor. Wollt Ihr noch mehr Künstler ansprechen?

Die Künstler der „Junge Ideen II“-Ausstellung kennen wir alle persönlich irgendwoher. Die meisten Kontakte hat Jonas Rose geknüpft, der durch sein Studium in Münster Kontakt zu vielen Illustratoren, Designern und Künstlern aus Münster hat. Darüber hinaus waren aber auch Leute aus Paderborn, Düsseldorf, einigen weiteren Städten (ich glaube, alle aus NRW) und ein Künstler aus Nicaragua vertreten.

Zu den meisten der Künstler, die für uns ausgestellt haben, haben wir noch guten Kontakt und erhoffen uns so etwas wie ein „Künstlerkollektiv“, bestehend aus Musikern, Illustratoren, Designern, Künstlern, etc.. Dieses Kollektiv soll möglichst permanent erweitert werden, so dass wir je nach neuem Vorhaben und bei jeder zukünftigen Veranstaltung schauen können, welche Art von Kunst/Kultur wir wie noch einfließen lassen können – und dann können wir die entsprechenden Leute kontaktieren.

 

Die Kunstwerke werden ja auch verkauft. Welche Resonanz resultiert daraus, sowohl bei den Künstlern, aber auch bei jenen, die sie kaufen? Bekommen die Künstler etwas für ihre Kunstwerke, oder stiften sie diese komplett?

Die Resonanz der zweiten Junge Ideen-Ausstellung war phänomenal. Wir haben 21 von 27 ausgestellten Werken verkauft und somit insgesamt 976,52€ Spendengelder eingenommen. Richtig gut für uns. Was aber haben Künstler und Käufer davon? Bei der ersten Ausstellung hatten wir noch den Deal, dass die Künstler als Dankeschön pro verkauftes Bild 10,00€ bekommen. Ein kleiner Preis, aber immerhin.

Bei der Neuauflage des Ausstellungskonzepts haben wir uns noch etwas Besseres einfallen lassen. Über Sponsoren waren wieder alle Kosten (Bleichhäuschen, Flyer/Plakate, Essen, Getränke Rahmen) gedeckt, zusätzlich haben wir von einem Künstlerbedarf Skizzenbücher geschenkt bekommen, welchem wir – signiert und mit aktuellen tagtraeumer-Postkarten ausgestattet – allen Künstlern als Dankeschön geben konnten. So haben diese wieder Platz für weitere junge Ideen und ein persönliches Dankeschön von uns; wir können den kompletten Einkaufspreis durch die Bilder als Spendengeld behandeln und an unsere Projekte weiterleiten.

Bei der Übergabe der Bücher waren die Künstler allesamt ziemlich überrascht und dankbar. Wir hatten vorher vertraglich geregelt, dass sie uns die Werke für die Zeit der Ausstellung zur Verfügung stellen und wir sie eigenmächtig verkaufen könnten, ohne dass die Künstler finanziell beteiligt wären. Alle, die ausgestellt haben, haben sich damit zufriedengegeben und wollten uns mit ihrer Arbeit mehr unterstützen, als selbst Profit daraus zu ziehen.

So ist es uns gelungen, dass die Künstler dankbar und glücklich waren und sich gefreut haben, mit ihren Werken Teil der schönen, sozialen Ausstellung zu sein. Und der Käufer? Der hat sich ein Bild von einem jungen, vielleicht ja aufstrebenden, definitiv aber talentierten Künstler besorgt, dafür 30-50€ (ggf. plus freiwillige Spende) bezahlt und genau diesen Betrag an unsere Förderprojekte gespendet. Heißt: Der Käufer hat ein sehr gutes Gefühl bei dem Kauf und wird die Investition in keiner Weise bereuen können.

Einen schönen, angestrebten Effekt kann ich glücklicherweise auch dokumentieren: Durch unsere Ausstellung sind einige Kunstinteressierte mit den Künstlern selbst in Kontakt gekommen bezüglich weiterer Auftragsarbeiten, sodass die Künstler auch finanziell langfristig hoffentlich von ihrer Beteiligung bei unseren „Jungen Ideen II“ profitieren können.

Zudem gab die Ausstellung, zumindest die Vernissage, die Möglichkeit, mit vielen der Künstler in Kontakt zu treten und über die kreierten Werke zu reden. Ich denke, vor allem für das junge, kunstunerfahrene Publikum war dies eine wichtige und schöne Möglichkeit.

 

Ihr bietet aber auch andere Projekte an für Leute, die bei Euch mitmachen wollen. Welche Projekte sind das?

Wie bereits erwähnt sind wir offen für allerlei Impulse, entsprechend der Diversität der Leute, die sich bei uns melden und einbringen wollen. Wir bemühen uns darum, unsere Zielgruppe zu expandieren und bestenfalls auf verschiedene, innovative und unbekannte Arten anzusprechen und Kultur und Spenden so innovativ in Einklang miteinander zu bekommen.

Deshalb sind wir für jederlei Mitarbeit offen. Sei es in künstlerischer Form (siehe Künstlerkollektiv), oder organisatorischer Art. Wir können aber auch nicht versprechen, jeden Menschen, der Interesse hat, aufzunehmen.

Wir vertreten ziemlich idealistische, aber konkrete Werte. Diese Werte sollen durch jeden einzelnen tagtraeumer repräsentiert und gelebt werden. Wer das nicht tut, ist nicht richtig bei uns. Ebenfalls darf man nicht bei uns antreten in der Erwartung, Teil einer perfekt organisierten Organisation zu sein, die alle drei Wochen etwas Neues präsentiert und gigantisch schnell expandiert. Wir machen alles ehrenamtlich, und ich als „Chef-Organisator“ weiß wohl am besten, dass wir zum Teil sehr langsam sind und Fehler machen.

Wir haben uns selbst gegründet und keiner von uns, speziell ich nicht, haben gelernt, wie man so einen Verein am besten vernetzt, wie man ihn strukturiert, weiterentwickelt und Aufgaben verteilt, etc.

Der Verein lebt davon, dass sich Personen flexibel einbringen und Motivation mitbringen. Und Interessen/Talente klar kommunizieren können, sodass wir diese Menschen bestmöglich für uns und für sie selbst einbringen können.

 

Tagraeumer.net (Foto: Thomas Esche)

Tagraeumer.net (Foto: Thomas Esche)

Wo steht Ihr heute und wenn Ihr diese Tagträume weiterträumt, welche Vision seht Ihr? Wagt einen Blick in die Zukunft. Was plant Ihr noch?

Wo stehen wir? Das ist eine sehr gute Frage. Wir haben uns in Rheda-Wiedenbrück und Umgebung unter den jungen Menschen einen gewissen Namen gemacht, jedoch verstehen viele aus unserer Zielgruppe auch unser Konzept noch nicht ganz, da wir nach außen hin so unterschiedlich auftreten: Mal einen Stand bei einem Festival, dann auf einmal was mit Kunst, dann eigene Veranstaltungen mit Live-Musik und DJs, dazu noch Klamotten….

Da haben wir nicht perfekt an der Außendarstellung gearbeitet, das gilt es noch ein bisschen nachzuholen. Erster Schritt ist, dass alle Vereinsmitglieder unsere Arbeit kurz und präzise erklären können, zweiter Schritt ist, dass diese allgemeine Erklärung auch allgemein bekannt wird.

Ich persönlich bin halbwegs zufrieden mit der bisherigen Entwicklung. Am Anfang habe ich wesentlich größer geträumt, aber ich hatte auch keine Ahnung von der Arbeit an sich, davon, wer in welchem Maß mitarbeiten wird und wie groß eigentlich diese ganzen bürokratischen, finanziellen und steuerlichen Hürden sind! Jetzt weiß ich das, und bin deshalb doch ganz zufrieden auf den Status quo. Aber immer noch ambitioniert! Denn es wird sich jetzt einiges tun!

Zusammen mit Jonas Rose werde ich in Münster einen zweiten tagtraeumer-Standort eröffnen, voraussichtlich beginnt das im Dezember 2016, die Vorbereitungen laufen. Da gilt es, aus allen bisherigen Fehlern zu lernen und organisatorisch und strukturell noch einmal mit neuen Leuten von vorne anzufangen, nur besser. Dafür haben wir eine ziemlich konkrete Checkliste im Kopf und auf Papier. Erster Schritt ist natürlich, einige Leute dafür zu begeistern und eine Infoveranstaltung über Konzept, Bisheriges und Pläne zu veranstalten. Aus dem persönlichen Umfeld wissen wir bereits von einigen Interessenten – viele der Künstler, die bei uns ausgestellt haben, können sich auch eine Vereinsmitgliedschaft vorstellen beispielsweise! Ich habe große Hoffnungen in diesen Standort Münster.

Münster ist eine Studentenstadt und somit sind viel mehr Menschen unserer Zielgruppe hier, die unser Konzept und die soziale Arbeit zu schätzen wissen. Zudem gibt es sehr viel mehr kulturelle Räume, viel mehr Veranstaltungsreihen und entsprechend einfach wesentlich mehr Möglichkeiten der Kooperation, sodass wir hier relativ viel aktiv werden könnten.

Gewissermaßen ist das auch ein Test für eine ganz groß gedachte, aber sogar ursprüngliche Vision: Ich wünschte mir bereits zu Anfang, dass ich mit der Vereinsarbeit den Startschuss setze und andere Menschen in größeren Städten Deutschlands die Aufgabe übernehmen, einen dortigen Standort zu managen.
Diese Menschen müssten sehr vertrauenswürdig sein und total hinter dem Konzept stehen und dieses in allen Facetten begriffen haben, um es dann in Verwaltung, Organisation und Praxis anwenden wie vermitteln zu können und weitere Menschen dafür zu begeistern. Diese Vision ist eine Vision des Netzwerks.

Tagtraeumer sein, das stünde für ganz konkrete Werte und die Verpflichtung gegenüber den Grundwerten unserer Arbeit (Ehrenamtlichkeit, Transparenz). Wie dann Spenden eingenommen würden, wäre der kreative Raum, den jeder Standortleiter mit seinem Team dann auf eigene Nase umsetzen könnte – und darin läge der Reiz.

Dieses Netzwerk dann zu managen, wäre langfristig meine Aufgabe. Ich habe keine Ahnung, was das erfordert und ob ich das könnte, aber derzeit muss ich das ja auch noch nicht können. Sollte es jemals soweit kommen, hätte ich das bis dahin auch drauf, weil ich es draufhaben will.

Zudem wäre tagtraeumer dann auf der anderen Seite für kleine Spendenprojekte im Ausland eine Plattform. Die Idee wäre, dass sich kleine, unabhängige Projekte bei uns melden, wenn sie akut finanziell gefördert werden müssen (aus welchen Gründen auch immer), wir diese auf gewisse Standards und Werte hin überprüfen und bestenfalls dann temporär, gegebenenfalls ja sogar langfristig fördern.

So wäre tagtraeumer – ganz groß gedacht – eine Plattform, eine Schnittstelle. Von kleinen Menschen für kleine Menschen, die etwas Gutes tun und dabei unterstützt werden sollen. Mit kleinen Menschen, die besondere künstlerische, musikalische oder andersartige Talente haben. Alles ehrenamtlich, alles mit Einsatz, Bescheidenheit und einzig zu einem guten Zwecke.

Tagtraeumer sein, das wäre dann mehr, als Mitglied eines Spendenvereins zu sein. Tagtraeumer sein wäre ein Attribut, dass Idealismus und Realismus auf höchst bewundernswerte Weise in Einklang brächte und einen jeden Träger dieses Attributs als optimistischen, sozialen Menschen auszeichnet.

Daran arbeiten wir dann mal weiter…

 

Weitere Infos unter: tagtraeumer.net

 

Bilder der Ausstellung im Bleichenhäuschen in Rheda-Wiedenbrück (Fotos: Thomas Esche):

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