Gelächter aus der Unterwelt

Katakomben (Fotoquelle: commons.wikimedia.org)

Katakomben (Fotoquelle: commons.wikimedia.org)

Viele Besucher zieht es immer wieder nach Telgte, ob durch die zahlreichen Wallfahrten, deren Überblick man mittlerweile schnell verlieren kann, den von Christel Lechner so liebevoll den Telgter Bürgern nachempfundenen „Alltagsmenschen“ oder all die anderen Veranstaltungen, die in dieser kleinen beschaulichen Stadt so stattfinden.

Jetzt ist eine neue und gar nicht mal so kleine Attraktion hinzugekommen. Schon viele haben sich oft gefragt, warum die Tiefgarage am Bürgerhaus ein so wuchtiges Stahltor an der Seite in der Wand eingelassen hat, das seit seinem Bestehen noch nie bewegt wurde? Die Antwort darauf führt uns in eine Zeit zurück, an die wir uns gerade in diesen Tagen der Ukraine- und Russlandkrise unangenehm zurückerinnert fühlen. Der kalte Krieg. Zu jener Zeit, als sich die großen Atommächte drohend gegenüber standen und zufällig auch diese Tiefgarage gebaut wurde, beschloss man diese gleichzeitig auch als Schutzbunker für den Fall einer atomaren Auseinandersetzung nutzen zu können. Nun mag sich jeder fragen, der einmal einen Blick in diese Tiefgarage wirft, ob denn auch tatsächlich knapp 20.000 Bürger dieser Stadt darin Platz finden oder der Bunker im Ernstfall nur einer ausgewählten Elite vorbehalten ist? Doch diese Frage soll uns hier jetzt nicht beschäftigen und stellt sich vielleicht auch gar nicht mehr.

Denn im Rahmen allgemeiner Wartungsarbeiten und der derzeitigen weltpolitischen Lage haben nun findige Köpfe der Stadt sich an dieses wuchtige, niemals bewegte Tor erinnert und beschlossen, dieses auf seine Funktionstüchtigkeit hin zu überprüfen.

Als dieses nun erstmalig bewegt wurde, stellte man mit Erstaunen fest, dass sich dahinter in der Wand ein Verschlag mit einem Schacht befindet, der in ein tief unter der Stadt liegendes, weit verzweigtes und mehrere Kilometer langes Tunnelsystem führt. Einer dieser Tunnel, so stellte sich nun im Rahmen der Untersuchungen heraus, endet sogar im Stadthaus, direkt im Archiv im Keller hinter einem der schweren Stahlregale mit den geschredderten Wahlunterlagen.

Es wurden inzwischen eifrig Karten des Tunnelsystems, das zum Teil aus dem Mittelalter stammen könnte, angelegt. Und der Kulturverein der Stadt überlegte sich auch schon Routen und Termine für öffentliche Führungen. Man ist allerorts in großer Vorfreude auf einen Besuch in Telgtes Katakomben.

Doch dieser Traum könnte nun ein Ende finden, bevor er überhaupt begonnen hat, weil die Vertreter der Stadt diese Katakomben möglicherweise für sich selber beanspruchen könnten. Denn seit der letzten Ausgabe der TILD (Telgter intervisuelles Literaturdesaster) zeigen sich die Stadtvertreter über die Inhalte des Satiremagazins sehr unterkühlt. Das habe nichts mit Satire zutun, erklärt man von städtischer Seite, auch wenn ihnen bei diesen Erklärungen in den Medien so manches Mal ein leichtes Schmunzeln anzusehen ist. Jedoch hat der neue Kulturdezernent Gerhard Spieß (einst selber Künstler) klare Richtlinien für Satire entworfen, an die sich die hiesigen Medien zu halten haben. „Wir wollen hier keine Anschläge wie in Paris oder sonst wo. Dafür muss die Presse Verständnis haben und sich eben an ein paar Regeln halten. Alles andere wäre Anarchie.“ Dabei gehe es, so erklärt er weiter, nicht um Inhalte, sondern vielmehr nur um den Stil. Die stellvertretende Bürgermeisterin Ilona Block kann dem nur beipflichten: „Ein bisschen Spaß muss sein, aber bitte nur in Grenzen.“

Und so ist die Zukunft der neuen (alten) Katakomben von Telgte erst einmal offen. Aber vielleicht bleibt der Trost, dass die Besucher künftig kurz nach Erscheinung der TILD, wenn sie ganz leise sind und ihre Ohren auf den Asphalt legen, ein Gelächter von tief unten hören können, weil sich die Vertreter der Stadt zum Lachen in den Keller zurückgezogen haben.