Zwei Räume, eine Welt
„Two Room Apartment“ von Niv Sheinfeld & Oren Laor

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Münster. Niv Sheinfeld und Oren Laor, Inbegriff des modernen Tanztheaters aus Tel Aviv, gastierten am vergangenen Sonntag, richtigerweise eigentlich auch schon am Donnerstag und Freitag zuvor mit anderen Veranstaltungen, aber an diesem Sonntag mit der Aufführung „Two Room Apartment“ im Pumpenhaus in Münster. Die Wiederaufarbeitung des Klassikers von Liat Dror und Nir Ben Gal aus dem Jahre 1987 in einer eigenen minimalistischen Darstellungsform.

Ich hatte ein wenig darüber gelesen, das mich sehr interessierte und mir bewusst die Videos im Internet vorab nicht angeschaut, wollte so unberührt wie möglich in diese Veranstaltung gehen, hatte ich doch zuvor noch nie Berührungspunkte mit Tanz oder moderner Choreographie, abgesehen von den wenigen Malen im TV. Zugegeben, natürlich hat man eine blasse Vorstellung davon. Doch die, musste ich schon bald feststellen, war erheblich überholt.

Und als es dann still geworden war im Saal, wartete ich schließlich, dass die beiden Hauptakteure nun zu tosender Musik mit schwanenartiger Anmut ins Bild gleiten. Doch als sie erscheinen, gibt es eine Überraschung.

 

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Noch bevor der erste Tanzschritt getan wird, beginnen die beiden, mit Klebeband ihre Bereiche zu markieren, Grenzen, jeder für sich. Und darum geht es auch. Um Grenzen, die uns aufgezeigt werden, die wir selber ziehen, übertreten und einreißen, dargestellt an einer sich langsam aufbauenden Beziehung zwischen zwei Menschen in einem winzig kleinen Apartment. Als ich mir die Markierungen anschaue, erscheint es mir wie ein kleines Volleyballfeld und ich bin gespannt auf das Spiel.

 

 

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Dann beginnen sie. Erst jeder für sich in seinem eigenen abgegrenzten Bereich. Einfach nur im Kreis gehend, erst nebeneinander, dann miteinander und irgendwann synchron. Als dann irgendwann Musik einsetzt, wirkt es nahezu militärisch präzise. Alltagsrituale spielen mit ein. Doch dann finden ihre Schritte zueinander, und die Grenzen ihres Zweiraumapartments werden immer öfter überschritten. Und jetzt endlich scheinen die Charaktere aufeinander einzugehen. Und dazwischen immer wieder flüchtige Gesten, in die Hocke gehen, Schutz suchen. Plötzlich erinnere ich mich. Die Beiden kommen aus Tel Aviv, aus Israel. Einem Land, das ständigen Feindschaften und Bombardements ausgesetzt ist.

 

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Als die Protagonisten während ihrer Aufführung immer wieder für Augenblicke innehalten und bohrend ins Publikum schauen, ertappe ich mich bei dem Gedanken, was ihre Augen wohl gesehen und ihre Ohren schon alles gehört haben, kommen sie doch aus einem Krisen und Krieg geschüttelten Land, das wir meist nur aus den Medien her kennen. Hier agieren Zeitzeugen. Damit bekommen plötzlich die Begriffe Grenzen und Nähe im Tanz eine ganz andere, neue Dimension. Schnell wird klar, dass es nicht nur das Thema einer homosexuellen Beziehungsfindung auf klassischem Boden ist, das mich neugierig machte, sondern auch die brisante Herkunft der beiden Tänzer, aus Israel. Eine Choreographie mit unglaublicher Intensität und Intimität, die mit Gesten, Blicken und unausgesprochenen Worten das Publikum in ihren Bann zieht, obgleich sie nicht ein einziges Mal ihre selbst gezogenen Grenzen überschreiten.

 

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Ihre Schritte sind laut und erschütternd. Ganz anders als die Geschichte, die sie erzählen. Erst nach und nach begreift man das Konstrukt aus Symbolen, wortlosen Protesten und zärtlichen Berührungen, weggestoßen werden und doch wieder Schutz suchen. Alle Facetten einer Beziehung in nur einer einzigen Stunde körperlicher Schwerstarbeit für die Akteure. Aber auch das Klischee der Rollenverteilung einer schwulen Beziehung wird marginal mit Augenzwinkern vorgetragen, wenn Niv andeutet, die Wäsche seines Partners zu waschen, während dieser wie ein Gockel umherstolziert und auf dicke Hose macht.

 

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Two Room Apartment (Fotos: Gadi Dagon)

Immer öfter zerfließen die gezogenen Grenzen, und irgendwann kurz vor Schluss, im Mit- und Füreinander, wogen sich die beiden, wenn auch nur andeutungsweise, in den von mir fälschlicherweise anfangs erwarteten weichen Bewegungen schwanenartiger Anmut. Doch viel wichtiger: Sie vollbringen etwas, das die Welt im Augenblick so dringend bräuchte: Annäherung, Verständnis füreinander und sich die Hände reichen!

Als sie unter den Augen eines immer noch erstaunten Publikums die Klebstreifen wieder vom Boden entfernen, mögen sie ihre Welt vielleicht wieder mitgenommen haben. Aber tiefe Eindrücke sind geblieben.

Produktion:

Von und mit Niv Sheinfeld, Oren Laor
Basierend auf einem Tanzstück von Liat Dror, Nir Ben Gal
Originalmusik Ori Vidislavski
Künstlerische Beratung Keren Levi
Produktionsmanagement Carmit Burian, Yael Venezia
Lichtdesign Netta Koren, Wil Frikken
Zeichnung Ruth Gwily
Dank an Liat und Nir
Produktion Niv Sheinfeld and Oren Laor Dance Projects, Tel Aviv
Koproduktion Centre National de la Danse – Paris Grand Theatre – Groningen
Unterstützer Israeli Lottery Fund for Arts and Culture

www.nivoren.com

„Two Room Apartment“: